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Jetzt alles kryptisch oder was?

Von Lukas Vogelsang - Seit Mitte 2017 sind Kryptowährungen ganz gross in den Medien und jagen einen Gewinnzuwachsrekord nach dem ande­ren. Diesmal sind die FinanzjongleurInnen aber in Jeans und Pulli unter­wegs statt in Anzug und Krawatte. Im Dezember 2017 erreich­ten die digi­ta­len Währungen einen sur­rea­len Höhepunkt, haupt­säch­lich gene­riert durch eine unglaub­li­che Anzahl neu­er AnlegerInnen, wel­che vor allem das schnel­le Geld gese­hen haben. Die exor­bi­tan­ten Gewinnmeldungen hat­ten ange­lockt: Finanzhaie, Institutionen sowie ein­fa­che PrivatanlegerInnen in hohen Mengen. Man erkun­dig­te sich nach den Möglichkeiten, um auch sei­nen Gewinn von die­sen Geldmaschinen zu abzu­ho­len. Wer noch nicht gekauft hat­te, woll­te jetzt dabei sein.

Viele Börsenplattformen waren dem Ansturm nicht gewach­sen, ver­mel­de­ten Pannen oder schlos­sen die Tore für Neuanmeldungen von Privaten. Der Ansturm der Gier blo­ckier­te öfter mal einen Server, und Transaktionen wur­den immer lang­sa­mer. Schnelles Geld! Gewinne von 100 % in ein paar Tagen – so absurd es klingt, es war mög­lich. Es war die letz­te Schlacht am kal­ten Buffet.

Das ging genau 14 Tage gut. Gleich im Januar kam der Dämpfer: Die Kurse bra­chen ein. In der Überhitzung waren vor allem im asia­ti­schen Raum, allen vor­an in Südkorea und China, die Behörden aktiv gewor­den. Sie ver­lang­ten staat­li­che Kontrolle und Überwachung – das eigent­li­che Gegenteil von dem, was die Kryptowährungen anstre­ben – und man sprach Verbote aus, schloss Börsen. Diese Verunsicherung ver­lei­te­te vie­le AnlegerInnen zu mas­si­ven Verkäufen ihrer Kryptowährungen. Das drück­te die Kurse. Auch die NeukryptoianerInnen, wel­che sich nicht gewohnt waren, dass ein Gewinn von 100 % auch ein Verlust von 100 % sein könn­te, beka­men Angst und ver­kauf­ten. Also all die Millionen NeuzugängerInnen, wel­che im Dezember oft schon zu spät und zu jetzt hohen Preisen ein­ge­stie­gen waren, woll­ten wie­der raus! Und das sehr schnell. Parallel dazu kam der nor­ma­le Aktienhandel unter Druck und brach ein. Gut mög­lich, dass die Kryptowährungen gene­rell die nor­ma­le Weltanordnung hat. Ein Zusammenhang ist nicht aus­zu­schlies­sen.

Ein Chaos, aber eigent­lich ein ganz nor­ma­les. Zeitlich spiel­te sich alles inner­halb von ca. zwei Monaten ab. Wer die Kurse stu­diert, sieht, dass sich kaum was ver­än­dert hat, ver­gli­chen mit Anfang Dezember. Nur eines: Der Traum von all­zu schnel­lem Geld ist mal wie­der zusam­men­ge­bro­chen. Aber das ist schon alles. Deswegen ist es aus­ser in den Medien, die sich hyper­ak­tiv mit ver­meint­li­chen Storys in Position brin­gen wol­len, bedenk­lich ruhig in den Märkten. Bitcoins und die ande­ren Kryptowährungen sind nicht gestor­ben und wer­den so schnell nicht ver­schwin­den. Wahrscheinlich im Gegenteil. Wer die posi­ti­ven Meldungen über Zusammenschlüsse und Kooperationen der Firmen hin­ter eini­gen Kryptowährungen gele­sen hat, weiss wie­so.

Doch was sind Kryptowährungen über­haupt? Worum geht es da?

