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Cultural appropriation: Oder darf man Rastas klauen?

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Von Patrik Etschmayer - Es gibt Dinge, bei denen man/​frau/​es eigent­lich nur ins Fettnäpfchen tre­ten kann. Das kul­tu­rel­le Abgrasen von ande­ren Ethnien ist so eine Sache, die seit Jahren in den USA ein stän­di­ges Thema gewe­sen und jetzt – über eine Aussage einer Zürcher SP‐​Vertreterin –auch in der Schweiz ange­kom­men ist.

Frau Yvonne Apiyo Brändle‐​Amolo bat dar­um, dass Weisse auf­hö­ren soll­ten, Rastas zu tra­gen, Jazz zu spie­len und an den kul­tu­rel­len Errungenschaften der Schwarzen zu ver­die­nen. Sie führ­te dabei schmerz­haf­te kul­tur­his­to­ri­sche Hintergründe an (zum Beispiel der ‹Cornrow›-Frisuren, die unter Sklaven erfun­den wur­den), fin­det es aller­dings durch­aus tole­rier­bar, wenn Weisse aus Freude an schwar­zer Kultur die­se aus­üb­ten und den Gewinn mit den Schöpfern irgend­wie teil­ten.

Es ist sogar zu einem gewis­sen Masse nach­voll­zieh­bar, was sie for­dert. Das Aneignen von frem­der Kultur zum Spass (Indianerkostüme, Rasta‐​Perücken an der Fasnacht etc., ganz fürch­ter­lich das soge­nann­te ‹Blackface› in den USA) sind respekt‐ und geschmack­los. Dabei wer­den kul­tu­rel­le Zeichen ohne gerings­te Ahnung, bes­ten­falls sehr igno­rant gepackt und ver­wurs­tet, schlimms­ten­falls durch nega­ti­ve Stereotypen und Lügen ver­brei­tet. Und wenn an einer Unterwäsche‐​Modeshow ein Modell im Indianerkostüm über den Laufsteg geht, darf man sich fra­gen, was das soll. Genauso, wie wenn eine Kollektion klar afri­ka­nisch inspi­rier­ter Kleider prak­tisch unter Ausschluss schwar­zer Modells gezeigt wird.

Und trotz­dem ist die­ser Anspruch auf die eige­ne Kultur ziem­lich frag­lich, erin­nert es doch unter umge­kehr­ten Vorzeichen dar­an, wie sich Weisse gegen dun­kel­häu­ti­ge Künstler in «ihrer» Kultur gewehrt hat­ten. Man den­ke zum Beispiel in der klas­si­schen Musik an die Sopranistin Leontyne Price, die in den 1950ern, als ers­te Afro‐​Amerikanerin, in einer Opern‐​Hauptrolle im US‐​Fernsehen auf­tre­ten woll­te, wor­auf diver­se loka­le Fernsehstationen die­se Übertragung aus Protest gegen die­se absag­ten. Ihre – fast aus­schliess­lich weis­sen – KünstlerkollegInnen hin­ge­gen sahen in ihr nicht eine Schwarze, son­dern eine unglaub­lich talen­tier­te Sängerin, die in der Folge Triumpfe auf der gan­zen Welt fei­er­te und mit ‹weis­ser› Kultur Ansehen, Ruhm, Achtung und auch Geld ver­dien­te. Denn: Singen war ihr Beruf.

Natürlich: Eine his­to­ri­sche Hypothek las­tet auf der euro­päi­schen Kultur und nicht ein­mal eine Geiss von der Grösse eines Titanosaurus wird je die­se Gräuel und die­se Unterdrückung, die wäh­rend und in der Folge des Kolonialismus ver­übt wur­den, weg­schle­cken kön­nen. Doch die­se Grausamkeiten wur­den nicht von den Musikern und Malern, von den Dichtern und Bildhauern oder Modeschöpfern voll­bracht.

Es waren und sind Künstler, die mit unglaub­li­cher Beharrlichkeit far­ben­blind sind und so durch ‹Aneignung› Rassismus und Ressentiments unter­gra­ben. Natürlich: Ein Elvis Presley ‹klau­te› schwar­ze Rhythmen, George Gershwin fusio­nier­te Klassik und Jazz und Jüdische Klänge – Aneignung wo immer man hin­sieht. Wer zu Gershwins Lebzeiten hin­ge­gen abso­lu­te Gegner kul­tu­rel­ler Aneignung sehen woll­te, muss­te ab 1933 nicht wei­ter als nach Berlin gehen. Jeder Musiker, der danach in Deutschland noch Jazz spiel­te, jeder Maler, der sich von afri­ka­ni­schen Masken inspi­rie­ren liess, jeder Bildhauer, des­sen Formsprache nicht dem natu­ra­lis­ti­schen Schönheitsideal eines Brekers oder Klimsch ent­sprach, muss­te mit dem Label «ent­ar­tet» rech­nen.

