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Wissen ist unperfekt

Von Lukas Vogelsang - Die Lancierung des Newsnetzes der Tamedia im virtuellen Raum erklärte man uns als Ende der Zeit des Unwissens. Jetzt ist auch Schluss mit der Kopie der gedruckten Zeitung online – so wie es bis anhin gepflegt wurde -, jetzt werden die Nachrichten nur fürs Web erstellt und aufbereitet. Wo wir früher die Tagespresse nachlasen, Artikel suchten oder jene gar privat archivieren konnten, steht jetzt nur noch ein Link. Der verlegerische Gedanke ist sicher nicht nur dumm: Ich verspüre seit der ersten Sekunde das Bedürfnis, wieder eine «echte» Zeitung in die Finger zu kriegen. Denn was das Newsnetz liefert, ist nichts mehr als das Ende einer journalistischen Ära. Dabei war die Grundidee noch nicht die Dümmste. Doch dem Konzept fehlt allem Anschein nach die journalistische Erfahrung – man kann sagen: Das Konzept ist einfach zu jung.

Wer sich zum Beispiel auf «bernerzeitung​.ch» einklinkt, steht schon mitten im Newskanal. Der besteht vor allem aus Werbung, langsamen Videoübertragungen, überdimensionierten Buchstaben und vielen Bildli. Und weil soviel Klotz kaum auf einem Bildschirm erfasst werden kann, besteht die Seite aus einer endlosen Fahne, die mit endlosem Scrollen immer undurchsichtiger wird. Das Newsnetz baut grundlegend auf dem Konzept der Blogger-​Welt auf und hatte in ähnlicher Form mit «Facts 2.0» (www​.facts​.ch) bereits ein Testjahr online hinter sich. Im Unterschied ist «Facts 2.0» aber ein Zusammenzug von Nachrichten aus unterschiedlichen Online-​Medien, die wir als User individuell und interaktiv kommentieren und verwalten können. Beim Newsnetz sitzt wieder eine eigene Redaktion und erstellt die Inhalte selber – wir können jedoch ebenfalls mitkommentieren. Das suggeriert demokratische Verhältnisse und Bürgerjournalismus, endet aber nicht sinnvoll. Der eigentlich grösste Konzeptfehler des Newsnetzes ist jedoch, was sie zu bekämpfen versuchen: Die Zeit.

Die physische Wochenzeitung «Die Zeit» brachte das digitale Medienthema sinnigerweise auf den Punkt, als sie am 14. August schrieb: «Was macht der richtige Journalist? Er trennt das Interessante vom Blöden.» Darin zitierte sie den Medienexperte Andrew Keen: «Derweil das traditionelle Zeitungsgewerbe wegschmilzt, drohen die Medien zum surrealen Kettenbrief digitaler Illusionen und Täuschungen zu werden, wo die Fakten und Meinungen und die professionellen Nachrichtensammler von durchgeknallten Kommentatoren ersetzt werden.»

Diese Aussagen können auf dem Newsnetz im Georgien-​Konflikt überprüft werden. Ungefiltert, ungeprüft, unbedacht und ohne jeglichen historischen Hintergrund oder einem Ansatz von Politik- oder Kulturverständnis wurden stündlich vermeintliche Nachrichten (es waren die PR-​Salven der Kriegsherren) auf dem Newsnetz veröffentlicht. Saakaschwili konnte nur Furzen und die Welt erfuhr es – ob nun echt oder nur «ein Witz» war egal. Russland gab sich in der Kommunikation gewohnt zurückhaltend – und wurde prompt zum Bösewicht. Dabei hat Russland vor allem getan, was man in der Situation von Amerika oder von Europa erwartete: Hilfe leisten im Krieg bei den «eigenen Leuten». Denn eigentlich hat Saakaschwili angegriffen und ist sofort an die Weltöffentlichkeit gerannt und hat geflennt «die bösen Russen, die bösen Russen…». Die Medien schrieben mit und verschwiegen uns, dass sie eigentlich keine Ahnung haben, was wirklich läuft. Josef Joffe von «Die Zeit» fragte noch besorgt: «Wenn wir nicht mehr wissen, was Sache ist, wie können wir dann gute, also gut informierte Demokraten sein?» Gar nicht. Aber wir sind auch nicht fähig, die Massen an Informationen zu sortieren und zusammenzufassen, dass wir noch etwas davon verstehen könnten.

Information zu verarbeiten braucht Zeit. Eine Nachricht so umzusetzen, dass sie Sinn ergibt und erfassbar wird, braucht Zeit. Hundertjährige Konflikte können nicht in 20-​Minuten-​Zeilen so zur Nachricht geformt werden, dass die Leserschaft nur annähernd etwas davon verstehen kann. Das Newsnetz degeneriert uns. Hören wir doch auf, diesen Nachrichtenwahn noch mehr anzuheizen. Denn schlussendlich stirbt die Zeitung nicht, weil sie nicht mehr zeitgemäss sein soll, sondern weil der Mensch immer weniger versteht und sein Interesse am Zeitgeschehen verliert.

Aus der Serie Von Menschen und Medien
Cartoon: www​.fauser​.ch
ensuite, September 2008

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Artikel online veröffentlicht: 26. Oktober 2017