Im Jahr 2008, ein paar Monate nach dem Zusammenbruch der unver­ant­wort­li­chen Misswirtschaft der Banken (Lehman Brothers), wel­che eine glo­ba­le Finanzkrise aus­lös­te, erschien das «White Paper» zu Bitcoin. Das ist so was wie das Grundlagenpapier, das Leitbild einer meist tech­ni­schen Lösung. Es war die Grundlage für eine neue Währung: digi­tal, sicher, ohne den Banken und den bekann­ten Mächtigen, die alle an unse­rem Geld ver­die­nen, auch nur einen Finger zu krüm­men. Dieses «White Paper» brach­te erst mal bei den digi­ta­len Nerds die Augen zum Leuchten, vie­le hör­ten ein­fach mal gut zu. Alle ande­ren ver­such­ten, Sand zu streu­en. Kaum jemand glaub­te dar­an, dass die­se «Bitcoins» was taug­ten. Der bes­te Nährboden dafür also, dass ein Projekt unge­stört wach­sen kann. Und lan­ge Zeit war es auch ziem­lich ruhig und die Entwicklung brumm­te vor­an.

Die Proteste in Spanien und der Arabische Frühling (begann 2010) und die Staatsfinanzkrise in Griechenland – sie alle kamen zum glei­chen Zeitpunkt mit den glei­chen Themen: Geld, Freiheit, Demokratie und vor allem mit der Kritik an den alten Machtgefügen. Ab 2011 wun­der­ten wir uns über die Occupy‐​Bewegungen, die sich welt­weit in Camps breit­mach­ten. Auch in Zürich. Es waren Aufschreie und Aktionen jün­ge­rer Generationen, die die Nase gestri­chen voll hat­ten von die­sen «alten Mächten» und eine ande­re Zukunft such­ten. Die meis­ten Camps und Proteste wur­den zer­schla­gen, und es wur­de viel Aufwand betrie­ben, die Stimmen zum Schweigen zu brin­gen. Weltweit nahm man dabei auch Gewalt und Tote in Kauf. Die Grundprobleme blie­ben aber unge­löst, die Unzufriedenheit blieb. Im Kern wur­den Projekte und Ideen zur Umsetzung der Menschenrechte und einer neu­en Weltordnung gefüt­tert. Viele neue Ideen zu Demokratie und Gesellschaften fan­den ab die­ser Zeit einen wil­li­gen und kräf­ti­gen Nährboden und vie­les geriet in den Denkfabriken in Bewegung. Neue Systeme muss­ten stär­ker wer­den, stra­te­gi­scher. So fan­den auch die Kryptowährungen mit die­sen Bewegungen neue AnhängerInnen und eben­so neue Ideen. Denn Geld ist Macht. Vor allem für jene, die den Geldfluss steu­ern. Aber Ideen sind noch mäch­ti­ger.

Kryptowährungen sind eine neue Art von Geldwährung, die evo­lu­ti­ons­tech­nisch gewach­sen ist. Man könn­te sagen, sie sind eine Mischung aus Crowdfunding, Aktienhandel, Anleger‐
optio­nen und Zahlungsverkehr. Vielleicht neh­men wir noch den Kunsthandel hin­zu – das passt auch ganz gut. Klingt das ver­rückt? Vielleicht. Mit Schneeballsystemen hat das auf jeden Fall nichts zu tun. Bei Kryptowährungen sind nur ein paar Dinge anders:
Einerseits kann man kei­nen Kredit auf­neh­men. Das heisst, jeder Batzen (Coin) ist irgend­wie mal von irgend­je­man­dem bezahlt wor­den. Unterdessen ist es zwar üblich, dass man mit einer Kryptowährung eine ande­re kauft – aber das ist eben­so mit nor­ma­len Währungen gleich: Man kauft auch Euros mit Dollars. Da die Kryptowährungen ihre Coins oft in der Anzahl begren­zen, ist der Markt ziem­lich über­sicht­lich und kein Fass ohne Boden. Und es macht eine Währung rar, wie ein Kunstobjekt.

