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Carlos Leal: «Die Rolle eines Sexbesessenen gefiel mir bisher am besten.»

Von Antonio Suárez Varela - Nach seinem vielbeachteten Auftritt als Casinodirektor im letzten Bond-Film setzt Carlos Leal mit Erfolg seine Schauspielerkarriere fort. Vor kurzem Vater geworden, durfte der Ex-Frontmann von Sens Unik zum ersten Mal eine Hauptrolle in einer mehrteiligen Fernsehproduktion darstellen. Auch im neuen Jahr stehen viele Engagements auf der Agenda. Der Lausanner will im internationalen Filmbusiness erklärtermassen hoch hinaus. Im Interview erläutert er seine Arbeitsweise, verrät seine Ziele und nimmt Stellung zur aktuellen Lage des Schweizer Kinoschaffens.

 Zuletzt hast Du die Rolle eines Hauptermittlers in der spanischen TV-serie «R.I.S. – Científica» verkörpert. Wie liefen die Dreharbeiten?

Sehr gut. Es handelt sich um eine grosse spanische Produktion. Es sind Leute dabei, die es gewohnt sind, mit TV-Serien und verschiedenen Fernsehformaten zu arbeiten. Sie machen vor allem klassische Krimiserien und Komödien. Es sind Pro’s. Wir begannen mit den Dreharbeiten im Juli. Ende November haben wir die erste Staffel abgeschlossen. Es lief gut. Im Ermittlerteam arbeiten sechs Polizeibeamte und ich bin der Polizist, der sich um den wissenschaftlichen Part kümmert, also DNS-Tests oder Computerrecherchen macht. Das ist sehr interessant, weil es für mich die erste Hauptrolle in einer TV-Serie ist. Ich weiss nicht, ob es eine zweite Staffel geben wird. Hier in Spanien gilt ein ähnliches Quotengesetz wie in Frankreich, Deutschland und andernorts auch.

 Gefiel Dir die Rolle? Konntest Du ihr den eigenen Stempel aufdrücken?

Ja, selbstverständlich. Die Filmfigur gefällt mir deshalb so gut, weil sie Carlos Leal eben kaum ähnelt. Es handelt sich um eine Person, die schüchtern, introvertiert, diskret und nicht sehr redselig ist. Ich musste an dieser Charakterrolle arbeiten. Ich musste an meiner Sprechweise arbeiten, etwas leiser sprechen. Letztlich ging es also wirklich um eine Charakterstudie, und das reizt mich besonders an dieser Arbeit. Im Rahmen dieser Fernsehserie galt es zwei wichtige Dinge im Drehbuch zu beachten: einerseits die Ermittlungsarbeit der Polizei und andererseits das Privatleben der Darsteller. Meine Rolle verrichtet also während den Untersuchungen vorwiegend Laborarbeit. Doch was sich im Privatleben dieser Filmfigur abspielt, die ich verkörpere, ist sehr interessant, denn sie hat ihren Vater verloren und ist mit einem Mörder befreundet. Ausserdem verliebt sie sich in eine Ermittlerin der Polizeieinheit. Es handelt sich also um eine reichhaltige Charakterrolle, die mir sehr gefallen hat.

 Du hast schon in zahlreichen TV-Produktionen mitgewirkt. Was läuft anders in Spanien als Du es bisher gewohnt warst?

Also ich denke, dass der einzige Unterschied der ist, dass die Spanier ziemlich ungezwungen sind. Das heisst, trotz der Tatsache, dass die Leute arbeiten, und sie arbeiten eher gut, versuchen sie stets, gut gelaunt zu sein und immer wieder ein paar Scherze zu machen. Das ist ziemlich cool. Als ich für die Deutschen arbeitete, ging es doch viel strenger zu und her, der Fokus war viel mehr auf die Arbeit ausgerichtet. Das ist der einzige Unterschied. Die Assistenten und der Technikerstab sind gut. Ich finde, dass es ziemlich angenehm ist, mit solchen Leuten zu arbeiten, denn ich habe schon für andere Serien wie «El internado», «El comisario» oder «Serrano» in Spanien gearbeitet. Die Stimmung am Set ist gut. Man lacht, und zwar sehr oft. Das ist angenehm.

