Außergewöhnlich gewöhnlich…

Es gibt im Winter wenig schöneres, als sich in den warmen Sessel zu kuscheln, eine große Tasse heißen Kakao zu süffeln und per Film in ganz andere Gefilde abzudriften. Es ist einfach DIE Zeit des Fantasyfilms, wenn es draußen stürmt und schneit und so richtig ungemütlich ist.
Das große Britannien ist im Ausnahmezustand: Ein geheimnisvoller Supergangster mit dem Namen «Das Phantom» will mit hochmodernen Waffen einen Weltkrieg auslösen (aus wirtschaftlichen Gründen, warum auch sonst).
Um einen drohenden Weltkrieg zu verhindern (die Geschichte wird lehren – es hat letztlich nicht geklappt), wird ein Team aus außergewöhnlichen Persönlichkeiten zusammengestellt, die eines gemeinsam haben: sie alle dienten als Vorbilder für die bekanntesten Schauer- und Abenteuerromane des 19. Jahrhunderts, sind aber natürlich völlig real. Als da wären: Abenteurer Allen Quatermain (Sean Connery)aus «King Solomon’s Mines» (Kinder der 80er erinnern sich vielleicht noch an die trashige Verfilmung mit Richard Chamberlain und Kreischblondie Sharon Stone), Kapitän Nemo (Naseeruddhin Sha) (bekannt aus 20.000 Meilen unter dem Meer), Vampirlady Mina Harker (aus «Dracula») (Peta Wilson), der unsichtbare Mann aus dem gleichnamigen Roman von H.G. Wells, der bekannte Dr. Jekyll (Jason Flemyng), ein etwas gealterter Lausbub Tom Sawyer (Shane West) und Schönling Dorian Gray (Stuart Townsent), bekannt aus dem Werk von Oscar Wilde.
Dieser außerordentliche Trupp macht sich zunächst nach Venedig auf, um eine Friedenkonferenz der führenden Staaten zu überwachen. Dort überschlagen sich die Ereignisse, es geschieht ein Attentat, eine große Intrige wird enthüllt – aber das bekommt der Zuschauer nicht mehr wirklich mit, weil er schon sanft im Sessel eingeduselt ist.
Natürlich ist Ex-Bond Connery Herz und Seele des Films – wie auch zu erwarten war. Als Allen Quatermain umschifft er souverän auch die schroffsten Klippen des beknackten Drehbuchs, ohne dabei seine Würde zu verlieren.
Die anderen Leistungen sind sehr mittelmäßig – Frau werden die recht knackigen Darsteller von Dorian Gray und Tom Sawyer auffallen; «Dorian» Stewart Townsend hatte ja des Öfteren schon mal ein Händchen für Trash, erinnern wir uns an «Die Königin der Verdammten» – immerhin darf er in einer Szene, in der seine Unverwundbarkeit demonstriert wird, seinen sehr ansehnlichen Oberkörper präsentieren. «Tom» Shane West hingegen darf Owen Wilsons Frisur auftragen und den harmlos-draufgängerischen spielen. Er ist zumindest nett anzusehen.
Auch Peta Wilson («Nikita») als blasser Spitzzahn fällt nicht negativ auf, den Rest kann man getrost vergessen.
Wie sieht es jetzt mit der Qualität des Films aus? Gut genug für einen spannenden Abend im Fernsehsessel? Oder nur die Alternative zu Baldriantee und Schlaftabletten? Leider letzteres. Obwohl der Film mit (vermeidlich) spektakulären Schauwerten aufwarten kann, verläuft die Spannung doch ziemlich im Sande. Zwar hätte man aus der Geschichte (Vorlage ist ein Comic von Alan Moore, von dem immerhin „From Hell“ und „Watchmen“ stammen) viel herausholen können, jedoch scheitert dieses Anliegen an der absolut dilettantischen Umsetzung. Beispiel gefällig?
Zunächst einmal wimmelt es von literarischen Zitaten, die allerdings oft genug zu deplaziert sind, um komisch zu wirken (Nemos Chauffeur: «Nennen Sie mich Ishmael» Hua Hua!). Ansonsten sind die Dialoge wirklich ab und zu unglaublich dumm. Beispiel:
Quatermain: «Ein Medizinmann (…) sagte, Afrika würde mich nie sterben lassen!»
Gray: «Sie sind aber nicht in Afrika.»
Quatermain: «Nein.» (Dialog Ende)
Rätselhaft außerdem das Reisegefährt der Truppe – obwohl die Nemos U-Boot Nautilus, wie man am Beginn eindrucksvoll vorgeführt bekommt, ungefähr die Ausmaße der Titanic hat, gelingt es ihr mühelos, sowohl die Themse und die Seine, als auch die Kanäle von Venedig zu durchschwimmen – und dabei noch zu tauchen!!! Und das Ding verfügt sogar über Solartechnologie!!! Jules Verne hat sich das wohl nicht mal vorstellen mögen.
Es gibt sogar eine Autoverfolgungsjagd, wobei die Person, die das Auto fährt, noch kurz vorher meint, noch nie ein Auto gesehen zu haben (was ja kein Wunder ist, da so was überhaupt noch nicht existieren sollte). Dafür fährt er aber echt gut!! Da könnten sich heutige Rallye-Fahrer wohl ne Scheibe von Abschneiden.
Es geht ja nicht drum, dass ich hier Gründe aufzählen will, um einen Fantasyfilm schlecht zu machen. Fantasyfilme müssen natürlich NICHT realistisch sein. Aber dieses Ding ist nicht mal in sich realistisch. Noch nicht mal, wenn man sich vorstellt, dass er nicht etwa auf unserer Welt vor knapp 100 Jahren spielt, sondern in einem weit entfernten Paralleluniversum, wo es 1899 halt schon Autos gab, unsichtbare Männer stundenlang nackt im Schnee stehen können und riesige U-Boote in den Kanälen von Venedig tauchen können.
Und wo wir schon mal beim Thema sind – diese technischen Details sind so billig gemacht, dass das Bötchen bei genauerem Hinsehen als Plastikspielzeug identifiziert werden kann. Außerdem sehen die «Außenszenen» so offensichtlich nach Studio aus, dass es eine wahre Schande ist.
All das, zusammen genommen mit dem Umstand, dass man sich lieber um eine nette (aber billige) optische Umsetzung kümmern wollte als um Logik, Figuren die im Gedächtnis bleiben oder ein Drehbuch, dass die Spannungsschraube gekonnt anzieht, machen aus dem Film das Fantasy-Equivalent zu einem angebrannten Lieblingsessen – man mag es vielleicht noch essen, weil es sonst immer so gut schmeckt, aber munden tut es nicht.
Zumindest für einen Umstand muss man diesen Film mögen – Sean Connery ist hier nach unzähligen Lehrer- und Mentorenparts endlich mal wieder in einer echten Haudegenrolle zu sehen. Und er schlägt sich nicht mal übel für sein Alter – was vielleicht auch dem teilweise recht gnädigen Filmschnitt zu danken ist.
Es heißt, dass «Die Liga der außergewöhnlich Gentlemen» der letzte Film von Sean Connery sein soll. Überlegen Sie sich’s bitte noch mal, Sir Sean. Sie hätten einen besseren Abgang verdient.
Ich vergebe mit leichtem Widerwillen 4 von 10 Sternen.