Ich muss Kryptowährungen nicht auf einer Bank las­sen, son­dern kann die­se – genau­so sicher! – bei mir zu Hause depo­nie­ren. Die Sicherheit, das gros­se Schlüsselthema von Geld, ist die eigent­li­che tech­ni­sche Errungenschaft in der kryp­ti­schen Welt: Während nor­ma­les vir­tu­el­les Geld (also alles aus­ser­halb von Bargeld) nur von staat­lich akzep­tier­ten und lizen­zier­ten Institutionen bewegt wer­den darf, wer­den vie­le Kryptowährungen über die soge­nann­te Blockchain trans­fe­riert. Dieses System bedeu­tet: Eine Überweisung von A nach B wird nicht nur von A und B bestä­tigt (her­kömm­lich), son­dern gleich­zei­tig von allen Teilnehmern im besag­ten Netz. Es gibt also immer Tausende von Zeugen für einen Transfer und die Daten zum Transfer wer­den eben­so an Tausenden Orten abge­legt. Diese Protokolle wer­den in Datenblöcken hin­ter­ein­an­der (wie eine Kette) in Files notiert – was eben der Begriff «Blockchain» bedeu­tet. Jede Transaktion hat also auch eine Archivierungsadresse, die jeder sehen kann. Das ist fäl­schungs­si­cher. Und selbst wenn man in den Medien dau­ernd über Diebstähle hört, so sind das eigent­lich nur «Enkeltrick‐​Betrüger», die Neulingen, wel­che die Technologien und Software nicht ver­ste­hen, durch bil­li­ge (oder fie­se) Tricks den Opfern das Geld abknöp­fen. Die Meldungen, dass ein Hacker etwas steh­len kann, kommt dann einem nor­ma­len Banküberfall gleich. Und sol­che Meldungen gibt’s, seit es Bargeld gibt im Wochentakt, und oft sind auch hier Portale betrof­fen, die eh etwas zwei­fel­haft waren. Kleiner Vorteil: Wenn heu­te jeman­dem 20 Bitcoins gestoh­len wer­den, die er vor 8 Jahren gekauft hat, dann hat er effek­tiv und real knapp 5 Franken ver­lo­ren, wenn über­haupt. Das über­lebt man – zudem haben vie­le Börsen eine Deckung für sol­che Verluste auf­ge­baut. Natürlich: Heute hät­te das einen unge­fäh­ren Gegenwert von 185 000 Franken (Stand 15.2.2018). Aber auch ein Bild von Van Gogh war mal bil­li­ger.

Jede Bewegung wird also «gese­hen». Deswegen aller­dings müs­sen Kryptowährungen‐​Transfers auch anonym bewegt wer­den, denn das wäre etwas zu viel Transparenz; ver­ständ­lich. Zudem ist das System wie beim nor­ma­len Geld: Wer ein Konto besitzt, muss den Gewinn ver­steu­ern, der in Geld umge­wan­delt wird. Darauf wird über­all hin­ge­wie­sen. Im Ablauf ist das also genau gleich wie im nor­ma­len Aktienhandel. Bargeld wie­der­um, wel­ches man im Koffer über die Grenze schmug­geln kann, gibt’s nicht, und wer Kryptowährungen in nor­ma­les Geld umtau­schen will, muss wie­der ein Konto haben – bei einer Bank. In bar kriegt man das eigent­lich nicht direkt umge­wan­delt – aus­ser in Warenwert. Man kann manch­mal also direkt Dinge bezah­len.

Das System Blockchain ist denn auch die neue ver­heis­sungs­vol­le Dampfmaschine, die unse­re Zukunft ver­än­dern wird. Man arbei­tet zur­zeit dar­an, auch Dokumente über das Blockchain‐​Verfahren zu bewe­gen: offi­zi­el­le Dokumente, nota­ri­el­le Beglaubigungen etc … Das wird eini­ges ver­än­dern. Die Blockchain, die Idee und das Verstehen davon, das ist Zukunft. Es wird schon bald nicht mehr mög­lich sein, ohne die­se Denkweise und Technik zu inte­grie­ren, Projekte zu pla­nen. Und das bedeu­tet auch, dass sich grund­le­gen­de Gedanken und Wertesysteme unse­rer Gesellschaften ver­än­dern wer­den. Endlich!

