Mens sana in corpore sano ("Die purpurnen Flüsse")

Fast zärtlich gleitet die Kamera über den nackten Körper des Mannes. Wir als Zuschauer bekommen nur Momentaufnahmen mit, jedoch wird bald klar,dass mit diesem Nackten etwas ganz entsetzlich falsch ist. dass In seinen feuchten Haaren und den zahlreichen blutigroten Stichwunden tummeln sich Insekten. Seine Arme und Beine sind mit ebenfalls blutdurchtränkten Seilen gefesselt. Seine Hände abgehackt. Seine Augäpfel wurden entfernt. Und das seltsamste: diese schrecklich zugerichtete Leiche wurde in einem Gebirgsmassiv entdeckt, hängend in 50 Metern Höhe.
Die Polizei in dem kleinen Universitätsort Gueron ist mit so einem bizarren und grausamen Verbrechen bald überfordert und sucht sich Hilfe von außerhalb in Form von Ermittler Pierre Niemans (Jean Reno), der es mit der Lösung von ähnlichen Fällen polizeiintern anscheinend zu einiger Berühmtheit gebracht hat (dies wird im Film jedoch nur angedeutet). Niemans, brummig, wortkarg und äußerst hundephobisch nimmt mit Hilfe der Geologin Fanny (Nadia Fares)die Ermittlungen auf. Als weitere, ebenso bestialisch zugerichtete Leichen auftauchen, wird dem Detektiv bald klar, dass alle Spuren zur örtlichen Universität führen, die eine reichlich seltsame Aufassung von «Elite» hat…
Zur gleichen Zeit ermittelt Inspektor Max Kerkerian (kantig, zynisch, Freund nicht ganz astreiner Ermittlungsmethoden: Vincent Cassel) in zwei nicht ganz so spektakulären Fällen, die er zunächst als Routine abtut: Einer Grabschändung auf dem örtlichen Friedhof und einem Einbruch in der Grundschule, bei dem aber auf den ersten Blick nichts entwendet wurde. Schreibt der Polizist die Straftaten zunächst einer örtlichen Skinhead-Gruppe bzw. einem Dumme-Jungen-Streich zu, muss er jedoch feststellen, dass beide Fälle anscheinend zusammen gehören – das geschändete Grab gehört einem kleinen Mädchen, dass vor über 20 Jahren einem tragischen Verkehrsunfall zum Opfer fiel, und bei dem Einbruch wurden anscheinend alle Akten, die mit diesem kleinen Mädchen zu tun haben, gestohlen. Kerkerians Neugier ist geweckt, und schließlich führen alle Spuren seiner Ermittlung nach Gueron,wo er auf Niemans trifft und die beiden Cops feststellen, dass ihre beiden so unterschiedlichen Fälle mehr miteinander zu tun haben, als ihnen lieb ist…
«Die purpurnen Flüsse» ist inzwischen fast schon ein moderner Klassiker des französischen Mystery-Thrillers, und das obwohl er unter Fans der Romanvorlage äußerst umstritten ist. Tatsächlich hat Regisseur Matthieu Kassowitz (der im Übrigen in einem Cameo als maskierter Einbrecher zu sehen ist) einige nicht von der Hand zu weisenden Änderungen gegenüber dem Buch vorgenommen. Wer eine wirklich punktgenaue Adaption erwartet, könnte also wirklich enttäuscht sein. Wer sich die «Purpurnen Flüsse» allerdings nur als spannenden Mystery-Thriller ansieht und den gleichnamigen Roman von Jean-Christophe Grange nicht kennt, der wird angenehm überrascht sein – schließlich sprechen schon die Namen von Regisseur und Hauptdarsteller für Qualität.
Und sie versprechen nicht zuviel – mit einigen kleinen Abstrichen ist «Die purpurnen Flüsse» wirklich ein guter Film geworden. Klar, die total unvermittelt auftauchende Martial-Arts-Szene ist überflüssig und passt nicht in den düsteren Kontext des Films, und die finale Auflösung ist schon ein wenig absonderlich – aber trotzdem ist das Ding wunderschön fotografiert, herrlich düster und trotz kleinerer Längen unglaublich spannend. Zudem verfügt er über ein Ermittlerduo, von dem man gerne noch mehr sehen würde (und man nach Teil 2 ja auch hat) – schließlich verspricht das Ende uns Zuschauern den Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
Einige Elemente erinnern sogar an Genre-Klassiker wie «Das Schweigen der Lämmer», wenn «Die Purpurnen Flüsse» dessen Qualität auch leider nicht ganz erreicht. Trotzdem kann er jedem Mystery- und Thrillerfan empfohlen werden.
Um es kurz zu machen: Ich habe mich gut unterhalten gefühlt (und dabei auch ein klein wenig gegruselt) und vergebe auf meiner offiziellen Lieblingsfilm-Liste 7 von 10 Punkten.
Bare Facts:
Originaltitel: «Les Rivières pourpres», Frankreich 2000
Regie: Matthieu Kassowitz
Buch: Jean-Christophe Grangé, nach seinem eigenen Roman
Darsteller: Jean Reno, Vincent Cassel, Nadia Fares
Lauflänge: 106 Minuten
Altersfreigabe: freigegeben ab 16 Jahren










