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Carolin Emcke & Sibylle Berg: Das Unbehagen am Wellnessfaktor zwischen den beiden

Von Dr. Regula Stämpfli - An schlechten Tagen macht die Erfindung des Internets nur für Porno und Gewalt einen Sinn. Da twittert die preisgekrönte deutsche Demokratie-Vorzeigefrau Carolin Emcke ein Bild ihres neuen Buchs, das gleichzeitig mit GRM von Sibylle Berg in irgendeinem Buchladen auf demselben Stapel liegt: „Die fühlen sich wohl zusammen.“ Lassen wir uns diesmal in unser Gehirn einbrennen. Die Philosophin Emcke schreibt über ein Buch, das sämtliche menschliche Begegnungen als Kotze, Hass, Vergewaltigung, Porno und Folter fiktionalisiert: „Die fühlen sich wohl zusammen“? Links ihr eigenes Buch abgebildet, das sich laut Pressetexten „Achtsamkeit im Miteinander“ widmet? Zwei Bücher, von denen DER TAGESSPIEGEL meint, der Untertitel „brainfuck“ sei „als Warnung“ zu lesen?

Wer fickt hier eigentlich wen – um in der Sprache von Sibylle Berg zu bleiben?

Nach Hannah Arendt entwickelt sich das Böse nicht zuletzt dadurch, dass eine Gesellschaft alle Erwartungen an die Menschlichkeit senkt und durch unvorstellbare, fiktiv detailliert ausgeführte Grausamkeit ersetzt. Punkto Totalitarismus entsteht so das Gegenteil des brecht´schen Diktums: Zuerst die Moral (sprich Ideologie), dann das Fressen (sprich der Totalitarismus). Sibylle Berg behauptet im Interview auf SRF „52 beste Bücher“, dass Demokratie in der Menschheitsgeschichte eine Kurzepisode darstelle. Deshalb sei ihr Roman „recherchiert, authentisch“. Die Deutsch-Schweizerin verwechselt ganz offensichtlich ihre zynische ontologische Annahme des „bösen Menschen“ mit der gesamten Menschheitsgeschichte und absurderweise klatscht hier die erklärte Aufklärerin Emcke.

Grausamkeit wird seit Jahren dystopisch flächendeckend inszeniert, maskiert sich als Kritik an bestehenden Zuständen und flüstert ständig „so ist es, so wird es immer sein“. Auschwitz dient in diesen Zusammenhängen nicht als Warnung, sondern als Programm. Die privatisierten Fäkalien, die sich mit Vorliebe auf deutschen Bühnen tummeln sind bildliche Mittäter einer Gesellschaft, die nur noch sich selbst spiegelt und die Öffentlichkeit, demokratische Utopien und Weiterentwicklung auf den Müllhaufen der Geschichte wirft. Die Legitimation dieser Art von Kunstschaffenden ist allein die Kritik an den bestehenden Ungerechtigkeiten verbunden mit einer inszenierten selfie-mörderischen Hoffnungslosigkeit. Wo alle schuldig sind, gibt es keine Verantwortung mehr und schon gar keine Demokratie. Dass ausgerechnet die Hannah Arendt-Expertin Emcke Bergs Schauerstück als „Wohlfühl“-Buch zu ihrem inszeniert, ist für Zyniker des Zeitgeistes köstlich, für Demokratinnen definitiv Grund zur Angst.

Berg grösstes Vergnügen scheint darin bestehen, der Menschheit einen Kopf zu wünschen, den man mit grösster Brutalität, blutig abschlagen soll. Folter, Mord und Verrat sind nicht nur Google-Autocomplete, sondern antidemokratische literarische Handlungsanweisung. Berg spielt den Wahrheitsapostel, dessen Beschmutzung all dessen, was es für Demokratien braucht mit noch schärfer riechender Kotze übergiesst. Wie schon Marquis de Sade geniesst Berg diesen eigenartigen Schutz der sogenannt Aufgeklärten, nur weil Idioten – bei Sade waren dies die Kirchenväter, bei Berg Suprematisten und Faschos – sich zu ihren Gegnern erklärt haben. Der böse Feind macht aber noch lange keine gute Politik.

Es gibt kein unschuldiges, d.h. verantwortungsloses Schreiben. Das Böse besteht nach Arendt auch darin, Menschen so zu erzählen, dass sie nicht mehr zu den Menschen zählen, sondern den Ungeziefern zugeordnet werden. Berg inszeniert alle Mitmenschen als entseelte Niemands, als Maschinen des Maschinensystems, als Gegenmenschen, als willfährige Instrumente einer widerlichen Gesellschaft. Folterknechte als Systemlogik. Carolin Emcke schreibt in ihrem neusten Buch: „Das ist sie: die Lust, die sich mit Neugier paart, mit Unwissen. Das ist sie: die Lust, die eine gemeinsame Sprache der Körper, der Gesten und der Worte sucht. Die Lust kann explosiv, radikal, albern, kurios, zart oder kraftvoll sein. Sie kann ein endloses Spektrum an Praktiken bereithalten. Aber sie entsteht nur aus der Zustimmung: dem Ja, und...“

Tja.

Alle Wahrheiten zerfasern. Und: Was in aller Welt hat sich Carolin Emcke wohl dabei gedacht?