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Carlos Leal: «Die Rolle eines Sexbesessenen gefiel mir bisher am besten.»

Von Antonio Suárez Varela - Nach sei­nem viel­be­ach­te­ten Auftritt als Casinodirektor im letz­ten Bond‐​Film setzt Carlos Leal mit Erfolg sei­ne Schauspielerkarriere fort. Vor kur­zem Vater gewor­den, durf­te der Ex‐​Frontmann von Sens Unik zum ers­ten Mal eine Hauptrolle in einer mehr­tei­li­gen Fernsehproduktion dar­stel­len. Auch im neu­en Jahr ste­hen vie­le Engagements auf der Agenda. Der Lausanner will im inter­na­tio­na­len Filmbusiness erklär­ter­mas­sen hoch hin­aus. Im Interview erläu­tert er sei­ne Arbeitsweise, ver­rät sei­ne Ziele und nimmt Stellung zur aktu­el­len Lage des Schweizer Kinoschaffens.

 Zuletzt hast Du die Rolle eines Hauptermittlers in der spa­ni­schen TV‐​serie «R.I.S. – Científica» ver­kör­pert. Wie lie­fen die Dreharbeiten?

Sehr gut. Es han­delt sich um eine gros­se spa­ni­sche Produktion. Es sind Leute dabei, die es gewohnt sind, mit TV‐​Serien und ver­schie­de­nen Fernsehformaten zu arbei­ten. Sie machen vor allem klas­si­sche Krimiserien und Komödien. Es sind Pro’s. Wir began­nen mit den Dreharbeiten im Juli. Ende November haben wir die ers­te Staffel abge­schlos­sen. Es lief gut. Im Ermittlerteam arbei­ten sechs Polizeibeamte und ich bin der Polizist, der sich um den wis­sen­schaft­li­chen Part küm­mert, also DNS‐​Tests oder Computerrecherchen macht. Das ist sehr inter­es­sant, weil es für mich die ers­te Hauptrolle in einer TV‐​Serie ist. Ich weiss nicht, ob es eine zwei­te Staffel geben wird. Hier in Spanien gilt ein ähn­li­ches Quotengesetz wie in Frankreich, Deutschland und andern­orts auch.

 Gefiel Dir die Rolle? Konntest Du ihr den eige­nen Stempel auf­drü­cken?

Ja, selbst­ver­ständ­lich. Die Filmfigur gefällt mir des­halb so gut, weil sie Carlos Leal eben kaum ähnelt. Es han­delt sich um eine Person, die schüch­tern, intro­ver­tiert, dis­kret und nicht sehr red­se­lig ist. Ich muss­te an die­ser Charakterrolle arbei­ten. Ich muss­te an mei­ner Sprechweise arbei­ten, etwas lei­ser spre­chen. Letztlich ging es also wirk­lich um eine Charakterstudie, und das reizt mich beson­ders an die­ser Arbeit. Im Rahmen die­ser Fernsehserie galt es zwei wich­ti­ge Dinge im Drehbuch zu beach­ten: einer­seits die Ermittlungsarbeit der Polizei und ande­rer­seits das Privatleben der Darsteller. Meine Rolle ver­rich­tet also wäh­rend den Untersuchungen vor­wie­gend Laborarbeit. Doch was sich im Privatleben die­ser Filmfigur abspielt, die ich ver­kör­pe­re, ist sehr inter­es­sant, denn sie hat ihren Vater ver­lo­ren und ist mit einem Mörder befreun­det. Ausserdem ver­liebt sie sich in eine Ermittlerin der Polizeieinheit. Es han­delt sich also um eine reich­hal­ti­ge Charakterrolle, die mir sehr gefal­len hat.

 Du hast schon in zahl­rei­chen TV‐​Produktionen mit­ge­wirkt. Was läuft anders in Spanien als Du es bis­her gewohnt warst?

