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Call Center – Wenn der Job zum Krimi wird: Franz Hohler im Theater Rigiblick

Von Roja Nikzad – Über den Dächern von Zürich, an einem der aner­kannt schöns­ten Plätze der Stadt, mit einem gewal­ti­gen Ausblick über die Lichter der urba­nen Welt thront das Theater Rigiblick am Ende der Seilbahn.

Mit der in einer Schlangenlinie ver­lau­fen­den Busfahrt den Berg hin­auf (die Seilbahn macht gera­de Winterpause) kommt man Kurve um Kurve näher an die magi­sche Welt des Theaters, und damit näher an die Erfüllung der Vorfreude. Heil oben ange­kom­men, erwar­ten den Zuschauer bereits ein­la­den­de Windlichter, die den Eingang des Theaters säu­men. Beim Eintreten schlägt einem eine war­me, freund­li­che Atmosphäre ent­ge­gen; die Frage kommt auf, war­um man die­sen Gang nicht öfters tätigt. Obwohl das Stück bereits am 1. Dezember 2010 Première gefei­ert hat, ist das Foyer geram­melt voll. Da sind noch ande­re, die erwar­tungs­voll auf die fol­gen­de Vorstellung bli­cken.

Die Plätze ein­ge­nom­men, bequem instal­liert, bemerkt man bereits die Damen, die mit Headset aus­ge­rüs­tet an klei­nen Tischchen sit­zen und Anrufe ent­ge­gen­neh­men – das unspek­ta­ku­lä­re Innenleben eines Auskunft Call Centers. Keine per­sön­li­chen Utensilien, kei­ne Bilder an der Wand, sogar die Telefonistinnen heben sich in ihren gräulich‐​grünlichen Outfits kaum vom Schwarz der Bühne ab. Es ist nichts spe­zi­ell Spannendes abseh­bar, was den Auskunftsfrauen in die­ser Samstag Nacht wider­fah­ren könn­te. Das ein­zi­ge, wenn­gleich trau­ri­ge Highlight des Tages ist, dass Elisabeth Grossmann (Graziella Rossi) nach lang­jäh­ri­ger Arbeit beim Call Center aus Gründen der Effizienz – sie wird viel zu per­sön­lich mit den Anrufern, wickelt die Anfragen nicht pro­duk­tiv genug ab – gefeu­ert wor­den ist, und an die­sem Abend ihre letz­te Schicht antritt.

Selma Frei (Laura Lienhard) und Barbara Weiss (Nina Hesse) sind zwar nicht froh über die Entlassung von Elisabeth, ande­rer­seits aber ist sie der wah­re Profi und pro­vo­ziert auch mal Neid unter den Telefonistinnen, da doch ein etwas stu­ten­bis­si­ger Wettbewerb herrscht. Wohl ist es nicht ganz rich­tig, die 58 jäh­ri­ge zu feu­ern; doch bie­tet dies auch neue Chancen zur Profilierung für die ande­ren.

Franz Hohler lässt die Trostlosigkeit des Auskunftslebens in sei­nem Text aber nicht auf sich beru­hen. Bald wird die­se mit gehö­ri­ger Ironie auf­ge­peppt. Die Anrufer mel­den sich mit den absur­des­ten Anfragen: Anrufe von Senilen, Fragen nach Sportresultaten und Nummern von Infostellen zu Becel Margarine oder vom lie­ben Gott höchst per­sön­lich. Manchmal gedul­di­ger, manch­mal weni­ger, ver­bin­den die Telefonistinnen mit den gewünsch­ten Stellen. Nur Elisabeth beant­wor­tet jeden Anruf mit einem freund­li­chen «ein Augenblicklein bit­te». Bald wird der guten, gefeu­er­ten Seele klar, dass sie eini­ge Anrufer ein grös­se­res Bild zeich­nen las­sen. Tagesaktualität ist näm­lich, dass ein klei­ner Junge ent­führt wur­de. Falls die Polizei ein­ge­schal­tet wür­de, droh­te dem Kind der Tod.

Schnell ent­larvt Elisabeth den kon­ti­nu­ier­lich anru­fen­den Babysitter, der ein Kind mit Pseudokrupp‐​Anfällen nicht beru­hi­gen kann, als Jans Entführer. Sie nimmt die Sache in ihre eige­nen Hände und flech­tet zufäl­li­ge Anrufe zu einem Plan zur Rettung des Kindes zusam­men.

Es gelingt ihr mit Hilfe von Frau Reutimann‐​Fuchs – Naturheilerin und zufäl­lig kan­to­na­le Meisterin im Pistolenschiessen – und Louis – Besitzer eines Handyortungsgerätes – trotz Behinderung durch Selma, zusam­men mit der Kripo den Fall zu lösen. Ihre letz­te Arbeitsnacht wird zum Krimi, aus dem Elisabeth als Heldin und Besitzerin von 100’000 Franken Belohnung in die Arbeitslosigkeit ent­las­sen wird.

Call Center ent­spricht eher einer Lesung mit sze­ni­schen Momenten als einem klas­si­schen Theaterstück. Demensprechend knapp fällt auch die Inszenierung aus. Sehr redu­ziert insze­niert Klaus Henner Russius den Text von Franz Hohler. Nicht die Handlung steht im Vordergrund, son­dern der Text, der sach­te den Verlauf der Geschichte vor­an­treibt, gesäumt von vie­len skur­ril wit­zi­gen Passagen, die als klei­ne abge­schlos­se­ne Zwischenhandlungen die Geschichte ver­voll­stän­di­gen. Vielleicht fal­len Inszenierung und Bühnengestaltung etwas gar knapp aus, wenig wer­den Elemente wie Licht und Ton krea­tiv ein­ge­setzt. Viel hät­te es nicht gebraucht, auch für die Schauspielerinnen grös­se­ren spie­le­ri­schen Freiraum zu schaf­fen. Die Handlung fin­det effek­tiv ein­zig über den tele­fo­ni­schen Kanal statt, wes­halb auch der Auftritt des Kripobeamten (Jaap Achterberg) etwas kon­stru­iert erscheint, und nicht so recht ins Konzept pas­sen will.

Durch die unspek­ta­ku­lä­re Inszenierung liegt der Fokus umso mehr auf den Leistungen der Schauspielerinnen. Graziella Rossi ver­mag mit ihrer Ausstrahlung dem Hin und Her zwi­schen altern­der, «abge­scho­be­ner» Frau, und gleich­zei­tig dem jugend­lich sprit­zi­gen Élan sehr zu über­zeu­gen. Die Kombination aus Güte und Fatalismus (wenn man gefeu­ert ist, kann man auch gleich noch ein paar Grenzen über­schrei­ten) stellt sie sehr glaub­wür­dig dar. Dies hat zur Folge, dass ihre bei­den Co‐​Darstellerinnen, natür­lich auch schlicht auf­grund der Rollenverteilung, etwas in den Hintergrund gera­ten. Trotzdem haben auch Laura Lienhard und Nina Hesse ihre schrä­gen Momente, in denen sie mit Witz über­zeu­gen kön­nen.

Wenngleich nicht beson­ders ins Gewicht fal­lend, ist Call Center doch eine unter­halt­sa­me, durch­aus emp­feh­lens­wer­te Produktion mit viel Sprachwitz, an einer Location, die einen Besuch alle­mal wert ist.

Foto: zVg.
ensui­te, März 2011

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Artikel online veröffentlicht: 31. Dezember 2018