• zurück

Hurra, wir kapitulieren!

Von Lukas Vogelsang - Unbeirrt, als wären die Gratiszeitungspossen nicht schon genug, als wür­de die Mörgele‐​Mengele‐​Story nicht als peinlich‐​billiges Pseudo‐​Oppositionsgepiepe in Vergessenheit ver­sin­ken, als wären die Medien nichts ande­res als eine lus­ti­ge Freizeitbeschäftigung von ein paar horn­bril­len­tra­gen­den Menschen: Der Standort Schweiz ist ein media­les Desaster. Zum einen sind die Verlage sel­ber Schuld, dass die Presse hier so viel Anerkennung erhält wie momen­tan der Dollar. Andererseits haben die wir­re Wirtschaft und die schlau­meie­ri­sche Politik dem Zeitgeist auf die Sprünge gehol­fen. Gäbe es doch end­lich eine Fasnacht, wel­che die­sen respekt­lo­sen Zeitgeist ver­ja­gen wür­de…

Diesmal wet­tern wir über die Radiokonzessionen und deren Beförderungssystem. Zürich hat dar­in eine schlim­me Geschichte geschrie­ben. «Das ist doch eher wie in Seldwyla», pol­ter­te Nationalrat Filippo Leutenegger im «Tages‐​Anzeiger» vom 14. März und hat damit schon recht. Sogar Arthur Vogel, Chefredaktor vom «Bund» schrieb im «Bund»Blog: «Wenn ich sol­che Meldungen lese, habe ich ein ungu­tes Gefühl. Medien und Behörden das geht nicht zusam­men. Regierungen, die emp­feh­len, wel­che Medien über­le­ben und wel­che ster­ben sol­len: Da sträu­ben sich mir die Nackenhaare.»

Darum geht’s: Die Zürcher Regierung hat sich einen Sport dar­aus gemacht, öffent­lich dar­über zu debat­tie­ren, wel­ches Radio die UKW‐​Konzessionsempfehlung erhal­ten soll und wel­che nicht. Im Klartext geht’s dar­um, wel­che Sender über die «nor­ma­len» UKW‐​Wellen noch gehört wer­den kön­nen und wel­che im Kabel ver­schwin­den. Dabei muss man natür­lich wis­sen, dass das UVEK (Eidgenössisches Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation) die­se Frequenzen ver­teilt und man sich dafür bewer­ben muss. Das geht nach Senderegion. Die Züricher Regierung hat nun der UVEK ein Empfehlungsschreiben zuge­stellt – sogar in zwei­fa­cher Ausführung: Zuerst der klar for­mu­lier­te Wunschbefehl und danach eine neu­tra­le­re Stellungsnahme. Es hat ja nie­mand aus­ser der gesam­ten Schweiz inner­halb eines Tages mit­le­sen kön­nen, was die Zürcher Regierung in Zukunft noch hören will. Es war ganz dis­kret.

Filippo Leutenegger, sicher auch nicht immer über jede Zweifel erha­ben, hat es auch so for­mu­liert: «Ganz klar. Jede Regierung will am liebs­ten Medien, die ihre Communiqué́s wie im Mittelalter über den Herold brav und buch­sta­ben­ge­treu ver­kün­den.» Damit hat der Leutenegger aber wirk­lich auch wie­der mal recht: Wie kann eine Regierung über­haupt auf die Idee kom­men, eine sol­che Empfehlung öffent­lich zu machen? Die Hintergedanken sind ein­fach: Die gros­sen und pri­va­ten Stationen, wel­che den gros­sen und pri­va­ten Grosskonzernen gehö­ren, wer­den so oder so über Zürich berich­ten. Die muss man nicht unter­stüt­zen – im Gegenteil.

Etwas mehr Dynamik kön­nen die­se Radios ver­dau­en, schliess­lich ver­die­nen die Grosskonzerne viel Geld und sol­len dies auch wie­der sinn­voll inves­tie­ren – nicht nur in Managerlöhne, die jedes Regierungsratsmitglied ins Lächerliche drän­gen. Ein Hintergedanke mag sogar sein, dass viel­leicht der eine oder ande­re Konzern dafür ein Gratisblatt weni­ger pro­du­ziert und damit einen gros­sen Beitrag an ein öko­lo­gi­sche­res Züri leis­tet. Ja, sol­che Kausalitäten muss man heu­te mit­rech­nen.

Zu ver­mei­den, dass ein­zel­ne RätInnen laut den­ken, ist ja kaum mög­lich. Aber dass dies noch pau­schal gesche­hen muss, mutet mir zu sehr nach den Vorbildern Russland und China an, ganz im Sinne von Henryk Broders neus­tem Buch «Hurra, wir kapi­tu­lie­ren!». Nur geht’s dies­mal nicht um isla­mis­ti­sche Grundwerte, son­dern um die schwei­ze­ri­sche Pressefreiheit also nicht um Karikaturen, damit begin­nen wir jetzt nicht auch noch. Das ersetzt für uns «Mörgele».

Und was wird nun gesche­hen? Wird auf­grund die­ser war­men Empfehlung die UVEK die Zürcher Radiogeschichte umschrei­ben und alles auf den Kopf stel­len? Oder bleibt alles beim Alten, damit nicht noch jemand auf die Idee kommt, mit dem Mercedes in irgend­wel­che Eingangshallen zu fah­ren? Wir schwin­gen schon mal die weis­sen Fahnen und kapi­tu­lie­ren. Hurra!

Aus der Serie Von Menschen und Medien
Cartoon: www​.fauser​.ch
ensui­te, April 2008

FacebooktwitterlinkedinFacebooktwitterlinkedin
Artikel online veröffentlicht: 22. Oktober 2017