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BRAFA 2019: Fureur du collectionneur oder Bendego wird überleben

Von Anna Vogelsang - So vie­le bet­teln­de und ver­lo­re­ne Seelen habe ich zum letz­ten Mal Mitte der 90er‐​Jahre auf den Strassen mei­nes gelieb­ten St. Petersburg gese­hen. Doch ich bin im Heute und Jetzt, in der Stadt des EU‐​Parlaments, des NATO‐​Hauptquartiers und des welt­weit erfolg­rei­chen Kunsthandels. Wegen Letzterem bin ich hier. Auf dem zwei­tä­gi­gen Programm steht der Besuch von cir­ca dreis­sig Galerien, von einem Theater und sechs pri­va­ten Häusern von Kunstsammlern und Händlern. Und wie­der – wegen Letzteren bin ich hier. Erwarten mich ste­ri­le, von Interior‐​Designern durch­ge­styl­te Räume oder ein Sammelsurium von Sammlersüchtigen, deren Häuser eher an eine etwas kost­spie­li­ge, doch über­la­de­ne Brockenstube erin­nern? Fehlanzeige in jeder Hinsicht.

Eine der Stationen liegt eine fast halb­stün­di­ge Fahrt aus­ser­halb von Brüssel. Inmitten der Felder, auf denen sich grau­brau­ne Berge von Rüben tür­men, ver­steckt hin­ter den Bäumen, fin­den wir ein Landhaus aus rotem Backstein. Entrée und Wohnräume sind modern, licht­durch­flu­tet, die Einrichtung aufs Wesentliche redu­ziert. Nur ein paar Objekte – da eine Mid‐​Century‐​Lampe, da ein Stuhl aus einer ande­ren Epoche – geben ein Wink, dass in die­sem Haus nicht Mode und Bequemlichkeit regie­ren. Dann, in einem halb­run­den Zimmer im Parterre, zeigt der stol­ze Besitzer die Ergebnisse sei­ner über dreis­sig­jäh­ri­gen Sammeltätigkeit: Wir sind in der Porfirius Kunstkammer. Entlang der Wände zie­hen sich von unten bis oben rot­brau­ne Holzregale, auf denen sich die Objekte aus unter­schied­li­chen Epochen und Ländern befin­den. Auf Anfrage, wie viel wohl die Exponate kos­ten, ant­wor­tet der Gründer der Sammlung, der pro­mo­vier­te Ingenieur Alex Van den Bossche, ohne fal­sche Bescheidenheit, dass er man­che Stücke für weni­ger als 80 Euro auf einem Flohmarkt erstan­den habe, ande­re hin­ge­gen um eine Million kos­ten wür­den. Die grund­le­gen­de Idee jeder Kunstkammer ist es, ein Bild des gesam­ten bekann­ten Universums wie­der­zu­ge­ben, eine Art Enzyklopädie, die sowohl intel­lek­tu­el­le wie künst­le­ri­sche Werke der Menschheit ver­eint. Die Porfirius Kunstkammer lässt sich in vier Gruppen unter­tei­len: Preciosia, Naturalia, Scientifica und Exotica; sie ist dadurch an die Kunstkammern der Spätrenaissance oder des Barocks ange­legt. Die dama­li­ge Kunstkammern oder Kuriositätenkabinette, wie sie auch genannt wur­den, waren die Vorläufer der heu­ti­gen Museen.

