Der "Showgirls" unter den Vampirfilmen ("Die Königin der Verdammten")

Es gibt Stationen im Leben eines eingefleischten Kinogängers, an die erinnert man sich einfach. Der erste Film («Schneewittchen und die sieben Zwerge»), das erste Mal Knutschen im Kino (ähmmmm…»Asterix»), der cineatische Urknall, ab dem man vom «Ich geh mal gerne ins Kino»-Typen zum absoluten Filmjunkie mutierte («Jurassic Park») und schließlich der, in den man sich mit klopfendem Herzen einschlich, weil man ihn altersbedingt noch nicht sehen durfte, aber unbedingt MUßTE: Das war bei mir «Interview mit einem Vampir» mit Brad Pitt als todessehnsüchtiger Vampir Louis und Tom Cruise als herrlich bösem, durch und durch amoralischem und alles Leben verachtenden Blutsauger Lestat. Dass mich dieser wunderbare Film, der heute zu den Klassikern des Vampirfilmes gehört, in meinem Geschmack sehr prägte, brauche ich wohl nicht extra zu betonen.
So führte ich mir denn auch die inoffizielle Fortsetzung zu Gemüte, die wie auch «Interview» auf der «Chronik der Vampire» von Anne Rice basiert. Die Story ist aus den beiden Bänden «Der Fürst der Finsternis» und «Die Königin der Verdammten» zusammengesetzt, was bei Fans der Vorlage und auch der Autorin selbst verständlicherweise auf große Ablehnung stieß. Was für den Filmgenuss aber viel tragischer ist: Tom Cruise, dessen Lestat unbestritten zu seinen bisher besten Leistungen gehört, hatte nach der Lektüre des Drehbuches ebenfalls keine Lust mehr auf den Film. So mußte im wahrsten Sinne des Wortes billiger Ersatz gefunden werden.
Zur Story: Nach den in «Interview» beschriebenen Ereignissen gelüstete es Lestat erst einmal nach einer langen Ruhephase. Er verschläft einige Jahrzehnte, bis er im New Orleans der Jetzt-Zeit aufwacht. Und da kann man mal sehen, was ein bißchen Schlaf ausmacht: Lestat (Stuart Townsend) ist nicht nur deutlich jünger und knackiger geworden; er sieht jetzt zudem nicht mehr aus wie ein erblondeter Tom Cruise, sondern wie eine Mischung aus Ville Vallo und Thomas Godoj. Als der frisch erwachte die Klänge einer Gothic-Rockband hört, will er nur noch eins: selbst Rockstar werden! Tja, wieso soll es in Zeiten von Sendungen wie «Deutschland sucht den Superstar» den Unsterblichen anders gehen als uns? Bald ist die Rockband «The Vampire Lestat» samt spitzzahnigem Frontmann the new sensation in town. Lestat hat aber noch andere Motive als Ruhm und willige Groupies als Erfrischungsdrink: mit seinen Texten, in denen er immer wieder strenggehütete Geheimnisse der Vampirwelt preisgibt, will er andere Blutsauger provozieren und zwingen, sich so offenbaren. Das soll auf dem einzigen Konzert der Band passieren, passenderweise im Death Valley in der kalifornischen Einöde. Inzwischen kann sich Jesse Reeves (Maguerite Moreau), Mitglied einer Geheimorganisation, die sich mit der Erforschung von übersinnlichen Phänomenen beschäftigt, der Faszination von Lestat nicht entziehen und reist ihm nach. Als der Vampir ist von der jungen Forscherin mehr als üblich angetan. Dummerweise hat Lestat aber noch einen ganz anderen Fan, der ihn ganz allein für sich will: Die mächtige Vampirfürstin Askasha (Lachnummer: Aaliyah) ist durch seine Musik aus ihrem jahrtausende langen Schlaf erwacht und will Lestat nun zu ihrem König machen…
Es gibt eine Menge Negatives, was man über diesen Film sagen kann. Das größte Manko sind mit Sicherheit die billig ausgewählten Schauspieler, die in puncto Können und Charisma so gar nicht mit ihren Kollegen aus «Interview» vergleichbar sind. Die Akteure lassen sich hier unterteilen in die Kategorien «Grauenvoll» und «Fällt zumindest nicht unangenehm auf». Großartige Haupt- und Nebendarsteller wie Kirsten Dunst oder Antonio Banderas sollte man hier auf keinen Fall erwarten. Hauptdarsteller Stuart Townsend, an sich ein durchaus guter Schauspieler, versucht sich verzweifelt an der herrlich bösen Darstellung von Cruise zu orientieren, ist aber, obwohl unbestritten viel sexier, eher ein Softie-Vampir (mal ehrlich: Lestat bekommt plötzlich Skrupel beim Betrachten von Leichen? Das soll der Typ sein, der in «Interview» Claudias schon teilverweste Mutter zu einem kleinen Tänzchen aufforderte?)Ständig raubtierhaft gucken macht eben noch keinen guten Vampir.
