MGB
Museumsnacht
Home » Kino national

Aktueller denn je ("John Q – Verzweifelte Wut")

20. April 2009 56 views

Lange Zeit gehörte es beinahe zum guten Ton, hierzulande über die zweifellos unzulängliche amerikanische Gesundheitsvorsorge zu wettern und sich darüber zu freuen, wie fortschrittlich und fair doch das unsrige sei. Doch die selbstzufriedene Fassade bekommt bereits Kratzer – bereits jetzt werden Patienten, die sich kostspieligere Behandlungen nicht leisten können, nicht mehr nach besten Möglichkeiten behandelt und man munkelt, dass bald auch in deutschen Praxen und Krankenhäusern «amerikanische Verhältnisse» herrschen werden. Gesundheitsreform sei dank.

Wenn man sich diese nicht sehr angenehme Utopie vor Augen hält, gewinnt ein eigentlich als Unterhaltung konzipierter Film wie «John Q» beängstigende Aktualität.

Familie Archibald (Denzel Washington, Kimberley Elise, Daniel E. Smith) hat wenig Geld – beide Eltern leben von Teilzeitjobs, die Miete für’s Haus muss bezahlt werden, und das Auto wurde gerade gepfändet, ist aber trotzdem glücklich. Das ändert sich, als ein unerwarteter tragischer Schicksalsschlag sie trifft. Söhnchen Mike bricht beim Baseballspiel auf dem Feld zusammen und wird ins Krankenhaus gebracht. Dort diagnostizieren die Ärzte eine akute und inoperabele Herzschwäche, die innerhalb kurzer Zeit zum Tode führen wird, wenn der Junge nicht ein Spenderherz bekommt.
Unglücklicherweise trägt John Archibald’s Krankenversicherung, die nur für die Grundversorgung aufkommt, die immensen Kosten für eine Transplantation nicht, so dass Klinikchefin Rebecca Payne (Anne Heche) sich weigert, Mike auf die Liste für Spenderherzen zu setzen. John setzt alle nur möglichen Hebel in Bewegung, um das Geld als Selbstzahler aufzubringen, bekommt aber noch nicht mal die geforderte Anzahlung von 75.000 $ zusammen. Als es Mike immer schlechter geht, greift der verzweifelte Vater zum äußersten Mittel: er stürmt mit vorgehaltener Waffe die Notaufnahme und nimmt alle dort anwesenden Patienten, Pfleger und den arroganten Herzchirurgen Dr. Raymond Turner als Geiseln, um ein Spenderherz für seinen Sohn zu erpressen. Natürlich bleibt so eine tragische Geschichte der Presse nicht verborgen, und während Verhandler Frank Grimes (Robert Duvall) verzweifelt versucht, mit John zu einer Einigung zu gelangen, wird der Geiselnehmer aus Verzweiflung für die Leute auf der Straße zum Helden…

Eine gewisse Polemik kann man dem Plot sicher nicht absprechen. Angesichts der unverständlichen Bürokratiehürden, die wohl jeder schon einmal in irgendeiner Form erlebt hat und mit denen John im Film konfrontiert ist, kann man sicherleich Sympathie aufbringen für einen Helden, der «Auf den Tisch haut» und sogar zum Straftäter wird, um das Leben seines Kindes zu retten. Trotzdem wird jeder (speziell Eltern) seine Handlungsweise verstehen können. Außerdem wird John von Denzel Washington gespielt, der das gute Gewissen Amerikas wie kein anderer Schauspieler verkörpert – selbst in vielen «bösen» Rollen hat er immer noch die Aura des Gutmenschen. Washington liefert hier zudem eine hervorragende Leistung ab; die immer glaubwürdig bleibt und nie ins theatralisch-kitschige abgleitet.

Überhaupt sind solche Kitschanfälle, wie sie sich beim Thema «todkrankes Kind» fast aufdrängen würden, erfreulicherweise fast ganz ausgeblieben. Was ürbig bleibt ist es spannend inszenierter, ehrlicher und bewegender Film, der den Zuschauer zu ehrlicher Auseinandersetzung mit unserem «modernen» Gesundheitssystem anregt und ihn sich fragen läßt, ob denn bei aller Bürokratie die Menschlichkeit so langsam auf der Strecke geblieben ist.

Schade, dass der Film seinerzeit so wenig Zuschauer gefunden hat (übrigens sowohl in den USa als auch hier). Es ist mit Sicherheit nicht immer verlockend, sich im Kino mit solch heiklen Themen zu befassen, aber «John Q.» ist trotzdem unbedingt einen Blick wert, da man neben tollen Schauspielerleistungen aller Beteiligten auch einen packend inszeniertes Drama hat, bei dem man bis zum Ende mitfiebert.

Auf meiner offiziellen Lieblingsfilm-Liste vergebe ich 7 von 10 Punkten.

Bare Facts:

Originaltitel: «John Q», USA 2002
Regie: Nick Cassavetes
Buch: James Kearns
Darsteller: Denzel Washington, Kimberley Elise, James Woods, Anne Heche
Lauflänge: 116 Minuten
Altersfreigabe: freigegeben ab 12 Jahren

Kommentare

Keine Kommentare mehr möglich.

Kunstmuseum Bern 2