 Gefällt es Dir gut in Madrid?

Sagen wir mal, was mir hier in Madrid gefällt, ist, dass man mir viele Chancen gibt. Man hat mir ziemlich viele Türen geöffnet. Ich denke, dass ich dies im Wesentlichen meinem spanischen Agenten zu verdanken habe. Er ist ein sehr guter Agent und betreut namentlich Penélope Cruz hier in Spanien. Ich kann mir gut vorstellen, dass er über sehr viele Kontakte verfügt. Mir hat man also Türen geöffnet, die man mir woanders nicht notgedrungen geöffnet hätte. Im Übrigen, was am Leben in Madrid am angenehmsten ist, ist das Klima. Fast das ganze Jahr hindurch ist es schön. Sonnenschein gibt es nahezu täglich. Selten wacht man morgens auf und hat schlechtes Wetter. In Madrid scheint die Sonne immer. Das ist sehr angenehm. Was mein soziales Leben betrifft, so bin ich zurzeit noch dabei, es aufzubauen. Ich bin erst seit etwas mehr als einem Jahr hier. Ich war bisher in erster Linie mit Arbeit beschäftigt. Doch ich beginne jetzt langsam, meine kleine madrilenische Familie beisammen zu haben. Und das ist auch wichtig für mich, denn ich bin stets in Cliquen gross geworden, in Gruppen und Bands. Als ich Breakdance machte, war ich in einer Gruppe. Als ich Rap machte, war ich Teil dessen, was man auf Englisch «posse» nennt, das heisst eine «Crew», eine «Clique», oder eine «pandilla», wie die Spanier zu sagen pflegen. Darum ist es für mich wichtig, meine eigene «pandilla» auch in Madrid zu haben. Und ich fange gerade damit an, mir eine solche zuzulegen. Kürzlich hat man mir ein Theaterstück angeboten. Es ist ein sehr gutes Stück, von einem in Spanien sehr bekannten Autor namens Miguel Miura. Es handelt sich um eine Komödie. Und ich bin davon überzeugt, dass alles sehr gut über die Bühne gehen wird, denn es wird vom Teatro de la Danza produziert, eines der bedeutendsten Theater Madrids. Ich bin sehr zufrieden.

 Fühlst Du Dich in Spanien zu Hause? schliesslich bist Du ja selbst Spanier, Deine Eltern sind aus Galicien in die Schweiz eingewandert...

Obacht, also hier in Spanien betrachtet man mich nicht als Spanier. Die Leute betrachten Carlos Leal nicht als Spanier. In der Schweiz sehen mich alle als Spanier, (lacht) aber in Spanien sieht man mich eigenartigerweise eher als Franzosen, weil ich ein ganz klein wenig einen französischen Akzent habe. Ausserdem bin ich ziemlich gross. Und ohne es zu wollen, rage ich meist in einer Menschenmenge als Grösster heraus. Bei «R.I.S.» war ich der grösste Schauspieler und auch im Theater werde ich der Grösste sein. Es gibt verschiedene Faktoren, die schliesslich dazu führen, dass man mich tatsächlich nicht zu hundert Prozent als Spanier betrachtet.

 Und Du? Wie siehst Du es? Bist Du beides, Schweizer und Spanier, oder keines von beidem?

Also kulturell betrachtet, ist es so: Ich bin in einer frankophonen Kultur aufgewachsen, denn ich komme aus Lausanne. Meine ganze kulturelle Basis ist deshalb im Wesentlichen französischsprachig oder amerikanisch, wenn du willst, wegen des Hip-Hop und so. Tatsache ist, dass ich im Bereich der spanischen Kultur noch einiges zu lernen habe. Was meine Erziehung angeht, so habe ich wirklich das Gefühl, je zur Hälfte Schweizer und Spanier zu sein. Und als Schauspieler bin ich Europäer, denn ich habe in Frankreich, Deutschland, in der Schweiz und Spanien gearbeitet. Ich habe auch für die Engländer gearbeitet, was ich gerne fortsetzen möchte, so hoffe ich doch. (Lacht) Zurzeit betrachte ich mich als europäischen Schauspieler, denn ich verfolge noch Projekte in Spanien, Frankreich und in der Schweiz.