Gleiches gilt für Vincent Perez als Lestats Ziehvater Marius – wenn der auch seine Sache ein klein wenig besser macht. Von beeindruckender Darstellung kann man trotzdem nicht reden – viel Zähne zeigen und ansonsten vergessenswert.
Die größte Lachnummer ist allerdings Aaliyah als böse Vampirfürstin Akasha – ich weiß, man soll über Tote nichts böses sagen, aber man fängt unwillkürlich an zu lachen, wenn sie mit pseudo-erotischen Schlängelbewegungen und offenem Gummipuppenmund in einem Nachtclub auftaucht (übrigens leiden fast alle Vampire im Film unter dem «Offenen-Mund-Sydrom» – soll das sexy wirken oder nimmt das Gebiss zuviel Platz ein?). Und was soll dieser blöde osteuropäisch klingende Akzent? Trotzdem war es tragischerweise sie, der es zu verdanken ist, das dieser erst als Videopremiere konzipierte Film doch noch seinen Weg in die Kinos fand – die Sängerin fiel wenige Tage nach Drehschluß einem Flugzeugabsturz zum Opfer, so dass die Produzenten sich doch zum Kinoeinsatz entschlossen. Ein Zyniker, wer böses dabei denkt.
Auch Liebhabern der Romanvorlage wird der Film wie gesagt sauer aufstoßen. Nicht nur, dass er wie gesagt aus zwei Romanen zusammengestückelt wurde, es wurden auch essentielle Handlungsstränge schlichtweg unterschlagen und wichtige Figuren kommen nur ganz am Rande vor (wie Armand, der in «Interview» eine etwas größere Rolle hatte). Man tut wohl am Besten daran, die Romane erst nach dem Film zu lesen statt umgekehrt.
Trotz allem – ich kann den Film nicht wirklich schlecht finden, was wahrscheinlich daran liegt, dass ich die Romanvorlage nicht kenne. Die Ausstattung beispielsweise ist, wie auch in «Interview», grandios (man beachte speziell die detailverliebten Häuser von Lestat und Marius), die Konzertszenen und speziell der Showdown inmitten entfesselter Gothic-Freaks sind absolut großartig, und der Soundtrack, für den Korn-Mitglied Jonathan Davis verantwortlich zeichnete, der im Übrigen im Film auch als Lestats Gesangsdouble fungiert, ist absolut genial. Hüten sollte man sich allerdings davor, «Königin der Verdammten» als Horrorfilm zu bezeichnen – schon «Interview» war mehr mehr Drama als Horror, und hier ist es ähnlich. Gruseln tut man sich nicht, blutige Szenen gibt es nur extrem wenige (und nur eine, die im Sinne der FSK wirklich bedenklich wäre).
Insgesamt habe ich mich trotz einiger schauspielerbedingter Trashmomente viel besser unterhalten gefühlt, als ich aufgrund der vielen Verisse gedacht habe – für Fans von Vampirfilmen und Gothic-Sympathisanten ist «Die Königin der Verdammten» mit Sicherheit einen Blick wert – schließlich ist selbst «Showgirls» heute ein Kultfilm, und der ist um Längen schlechter als dieser hier.
Auf meiner offiziellen Lieblingsfilm-Liste erhält der Film 7 von 10 Punkten.
Bare Facts:
Originaltitel: «Queen of the Damned», USA 2001
Regie: Michael Rymer
Buch: Scott Abbot, Michael Petroni
Darsteller: Stuart Townsend, Aaliyah, Vincent Perez, Maguerite Moreau
Lauflänge: 101 Minuten
Altersfreigabe: freigegeben ab 16 Jahren










