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BLACKLIST FILM: Rumble Fish

Von Guy Huracek – «Rumble Fish» – Ein Kampffisch ist ein Tier mit einem hohen Aggressionspotential. Ein so hohes, dass es angeb­lich sein eige­nes Spiegelbild atta­ckie­ren soll. Diese Fischart ist über gros­se Teile Südostasiens ver­brei­tet und besie­delt ste­hen­de wie auch flies­sen­de Süssgewässer. Ihren Namen ver­dan­ken die Tiere der thai­län­di­schen Tradition, Männchen für Fischkämpfe ein­zu­set­zen. Die im Film vor­kom­men­den Kampffische sind die soge­nann­ten sia­me­si­schen Kampffische, die «Betta splen­des». Es ist eine klei­ne­re Kampffischart, die in der Natur kein hohes Alter erreicht, da sie natür­li­chen Bedrohungen wie Fressfeinden unter­lie­gen. Im Spielfilm geht es zwei­en Brüdern im Vorort einer Industriestadt ähn­lich.

Der jün­ge­re Bruder, Rusty James, ist Anführer einer Gang. Mehr will ich über die Handlung nicht schrei­ben, sonst hat man den Film beim Lesen gese­hen. In «Rumble Fish» gibt es kei­ne Geschichte über Klassenkämpfe, kei­ne «Message» bleibt hän­gen, kei­ne Helden tri­um­phie­ren, nur Feiglinge und Verrückte irren durch die trost­lo­se Industriestadt. Die Filmdialoge sind viel­mehr Zitate. «Sie wir­ken nicht bestä­ti­gend und nicht kon­so­li­die­rend, son­dern wie abge­ru­fen von der kul­tu­rel­len Datenbank» schrieb die deut­sche Filmkritikerin Frieda Grafe. Auf ihrer ver­öf­fent­lich­ten Lieblingsfilmliste ist «Rumble Fish» daher auch nicht auf­ge­lis­tet. Der deut­sche Filmregisseur Christian Petzold mein­te, in «Rumble Fish» lägen die Zitate her­um wie Kulissenreste in einem in Konkurs gegan­ge­nen, ver­las­se­nen Studio.

Offensichtlich stürz­te sich die Filmkritik damals auf die­se Zitatenbilder. Mein Kommentar über die­sen Film ist dage­gen schnell gesagt und in gedruck­ter Form vul­gär: Rumble Fish ist geil.

Der Regisseur, Francis Ford Coppola, bekannt durch Filme wie «Der Pate» oder «Apocalypse Now», wur­de in den 80er‐​Jahren von zahl­rei­chen Jugendlichen brief­lich gebe­ten, ihr Lieblingsbuch «The Outsiders» von S.E. Hinton zu ver­fil­men. Für nur ein paar hun­dert Dollar kauf­te er der Autorin die Rechte ab. Während den Dreharbeiten ent­deck­te der Regisseur Coppola «Rumble Fish», ein wei­te­res Buch von Hinton, und so kam es, dass er gleich nach «The Outsiders» den Film «Rumble Fish» dreh­te. Er über­nahm ein­fach sein Filmteam und die glei­chen Schauspieler. Daher erschie­nen die bei­den Filme im glei­chen Jahr. In Tulsa, der zweit­gröss­ten Stadt im US‐​Bundesstaat Oklahoma, fand der Dreh für «Rumble Fish» mit damals noch unbe­kann­ten Schauspielern statt. Unter ande­rem mit Nicolas Cage, noch im zar­ten Alter von 19, der bei «The Outsiders» noch nicht mit­spiel­te, und dem zwan­zig­jäh­ri­gen Matt Dillon, als Rusty James, damals noch dürr, bleich und mit zusam­men­ge­wach­se­nen Augenbrauen.

Die bei­den Filme von Coppola unter­schei­den sich in der Machart jedoch erheb­lich. Bei «Rumble Fish» erin­nern mich zahl­rei­che fre­che Perspektiven in ver­zer­ren­der Vogelperspektive an «Down By Law» von Jim Jarmusch. Verschiedene Zeitraffer von Wolken und Schatten sym­bo­li­sie­ren die Zeit. Eine Mischung aus Jazz und Pop und zwi­schen­durch eine heu­len­de Orgel geben dem Film eine coo­le Atmosphäre.

Die Gangs ver­sam­meln sich für ihre Kämpfe in ver­las­se­nen Fabrikhallen. Die Inszenierung der Kampfszenen, das grup­pier­te Erscheinen der Protagonisten und der Zusammenhalt der bei­den ver­fein­de­ten Gangs wirkt thea­tra­lisch und künst­lich. Bei solch einem gemein­sa­men Auftreten könn­te man fast Parallelen zum Musical West Side Story zie­hen. Die ein­zel­nen Kampfhandlungen, die eher einem Ballett ähneln und von einer fast iro­nisch wei­nen­den Orgel beglei­tet wer­den, erin­nern an die­je­ni­gen von «Clockwork Orange» von Kubrick.

Im Vergleich zu «Rumble Fish» hat «The Outsiders» eher einen doku­men­ta­ri­schen Charakter. Ihm feh­len unge­wohn­te Perspektiven, eine läs­si­ge Art und eine künst­le­ri­sche Erscheinung. «The Outsiders» setzt sich mit Rivalitäten und Klassenkampf aus­ein­an­der. «Rumble Fish» han­delt von Rebellion ohne tie­fe­re Hintergründe.

Bemerkenswert ist, dass der Film aus der Sicht des jün­ge­ren Bruders, Rusty James, auf­ge­baut wird, jedoch aber aus der dar­stel­le­ri­schen Perspektive des älte­ren Bruders gefilmt ist. Da die­ser far­ben­blind und par­ti­ell taub ist, ist der Film bis auf die Kampffische schwarz‐​weiss, zwi­schen­durch sind ein­zel­ne Dialoge dumpf und lei­se. Vieles ist unge­wöhn­lich ver­tont; über­lau­tes Wassertropfen und vie­le unde­fi­nier­ba­re Geräusche sind nur zwei Beispiele.

Die Kampffische sind das ein­zig Farbige im Film. Dieser Effekt war tech­nisch sehr auf­wän­dig. Jedes ein­zel­ne Bild im Film wur­de von Hand nach­ge­färbt. Daher erscheint die Farbe der Fische leicht ver­schwom­men. Dieses Verfahren ist in der heu­ti­gen Filmproduktion digi­tal und daher im Vergleich zu frü­her wesent­lich ein­fa­cher.

«Rumble Fish» – Ein Kampffisch ist ein Tier mit einem hohen Aggressionspotential. Ein so hohes, dass es angeb­lich sein eige­nes Spiegelbild atta­ckie­ren soll. Der jün­ge­re Bruder, Rusty James, sieht sein far­bi­ges Spiegelbild in der Scheibe eines Polizeiautos und zer­schlägt die­se mit der blos­sen Faust. Der Film endet.

Bild: zVg.
ensui­te, Juni/​Juli 2009

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Artikel online veröffentlicht: 22. August 2018