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Die schrecklichen Romantiker

Von Patrik Etschmayer - Romantik. Tönt doch schön. Ja, der Geist des Idealismus, der die Welt aus den Tiefen des 19. Jahrhunderts durch­weht und auch heu­te noch plötz­lich zu einem Sturm anschwel­len kann, der Länder erschüt­tert und Gesellschaften auf den Kopf stellt. Die Sehnsucht nach dem Wahren, Reinen, nicht durch Kompromiss und Realismus Verschmutzten ist manch­mal so gross, dass sie jeden ver­nünf­ti­gen Einwand weg­bläst wie ein Orkan ein Open‐​Air‐​Zeltchen.

Romantik in ihrer letz­ten Konsequenz ist vor allem für die Unzufriedenen inter­es­sant. Für jene, die sich von der Welt zurück­ge­stos­sen füh­len und den Fehler dafür nur in die­ser sehen. Denn das Ziel ist eine «idea­le» Welt, eine Welt, die qua­si mass­ge­schnei­dert ist. Und um etwas nach Mass zu schnei­dern, muss alles weg, was nicht passt. So eben auch die Welt, wie sie exis­tiert. Und die Menschen, die nicht das glei­che Ideal wol­len oder nicht zu die­sem pas­sen.

So sind IS‐​Terroristen, Nazi‐​Mörder und mao­is­ti­sche Kader denn eigent­lich nichts ande­res als zor­ni­ge Romantiker. Diese Bewegungen sind übli­cher­wei­se von jugend­li­chem Furor ange­trie­ben (wobei die Anführer frei­lich von älte­rem Kaliber sind), doch jetzt eta­blier­te sich im Westen eine wei­te­re roman­ti­sche Bewegung, die sich schein­bar vor allem aus Personen ab Mitte fünf­zig kon­sti­tu­iert.

Die «Wutbürger» has­sen die Demokratie, wenn Wahl‐ oder Abstimmungsresultate nicht ihren Vorstellungen ent­spre­chen, lie­ben sie aber umso mehr, wenn sie gewin­nen – so sehr, dass sie sie am liebs­ten gleich abschaf­fen wür­den, wenn sich durch ein Wahlsieg die Gelegenheit ergibt. Genauso wie ihre Wiedergänger aus der Vergangenheit seh­nen sie sich nach einer idea­le­ren, ande­ren Welt. Wobei sie aller­dings kei­ne Zukunfts‐ son­dern Vergangenheitsvisionen haben. Das heisst, sie seh­nen sich für die Zukunft eine Vergangenheit her­bei, die es so gar nie gege­ben hat.

Doch das ist egal. Alles, was angeb­lich mal gewe­sen ist, wird in die­sen Köpfen ewig wah­res Faktum. Wobei die­ses Ideal – mit weni­gen Ausnahmen – ver­blüf­fend der Welt ähn­lich sieht, die ein Kind in den Sechziger‐ und Siebzigerjahren wahr­ge­nom­men hät­te. Gut und böse sind klar defi­niert, Grautöne gibt es nicht. Autoritäten gel­ten noch, Fremdes ist vor allem bedroh­lich, bes­ten­falls deko­ra­ti­ves Versatzstück. Und «wir» sind Deutsche/​Schweizer/​Österreicher/​Ungarn/​Tschechen/​Türken/​Amerikaner und nichts ande­res.

Es ist kein Zufall, dass der Ursprung des deut­schen Nationalismus in der roman­ti­schen Bewegung lag. Denn die­se ver­wei­ger­te sich dem Faktischen und schrieb das «Gefühl» ganz gross. So auch das Gefühl, im dama­lig klein­staa­tig zer­stü­ckel­ten Deutschland zu einer gemein­sa­men Nation zu gehö­ren. Dass die Idee der Nation damals noch ziem­lich radi­kal neu und das ers­te Mal in Frankreich eta­bliert und kurz dar­auf gran­di­os geschei­tert war, ist dabei unwich­tig. Das Gefühl ist wich­ti­ger, und die­ses emp­fin­det, dass «Nation» viel älter als die geschrie­be­ne Geschichte, ja die ursprüng­li­che, schick­sals­haf­te Bestimmung des Volkes ist.

Dieses «Nationalempfinden» ist genau so Mumpitz wie die Rassenlehre, die, wie die Romantik auch, Kind des 19. Jahrhunderts ist und die Basis für Nazismus, aber auch alle national‐​patriotischen Bewegungen ist. Bevölkerungsströme, wel­che die Ethnien von Europa wäh­rend Jahrhunderten durch­mischt haben, wer­den dabei eben­so kon­se­quent igno­riert wie die Kulturgeschichte, die in Zentraleuropa von stän­di­gen gegen­sei­ti­gen Inspirationen gelebt hat. Fakten spie­len kei­ne Rolle. Das Gefühl ist alles.