Also ich den­ke, dass der ein­zi­ge Unterschied der ist, dass die Spanier ziem­lich unge­zwun­gen sind. Das heisst, trotz der Tatsache, dass die Leute arbei­ten, und sie arbei­ten eher gut, ver­su­chen sie stets, gut gelaunt zu sein und immer wie­der ein paar Scherze zu machen. Das ist ziem­lich cool. Als ich für die Deutschen arbei­te­te, ging es doch viel stren­ger zu und her, der Fokus war viel mehr auf die Arbeit aus­ge­rich­tet. Das ist der ein­zi­ge Unterschied. Die Assistenten und der Technikerstab sind gut. Ich fin­de, dass es ziem­lich ange­nehm ist, mit sol­chen Leuten zu arbei­ten, denn ich habe schon für ande­re Serien wie «El inter­na­do», «El comisa­rio» oder «Serrano» in Spanien gear­bei­tet. Die Stimmung am Set ist gut. Man lacht, und zwar sehr oft. Das ist ange­nehm.

 Gefällt es Dir gut in Madrid?

Sagen wir mal, was mir hier in Madrid gefällt, ist, dass man mir vie­le Chancen gibt. Man hat mir ziem­lich vie­le Türen geöff­net. Ich den­ke, dass ich dies im Wesentlichen mei­nem spa­ni­schen Agenten zu ver­dan­ken habe. Er ist ein sehr guter Agent und betreut nament­lich Penélope Cruz hier in Spanien. Ich kann mir gut vor­stel­len, dass er über sehr vie­le Kontakte ver­fügt. Mir hat man also Türen geöff­net, die man mir woan­ders nicht not­ge­drun­gen geöff­net hät­te. Im Übrigen, was am Leben in Madrid am ange­nehms­ten ist, ist das Klima. Fast das gan­ze Jahr hin­durch ist es schön. Sonnenschein gibt es nahe­zu täg­lich. Selten wacht man mor­gens auf und hat schlech­tes Wetter. In Madrid scheint die Sonne immer. Das ist sehr ange­nehm. Was mein sozia­les Leben betrifft, so bin ich zur­zeit noch dabei, es auf­zu­bau­en. Ich bin erst seit etwas mehr als einem Jahr hier. Ich war bis­her in ers­ter Linie mit Arbeit beschäf­tigt. Doch ich begin­ne jetzt lang­sam, mei­ne klei­ne madri­le­ni­sche Familie bei­sam­men zu haben. Und das ist auch wich­tig für mich, denn ich bin stets in Cliquen gross gewor­den, in Gruppen und Bands. Als ich Breakdance mach­te, war ich in einer Gruppe. Als ich Rap mach­te, war ich Teil des­sen, was man auf Englisch «pos­se» nennt, das heisst eine «Crew», eine «Clique», oder eine «pan­dil­la», wie die Spanier zu sagen pfle­gen. Darum ist es für mich wich­tig, mei­ne eige­ne «pan­dil­la» auch in Madrid zu haben. Und ich fan­ge gera­de damit an, mir eine sol­che zuzu­le­gen. Kürzlich hat man mir ein Theaterstück ange­bo­ten. Es ist ein sehr gutes Stück, von einem in Spanien sehr bekann­ten Autor namens Miguel Miura. Es han­delt sich um eine Komödie. Und ich bin davon über­zeugt, dass alles sehr gut über die Bühne gehen wird, denn es wird vom Teatro de la Danza pro­du­ziert, eines der bedeu­tends­ten Theater Madrids. Ich bin sehr zufrie­den.

 Fühlst Du Dich in Spanien zu Hause? schliess­lich bist Du ja selbst Spanier, Deine Eltern sind aus Galicien in die Schweiz ein­ge­wan­dert…

Obacht, also hier in Spanien betrach­tet man mich nicht als Spanier. Die Leute betrach­ten Carlos Leal nicht als Spanier. In der Schweiz sehen mich alle als Spanier, (lacht) aber in Spanien sieht man mich eigen­ar­ti­ger­wei­se eher als Franzosen, weil ich ein ganz klein wenig einen fran­zö­si­schen Akzent habe. Ausserdem bin ich ziem­lich gross. Und ohne es zu wol­len, rage ich meist in einer Menschenmenge als Grösster her­aus. Bei «R.I.S.» war ich der gröss­te Schauspieler und auch im Theater wer­de ich der Grösste sein. Es gibt ver­schie­de­ne Faktoren, die schliess­lich dazu füh­ren, dass man mich tat­säch­lich nicht zu hun­dert Prozent als Spanier betrach­tet.

