«Die Zukunft hat gestern begonnen»
[DER BUND, 24.3.07 - ane/car] Gestern wurde die neue Kulturstrategie der Stadt Bern mit 37 zu 23 Stimmen angenommen – zufrieden sind fast alle. In der Berner Kulturszene ist das Aufatmen über den positiven Entscheid des Stadtrats spürbar. Mit drei Millionen Franken mehr staatlichem Zuschuss sehen sich viele subventionierten Institutionen in ihrer Arbeit gestärkt und kündigen Verbesserungen im Angebot an. Es war ein veritabler Abstimmungsmarathon, doch am Schluss sagte der Berner Stadtrat am Donnerstag mit 37 zu 23 Stimmen Ja zur Kulturstrategie für die kommenden vier Jahre.
Erleichtert und erfreut ist der Architekt des Papiers, Christoph Reichenau: «Eine Ablehnung hätte bedeutet, dass wir wieder von null hätten anfangen müssen, wäre der Antrag der SVP durchgekommen, hätte man vom heutigen Budget aus zwei Millionen einsparen müssen.» Zurücklehnen werde man sich nun indes nicht, es gelte jetzt unter anderem, die angekündigte Zusammenarbeit und Koordination zwischen den Institutionen umzusetzen.
Eine der Institutionen, die von der neuen Strategie am meisten profitiert, ist die Dampfzentrale. Dementsprechend erfreut reagiert man in den Kulturhallen an der Aare auf den Entscheid: «Unsere Zukunft hat gestern begonnen», sagt der Musikverantwortliche Christian Pauli. «Der Besucher wird schon bald merken, dass unter den neuen Voraussetzungen mehr und lebendiger produziert werden kann in unserem Haus.»
Mehr regionaler Jazz
Auch Bee-Flat, der Veranstalter, der im Progr für die Sonntagskonzerte verantwortlich ist, und neu mit einem Subventionsvertrag ausgestattet wurde, gibt sich erfreut: «Nach sechs Jahren Gratisarbeit und gut besuchten Konzerten verstehen wir den Entscheid auch als Wertschätzung unserer Arbeit in dieser Stadt», sagt Geschäftsleiter Christian Krebs. Man könne nun die internen Strukturen professionalisieren, und man wolle – in Absprache mit dem Progr – einen zusätzlichen Konzerttag ins Programm aufnehmen. Zudem soll künftig der nationalen und regionalen Jazzszene mehr Gewicht gegeben werden.
Einer der grössten Kritiker des neuen Kulturkonzepts ist Peter Burkhart, Leiter der Mühle Hunziken in Rubigen, der an der Stadtratssitzung anwesend war: «Am meisten beeindruckt hat mich, dass die beste Wortmeldung der Veranstaltung nicht aus dem rot-grünen Lager, sondern von Anastasia Falkner von der FDP kam. Nämlich dass dieses Kulturkonzept die Kultur nicht fördert, sondern jene Kultur behindert, die mit wenig Geld etwas auf die Beine zu stellen versucht.»
Ebenfalls nicht richtig freuen kann sich der Leiter der Kunsthalle, Philippe Pirotte. Die Kunsthalle sollte im neuen Konzept unter dem Strich pro Jahr 60 000 Franken mehr erhalten, muss diesen Betrag aber im ersten Jahr sogleich an das in letzter Minute von einer kompletten Streichung der Subventionen verschonte Kornhausforum abtreten. «Wir sind solidarisch mit dem Kornhausforum, deshalb treten wir diesen Betrag zwar zerknirscht, aber gerne ab. Das bedeutet jedoch, dass wir uns ein Jahr lang nicht weiterentwickeln können, was im zunehmend härter werdenden internationalen Konkurrenzkampf der Kunsthäuser dringend notwendig wäre.» Als skandalös empfinde er es jedoch, dass von den fünf grossen Häusern in Bern kein Zuschuss an das Kornhausforum abgezweigt wurde.
Das Parlament entschloss gestern, den Betrieb des Kornhausforums für ein weiteres Jahr in einer abgespeckten Form weiterzuführen: Es soll 2008 einen Überbrückungskredit von 590 000 Franken erhalten (bisher 980 000), davon muss es 410 000 Franken Miete an die Stadt zurückzahlen. Nach 2008 soll ein neues Konzept für weitere drei Jahre aufliegen.
Moderatere Töne beim Forum
Gegen eine Variante «Kornhaus forum light» hatte sich der Verein des Betriebs im Vorfeld der Stadtratsdebatte dezidiert und lautstark verwehrt. «Wir können uns keiner Lösung anschliessen, die vorgibt, das Überleben des Kornhausforums zu sichern, faktisch aber zur Schliessung führen muss», liess er vergangene Woche verlauten, nachdem die stadträtliche Kulturkommission einen Rettungsversuch vorgelegt hatte.
Nun, einen Tag nachdem sich das Berner Stadtparlament einen Überbrückungsbeitrag und die Fortführung des Betriebs für vier Jahre ausgesprochen hat, tönte es gestern deutlich moderater: «Wir wollen jetzt nicht einfach den Bettel hinschmeissen», sagte die Leiterin des Kornhausforums, Claudia Rosiny. Im Rat seien sehr viele Voten fürs Kornhausforum gefallen, und auch aus der Bevölkerung hätten sich viele Menschen für die Rettung des Betriebs stark gemacht. Stellt sich der Verein nun also hinter den Entscheid der Variante «Kornhaus light», den er zuvor deutlich verworfen hatte? «Dazu will ich nicht Stellung nehmen», sagte Rosiny. Der Vorstand werde nächsten Dienstag an einer ausserordentlichen Sitzung das weitere Vorgehen beschliessen. Rosiny stellt aber in Aussicht, dass mit faktisch der Hälfte der Betriebsmittel auch für ein Übergangsjahr mit Entlassungen zu rechnen ist. Ausserdem sei eine Kommerzialisierung des Betriebs unumgänglich. «Wir warten jetzt auf den Vorschlag der Stadt.»