Ich stand in die­ser Sammlung und hader­te mit mei­ner eige­nen Vorstellung davon, was in eine pri­va­te oder eine staat­li­che musea­le Sammlung gehört. Noch frisch im Gedächtnis war mir das Beispiel der ver­lo­re­nen Schätze des Museu Nacional da Universidade Federal do Rio de Janeiro. Das zwei­hun­dert­jäh­ri­ge Museum brann­te am zwei­ten September 2018 kom­plett aus. An die­sem Ort unter­schrieb am zwei­ten September 1822 die in Wien gebo­re­ne bra­si­lia­ni­sche Regentin Leopoldine von Habsburg die Unabhängigkeitserklärung Brasiliens. Nun ist eine der gröss­ten natur­his­to­ri­schen und anthro­po­lo­gi­schen Sammlungen der Welt und die gröss­te Lateinamerikas ver­schwun­den – 20 Mio. Exponate, dar­un­ter Objekte nicht mehr exis­tie­ren­der indi­ge­ner Kulturen. Einzig der gröss­te Meteorit Brasiliens, «Bendego», hat den Brand über­stan­den. Ein Teil der Bevölkerung mein­te, dass damit Brasilien selbst sein Gedächtnis ver­lo­ren habe. Andere sahen es als Sinnbild der Neuschreibung der Nationalgeschichte. Die Diskussion dar­über, wer was – und wie – über die Geschichte des Landes zu schrei­ben hat, war sym­pto­ma­tisch für die tief gespal­te­ne Nation. Umso inter­es­san­ter ist auch die Tatsache, wie die Kulturgüter und deren Funktion im poli­ti­schen Kontext ein­ge­setzt wer­den.

Der Gesetzesrahmen für den Kunsthandel in Belgien ist nicht der glei­che wie in der Schweiz. Daraus und aus his­to­ri­schen Gegebenheiten (aus der Kolonialgeschichte des Landes) ist auch ganz ande­rer Umgang mit den Kunstobjekten und Artefakten ent­stan­den. Im Stadtviertel Sablon befin­den sich gleich meh­re­re Galerien, die mit wert­vol­len Kunstobjekten aus der Antike, dem kai­ser­li­chen China oder aus Afrika han­deln. Eigentlich mit allem, was wir eher in einer Museumsvitrine erwar­ten. Doch das tra­gi­sche Ereignis im Nationalmuseum in Rio de Janeiro, wo die Behörden auf allen Ebenen kom­plett ver­sag­ten, bringt auch die Gedanken punk­to pri­va­ter Sammlungen in eine neue Richtung.

Als purer Kontrast erwies sich der Besuch beim Gründer der Galerie Rodolphe Janssen. Vor unge­fähr zehn Jahren kauf­te die Familie Janssen das Gebäude mit­ten in Brüssel einem Familienunternehmen ab. Früher befand sich in die­sen Hallen ein Bestattungsunternehmen. Nach dem Umbau und der Umgestaltung des Grundrisses fühlt man sich in die­sem an moder­ne Lofts erin­nern­den Haus ganz wun­der­bar – das Morbide ist ver­schwun­den – fast: Von einem Vintage‐​Sideboard aus grin­sen zwei Schädel die Besucher an. Wo frü­her Särge und Urnen thron­ten, schwe­ben nun Designer‐​Lampen und gemüt­li­che Sofas, wo frü­her die Grabkränze und Rahmenmuster ange­bracht waren, hän­gen jetzt Werke der zeit­ge­nös­si­schen Kunst. Der Humor des neu­en Besitzers zeigt sich in der Tatsache, dass über dem Eingangstor zum Innenhof immer noch das alte Firmenschild hängt – «Pompes Funèbres». Im gan­zen Haus ist moder­ne Kunst aus Belgien, Deutschland und Amerika ver­streut, wobei die Bilder von Jahr zu Jahr gewech­selt wer­den, je nach Neuanschaffungen in der Galerie und Neuentdeckungen wäh­rend der Reisen quer durch die Welt. Die zwei­te Leidenschaft der Familie Janssen ist Design. Vor allem die Entwürfe der bel­gi­schen Designer, aber auch der fran­zö­si­schen, fin­det man im Haus, zum Beispiel Tische von Ado Chale oder Jules Wabbes.