Dies alles ist übri­gens weni­ger ver­rückt als unse­re Finanzsystem von heu­te: Der Schweizer Franken ist schon längst nicht mehr an Gold gebun­den. An der letz­ten Abstimmung zu die­sem Thema, am 30. November 2014, wur­de das auch klar (mit 77,3%) abge­lehnt. Und so bestim­men die Banken (Nationalbanken) und die Politik über den Wert, das Vermögen und den Geldfluss. Deswegen wer­den Banken auch mit Steuergeld geret­tet: Es ist alles Luft, aber alle glau­ben dar­an. Mein vir­tu­el­les Postkonto hat noch nie rea­les Geld gese­hen. Mein Visa‐​Konto eben­so. Wenn ich mit einer Kreditkarte bezah­le, so funk­tio­niert das nur, weil die Institute, wel­che sich vir­tu­el­le Geldüberweisungen zuspie­len, sich gegen­sei­tig «respek­tie­ren». Das ist aber dann auch schon alles. Es gibt kei­nen Tresor, in dem «mein Geld» gela­gert wird, und die Geld‐​Postkutsche fährt auch längst nicht mehr. Wenn alle gleich­zei­tig zu einer Bank ren­nen und ihr Geld abhe­ben wol­len, wird es zum gros­sen Teil feh­len und das Institut ist plei­te. Kryptowährungsbörsen zah­len kei­ne Zinsen – für sol­che Zugewinne ist der Handel zustän­dig und die Transfergebühren sind nor­ma­ler­wei­se gering. Bei der Postfinance oder der Bank bezah­le ich noch dafür, dass die mein Geld «vir­tu­ell» auf­füh­ren. Sie tun gar nichts damit – aber ich zah­le dafür, dass ich sel­ber mein Konto pfle­ge, Geld ein‐ und aus­zah­le usw.
Logisch, haben die Finanzinstitutionen kein Interesse dar­an, den Goldesel kampf­los auf­zu­ge­ben. Man muss sich das wirk­lich vor­stel­len: Die Finanzwelt ver­dient das Geld nur durch nichts und baut sich sel­ber vir­tu­el­le Konstrukte, mit denen sie noch mehr Geld ver­dient. Solange alles dar­an glaubt! Und das kann ja durch­aus mal dane­ben­ge­hen – wie beim gros­sen Crash im Jahr 2008. Die Servicetools, die man den Kunden «zur Verfügung» stellt, bei­spiels­wei­se für das Internet‐​Banking, sind zum Teil hoff­nungs­los ver­al­tet. Investiert wird in der Finanzbrache vor allem in Systeme, wel­che ihr sel­ber Geld und damit Gewinn ein­brin­gen. Und wir Kunden bezah­len dafür.

Neue Wege: Die meis­ten Kryptowährungen – aus­ge­nom­men Bitcoin, als ältes­tes Währungsprojekt funk­tio­niert es da anders – sind mit einer Stiftung, mit Softwarelösungen, mit tech­no­lo­gi­schen Projekten ver­bun­den. Da exis­tiert also durch­aus ein «Gegenwert» – im Gegensatz zum nor­ma­len Geld. Wer sich für Kryptowährungen inter­es­siert und die­se kauft, finan­ziert damit eigent­lich ein Projekt. Perfekt dar­an ist, dass man durch die­se Art von neus­tem Crowdfunding, die­se ähn­li­che Art von Aktien und Mitbesitzertum ohne Besitz, kei­ne wesent­li­che Verantwortung trägt. Allerdings ist auch klar, dass wir hier kei­ne ein­deu­ti­ge Währung haben, son­dern eine Art Handelswert, den man AUCH als Währung brau­chen kann. Gerade die Banken wis­sen das, wer­den aber nicht hin­ste­hen und rufen: «Hey, wir haben eine neue Goldader gefun­den!» Es ist gera­de­zu auf­fäl­lig, wie sich die Finanzinstitutionen und Staaten win­den, den Kryptowährungen die Legalität abspre­chen wol­len, aber alle sel­ber irgend­wie mit­mi­schen. Venezuela: Die haben sich sogar erdreis­tet, sel­ber eine Kryprowährung zu schaf­fen, um den Staatshaushalt zu ret­ten. Das könn­te funk­tio­nie­ren, das sagen vie­le Experten. Geld ist seit über 100 Jahren nur eine Definition von Wert. Wir haben schon lan­ge kei­ne Goldmünzen mehr, und dass die Werte zer­fal­len, wis­sen wir schon längst. Ein «Wert an sich» wird immer mehr zur indi­vi­du­el­len Definition, so wie fast alles nur noch vom Individuum, der Ich‐​AG abhän­gig defi­niert wird.