 Und Du? Wie siehst Du es? Bist Du bei­des, Schweizer und Spanier, oder kei­nes von bei­dem?

Also kul­tu­rell betrach­tet, ist es so: Ich bin in einer fran­ko­pho­nen Kultur auf­ge­wach­sen, denn ich kom­me aus Lausanne. Meine gan­ze kul­tu­rel­le Basis ist des­halb im Wesentlichen fran­zö­sisch­spra­chig oder ame­ri­ka­nisch, wenn du willst, wegen des Hip‐​Hop und so. Tatsache ist, dass ich im Bereich der spa­ni­schen Kultur noch eini­ges zu ler­nen habe. Was mei­ne Erziehung angeht, so habe ich wirk­lich das Gefühl, je zur Hälfte Schweizer und Spanier zu sein. Und als Schauspieler bin ich Europäer, denn ich habe in Frankreich, Deutschland, in der Schweiz und Spanien gear­bei­tet. Ich habe auch für die Engländer gear­bei­tet, was ich ger­ne fort­set­zen möch­te, so hof­fe ich doch. (Lacht) Zurzeit betrach­te ich mich als euro­päi­schen Schauspieler, denn ich ver­fol­ge noch Projekte in Spanien, Frankreich und in der Schweiz.

 Seit eini­gen Jahren schon ver­folgst Du ernst­haft eine Karriere als Schauspieler und Komödiant. seit wann wuss­test Du, dass Du nach der Musik zur Schauspielerei wech­seln woll­test?

Ich woll­te eigent­lich gar nie von der Musik zur Schauspielerei wech­seln, denn die Musik ist mir ein­fach zu wich­tig. Ich hof­fe, dass ich sie nie­mals auf­ge­ben wer­de. Im Augenblick ist es so, dass mir die Zeit für die Musik fehlt. Ich muss mei­ne Zeit dem Schauspielerberuf wid­men. Denn um eine Karriere auf­bau­en zu kön­nen, braucht es viel Zeit, vor allem wenn man wie ich die Karriere mit 32 Jahren begon­nen hat. Wenn du mit 18 Jahren anfängst, ist es leich­ter. Deshalb muss ich wirk­lich zu hun­dert Prozent prä­sent sein, und dar­um mache ich auch kei­ne Musik mehr. Doch ich habe mit der Schauspielerei nicht des­halb begon­nen, um kei­ne Musik mehr zu machen, son­dern vor allem des­halb, weil ich aus mei­nem Panzerkleid als Rapper von Sens Unik aus­bre­chen woll­te.

Ich war mit Sens Unik wäh­rend fünf­zehn Jahre sehr glück­lich. Sens Unik hat mir viel gege­ben. Auch der Rap hat mich viel gelehrt. Aber nach fünf­zehn Jahren brauchst du eine Veränderung. Und ab einem gewis­sen Zeitpunkt hat­te ich wirk­lich das Bedürfnis, mich zu ändern. Ich hat­te die Gelegenheit, Theater und eini­ge Kurzfilme zu machen. Und auf ein­mal hat­te ich die­se Freiheit, ande­re Leute zu ver­kör­pern, jemand ande­rer zu sein. Und das hat mir gut getan. Vor allem des­halb habe ich begon­nen, an mei­ner Schauspielerkarriere zu arbei­ten.

 In Samirs bis­her gröss­tem Film «Snow White» hat­test Du die Hauptrolle. sie war Dir auf den Leib geschrie­ben. nur Du konn­test Paco spie­len, nicht wahr?

Oh, ich den­ke, dass es heu­te ande­re Leute gibt, die Paco spie­len könn­ten. Es gibt vie­le ande­re Rapper, die dazu in der Lage wären. Samir kann­te mich schon seit «Babylon», ein Dokumentarfilm über Immigranten, in dem ich mit­ge­spielt hat­te. Und da mich Samir also schon kann­te, hat er für mich eine pass­ge­naue Rolle geschrie­ben. Es stimmt, für mich war der Zeitpunkt per­fekt. Doch heu­te spie­le ich mit gros­sem Vergnügen Verbrecher, Homosexuelle oder Polizisten. Das ist echt toll.

