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Der 20er‐​Noten‐​Mann

Von Mariel Kreis - Tagtäglich sehen wir in sein Antlitz, tag­täg­lich tau­schen wir ihn gegen Schuhe und Salat ein und tag­täg­lich wurs­teln wir ihn in unser Portemonnaie. Aber kaum jemand weiss, wer das pin­ke Gesicht – das seit knapp 15 Jahren unse­re 20er‐​Note ziert – tat­säch­lich ist. Dem sei hier Aufklärung geleis­tet.

Anmerkung: Alte 20er‐​Note

«Ich besit­ze, was man in der Passsprache eine ‹Doppelstaatlichkeit› nennt. Ich bin eine Mischung von Franzose und Schweizer. Von schwei­ze­ri­schen Eltern stam­mend und in Le Havre gebo­ren, habe ich den gröss­ten Teil mei­nes Lebens in Frankreich ver­bracht, ich habe dort stu­diert, als wäre ich ein Franzose, und trug doch in mir einen Keim von Schweizertum, einen schwei­ze­ri­schen Atavismus, der […] als mei­ne ‹hel­ve­ti­sche Sensibilität› bezeich­net [wur­de]», schreibt er in sei­ner Biografie mit dem Titel «Je suis com­po­si­teur». Ein Komponist also – und Schweizer! Einer der ers­ten hel­ve­ti­schen Komponisten, die Eingang in die all­ge­mei­ne Musikgeschichte gefun­den haben.

In Frankreich beweg­te sich Arthur Honegger in den höchs­ten Kreisen. Er war befreun­det mit illus­tren Persönlichkeiten jener Zeit: Pablo Picasso, Coco Chanel und Igor Stravinsky, um nur eini­ge weni­ge zu erwäh­nen. Arthur Honegger war zudem Teil der «Groupe des Six», wel­che 1918 gegrün­det wur­de. Die Mitglieder die­ses Kreises for­mier­ten sich um den Schriftsteller Jean Cocteau, musi­zier­ten unter deren Mentor Eric Satie und ver­an­stal­te­ten regel­mäs­sig
Konzerte.

Arthur Honeggers frü­he Musik ist stark von Debussys Kompositionen geprägt. Er über­nimmt sei­ne prä­zi­se und raf­fi­nier­te Rhythmik und sei­ne geschmück­te Melodik. Daneben sind auch Stilmerkmale von Strawinsky – einer­seits in der impres­sio­nis­ti­schen Farbenpracht, ande­rer­seits in den Rhythmen – zu erken­nen. Aber auch deutsch­spra­chi­ge Komponisten sah er als Vorbilder: die Harmonien eines Richard Strauss oder die Chromatik von Wagner, den Stil eines Johann Sebastian Bachs.

Das Musiktheater steht im Zentrum sei­nes über 200 Werke fas­sen­den Schaffens. Dabei fes­selt er die Zuhörer immer wie­der mit Kraft und Wildheit. Besonders bekannt ist sein 1923 kom­po­nier­ter sym­pho­ni­scher Satz «Pacific 231», von dem eini­ge Noten auf der Rückseite des Geldscheins abge­bil­det sind. Der Titel bezieht sich zum einen auf den Namen einer Lokomotive, ande­rer­seits auf deren Achsenzahl (2 Lauf‐, 3 Triebachsen und wie­der­um 1 Laufachse).

Mit sei­nem Oeuvre hat Arthur Honegger wesent­lich zur Anerkennung der schwei­ze­ri­schen Musik bei­getra­gen. Die «Neue Zürcher Zeitung» bezeich­ne­te den Komponisten «Turi» gar als einen der «stärks­ten Exponenten und anti­po­la­ren Repräsentanten der schwei­ze­ri­schen Musik». Inwiefern sind er als Person und sein musi­ka­li­sches Schaffen tat­säch­lich von der Schweiz geprägt? Hat er doch aus­ser zwei­er Studienjahren und des Militärdienstes zeit­le­bens in Frankreich gelebt und gewirkt. Honegger selbst sieht in sei­ner schwei­ze­ri­schen Herkunft den Ursprung sei­ner aus­ge­gli­che­nen Selbstsicherheit, sei­ner Ruhe und sym­pa­thi­schen Ausstrahlung, wel­che sehr stark auf sein Umfeld zu wir­ken schien. Das Umfeld, in dem er sich ent­wi­ckel­te und sei­nen eige­nen musi­ka­li­schen Stil gefun­den hat, ist zu gros­sem Teil von Frankreich geprägt. Eine bedeu­ten­de Freundschaft ver­band ihn mit dem Innerschweizer Komponisten Othmar Schoeck. Arthur Honegger schreibt in der «Schweizerischen Musikzeitung» aus dem Jahr 1946: «Meine ers­te Begegnung mit Othmar Schoeck muss etwa ins Jahr 1909 zurück­ge­hen. Ich war zu jener Zeit am Zürcher Konservatorium, […] wo eines Abends ein Musikfest mit Werken von Schoeck orga­ni­siert wur­de. […] Ich war augen­blick­lich bezau­bert von der Poesie und dem nicht zu bestrei­ten­den Charme, der von sei­nen Melodien aus­ström­te. […] Unmittelbar nach dem Konzert stell­te mich Willem de Boer Schoeck vor, an den ich stot­tern­de Glückwünsche rich­te­te. Ich habe ein Lächeln, das Aufblitzen sei­nes blau­en Blicks und den herz­li­chen Händedruck, mit dem er mir dank­te, noch frisch im Gedächtnis.» Aus die­sen Zeilen ist ersicht­lich, wie gross Honeggers Bewunderung für Othmar Schoeck schon vor der Bekanntmachung gewe­sen sein muss. Die bei­den Komponisten fan­den durch gemein­sa­me Schweizer Werte einen ers­ten Boden für ihr gegen­sei­ti­ges Verstehen. Als Othmar Schoeck Kapellmeister in St. Gallen wur­de, war er einer der ers­ten, die Honeggers Werke in ihr Programm auf­nah­men.

Honeggers Musik schlägt «Brücken zwi­schen der französisch‐ und der deutsch­spra­chi­gen Kultur», wie im Mikrotext mit­ten auf der Banknote zu lesen ist. Er selbst meint dazu: «In Frankreich fand ich die leuch­ten­de Klarheit des Geistes, die musi­ka­li­sche und see­li­sche Verfeinerung.»

ensui­te, November 2009

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Artikel online veröffentlicht: 20. September 2018