Und jetzt kommt eine wei­te­re Irritation: Viele die­ser Krypto‐​Projekte sind im Bereich Kommunikationstechnologien, Transfertechnologien, wel­che wie­der­um die Banken kau­fen und ver­wen­den. Also genau jene Branche, die sich ver­meint­lich gegen die­se Währungen stellt. Das macht eine Regulierung so kom­plex – wobei ja nichts wirk­lich neu ist, ein­fach neu zusam­men­ge­setzt. Die Frage: Muss man wirk­lich regu­lie­ren? Wer für ein Kunstobjekt Geld bezahlt, wird ja auch nicht regu­liert – und Kunst kann auch als eine Art Handelswert gese­hen wer­den und wird als Vermögensanlage akzep­tiert. Dass auf die Gewinne Steuern bezahlt wer­den sol­len, dar­in sind sich ja eigent­lich fast alle einig. Kryptowährungen sind aus mei­ner Sicht kein gros­ses poli­ti­sches Thema und kei­nes der Finanzaufsichtsbehörde – ok, zumin­dest teil­wei­se. Es wird an den Gerichten lie­gen, zu beur­tei­len, ob Kryptos oder der Handel und Besitz von Parallelwährungen legal sind. Bis dahin kann man nur mut­mas­sen und Gerüchte in die Welt set­zen. Die Börsen, die im Januar im asia­ti­schen Raum geschlos­sen wur­den, wur­den wegen Steuerhinterziehung ange­klagt, nicht wegen ille­ga­len Kryptowährungen. Das machen die Russen auch immer, wenn ihnen ein Politiker oder eine Firma in die Quere kommt. Doch so lan­ge sind Regulationswünsche auf dün­nem Eis, sehr dün­nem Eis.
Unter die­sen Aspekten wird auch ver­ständ­lich, war­um sich die nega­ti­ven Schlagzeilen über­schla­gen: In den letz­ten Monaten haben die Banken und Nationen ver­stan­den, dass sie die­se Entwicklung unter­schätzt haben. Die Hektik zeigt, wie unvor­be­rei­tet man auf den Erfolg war und ist. Der Bundesrat kam 2014 in einem Bericht zum Schluss, dass sol­che Währungen nur mar­gi­na­le wirt­schaft­li­che Bedeutung hät­ten. Ausserdem bewe­gen sich die­se schon heu­te nicht im rechts­frei­en Raum. Im August 2017 mein­te Bundesrat Johann Schneider‐​Ammann bei einem Besuch des «Crypto Valley» in Zug: «Wir wol­len nicht, dass gute Ideen nach Kalifornien abwan­dern. Wir brau­chen einen Mentalitätswandel in die­sem Land. Wir brau­chen mehr Mut», beton­te er. Im September aller­dings tat der Bundesrat bereits sei­nen Willen kund, dass vir­tu­el­le Währungen wie Bitcoin gesetz­lich bes­ser gere­gelt wer­den müs­sen. Zusammen mit der Finma, der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht, will man hier Lösungen fin­den. Allerdings wird das nur eine Lösung aus der Sicht der bis­he­ri­gen MachtträgerInnen. Doch Kryptowährungen wur­den genau gegen die­se Strukturen erdacht. Das könn­te also etwas kom­pli­ziert wer­den.

