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Progr: «Zum Feiern ist es zu früh»

30. Dezember 2008 68 views

[Von Stefanie Christ; Berner Zeitung, 30.12.08] Die Progr-Künstler haben es geschafft: Innerhalb weniger Wochen haben sie 10,5 Millionen Franken für den Kauf des alten Progymnasiums am Waisenhausplatz Bern aufgetrieben. Jetzt prüft die Stadt das Angebot.

Gerade noch rechtzeitig: Morgen, am letzten Tag des Jahres, übergibt die Künstlergruppe Pro Progr der Liegenschaftsverwaltung Bern ein Kaufangebot für das Gebäude am Waisenhausplatz. Ausgearbeitet wurde der Finanzierungsplan und das Nutzungskonzept für das Kulturzentrum Progr von Künstlerinnen und Künstlern, die sich in den zahlreichen Ateliers eingemietet haben – und die verhindern wollen, dass aus dem Gebäude an prominenter Lage ein Gesundheitszentrum (siehe Kasten) wird.

Dem ausgearbeiteten Konzept ging ein grosser Kraftakt voraus: Mit Benefizveranstaltungen und Verhandlungen mit potenziellen Mäzenen trieb die Künstlerinitiative in den letzten Wochen die nötigen 2,5 Millionen Franken für den Kauf des Gebäudes sowie 8 Millionen für dessen Sanierung auf. Die eine Hälfte stammt aus einer Hypothek, für welche sich die Credit Suisse bereit erklärt hat, die andere Hälfte setzt sich aus Schenkungen und Darlehen zusammen.

Langfristige Finanzierung
Damit der vom Stadtrat vorgegebene Eingabetermin 31.Dezember fristgerecht eingehalten werden kann, hat die Liegenschaftsverwaltung Bern eigens für Pro Progr einen Mitarbeiter aufgetrieben, der morgen trotz geschlossener Büros das Kaufangebot entgegennimmt.

«Wir freuen uns sehr, doch zum Feiern ist es noch zu früh. Zwar haben wir die erste Hürde genommen, uns steht aber noch ein langer Weg bevor», sagt Peter Aerschmann, Videokünstler und Präsident von Pro Progr. Die Gruppe denkt langfristig, auch was den finanziellen Betrieb des Progr anbelangt: Die zugesicherten Darlehen laufen durchschnittlich auf zehn Jahre, der Hypothekarzins, der Baurechtszins und die Betriebskosten sollen von den Ateliermieten bezahlt werden. Diese werden wohl etwas steigen, «es muss aber für alle bezahlbar sein», so Aerschmann.

Die Kulturproduktion bleibt oberste Priorität, darum ist eine Stiftung Progr vorgesehen, die das Haus betreiben soll. Auch in Zukunft sollen Kulturorganisationen, Kunstschaffende und ein Gastro-Betrieb unter dem Progr-Dach vereint werden. Dafür kann etwa der bisherige Ausstellungsbetrieb laut Finanzierungsplan nicht mehr finanziert werden. «Dies wäre eine gute Gelegenheit für die Abteilung Kulturelles der Stadt Bern oder für eine Galerie, sich im Progr einzumieten», so Aerschmann.

Kulturpolitisch interessant
Stadtpräsident Alexander Tschäppät findet das Konzept «kulturpolitisch äusserst interessant. Jetzt muss im Detail abgeklärt werden, ob alle Auflagen erfüllt werden.» Dies obliegt zuallererst der Liegenschaftsverwaltung. Wenn diese keine finanziellen und formalen Lücken feststellt, geht das Kaufangebot in den Gemeinderat. «Der Stadtrat wird dann entscheiden, wie es weitergeht. Auf jeden Fall sollte es reichen für die Volksabstimmung im Mai», so Tschäppät. Falls Pro Progr mit ihrem Konzept so weit kommt, wird dies die letzte Hürde sein, die es zu nehmen gilt.

Über Silvester wird also auch im Progr gefeiert – aber vorerst nur das neue Jahr. Über den erreichten Teilerfolg freuen sich die Künstler vorerst zurückhaltend.

«Nicht mehr Geld von der Stadt»
Bei den Fraktionen des neuen Stadtparlaments ist der Grundtenor klar: Nun müssen die Liegenschaftsverwaltung und der Gemeinderat genau prüfen, ob die Finanzierung hieb- und stichfest ist. Auch SP und GB/JA, welche den Rückweisungsantrag gestellt haben, erwarten dies. FDP-Co-Fraktionschefin Dolores Dana möchte darüber hinaus sichergestellt wissen, dass die Betreiber «über die nächsten zehn Jahre nicht Geld verlangen von der Stadt». Kurt Hirsbrunner, Co-Präsident der neuen BDP/CVP-Fraktion, sieht dies ebenso. Für Michael Köpfli, Co-Präsident der ebenfalls neu vertretenen Grünliberalen, ist entscheidend, ob der Baurechtszins langfristig erbracht werden kann. Zudem möchte er nachgewiesen haben, dass die tief angesetzten 8 Millionen Franken für die Sanierung ausreichen.

Stadträtin Barbara Streit-Stettler, Mitglied der GFL/EVP-Fraktion, findet, der Stadtrat müsse sich – falls das Projekt der Beurteilung standhält – entweder trotzdem für das Allreal-Projekt entscheiden oder aber eine Variantenabstimmung vorbereiten. «Der Wettbewerb darf nicht einfach unter den Tisch gekehrt werden.» Das sieht SVP-Fraktionschef Erich Hess pointierter: «Wenn das Angebot überhaupt berücksichtigt wird, muss ein ganz neues Verfahren gestartet werden. Alles andere ist gegenüber jenen, die am Wettbewerb teilgenommen haben, ungerechtfertigt.» Er befürchtet sonst Klagen der Wettbewerbsparteien gegen die Stadt. cab

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