 Du hast ein­mal in einem Interview gesagt, dass Samirs Film kein spe­zi­fisch schwei­ze­ri­scher Film sei, denn es geht in ers­ter Linie um das Aufeinandertreffen zwei­er Welten: die Welt Pacos und die Welt Nicos, arm trifft auf reich, Moral auf Amoral. Dass die Trennlinien zwi­schen bei­den Welten oft nicht so ein­deu­tig sind, liegt auf der Hand und wird im Film ein­drucks­voll ver­an­schau­licht. Wie steht es aber mit die­sem Gegensatz in der rea­len Gesellschaft? Ist die Schweizer Gesellschaft beson­ders gekenn­zeich­net durch die­sen Gegensatz zwi­schen mit­tel­lo­sen Menschen auf der einen und super­rei­chen auf der ande­ren Seite?

Natürlich exis­tiert der Gegensatz zwi­schen arm und reich in allen Ländern der Welt. Nun ist es so, dass in der Schweiz die Eigentümlichkeit dar­in besteht, dass es ver­schie­de­ne Sprachen und Kulturen gibt. Es gibt nur weni­ge Länder, die inner­halb ihrer Landesgrenzen durch ver­schie­de­ne Kulturen getrennt sind. In Bezug auf Paco und Nico ist das der Fall, denn sie kom­men zudem aus zwei ver­schie­de­nen Kulturräumen. Im Film von Samir wer­den Menschen aus der Schweiz gezeigt. Im geo­gra­fi­schen Mittelpunkt steht die Schweiz. Doch obwohl er in Anführungszeichen ein Heimat lm ist, den­ke ich, dass er über­all ange­sie­delt sein könn­te. Als «Snow White» in Spanien gezeigt wur­de, moch­ten ihn die Leute sehr, sie konn­ten sich wirk­lich iden­ti­fi­zie­ren. Ich fin­de das toll, weil die Einwanderung, die die Schweiz in den Sechzigern und bis hin­ein in die acht­zi­ger Jahre erlebt hat, heu­te in Spanien ein Thema ist. Spanien erlebt eine star­ke Einwanderung aus Südamerika. Spanien beginnt nun gewis­ser­mas­sen Anteil zu neh­men an den Geschichten die­ser «Secondos», denn es gibt hier vie­le Leute, die aus Südamerika ein­wan­dern und Kinder haben, die nicht ganz Spanier, aber auch nicht mehr nur Südamerikaner sind. Deshalb den­ke ich, dass der Film eine uni­ver­sa­le Sprache spricht.

Und Samir ist ein sehr intel­li­gen­ter Regisseur. Vor allem ist er eben ein Regisseur, der über eine ziem­lich brei­te und objek­ti­ve Sicht auf die Gesellschaft im Allgemeinen ver­fügt. Er ist jemand, der sich gut infor­miert über das Weltgeschehen, der auch weiss, wie die Gesellschaft funk­tio­niert. Er inter­es­siert sich für neue Bewegungen, die gegen­wär­ti­gen Jugendbewegungen usw. Er ist wirk­lich sehr gut infor­miert.

 Du bist in Freiburg gebo­ren wor­den und in einem Lausanner Vorort auf­ge­wach­sen. seit län­ge­rer Zeit lebst Du aber im Ausland, in Paris zuerst und jetzt in Madrid. Hat sich Deine sicht auf die Schweiz seit­her ver­än­dert?