Ebenfalls im Jahr 2014 mach­te die Bank Vontobel gross Werbung, dass man in Bitcoins inves­tie­ren sol­le. An einem Kundenevent im Hotel Bellevue in Bern, ich war in Vertretung einer ihrer Kunden dort, wur­den uns die enor­men Potenziale vor­ge­stellt und davon geschwärmt. Das eher älte­re Publikum blieb unsi­cher, aber ruhig und still. Es war klar, dass die­ses Spekulationsobjekt viel Mut abver­lan­gen wür­de – denn sicher war Bitcoin noch lan­ge nicht. Die Skepsis war gross und man wuss­te sehr wenig über die Idee dahin­ter. Die Bank mach­te Werbung für Gewinne – nicht mit der Philosophie und Technik dahin­ter. Ein gros­ser Fehler. Aber bil­lig waren sie, die Bitcoins. Und auch im Dezember 2018 ging die Bank Vontobel den Kunden im Handel mit Bitcoins zur Hand. Das hat mit Überzeugung zu tun.
Auch Larry Fink, der Chef von Black Rock, einer der gröss­ten Finanzdrehscheiben der Welt (grös­ser als die Wall Street), bekann­te sich im Oktober 2017 noch als gros­ser Fan von Kryptowährungen – muss­te aller­dings kurz danach offi­zi­ell etwas lei­ser­tre­ten, weil die Bankengemeinde motz­te. Verständlich: Mit Kryptowährungen kann man Banken aus­he­beln. Nicht aber Black Rock: Denen gehö­ren fast alle wich­ti­gen Firmen welt­weit zu 3 % und sie haben auch das Kapital, sich locker in die­sen digi­ta­len Märkten ein­zu­kau­fen und sehr viel Geld zu ver­die­nen. Es wäre ver­wun­der­lich, wenn Black Rock momen­tan nicht die Märkte tes­ten und mit gross ange­leg­ten Kampagnen die Stabilität prü­fen wür­de. Es wür­de jetzt auch nicht auf­fal­len, wenn so viel Unruhe herrsch­te. Auch Raymond Bär, ehe­ma­li­ger Verwaltungsratspräsident der Bank Julius Bär, sitzt im Verwaltungsrat des Schweizer Unternehmens Crypto Finance in Zug. Die Swisscom wie­der­um forscht seit 2015 an der Technologie und hat im letz­ten September die Swisscom Blockchain AG gegrün­det und arbei­tet kon­kret an einem Handelsregister‐​Projekt. Das klingt erst mal noch nett – doch geht es mit einer sol­chen Lösung eben­so um Grundbucheinträge, nota­ri­ell beglau­big­te Dokumente, Heimatscheine und über­haupt öffent­li­che Vertrauenspapiere. Bezüglich Krypto‐​Börsen hat die Schweiz einer Vorreiterrolle ein­ge­nom­men: Die Westschweizer Trading‐​Bank Swissquote war im Juli 2017 die ers­te euro­päi­sche Online‐​Bank, die den Handel mit Bitcoins lan­cier­te.
Das sind nur ein paar Beispiele. Damit will ich zei­gen, dass die Kryptowährungen und deren Technologien bereits im Geschäftsalltag inte­griert sind. Die Blockchain‐​Technologie kann man nicht mehr ver­bie­ten – die ist da. Den Handel mit die­sen Währungen kann man kaum noch unter­bin­den, zu vie­le bestehen­de Finanzpraktiken wür­den in Mitleidenschaft gezo­gen: Man kennt in der Schweiz Parallelwährungen schon lan­ge: die WIR‐​Bank oder die Reka‐​Schecks. Kryptowährungen sind nichts ande­res – heu­te ein­fach von viel mehr Menschen aner­kannt und mit ca. 1300 ver­schie­de­nen Währungen welt­weit ein rie­si­ges Tummelfeld. Dazu: Börsen, wel­che Kryptowährungen han­deln, ste­hen schon längst unter einer Kontrolle. Natürlich kann man noch an der Sicherheit arbei­ten, vor allem was die­se Trickbetrügereien angeht. Aber die Gier nach mehr wird kaum ein­zu­däm­men sein, und die tech­no­lo­gi­schen Systeme dahin­ter sind geni­al.

Und jetzt? Alles kryp­tisch oder was? Niemand muss in Kryptowährungen inves­tie­ren, es gibt dazu kei­nen Grund. Wer bis­her nichts mit Aktienhandel zu tun haben woll­te, soll­te viel­leicht bes­ser auch nicht mit­spie­len. Es kann sehr stür­misch wer­den, aber es ist span­nend, über die­se Blockchain‐​Technik nach‐ und wei­ter­zu­den­ken und die Entwicklungen zu ver­fol­gen. Die nächs­te Generation von Kryptowährungen wird auch schon bald erfun­den sein. Und um den gros­sen Gewinn geht es ja eigent­lich nicht. Höchstens um die Menschheit.

 


Natürlich ist das kei­ne Anleitung für Investitionstätigkeiten, und der Autor distan­ziert sich auch von jeg­li­cher Aufforderung. Wer auf­grund die­ses Artikels in Kryptowährungen inves­tiert, trägt jede Verantwortung sel­ber. Der Autor ist nicht ver­ant­wort­lich für Gewinne oder Verluste aus sol­chen Geschäften. Im Gegenteil: Nehmen Sie die Warnung auch zur Kenntnis und pas­sen Sie auf! Wo Geld ist, hat es BetrügerInnen, die Ihnen nichts gön­nen wer­den.

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Artikel online veröffentlicht: 21. März 2018 – aktualisiert am 4. April 2018