 Seit einigen Jahren schon verfolgst Du ernsthaft eine Karriere als Schauspieler und Komödiant. seit wann wusstest Du, dass Du nach der Musik zur Schauspielerei wechseln wolltest?

Ich wollte eigentlich gar nie von der Musik zur Schauspielerei wechseln, denn die Musik ist mir einfach zu wichtig. Ich hoffe, dass ich sie niemals aufgeben werde. Im Augenblick ist es so, dass mir die Zeit für die Musik fehlt. Ich muss meine Zeit dem Schauspielerberuf widmen. Denn um eine Karriere aufbauen zu können, braucht es viel Zeit, vor allem wenn man wie ich die Karriere mit 32 Jahren begonnen hat. Wenn du mit 18 Jahren anfängst, ist es leichter. Deshalb muss ich wirklich zu hundert Prozent präsent sein, und darum mache ich auch keine Musik mehr. Doch ich habe mit der Schauspielerei nicht deshalb begonnen, um keine Musik mehr zu machen, sondern vor allem deshalb, weil ich aus meinem Panzerkleid als Rapper von Sens Unik ausbrechen wollte.

Ich war mit Sens Unik während fünfzehn Jahre sehr glücklich. Sens Unik hat mir viel gegeben. Auch der Rap hat mich viel gelehrt. Aber nach fünfzehn Jahren brauchst du eine Veränderung. Und ab einem gewissen Zeitpunkt hatte ich wirklich das Bedürfnis, mich zu ändern. Ich hatte die Gelegenheit, Theater und einige Kurzfilme zu machen. Und auf einmal hatte ich diese Freiheit, andere Leute zu verkörpern, jemand anderer zu sein. Und das hat mir gut getan. Vor allem deshalb habe ich begonnen, an meiner Schauspielerkarriere zu arbeiten.

 In Samirs bisher grösstem Film «Snow White» hattest Du die Hauptrolle. sie war Dir auf den Leib geschrieben. nur Du konntest Paco spielen, nicht wahr?

Oh, ich denke, dass es heute andere Leute gibt, die Paco spielen könnten. Es gibt viele andere Rapper, die dazu in der Lage wären. Samir kannte mich schon seit «Babylon», ein Dokumentarfilm über Immigranten, in dem ich mitgespielt hatte. Und da mich Samir also schon kannte, hat er für mich eine passgenaue Rolle geschrieben. Es stimmt, für mich war der Zeitpunkt perfekt. Doch heute spiele ich mit grossem Vergnügen Verbrecher, Homosexuelle oder Polizisten. Das ist echt toll.

 Du hast einmal in einem Interview gesagt, dass Samirs Film kein spezifisch schweizerischer Film sei, denn es geht in erster Linie um das Aufeinandertreffen zweier Welten: die Welt Pacos und die Welt Nicos, arm trifft auf reich, Moral auf Amoral. Dass die Trennlinien zwischen beiden Welten oft nicht so eindeutig sind, liegt auf der Hand und wird im Film eindrucksvoll veranschaulicht. Wie steht es aber mit diesem Gegensatz in der realen Gesellschaft? Ist die Schweizer Gesellschaft besonders gekennzeichnet durch diesen Gegensatz zwischen mittellosen Menschen auf der einen und superreichen auf der anderen Seite?

Natürlich existiert der Gegensatz zwischen arm und reich in allen Ländern der Welt. Nun ist es so, dass in der Schweiz die Eigentümlichkeit darin besteht, dass es verschiedene Sprachen und Kulturen gibt. Es gibt nur wenige Länder, die innerhalb ihrer Landesgrenzen durch verschiedene Kulturen getrennt sind. In Bezug auf Paco und Nico ist das der Fall, denn sie kommen zudem aus zwei verschiedenen Kulturräumen. Im Film von Samir werden Menschen aus der Schweiz gezeigt. Im geografischen Mittelpunkt steht die Schweiz. Doch obwohl er in Anführungszeichen ein Heimat lm ist, denke ich, dass er überall angesiedelt sein könnte. Als «Snow White» in Spanien gezeigt wurde, mochten ihn die Leute sehr, sie konnten sich wirklich identifizieren. Ich finde das toll, weil die Einwanderung, die die Schweiz in den Sechzigern und bis hinein in die achtziger Jahre erlebt hat, heute in Spanien ein Thema ist. Spanien erlebt eine starke Einwanderung aus Südamerika. Spanien beginnt nun gewissermassen Anteil zu nehmen an den Geschichten dieser «Secondos», denn es gibt hier viele Leute, die aus Südamerika einwandern und Kinder haben, die nicht ganz Spanier, aber auch nicht mehr nur Südamerikaner sind. Deshalb denke ich, dass der Film eine universale Sprache spricht.