Ja. Seit 2001 lebe ich im Ausland, damals zog ich nach Paris. Doch obwohl ich im Ausland leb­te, war ich in der Schweiz prä­sent, denn ich setz­te mei­ne Tätigkeit mit Sens Unik fort. Am Anfang hat­te ich gegen­über der Schweiz eine gewis­se Verweigerungshaltung. Als ich jeweils in die Schweiz zurück­kam, sah ich erst nur die Fehler. Doch all­mäh­lich, nach einer gewis­sen Zeit, ist mir bewusst gewor­den, wie sehr ich von den posi­ti­ven Aspekten der Schweiz fas­zi­niert bin. Mich fas­zi­niert die Demut und Geduld der Menschen. Mich fas­zi­niert, mit wel­cher Ruhe die Dinge in die Tat umge­setzt wer­den. Mich fas­zi­niert auch die Schönheit des Landes, den respekt­vol­len Umgang mit der Natur, der Landschaft und den Bergen. Ich fin­de das wirk­lich toll. Da ich jetzt nicht mehr dort lebe, ist es aber auch wahr, dass ich jetzt weni­ger Gelegenheiten habe, mit den Mängeln und den gesell­schaft­li­chen Problemen der Schweiz kon­fron­tiert zu wer­den. Wenn ich in die Schweiz rei­se, kom­me ich mir not­ge­drun­gen manch­mal fast wie ein Tourist vor, der die Qualitäten des Landes erkennt. Doch es ist mir eben­so bewusst, dass die Schweizer Gesellschaft und Politik die­sel­ben Probleme zu bewäl­ti­gen haben wie ande­re Länder. Man kann die Probleme eben nicht aus­blen­den.

 Viele Schauspieler wer­den schnell ein­mal in eine Schublade gesteckt und in eine fixe Rolle gedrängt. Welche Rolle behagt Dir am meis­ten? Der «Good Guy» oder der «Bad Guy»?

Ich bin bei­des. Ich habe das Glück, nicht in Schubladen gesteckt wor­den zu sein. Noch hat man das bei mir nicht gemacht. In der Schweiz viel­leicht etwas mehr, aber in Spanien und Deutschland spie­le ich Bösewichter. Ich den­ke, dass ich wirk­lich das Zeug zum Chamäleondarsteller habe. Und das ist es, was mich beson­ders reizt. Und zwar des­halb, weil mir dies einen reich­hal­ti­gen Fundus an schau­spie­le­ri­schen Darstellungsmitteln bie­tet. Dadurch kann ich viel mehr Facetten aus­lo­ten und habe mehr Möglichkeiten als Schauspieler.

 Welche Rolle hat Dir bis­her am bes­ten gefal­len?

Die Rolle, die mir bis­her am meis­ten gefal­len hat, war die eines Sexbesessenen in einem Kurzfilm mit dem Titel «Demain j’arrète». Ein Sexbesessener, der völ­lig weg­ge­tre­ten ist, trinkt und eine Gruppentherapie machen muss. Doch es gibt tol­le Rollen zuhauf. Weisst Du, neu­lich habe ich in einem fran­zö­si­schen Film gespielt, wo ich einen Wachmann spiel­te. Das war auch eine super Rolle. Auch da muss­te ich eine Charakterstudie machen. Ich muss­te mei­ne Sprechweise ändern und viel der­ber spre­chen. Dies war auch eine mei­ner Lieblingsrollen.

 Was gefällt Dir beson­ders gut an der Komödie?

Ich glau­be, dass die Komödie eine hohe Kunst ist, die nicht hoch genug geschätzt wird. Sehr gros­se Wertschätzung geniesst die Komödie in Russland, in den ost­eu­ro­päi­schen Ländern, aber auch in England und in den USA, etwas weni­ger gross ist sie im Rest Europas. Meiner Meinung nach ist die Komödie eine Kunst, die nur sehr schwer mit Anmut, Zwanglosigkeit und Qualität aus­zu­üben ist. Eine komö­di­an­ti­sche Rolle zu spie­len, liegt mei­nes Erachtens in der Reichweite von jeder­mann, doch eine Charakterrolle über­wäl­ti­gend, gross­ar­tig, fas­zi­nie­rend und unver­gess­lich zugleich zu machen, ist ver­dammt schwie­rig, selbst wenn es sich um einen Bösewicht han­delt. Um das errei­chen zu kön­nen, muss man sich in die Rolle ver­lie­ben, man muss ihr Wesen ver­ste­hen, wis­sen, woher die Person kommt, was sie macht, wohin sie geht, in wel­che Zwänge sie ein­ge­bun­den ist, wel­ches ihre Ziele und Probleme sind. Es geht wirk­lich um eine umfas­sen­de Basisstudie, die sehr inter­es­sant ist, weil sie Psychologie, Sensibilität und per­sön­li­che Erinnerungen ein­schliesst. Ich bin der Auffassung, dass ein Schauspieler inten­siv an sei­ner Rolle arbei­ten muss, um sie inter­es­sant zu machen.