Und dann war noch die Visite bei der kürz­lich eröff­ne­ten Foundation Frison Horta an der Rue Lebeau, im Haus des Architekten Victor Horta, das er für sei­nen Freund Maurice Frison ent­wor­fen hat­te. Horta ist für Belgien das, was Antoni Gaudí für Spanien und Hector Guimard für Frankreich sind. Mit der Realisierung des Hôtel Tassel 1893 läu­te­te er die Art nou­veau – zu Deutsch Jugendstil – ein. Zuerst aber eine Frage: Was ist gute Architektur? Kürzlich äus­ser­te sich dazu Benjamín Romano, der mexi­ka­ni­sche Architekt, der in die­sem Jahr den inter­na­tio­na­len Hochhaus‐​Preis für den Torre Reforma in Mexico‐​City gewon­nen hat: «Architektur hat nichts mit Kunst zu tun. Es geht auch nicht um Inspiration. Es geht dar­um, den Kontext zu ver­ste­hen, den Plan rich­tig zu lesen, die Dinge im rich­ti­gen Flow zu begrei­fen und sie ent­spre­chend zu inter­pre­tie­ren. Das ist für mich Architektur. Es ist kei­ne Inspiration, es ist Technik.» (ZDF, «Aspekte» vom 16.11.2018)

In Hortas Haus fühlt sich die­se Aussage falsch an: Hier geht es zwar um den Flow, doch die­ser wird nicht durch Technik und Pragmatismus ver­wirk­licht. Über zwan­zig Jahre war das Haus unbe­wohnt, es wur­de jetzt zum ers­ten Mal seit sei­ner Fertigstellung 1894 fürs Publikum geöff­net. Zuletzt gehör­te es einem däni­schen Ehepaar. Nach dem Tod des Mannes ver­kauf­te die Witwe das Haus und damit wur­de das neue Kapitel ein­ge­läu­tet. Nachdem die Räume vom Gerümpel befreit wor­den waren – dafür brauch­te man sie­ben Lastwagen –, stell­te sich die Frage, wie man die­ses Haus wie­der­be­le­ben könn­te. Bis jetzt hat die neue Besitzerin kei­ne Baudokumentation und kei­ne his­to­ri­schen Fotos gefun­den. Schritt für Schritt wur­de dann ent­deckt, was sich unter dem dicken weis­sen Farbanstrich in all den Räumen des Gebäudes, das durch eine geschwun­ge­ne Treppe in sie­ben Stöcke unter­teilt ist, jahr­zehn­te­lang ver­bor­gen hat­te. Alle Räume wur­den von unten bis oben mit einem flo­ra­len Muster geschmückt: Nicht Weiss, son­dern war­me Pastelltöne und kräf­ti­ges Ocker und Rot beleb­ten die Wände. Heute sind hier und da Fragmente frei­ge­legt wor­den. Einige Deckenstuckaturen und der Wintergarten sind schon jetzt rekon­stru­iert. Doch das ist nur ein Anfang. Die Möbel im Haus stam­men zum Teil noch von der ursprüng­li­chen Einrichtung oder wur­den stil­ge­treu neu erwor­ben. Es ist ein Projekt für Jahrzehnte, das gan­ze Haus so zu rekon­stru­ie­ren, wie es nach sei­ner Erbauung war. Und ja – dies ist sehr, sehr teu­er. Schon der Kauf der Immobilie war ein Millionengeschäft. Heute ist das kaum vor­stell­bar, aber Mitte des 20. Jahrhunderts wur­den sol­che Immobilien zum Bodenpreis ver­kauft, mit der Annahme, dass Häuser für Neubauten platt­ge­macht wer­den. Dem Haus von Victor Horta blieb die­ses Schicksal erspart. Doch es war durch­aus mög­lich, dass neue Besitzer ein Haus zwar nach den Vorschriften des Denkmalschutzes reno­vie­ren, ohne jedoch eine kom­plet­te Restauration der Stuckaturen, Mosaikböden und Möbel vor­zu­neh­men. Hortas Haus befin­det sich in einer Phase der Auferstehung und es ist auch ein Glücksfall, dass das Haus zwar pri­vat bewohnt, aber zugleich eine öffent­lich zugäng­li­che Foundation ist: Es sind auch regel­mäs­si­ge Themenausstellungen, Konzerte und Lesungen geplant.

