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Zeitgenössisches im Zentrum

22. März 2007 91 views

[Espace.ch, Maria Künzli, Noëmi Gradwohl 22.03.07 18:57] Das neue künstlerische Leitungsteam des Stadttheaters Bern stellte seinen Spielplan der Saison 07/08 vor. Das Schauspiel setzt auf Zeitgenössisches, das Musiktheater auf Kontinuität. Der Tanz wird verträglicher.

«Ein Neubeginn ist sehr aufregend. In den letzten Monaten haben wir viel geträumt und viel geplant.» Mit diesen Worten eröffnete Marc Adam, designierter Intendant des Stadttheaters Bern ab kommender Saison,  gestern in den Vidmarhallen die Medienkonferenz zur Präsentation des Spielplans. Der Theaterleiter aus Lübeck und sein künstlerisches Leitungsteam haben versucht, Bern kennenzulernen. Dabei war für sie augenfällig: Bern strotzt vor Gegenwartsdramatikern. Als Folge davon widmet die Sparte Schauspiel einen gewichtigen Schwerpunkt der Schweizer Gegenwartsdramatik. Mit personellen Konsequenzen: Mit an Bord der neuen Crew ist auch Erik Altorfer, Dramaturg, Regisseur und Spezialist für junge Schweizer Schauspieldramatik.

Die zeitgenössische Dramatik findet ihren Höhepunkt in einem eigentlichen Festival im März 08: Verschiedene Autorinnen und Autoren, unter ihnen Händl Klaus und Stefanie Grob,  schreiben im Auftrag des Stadttheaters Bern zirka 30-minütige Stücke. «Diese werden richtig inszeniert», versprach Erich Sidler, designierter Schauspielchef. Thema der Stücke: Das Fremd-Sein und die Entfremdung.

Drei Premieren an drei Tagen
Dies ist auch das Motto des gesamten Spielplans der Sparte Schauspiel. «Die Migration ist ein grosses Thema des 21. Jahrhunderts», so Sidler. Alle Stücke im Schauspiel stünden in einer Beziehung zum «Fremden». Besonders deutlich zum Tragen kommt dies in der Bespielung der Vidmarhallen, die neu in «Vidmar 1» (grosse Bühne mit bis zu 300 Plätzen) und «Vidmar 2» (Studiobühne mit etwa 70 Plätzen) unterteilt sind.

Die Eröffnung der Vidmarhallen bildet denn laut Marc Adam den zweiten Schwerpunkt der kommenden Saison. An einem Wochenende stünden sogar drei Premieren auf dem Programm. Eröffnet wird auch mit einem Fest, Details gab die Leitung jedoch noch nicht bekannt. Doch mit welchem Stück eröffnen? Für Matthias Heid, Chefdramaturg, war bald einmal klar: mit Pierre Corneilles «Triumph der Illusionen».  «Das Stück vertraut auf die Kraft des Theaters», begründete Heid. Aufwarten kann die neue Leitung mit der Schweizer Erstaufführung von «Die Probe» des Berners Lukas Bärfuss, sowie der deutschsprachigen Erstaufführung von «The Walworth Farce» des Iren Enda Walsh.

Im Zentrum der Produktionen in der Halle «Vidmar 2» stehen vier Dramatisierungen von Prosatexten der Weltliteratur. Im Stadttheater selbst gibt es Frank Wedekinds «Lulu» und ein Projekt mit in Bern lebenden Migranten und Raphael Urweider. Ebenfalls dorthin zurück findet das Weihnachtsmärchen: «Ali Baba und die vierzig Räuber». Das Ensemble besteht neu aus 14 Schauspielerinnen und Schauspielern, einige mit einem Teilzeitpensum.

Zeitgemässe Kunst
Französische, zeitgenössische und Werke  des frühen 20. Jahrhunderts seien die drei Schwerpunkte, auf die sich das Musiktheater in den nächsten drei Jahren stützen werde, erläuterte Marc Adam das Programm der Sparte Musiktheater. Adam, Musikdramaturgin Regine Palmai und Chefdirigent  Srboljub Dinic  bilden das Dreigespann der Oper. Mit einer vielversprechenden Schweizer Erstaufführung startet das Team in die Saison: Immo Karaman inszeniert «Prova d’orchestra» des italienischen Komponisten  Giorgio Battistelli. Das Werk wurde 1995 unter der Leitung von Luca Pfaff uraufgeführt. Der Schweizer wird es auch in Bern dirigieren.

Auch «Klassiker» wie Verdis «Rigoletto», Rossinis «Il barbiere di Siviglia» oder das Musical «My fair Lady» stehen auf dem Programm. «Zeitgemässes Musiktheater ist unser Anliegen», betonte Palmai – und meinte damit nicht in erster Linie zeitgenössische Werke, sondern die Suche nach zeitlosen Inhalten in Klassikern. Eine Inszenierung solle aktuelle Fragen aufgreifen. Für die zeitgemässe Interpretation von Rossini wird erneut  die Regisseurin Mariame Clément sorgen, welche in Bern bereits «Il viaggio a Reims» und «La Traviata»  inszeniert hat. Adam selbst wird  Alban Bergs «Wozzeck» auf die Bühne bringen.

Aus dem bestehenden Ensemble werden Anne-Florence Marbot, Richard Ackermann, Robin Adams und Andries Cloete übernommen, insgesamt wird das Sängerensemble zu Lasten der Anzahl Gastaufrtritte leicht vergrössert.

Breitgefächertes Können
In der Sparte Tanz setzt die Chefchoreografin Cathy Marston auf neue Tänzerinnen und Tänzer, von denen sie ein breitgefächertes Können verlangt.   So wird etwa die getanze Version von Ibsens «Gespenster» oder Strawinskys «Feuervogel» mit eigenem Libretto der Engländerin zu sehen sein. Zudem setzt sie – im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Stijn Celis  – wieder vermehrt auf dreiteilige Abende.

«Wir begreifen Theater als Ort des Dialogs», sagte Marc Adam gestern. Er wolle  «Theater zum Anfassen». Deswegen bietet das Stadttheater dem Publikum kontinuierlich Einblicke in die Probenprozesse an, und sogar nach der Vorstellung eine Nachbereitung des Gesehenen.

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