 Als Musiker hast Du schon so ziem­lich alles erreicht. Du hast mit Leuten wie George Duke, MC Solaar, Steve Coleman oder Eric Truffaz zusam­men­ge­ar­bei­tet und warst mit Sens Unik auf der gan­zen Welt auf Tournee. Du warst über fünf­zehn Jahre lang in die­ser Band. Gab es etwas, was Du aus die­ser Zeit als Berufsmusiker mit­neh­men konn­test und jetzt als Schauspieler gebrau­chen kannst? Es gibt ja vie­le Musiker, die eine Schauspielerkarriere ein­schla­gen…

Ja, selbst­ver­ständ­lich. Gut, ich den­ke, dass es vor allem zwei Dinge gibt, die ich als Musiker in die Schauspielerkarriere mit­neh­men konn­te: zum einen, die Offenheit des Geistes. Obwohl wir eine Rapgruppe waren, ver­such­ten wir uns mit Sens Unik nach vie­len ver­schie­de­nen Musikrichtungen, so gut es ging, aus­zu­rich­ten: Jazz, Latin, Rock, Elektro. Von einem Album zum nächs­ten ver­such­ten wir, neue Musikstile zu ent­de­cken und mit Rap zu ver­mi­schen. Schon nur das hat uns den Geist geöff­net. Ich den­ke, dass man als Schauspieler einen offe­nen Geist haben und ver­su­chen soll­te, jene Neugier zu ent­wi­ckeln, die ein zwei­jäh­ri­ges Kind hat: Dies bedeu­tet, alles anschau­en, erfüh­len, ver­ste­hen und ken­nen­ler­nen wol­len. Das ist äus­serst span­nend. Zum zwei­ten, man braucht den «Rhythm», den Rhythmus. (Schnippt mit den Fingern) Ich muss fest­stel­len, dass es vie­le Schauspieler gibt, die kein Rhythmusgefühl haben. Meiner Meinung nach ist der Rhythmus des­halb so wich­tig, weil es Ruhephasen gibt. Die stil­len Momente im Film sind genau­so wich­tig wie die Dialogparts. Und oft braucht es die­se Stille. Jemand, der gut tan­zen, sin­gen oder musi­zie­ren kann, hat es leich­ter, Rhythmus in sein Spiel zu brin­gen. Und das ist sehr wich­tig, selbst wenn du mit den Regisseuren sprichst. Regisseure, die es ver­ste­hen, Schauspieler gut instru­ie­ren zu kön­nen, wer­den dir immer sagen, dass es sehr wich­tig ist, dass ein Schauspieler die Rhythmik respek­tiert.

 Was möch­test Du als Schauspieler noch errei­chen? Welche Ziele ver­folgst Du?

Eine Schauspielerkarriere ist lang, vor allem für einen Mann, auch wenn es leich­ter ist als für eine Frau. Frauen kom­men nur sehr schwer an Rollen her­an, wenn sie älter wer­den. Doch ein Mann soll­te sei­ne Karriere behut­sam wei­ter­ent­wi­ckeln und auf Qualität Acht geben. Ich wer­de mir also mei­ne Zeit neh­men. Doch ich wer­de ver­su­chen, so weit wie nur mög­lich zu kom­men. Ich wer­de ver­su­chen, dass das Publikum mich nicht als Schauspieler sieht, weil ich urplötz­lich in einem Film gespielt habe und des­halb urplötz­lich ein Schauspieler gewor­den bin, son­dern weil ich nach und nach, von Film zu Film, mei­ne Kunst, mei­ne Möglichkeiten, ver­schie­den Rollen zu ver­kör­pern, erar­bei­tet habe. Das ist das Spannende dar­an. Ich glau­be nicht, dass man einen Schauspieler auf Grund eines Filmes beur­tei­len kann. Erst nach einer Karriere von zehn, fünf­zehn, manch­mal dreis­sig Jahren kann man das tun. Mein Ziel ist es, mit guten Regisseuren zu arbei­ten. Ich stre­be eine inter­na­tio­na­le Karriere an. Doch dazu braucht es Zeit. Im Moment habe ich Aufträge in ver­schie­de­nen Ländern und ich hof­fe, dass ich das fort­set­zen kann. Ich möch­te nicht, dass die Leute eines Tages sagen wer­den: Wow, Carlos hat in einem Bondfilm mit­ge­macht! Darauf pfei­fe ich! (Lacht) Es ist toll, dass ich beim letz­ten «James Bond» eine Rolle spie­len durf­te, aber ich habe kei­ne Lust, dass die Leute nur das in Erinnerung behal­ten. Ich fän­de es toll, wenn man eines Tages sagen wird: Verdammt, den Carlos, den ich in die­sem Film gese­hen habe, ist nicht der­sel­be Carlos wie in die­sem oder jenem Film! Mein Ziel ist es, mei­ne Wandlungsfähigkeit als Darsteller wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und ein kom­plet­ter Schauspieler zu wer­den.