Und Samir ist ein sehr intelligenter Regisseur. Vor allem ist er eben ein Regisseur, der über eine ziemlich breite und objektive Sicht auf die Gesellschaft im Allgemeinen verfügt. Er ist jemand, der sich gut informiert über das Weltgeschehen, der auch weiss, wie die Gesellschaft funktioniert. Er interessiert sich für neue Bewegungen, die gegenwärtigen Jugendbewegungen usw. Er ist wirklich sehr gut informiert.

 Du bist in Freiburg geboren worden und in einem Lausanner Vorort aufgewachsen. seit längerer Zeit lebst Du aber im Ausland, in Paris zuerst und jetzt in Madrid. Hat sich Deine sicht auf die Schweiz seither verändert?

Ja. Seit 2001 lebe ich im Ausland, damals zog ich nach Paris. Doch obwohl ich im Ausland lebte, war ich in der Schweiz präsent, denn ich setzte meine Tätigkeit mit Sens Unik fort. Am Anfang hatte ich gegenüber der Schweiz eine gewisse Verweigerungshaltung. Als ich jeweils in die Schweiz zurückkam, sah ich erst nur die Fehler. Doch allmählich, nach einer gewissen Zeit, ist mir bewusst geworden, wie sehr ich von den positiven Aspekten der Schweiz fasziniert bin. Mich fasziniert die Demut und Geduld der Menschen. Mich fasziniert, mit welcher Ruhe die Dinge in die Tat umgesetzt werden. Mich fasziniert auch die Schönheit des Landes, den respektvollen Umgang mit der Natur, der Landschaft und den Bergen. Ich finde das wirklich toll. Da ich jetzt nicht mehr dort lebe, ist es aber auch wahr, dass ich jetzt weniger Gelegenheiten habe, mit den Mängeln und den gesellschaftlichen Problemen der Schweiz konfrontiert zu werden. Wenn ich in die Schweiz reise, komme ich mir notgedrungen manchmal fast wie ein Tourist vor, der die Qualitäten des Landes erkennt. Doch es ist mir ebenso bewusst, dass die Schweizer Gesellschaft und Politik dieselben Probleme zu bewältigen haben wie andere Länder. Man kann die Probleme eben nicht ausblenden.

 Viele Schauspieler werden schnell einmal in eine Schublade gesteckt und in eine fixe Rolle gedrängt. Welche Rolle behagt Dir am meisten? Der «Good Guy» oder der «Bad Guy»?

Ich bin beides. Ich habe das Glück, nicht in Schubladen gesteckt worden zu sein. Noch hat man das bei mir nicht gemacht. In der Schweiz vielleicht etwas mehr, aber in Spanien und Deutschland spiele ich Bösewichter. Ich denke, dass ich wirklich das Zeug zum Chamäleondarsteller habe. Und das ist es, was mich besonders reizt. Und zwar deshalb, weil mir dies einen reichhaltigen Fundus an schauspielerischen Darstellungsmitteln bietet. Dadurch kann ich viel mehr Facetten ausloten und habe mehr Möglichkeiten als Schauspieler.

 Welche Rolle hat Dir bisher am besten gefallen?

Die Rolle, die mir bisher am meisten gefallen hat, war die eines Sexbesessenen in einem Kurzfilm mit dem Titel «Demain j’arrète». Ein Sexbesessener, der völlig weggetreten ist, trinkt und eine Gruppentherapie machen muss. Doch es gibt tolle Rollen zuhauf. Weisst Du, neulich habe ich in einem französischen Film gespielt, wo ich einen Wachmann spielte. Das war auch eine super Rolle. Auch da musste ich eine Charakterstudie machen. Ich musste meine Sprechweise ändern und viel derber sprechen. Dies war auch eine meiner Lieblingsrollen.

