Die Schweiz und die Haftbefehle…
Ein Kommentar: Mit der Polanski-Affäre zeichnet die Schweiz sich wieder ein hilfloses und tölpelhaftes Bild in Sachen Feingefühl, Taktik und Diplomatie. Unlernfähig scheinen die Schweizer Politiker und Behörden. Dabei wären genug kompetente Personen da, die Ruder richtig zu führen.
Im Juli 2008 verhafteten die Schweizer Behörden den Sohn von Muammar al-Gaddafi und brachten Unheil über die Beziehung Schweiz-Lybien. Es war nicht und nie der Umstand der Verhaftung das Problem der Quälereien, sondern die Art und Weise, wie die Polizeit mit dem Sohnemann von al-Gaddafi umging. Das gleiche Schicksaal von überrissenem Strebertum hat nun Roman Polanski nur ein Jahr später erwischt. Die Tatsache, dass die Justiz-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf vor der Verhaftung orientiert war und nicht intervenierte, macht den Schlammassel erst recht übel.
Und es geht nicht darum, ob Polanski schuldig ist oder nicht. Ein Haftbefehl ist ein Haftbefehl. Die Schuld ist in der Tat eine nicht verzeiliche Angelegenheit, die zu Recht juristisch bearbeitet werden muss. Und es ist auch nicht korrekt, dass Roman Polanski sich dieser juristischen Schlacht nicht stellen will und davor flüchtet. Aber wenn die Schweiz, mit einem von Bund subventionierten Filmfestival, an dem der dem Bundesrat direkt unterstellten Direktor vom Bundesamt für Kultur eine Rede halten sollte zu Gunsten der Preisverleihung für Polanskis Lebenswerk, Gäste einläd, um sie noch vor dem eigentlichen Einreisegrund verhaften zu lassen, so ist das eindeutig eine Falle. Eine fiese, unfaire und menschenverachtende dazu.
Und dieser Fakt gilt für alle, die auf Einladung «der Schweiz» hier ankommen, Berühmtheiten oder nicht. Das Filmfestival Zürich hat im Namen der Schweiz eingeladen. Gäste sollten wir nicht so behandeln – die Schweiz will keine Menschenfalle werden, sonst schütteln wir bald China die Hand.
Die Lösung wäre simple gewesen: Um sich den Imageschaden zu ersparen hätte es genügt, öffentlich oder nur der Festivalleitung mitzuteilen, dass der Anlass am Abend nicht stattfinden könne. Mit etwas Fantasie hätte die Schweiz die Verhaftung umgehen, Polanski nicht einreisen lassen können. Das wäre eine gute Tat ohne Straftat gewesen. Jetzt scheint die Situation absurd, da Polanski bisher unbehelligt seine Skiferien in Gstaad verbrachte. Die Spuren von Willkür und Übereifer werden so rasch nicht weggewischt werden können.
Juristisch ist alles korrekt, da gibt es wahrscheinlich nichts zu rütteln. Deswegen fühlen sich die Bundesämter auch im Recht. Aber genau da ist der Hund begraben: Mit juristischer Handhabe kann man Menschen nicht begegnen. Daran kranken unsere Bundesämter und es ist auch das Problem, wenn man von der Schweizer Bürokratie spricht: JuristInnen. Sie spielen mit aller Kraft jegliche Menschlichkeit von sich und orientieren sich nur an den Vorschriften. Unkreativ und kalt. Dabei wäre die gesunde Mischung von Juristerei und Menschlichkeit genau das, was die Schweiz zur Zeit braucht und was auch dem gewünschten Bild von Neutralität entsprechen würde. Schade. Die Schweiz hat sich eine empfindliche Wunde selber geschnitten. Hoffen wir, dass wir unseren Hals wieder aus der Schlinge bringen können. Hoffen wir, dass wir Roman Polanski den Preis für sein Lebenswerk, würdevoll übergeben dürfen.