 Wegen Terminschwierigkeiten muss­test Du auf eine Teilnahme im Hollywood lm «My Life in Ruins» ver­zich­ten. Wann wer­den wir Dich in einem gros­sen Hollywood lm sehen?

Das habe nicht ich zu ent­schei­den.

 Bewirbst Du Dich? Hast Du etwas am Laufen?

Leider bin ich noch nicht in der Lage zu sagen, dass man mich mor­gen in einem Hollywoodfilm sehen wird. (Lacht) Das wäre dann doch zu ein­fach. Wir wer­den sehen. Ich hof­fe es. Noch habe ich gros­ses Vertrauen in den Schweizer Film. Auch das spa­ni­sche und deut­sche Kino reizt mich. Ich hat­te die­ses Casting für «My Life in Ruins». Ich hät­te die Rolle gehabt, aber lei­der kann man nicht über­all gleich­zei­tig sein. Dieses Jahr habe ich Projekte in Deutschland, Frankreich und hof­fent­lich auch in Spanien. Ich den­ke, dass Spanien ein sehr guter Brückenkopf sein kann, um den Sprung in die USA zu schaf­fen, denn es gibt enorm vie­le Schauspieler aus Spanien, die den Sprung geschafft haben.

 Der spa­ni­sche Film hat in Europa und der Welt einen aus­ge­zeich­ne­ten Ruf, nicht zuletzt wegen der Filme Almodóvars. Auch vie­le Spanier wie Javier Bardem, Penélope Cruz oder Antonio Banderas haben es schon in Hollywood geschafft. Was zeich­net das spa­ni­sche Kino aus?

Schwer zu sagen. Tatsache ist, dass das spa­ni­sche Kino sehr oft sur­rea­lis­ti­sche Themen auf die Leinwand bringt, ein biss­chen in der Art eines Dalís. Es gibt vie­le Regisseure in Spanien, die mit dem Surrealismus spie­len. Viele haben auch die­sen typisch spa­ni­schen Stolz. Das ist eine der Eigenarten des spa­ni­schen Kinos. Ich glau­be auch, dass Spanien ein Land ist, das gros­sen Respekt hat vor den Traditionen und die­se auch ger­ne in sei­nem Kino zeigt. Das ist etwas, was dem Ausland beson­ders gefällt. Almodóvar ist die trei­ben­de Lokomotive, doch hin­ter ihm scha­ren sich vie­le begab­te Regisseure. Ausserdem gibt es vie­le spa­ni­sche Darsteller, dank denen man das spa­ni­sche Kino inter­na­tio­nal bes­ser kennt, denn die Spanier arbei­ten mit Instinkt und Leidenschaft. Javier Bardem ist ein lei­den­schaft­li­cher Schauspieler, der nicht nur mit dem Kopf, son­dern auch mit sei­nen Eiern, (lacht) sei­nem Herzen und sei­nem Bauch arbei­tet. Das ist eine der Eigentümlichkeiten des spa­ni­schen Kinos.

 Und wie ist es in der Schweiz? Zurzeit wird hier­zu­lan­de über die staat­li­chen Fördergelder für das ein­hei­mi­sche Filmschaffen gestrit­ten. Wie siehst Du den Schweizer Film im inter­na­tio­na­len Umfeld? Hat er sich in Europa eta­bliert?