 Was gefällt Dir besonders gut an der Komödie?

Ich glaube, dass die Komödie eine hohe Kunst ist, die nicht hoch genug geschätzt wird. Sehr grosse Wertschätzung geniesst die Komödie in Russland, in den osteuropäischen Ländern, aber auch in England und in den USA, etwas weniger gross ist sie im Rest Europas. Meiner Meinung nach ist die Komödie eine Kunst, die nur sehr schwer mit Anmut, Zwanglosigkeit und Qualität auszuüben ist. Eine komödiantische Rolle zu spielen, liegt meines Erachtens in der Reichweite von jedermann, doch eine Charakterrolle überwältigend, grossartig, faszinierend und unvergesslich zugleich zu machen, ist verdammt schwierig, selbst wenn es sich um einen Bösewicht handelt. Um das erreichen zu können, muss man sich in die Rolle verlieben, man muss ihr Wesen verstehen, wissen, woher die Person kommt, was sie macht, wohin sie geht, in welche Zwänge sie eingebunden ist, welches ihre Ziele und Probleme sind. Es geht wirklich um eine umfassende Basisstudie, die sehr interessant ist, weil sie Psychologie, Sensibilität und persönliche Erinnerungen einschliesst. Ich bin der Auffassung, dass ein Schauspieler intensiv an seiner Rolle arbeiten muss, um sie interessant zu machen.

 Als Musiker hast Du schon so ziemlich alles erreicht. Du hast mit Leuten wie George Duke, MC Solaar, Steve Coleman oder Eric Truffaz zusammengearbeitet und warst mit Sens Unik auf der ganzen Welt auf Tournee. Du warst über fünfzehn Jahre lang in dieser Band. Gab es etwas, was Du aus dieser Zeit als Berufsmusiker mitnehmen konntest und jetzt als Schauspieler gebrauchen kannst? Es gibt ja viele Musiker, die eine Schauspielerkarriere einschlagen...

Ja, selbstverständlich. Gut, ich denke, dass es vor allem zwei Dinge gibt, die ich als Musiker in die Schauspielerkarriere mitnehmen konnte: zum einen, die Offenheit des Geistes. Obwohl wir eine Rapgruppe waren, versuchten wir uns mit Sens Unik nach vielen verschiedenen Musikrichtungen, so gut es ging, auszurichten: Jazz, Latin, Rock, Elektro. Von einem Album zum nächsten versuchten wir, neue Musikstile zu entdecken und mit Rap zu vermischen. Schon nur das hat uns den Geist geöffnet. Ich denke, dass man als Schauspieler einen offenen Geist haben und versuchen sollte, jene Neugier zu entwickeln, die ein zweijähriges Kind hat: Dies bedeutet, alles anschauen, erfühlen, verstehen und kennenlernen wollen. Das ist äusserst spannend. Zum zweiten, man braucht den «Rhythm», den Rhythmus. (Schnippt mit den Fingern) Ich muss feststellen, dass es viele Schauspieler gibt, die kein Rhythmusgefühl haben. Meiner Meinung nach ist der Rhythmus deshalb so wichtig, weil es Ruhephasen gibt. Die stillen Momente im Film sind genauso wichtig wie die Dialogparts. Und oft braucht es diese Stille. Jemand, der gut tanzen, singen oder musizieren kann, hat es leichter, Rhythmus in sein Spiel zu bringen. Und das ist sehr wichtig, selbst wenn du mit den Regisseuren sprichst. Regisseure, die es verstehen, Schauspieler gut instruieren zu können, werden dir immer sagen, dass es sehr wichtig ist, dass ein Schauspieler die Rhythmik respektiert.

 Was möchtest Du als Schauspieler noch erreichen? Welche Ziele verfolgst Du?

