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Denkmal für einen Spanienkämpfer

Von Ralph Hug - Erstmals ist eine ausführliche politische Biografie eines Schweizer Spanienkämpfers erschienen. Im Buch «St. Gallen – Moskau – Aragón. Das Leben des Spanienkämpfers Walter Wagner» steht der Lebensweg eines engagierten Antifaschisten im Zentrum.

1936 putschten rebellische Generäle gegen die junge spanische Republik. Ein Bürgerkrieg brach aus, der die ganze Welt bewegte. Am Ende gewann Franco mit Hilfe von Hitler und Mussolini, und er errichtete eine 40-​jährige Diktatur. Um der bedrohten Republik zu helfen, strömten Tausende von antifaschistischen Freiwilligen aus aller Welt nach Spanien. Rund achthundert kamen aus der Schweiz. Einer von ihnen war der St. Galler Walter Wagner (1913−2006).

Anhand von Interviews und Archivquellen habe ich seine aussergewöhnliche Biografie recherchiert. Dabei wurden die grossen historischen Umbrüche vor und nach dem Zweiten Weltkrieg sichtbar, die Wagner mitgemacht hatte. Es ging mir auch darum, exemplarisch die schwierige Situation der antifaschistischen Opposition in der Schweiz der 1930er Jahre darzustellen.

Schon früh stiess der Arbeitersohn Wagner zur kommunistischen Bewegung, die damals sehr aktiv war. Wagner galt als einer der jungen Hoffnungsträger der Partei. Aus diesem Grund wurde ihm ein Lehrgang in der renommierten Leninschule in Moskau ermöglicht. In dieser Kaderschmiede für künftige Revolutionäre lernte Wagner den Stalinismus von innen kennen. Bald dämmerte dem jungen Mann, dass es mit der Meinungsfreiheit nicht sehr weit her war. Dennoch war er damals noch vom Kommunismus überzeugt. Er hielt das Ideal einer Gesellschaft ohne Ausbeutung hoch, geriet aber gleichzeitig in Konflikte. Wäre er nur ein Jahr länger in Moskau geblieben, so wäre er zweifellos dem stalinistischen Terror zum Opfer gefallen.

Sein politisches Engagement führte Wagner 1937 nach Spanien, wo der Faschismus erstmals auf einen international organisierten Widerstand stiess. Wagner kämpfte sowohl in den Internationalen Brigaden als auch in den Reihen der anarchistischen Milizen, in die er per Zufall geraten war. Wagner machte die grausamen Schlachten von Teruel und am Ebro mit, denen Tausende zum Opfer fielen. Ebenso erlebte er den Machtkampf innerhalb der Linken, wie er in Ken Loachs bekanntem Film «Land and Freedom» thematisiert wird. Im Herbst 1938 kehrte er wegen einer Krankheit vorzeitig in die Schweiz zurück. Wie alle Spanienfreiwilligen wurde er wegen fremden Militärdienst vors Divisionsgericht gestellt. Er musste vier Monate ins Gefängnis und zusätzlich zu dieser Gefängnisstrafe wurden ihm ein Jahr lang die politischen Rechte aberkannt.

Diese Gesinnungsjustiz war schon damals heftig umstritten. Die Schweiz war das einzige Land, das die Spanienkämpfer ins Gefängnis steckte und jede Amnestie ablehnte. Die ungerechten Militärurteile sind heute noch in Kraft. Die politischen Bemühungen um eine Rehabilitation brachten bis jetzt lediglich eine moralische Anerkennung der Spanienfreiwilligen als Kämpfer für Demokratie und Freiheit. Was noch fehlt, ist die Aufhebung der Militärurteile und die Wiedergutmachung. Eine entsprechende Initiative zu diesem Thema wird im Nationalrat demnächst beraten.

1942 kehrte Wagner dem Kommunismus den Rücken und trat in die Sozialdemokratie über. Er fand in einer Brauerei in St. Gallen Arbeit, wurde Gewerkschafter und Lokalpolitiker. Als Funktionär der Transportgewerkschaft VHTL baute er die Arbeitnehmerorganisation in der Zentralschweiz auf, bevor er ins private Transportgewerbe wechselte. Nach seiner Pensionierung lebte er bis zu seinem Tod im Juni 2006 in der bernischen Gemeinde Bätterkinden. Bis ins hohe Alter war er in der dortigen Lokalsektion der SP aktiv.

Walter Wagner hat den Glauben an eine gerechtere Welt nie aufgegeben. Er schrieb 1991: «Der real existierende Sozialismus in der Sowjetunion und andern osteuropäischen Staaten ist zusammengebrochen. Das kann mich nicht davon abhalten, weiterhin Sozialist zu bleiben und vermag auch meine Hoffnung auf einen wirklichen, menschlichen und demokratischen Sozialismus nicht zu erschüttern. Ebenso wenig wie mich die real existierende Demokratie davon abhalten kann, weiterhin Demokrat zu sein und für eine bessere Demokratie einzustehen.»

St. Gallen, Moskau und Aragón bezeichnen die Marksteine in Wagners Leben. Sie haben seine politische Identität wie diejenige einer ganzen Generation von Linken geprägt. Mit Wagner starb auch die Generation der Spanienkämpfer aus. In meinem Buch habe ich ihnen stellvertretend ein Denkmal fürs kollektive Gedächtnis der Schweiz gesetzt.

Ralph Hug

geboren 1954, studierte Germanistik und Philosophie. Er arbeitet als Publizist und Autor mit Schwerpunkt auf historischen und gewerkschaftlichen Themen. «St.Gallen – Moskau – Aragón. Das Leben des Spanienkämpfers Walter Wagner» ist im März 2007 im Rotpunktverlag erschienen.

Bild: zVg.
ensuite, November 2007

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Artikel online veröffentlicht: 5. September 2017