Das Gefühl ver­trägt kei­ne Veränderung. Wenn der Staat also nicht mehr der glei­che ist wie jener, der emp­fun­den wur­de, als das Bild geformt wur­de, emp­fin­det man dies als Verrat. Und wer sich ver­ra­ten fühlt, sucht eine neue Heimat. Dass nun aus­ge­rech­net vie­le Mitglieder einer Generation, die im kal­ten Krieg ihre for­ma­ti­ven Jahre erleb­ten, mit Sehnsucht nach Russland mit sei­nem Ex‐​KGB‐​Präsidenten bli­cken, hat eine tra­gi­ko­mi­sche Komponente. Damals war es klar, wo die Lügenpresse zu ver­or­ten war. Wenn im Deutschlandfunk Pressemeldungen aus dem «Neuen Deutschland» oder der «Prawda» ver­le­sen wur­den, war es bei­na­he unheim­lich, wie plump dort offen­sicht­li­che Realitäten ver­dreht und Propaganda betrie­ben wur­de, dass sich die Balken bogen.

Wenn aber heu­te sol­che «alter­na­ti­ven Fakten» ver­brei­tet wer­den, wäre es eigent­lich ein­fa­cher als je zuvor, die­se als genau das zu ent­lar­ven, was sie sind: Lügen. Doch Fakten zäh­len nicht mehr. Wenn die Lügen dem Gefühl ent­spre­chen, wer­den sie der Realität vor­ge­zo­gen (was übri­gens alle poli­ti­schen Richtungen betrifft). Die neue Rechte hat dies kla­rer erkannt als alle ande­ren, und es wird daher mit einer Konsequenz und einem Furor gelo­gen, wie man sie seit den Spätstalinisten nicht mehr gese­hen hat, Hauptsache, die Gefühle wer­den bedient.

Und viel fin­den ja auch, dass das «Bauchgefühl», die «Intuition» wie­der zu ihrem Recht kom­men soll­ten. Doch DAS war noch nie das Problem. Gefühle sind ja tat­säch­lich die Antennen des Hirns, die dazu die­nen, bei man­gel­haf­ter Informationslage (wie zum Beispiel in vor­ge­schicht­li­chen Zeiten oder wenn man allein im dunk­len Wald ist) die Entscheidung zu tref­fen, die einen eher über­le­ben lässt. Und da, wenn man nur ein Leben zu ver­lie­ren hat, Pessimismus einer aus­ge­wo­ge­nen Abwägung der Tatsachen vor­zu­zie­hen ist, wer­den nega­ti­ve Meldungen lie­ber geglaubt als neu­tra­le oder gar posi­tiv gehal­te­ne. Oder kurz: Eine düs­te­re Lüge spricht die Gefühle effek­ti­ver an als eine opti­mis­ti­sche Wahrheit.

Wobei die nega­ti­ven Gefühle nie­mals durch das eige­ne Verhalten oder die eige­ne Identität begrün­det sein dür­fen. Weshalb es denn auch schlech­te News gibt, die mit Vehemenz ver­leug­net wer­den. Der Klimawandel hat eben etwas mit der der eige­nen kul­tu­rel­len Identität ver­bun­de­nen Lebensweise zu tun, und er wird vor allem durch empi­ri­sche Daten und nicht Gefühligkeiten unter­mau­ert: Ein tem­po­rä­rer regio­na­ler Kaltlufteinbruch reicht denn jeweils, um Millionen von Messungen als sub­stanz­lo­se Angstpropaganda zu ver­dam­men.

Dagegen ist es wesent­lich woh­li­ger, sich in einem Mantel aus selbst­ge­fäl­li­gem Hass und Schuldzuweisungen an ande­re vor einem war­men Feuerchen aus Ressentiments und Eigenlob ein­zu­kuscheln und der Welt den Stinkefinger zu zei­gen. Und wenn das nicht ech­te Romantik ist, was dann?

 

Bild: Schauspieler und Komiker Hans‐​Joachim Heist, als «Gerold Hassknecht» in der Heuteshow auf ZDF (jeweils Freitags, nach 22:00 Uhr…)

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Artikel online veröffentlicht: 8. Januar 2018 – aktualisiert am 10. Februar 2018