Eine Schauspielerkarriere ist lang, vor allem für einen Mann, auch wenn es leichter ist als für eine Frau. Frauen kommen nur sehr schwer an Rollen heran, wenn sie älter werden. Doch ein Mann sollte seine Karriere behutsam weiterentwickeln und auf Qualität Acht geben. Ich werde mir also meine Zeit nehmen. Doch ich werde versuchen, so weit wie nur möglich zu kommen. Ich werde versuchen, dass das Publikum mich nicht als Schauspieler sieht, weil ich urplötzlich in einem Film gespielt habe und deshalb urplötzlich ein Schauspieler geworden bin, sondern weil ich nach und nach, von Film zu Film, meine Kunst, meine Möglichkeiten, verschieden Rollen zu verkörpern, erarbeitet habe. Das ist das Spannende daran. Ich glaube nicht, dass man einen Schauspieler auf Grund eines Filmes beurteilen kann. Erst nach einer Karriere von zehn, fünfzehn, manchmal dreissig Jahren kann man das tun. Mein Ziel ist es, mit guten Regisseuren zu arbeiten. Ich strebe eine internationale Karriere an. Doch dazu braucht es Zeit. Im Moment habe ich Aufträge in verschiedenen Ländern und ich hoffe, dass ich das fortsetzen kann. Ich möchte nicht, dass die Leute eines Tages sagen werden: Wow, Carlos hat in einem Bondfilm mitgemacht! Darauf pfeife ich! (Lacht) Es ist toll, dass ich beim letzten «James Bond» eine Rolle spielen durfte, aber ich habe keine Lust, dass die Leute nur das in Erinnerung behalten. Ich fände es toll, wenn man eines Tages sagen wird: Verdammt, den Carlos, den ich in diesem Film gesehen habe, ist nicht derselbe Carlos wie in diesem oder jenem Film! Mein Ziel ist es, meine Wandlungsfähigkeit als Darsteller weiterzuentwickeln und ein kompletter Schauspieler zu werden.

 Wegen Terminschwierigkeiten musstest Du auf eine Teilnahme im Hollywood lm «My Life in Ruins» verzichten. Wann werden wir Dich in einem grossen Hollywood lm sehen?

Das habe nicht ich zu entscheiden.

 Bewirbst Du Dich? Hast Du etwas am Laufen?

Leider bin ich noch nicht in der Lage zu sagen, dass man mich morgen in einem Hollywoodfilm sehen wird. (Lacht) Das wäre dann doch zu einfach. Wir werden sehen. Ich hoffe es. Noch habe ich grosses Vertrauen in den Schweizer Film. Auch das spanische und deutsche Kino reizt mich. Ich hatte dieses Casting für «My Life in Ruins». Ich hätte die Rolle gehabt, aber leider kann man nicht überall gleichzeitig sein. Dieses Jahr habe ich Projekte in Deutschland, Frankreich und hoffentlich auch in Spanien. Ich denke, dass Spanien ein sehr guter Brückenkopf sein kann, um den Sprung in die USA zu schaffen, denn es gibt enorm viele Schauspieler aus Spanien, die den Sprung geschafft haben.

 Der spanische Film hat in Europa und der Welt einen ausgezeichneten Ruf, nicht zuletzt wegen der Filme Almodóvars. Auch viele Spanier wie Javier Bardem, Penélope Cruz oder Antonio Banderas haben es schon in Hollywood geschafft. Was zeichnet das spanische Kino aus?

Schwer zu sagen. Tatsache ist, dass das spanische Kino sehr oft surrealistische Themen auf die Leinwand bringt, ein bisschen in der Art eines Dalís. Es gibt viele Regisseure in Spanien, die mit dem Surrealismus spielen. Viele haben auch diesen typisch spanischen Stolz. Das ist eine der Eigenarten des spanischen Kinos. Ich glaube auch, dass Spanien ein Land ist, das grossen Respekt hat vor den Traditionen und diese auch gerne in seinem Kino zeigt. Das ist etwas, was dem Ausland besonders gefällt. Almodóvar ist die treibende Lokomotive, doch hinter ihm scharen sich viele begabte Regisseure. Ausserdem gibt es viele spanische Darsteller, dank denen man das spanische Kino international besser kennt, denn die Spanier arbeiten mit Instinkt und Leidenschaft. Javier Bardem ist ein leidenschaftlicher Schauspieler, der nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit seinen Eiern, (lacht) seinem Herzen und seinem Bauch arbeitet. Das ist eine der Eigentümlichkeiten des spanischen Kinos.