Auf dem Weg zurück in die Schweiz kam mir eine Diskussion von der letz­ten Art Genève wie­der in den Sinn. Ein Kunstliebhaber mein­te restrik­tiv, dass die Designausstellung PAD nichts an einer Kunstmesse ver­lo­ren hat. Ich war damals und bin heu­te immer noch ande­rer Meinung. Wie soll das Publikum Bilder im Kontext des Alltags schät­zen und wahr­neh­men ler­nen, wenn wir uns die Bilder nur in Museen oder ste­ri­len Galerien anse­hen? Das gute Gespür, ein Händchen fürs Gesamtkonzept «Lebensraum» kann ent­we­der durch das Mentoring oder jah­re­lan­ge Auseinandersetzung mit der Materie erlangt wer­den. Die Kunst ver­liert nicht, wenn sie in ein Wohnkontext ein­ge­bun­den wird, ganz im Gegenteil. Das Konzept der Foundation Frison Horta ist natür­lich eine extre­me Art die­ses Lebensstils, wo es sich nicht um eine Renovation, son­dern um eine Restauration han­delt, und wo das Ganze dem Geiste des Hauses unter­wor­fen wird. Das kön­nen sich wirk­lich nur weni­ge leis­ten. Aber die Häuser der bel­gi­schen Sammler, Galeristen und Kunstliebhaber zeig­ten ein­drück­lich, dass wir auch mit weni­gen Handgriffen und mit den uns allen zugäng­li­chen Möglichkeiten unser Zuhause in eine poe­ti­sche, inspi­rie­ren­de Oase ver­wan­deln kön­nen. Man braucht Mut, Experimentierfreudigkeit, Geduld und natür­lich ein biss­chen Glück. Manche Trouvaillen kos­ten tat­säch­lich nur ein paar Franken. Und man muss sie natür­lich suchen, so wie ein Galerist aus Brüssel, der wäh­rend zehn Jahren einem bestimm­ten Sideboard «nach­ge­jagt» war, oder ein Bewohner der Galeries Royales Saint‐​Hubert (in den obe­ren Stöcken des Warenhauses befin­den sich eini­ge Dutzend Privatwohnungen), der wie­der­um meh­re­re Jahre auf einen Transport einer in der Türkei erwor­be­nen Truhe war­ten muss­te … Darüber aber ein ande­res Mal, viel­leicht nach der Januarreise an die BRAFA.

P.S.: Alle in die­sem Artikel beschrie­be­nen bel­gi­schen Galerien sind an der dies­jäh­ri­gen BRAFA Art Fair ver­tre­ten. Die BRAFA zählt zu den fünf welt­weit füh­ren­den Kunst‐ und Antiquitätenmessen. An der Messe neh­men 133 Galerien aus 16 Ländern teil, dar­un­ter acht aus der Schweiz (sie­he unten). 100 Experten aus der gan­zen Welt begut­ach­ten die Authentizität, Qualität und den Zustand der aus­ge­stell­ten Objekte. Insgesamt 10 000 bis 15 000 Objekte, die in 20 Spezialgebiete auf­ge­teilt sind, fin­den ihren Weg in die Ausstellung. Die letzt­jäh­ri­ge Ausgabe der Messe ver­zeich­ne­te mehr als 65 000 Besucher.

 

Infos zu den Institutionen im Artikel:
www​.foun​da​ti​on​-fri​son​-hor​ta​.be
www​.por​firi​us​.squa​respace​.com
www​.rodol​phe​jans​sen​.com

64. BRAFA Art Fair 2019
26.1. – 3.2.2019
Tour & Taxis, Brüssel
www​.bra​fa​.art

Galerien aus der Schweiz an BRAFA 2019:
Bailly Galerie Genf – www​.bail​ly​gal​le​ry​.com
Cortesi Gallery Lugano – www​.cor​te​sig​al​le​ry​.com
Galerie Grand‐​Rue. Rondeau, Genf – www​.gale​rie​-grand​-rue​.ch
Galerie Schifferli, Genf – www​.gale​rie​-schif​fer​li​.ch
Galerie Von Vertes, Zürich – www​.von​ver​tes​.com
Opera Galerie, Genf – www​.ope​ragal​le​ry​.com
Phoenix Ancient Art, Genf – www​.phoe​nix​an​ci​ent​art​.com
Simon Studer Art Associés, Genf – www​.simon​stu​der​art​.ch

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Artikel online veröffentlicht: 14. Januar 2019