Nein, in Europa ist das Schweizer Kino nicht eta­bliert. Das ist klar. Der Schweizer Kino lm ist noch kein Exportgut. Einige Deutschschweizer Produktionen wer­den nach Deutschland oder nach Japan oder sonst wohin expor­tiert. Aber ich glau­be nicht, dass das Schweizer Kino genau­so gut ver­mark­tet wird wie zum Beispiel das däni­sche oder das iri­sche Kino. Das ist lei­der auch so, weil sich das Bild der Schweiz im Ausland auf ein paar weni­ge Dinge redu­ziert: oft auf Schokolade, Uhren und Berge. Das ist die trau­ri­ge Wahrheit. Wenn ich über die Schweiz spre­che, dann kom­men die­se Dinge zur Sprache, unab­hän­gig davon, wo ich mich im Ausland gera­de befin­de. Man wird Zeit brau­chen, bis man im Ausland ein ande­res Bild der Schweiz wahr­neh­men wird. Dazu braucht es auch Hilfe vom Fremdenverkehrsamt oder von Organisationen, die sich um das Image des Landes im Ausland bemü­hen. Man darf sich nicht nur auf die Uhrenindustrie, die Schokoladenproduzenten und auf den Schnee‐ und Bergtourismus beschrän­ken, auch die Kultur muss beach­tet wer­den. Ich war vor nicht all­zu lan­ger Zeit, ich glau­be vor zwei Jahren, in einem Flughafen – ich glau­be, es war der Zürcher Flughafen -, als ich einen Werbe lm der Schweizer Tourismusbranche gese­hen habe. Und end­lich, end­lich, nach so vie­len Jahren, sah ich zum ers­ten Mal in einem sol­chen Werbe lm jun­ge Menschen, Musikfestivalbesucher, Ausschnitte aus hei­mi­schen Kinofilmen und sol­che Dinge. Doch das hat sehr viel Zeit gebraucht, denn frü­her zeig­ten die Werbefilme der Schweizer Tourismusindustrie bloss die übli­chen hel­ve­ti­schen Klischees. Es ist jetzt wich­tig, dass die Schweiz auch die Kultur und die Künstler mit ein­be­zieht. Denn auf dem Gebiet der ange­wand­ten Kunst, bei­spiels­wei­se in der Architektur oder im Grafik‐ und Druckgewerbe, ist ihr Weltruf unbe­strit­ten. Ich sehe nicht ein, war­um ein Schweizer Film nicht auch im Ausland Erfolg haben kann oder ein Schweizer Schauspieler, des­sen Reputation über die Landesgrenzen reicht. Dafür gibt es kei­nen Grund. Ich habe immer schon gesagt, wenn es einen Roger Federer gibt, dann kann es auch einen Steven Spielberg geben. Warum denn nicht? Ich sehe nicht ein, war­um nicht. Es braucht Geld, das ist sicher. Aber man braucht auch Ideen und vor allem die Hilfe des Publikums und der Institutionen, damit das Schweizer Kino im Ausland bekannt wird.

 Eine letz­te Frage, die vor allem auch Deine Fans inter­es­sie­ren dürf­te. Wird es jemals wie­der ein Album von Sens Unik geben?

Oh, zur­zeit ist dies­be­züg­lich nichts vor­ge­se­hen. (Lacht) Das steht jeden­falls nicht in mei­nem Terminkalender. Aber man soll ja bekannt­lich nie­mals nie sagen. Ich ver­ste­he mich immer noch sehr gut mit mei­nen Freunden von Sens Unik. Interessant könn­te es wer­den, wenn auf ein­mal mei­ne inter­na­tio­na­le Karriere los­bre­chen wür­de oder ich wirk­lich gute Engagements krie­ge und in gros­sen inter­na­tio­na­len Projekten mit­wir­ken könn­te, dann viel­leicht ja. Dann wür­de ich mir sechs Monate Zeit neh­men und ein Album machen. Aber zur­zeit ist nichts in der Richtung geplant.

Bild: Santi Rodriguez
ensui­te, Januar 2008

 

 

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Artikel online veröffentlicht: 13. Oktober 2017