 Und wie ist es in der Schweiz? Zurzeit wird hierzulande über die staatlichen Fördergelder für das einheimische Filmschaffen gestritten. Wie siehst Du den Schweizer Film im internationalen Umfeld? Hat er sich in Europa etabliert?

Nein, in Europa ist das Schweizer Kino nicht etabliert. Das ist klar. Der Schweizer Kino lm ist noch kein Exportgut. Einige Deutschschweizer Produktionen werden nach Deutschland oder nach Japan oder sonst wohin exportiert. Aber ich glaube nicht, dass das Schweizer Kino genauso gut vermarktet wird wie zum Beispiel das dänische oder das irische Kino. Das ist leider auch so, weil sich das Bild der Schweiz im Ausland auf ein paar wenige Dinge reduziert: oft auf Schokolade, Uhren und Berge. Das ist die traurige Wahrheit. Wenn ich über die Schweiz spreche, dann kommen diese Dinge zur Sprache, unabhängig davon, wo ich mich im Ausland gerade befinde. Man wird Zeit brauchen, bis man im Ausland ein anderes Bild der Schweiz wahrnehmen wird. Dazu braucht es auch Hilfe vom Fremdenverkehrsamt oder von Organisationen, die sich um das Image des Landes im Ausland bemühen. Man darf sich nicht nur auf die Uhrenindustrie, die Schokoladenproduzenten und auf den Schnee- und Bergtourismus beschränken, auch die Kultur muss beachtet werden. Ich war vor nicht allzu langer Zeit, ich glaube vor zwei Jahren, in einem Flughafen - ich glaube, es war der Zürcher Flughafen -, als ich einen Werbe lm der Schweizer Tourismusbranche gesehen habe. Und endlich, endlich, nach so vielen Jahren, sah ich zum ersten Mal in einem solchen Werbe lm junge Menschen, Musikfestivalbesucher, Ausschnitte aus heimischen Kinofilmen und solche Dinge. Doch das hat sehr viel Zeit gebraucht, denn früher zeigten die Werbefilme der Schweizer Tourismusindustrie bloss die üblichen helvetischen Klischees. Es ist jetzt wichtig, dass die Schweiz auch die Kultur und die Künstler mit einbezieht. Denn auf dem Gebiet der angewandten Kunst, beispielsweise in der Architektur oder im Grafik- und Druckgewerbe, ist ihr Weltruf unbestritten. Ich sehe nicht ein, warum ein Schweizer Film nicht auch im Ausland Erfolg haben kann oder ein Schweizer Schauspieler, dessen Reputation über die Landesgrenzen reicht. Dafür gibt es keinen Grund. Ich habe immer schon gesagt, wenn es einen Roger Federer gibt, dann kann es auch einen Steven Spielberg geben. Warum denn nicht? Ich sehe nicht ein, warum nicht. Es braucht Geld, das ist sicher. Aber man braucht auch Ideen und vor allem die Hilfe des Publikums und der Institutionen, damit das Schweizer Kino im Ausland bekannt wird.

 Eine letzte Frage, die vor allem auch Deine Fans interessieren dürfte. Wird es jemals wieder ein Album von Sens Unik geben?

Oh, zurzeit ist diesbezüglich nichts vorgesehen. (Lacht) Das steht jedenfalls nicht in meinem Terminkalender. Aber man soll ja bekanntlich niemals nie sagen. Ich verstehe mich immer noch sehr gut mit meinen Freunden von Sens Unik. Interessant könnte es werden, wenn auf einmal meine internationale Karriere losbrechen würde oder ich wirklich gute Engagements kriege und in grossen internationalen Projekten mitwirken könnte, dann vielleicht ja. Dann würde ich mir sechs Monate Zeit nehmen und ein Album machen. Aber zurzeit ist nichts in der Richtung geplant.

Bild: Santi Rodriguez
ensuite, Januar 2008

 

 

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Artikel online veröffentlicht: 13. Oktober 2017