Der Gedanke dahin­ter war, dass ‹Blut und Rasse› Kultur bestim­men und die ‹Arier› daher auch die bes­te Kultur hät­ten. Und die wert­volls­ten Menschen sei­en und in Ultima Ratio das Recht hät­ten, ande­re Menschen zu ver­nich­ten, da jene min­der­wer­tig sei­en. Der bes­tia­li­sche Wahnsinn, der durch Holocaust und Vernichtungskrieg zum Ausdruck kamen, kreis­te dabei um ein schwar­zes Loch von einer Idee, die alle Menschlichkeit ver­schlang: Dass Menschen unter­schied­li­cher Rassen so ver­schie­den und von weit aus­ein­an­der­lie­gen­den Wesen sind, dass sie sich gegen­sei­tig nur als Feinde und Gegner betrach­ten kön­nen und alles auf einen Endkampf nach tau­send Jahren hin­aus­lau­fe. Die Menschheit als Einheit ist die­ser Ideologie fremd, das Mosaik tau­sen­der Kulturen, die zusam­men immer mehr sind als die Summe der Einzelteile, ist ihr ein Gräuel.

Nun ist Frau Brändle‐​Amolo natür­lich zwei bis drei Lichtjahre von einem sol­chen Wahnsinn ent­fernt und doch sieht sie Mauern zwi­schen den Kulturen, die gefäl­ligst nicht über­wun­den wer­den sol­len. Sie wird dabei durch die Realität ad absur­dum geführt, expor­tiert doch zum Beispiel ein St. Galler Unternehmen hier ent­wor­fe­ne und geweb­te Stoffe nach Westafrika, wo tra­di­tio­nel­le Gewänder aus die­sen gefer­tigt wer­den. Westliche Instrumente wer­den mit Freude, Können und Phantasie in den Afropop ein­ge­fügt, ja, Afropop ist erst durch den Export von weis­sem Pop nach Afrika mög­lich gewor­den. Wobei der Pop wie­der­um stark vom ‹weis­sem› Rock’n Roll beein­flusst wor­den ist, der sei­ner­seits von Rhythm and Blues und Jazz geprägt wur­de, wel­cher wie­der­um mit ‹weis­sen› Instrumenten, die von kul­tu­rell ent­wur­zel­ten Sklaven‐​Nachkommen ange­eig­net wur­den, erfun­den wor­den ist. Und ja, die­se Musik ist vor dem Hintergrund eines Jahrtausend‐​Unrechts ent­stan­den. Doch war es nicht zuletzt die­se Musik, wel­che Afro‐​Amerikanern in den Augen von vie­len Weissen zu ech­ten Menschen wach­sen liess, die nicht mehr ein­fach ‹Neger› waren, wie in den Jahrhunderten zuvor. Und die Wahrnehmungsmauern wur­den von weis­sen und far­bi­gen Musikern über­wun­den.

Das Aufnehmen frem­der Einflüsse in die eige­ne Kultur ist abso­lut mensch­lich und wird in der Regel nur von Reinheitsfanatikern bekämpft. Der Anspruch, dass eine Kultur gefäl­ligst nichts von ande­ren neh­men sol­le, ist so abwe­gig, wie jener auf kul­tu­rel­le Reinheit der eige­nen Kultur. Der Austausch zwi­schen Kulturen hat ver­mut­lich mehr gegen Rassismus und Vorurteile geleis­tet, als jedes par­tei­po­li­ti­sche Programm dies je konn­ten. Der Versuch, Kultur an ein­zel­ne Menschengruppen zu bin­den ist absurd und schäd­lich. Vor allem ist es unmensch­lich. Oder wie wäre es, wenn jemand den Anspruch dar­auf erhe­ben wür­de, dass nur Deutsche Bücher dru­cken dür­fen, weil der Buchdruck schliess­lich von Gutenberg erfun­den wur­de.

Sensibler und respekt­vol­ler Umgang mit Kultur kann eigent­lich nur die Regel wer­den, wenn Kulturen sich offen und selbst­be­wusst prä­sen­tie­ren und all jene will­kom­men heis­sen, die sie ehr­lich erfah­ren, ver­ste­hen und womög­lich auch leben wol­len. Ganz egal, ob die Farbe passt oder nicht. Dann wird näm­lich das Problem der kom­mer­zi­ell ver­wurs­te­ten, kul­tu­rel­len Versatzstücke irgend­wann von allen ver­ach­tet und als das erkannt wer­den, was die­se sind: Eine bil­li­ge Methode, ohne jeden Respekt frem­de Kulturen für den per­sön­li­chen Gewinn zu plün­dern. Und da der kom­mer­zi­el­le Misserfolg von sol­chen Produkten prak­tisch garan­tiert ist, wür­de sich die­ses Problem von selbst lösen: Wer kauft schon den Fake, wenn es das Echte eben­so gibt?

 

Bild: Die Marke Vlisco hat die afri­ka­ni­sche Mode geprägt, wie kaum etwas – kommt aber aus den Niederlanden.