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Die Macht der Geografie

Von Dr. Reg­u­la Stämpfli — Ich erin­nere mich noch heute sehr gut daran, wie sehr ich den Geografie­un­ter­richt im Gym­na­si­um geliebt habe. Wie ich mich an meinem Pult wegträumte in weit ent­fer­nte Regio­nen der Erde, wie ich mit Sir Edmund Hillary und seinem Sher­pa Ten­z­ing Nor­gay den höch­sten Berg der Erde bestieg, wie ich auf den Spuren des Mun­go Park durch den exo­tis­chen Dschun­gel von West­afri­ka marschierte, wie ich an Bord der Trinidad mit Mag­el­lan die Welt umsegelte. Die ganze Welt bre­it­ete sich als gross­es Aben­teuer vor mir aus. In späteren Schul­jahren gesellte sich zur geografis­chen Früherziehung die his­torische: Warum scheit­erten die Pers­er an den Ther­mopy­len? Was macht­en Han­ni­bal und die Ele­fan­ten über den Alpen falsch? Wie kon­nte die end­lose Weite Rus­s­lands Napoleon in die Knie zwin­gen? Geografie war nicht nur Träu­men, son­dern mutierte zu Kli­ma­zo­nen, Macht­poli­tik und kom­binierte Erdreal­itäten mit Erzäh­lun­gen. Einem, dem es ganz ähn­lich wie mir ergan­gen sein muss, ist der Autor Tim Mar­shall, der mit seinem Buch «Die Macht der Geo­gra­phie » aus dem Jahr 2017 einen Schmök­er ganz nach meinem Sinn geschrieben hat. Der Unter­ti­tel «Wie sich Welt­poli­tik anhand von 10 Karten erk­lären lässt» beleuchtet die unüber­sichtliche, schein­bar chao­tis­che und irra­tionale glob­ale Poli­tik und Zusam­men­hänge mit der Geografie. Mar­shall macht das in 10 Kapiteln so unter­halt­sam und wun­der­bar, dass man das Buch am lieb­sten in einem Rutsch durch­le­sen möchte. Dabei ist das Gegen­teil gefordert: Ruhe und Konzen­tra­tion. Denn die Aus­führun­gen des ver­sierten und vielfach aus­geze­ich­neten Jour­nal­is­ten Tim Mar­shall sind faszinierend, und wer noch einen Atlas zu Hause hat, kann auf einen sehr vergnüglichen Abend mit sein­er Part­ner­in zählen, wenn sich Buch­staben mit Bre­it­en­graden ergänzen. Beispiel gefäl­lig?

Das Reich der Mitte, die Volk­sre­pub­lik Chi­na, bestand aus regionalen Gesellschaften, die alle dem Zen­trum Trib­ut zu leis­ten hat­ten. 4000 Jahre kam Chi­na sehr gut ohne Häfen und eigene Meere aus. Die riesige Land­masse und eine unbeschränk­te Zahl Men­schen (mit­tler­weile fast 1,4 Mrd.) genügten, um die chi­ne­sis­che Zivil­i­sa­tion – bis auf die paar Jahrzehnte europäis­ch­er Erniedri­gung – zur bes­tim­menden der Welt zu machen. Geografisch war Chi­na dabei recht geschützt: im West­en durch den Himalaya mit seinen unüber­windlichen Bergen, im Nord­west­en durch die Wüste Tak­la­makan, im Süden durch das Meer. Der Nor­den mit seinem ewigen Bedro­hungspoten­zial der Nomaden­völk­er wurde mit­tels der grossen chi­ne­sis­chen Mauer abgeschirmt. Im 21. Jahrhun­dert beherrscht die Volk­sre­pub­lik nun auch noch die Meere, Küsten und Rohstoffe, und siehe da: Das Beck­en des Gel­ben Flusses – eine vergiftete Riesen­kloake – sym­bol­isiert wie kein ander­er Fluss den Kern glob­aler Herrschaft.

All dies erzählt uns Mar­shall und erhellt uns deshalb die Geschichte der Men­schheit als Zusam­men­spiel von mächti­gen Fik­tio­nen und noch mächtigeren geografis­chen Voraus­set­zun­gen.

Die Golan­höhen mit ihren Quellen sind im Nahen Osten Garant für das Über­leben in der Wüste, und die Kon­flik­te zeigen, dass sich in dieser Gegend nie­mand auf gemein­same Fik­tio­nen, Steuer­sys­teme und Schrift eini­gen kann, sodass die Geografie immer noch zur Frage von Leben oder Ster­ben hochstil­isiert wer­den muss. Die materiellen Gegeben­heit­en in Palästi­na sind der­massen ver­flixt, dass sie in Form von Bomben auch furcht­bar­erweise mit­ten in Paris explodieren. Deshalb ist die Men­schheit respek­tive «Mannheit» seit Urge­denken damit beschäftigt, die Geografie unter Kon­trolle zu brin­gen. Seit dem Assuan-Stau­damm gibt es auch keine Hochwass­er am Nil mehr – und die Mil­lio­nen Men­schen machen sich auf den Weg in andere Gegen­den. Dubai und Sau­di-Ara­bi­en beispiel­sweise haben kein Wass­er, dafür mächtige Fik­tio­nen und Entsalzungsan­la­gen, Aber­mil­liar­den von Petrodol­lars und die bei den Gen­derthe­o­retik­erin­nen sehr beliebten schwarzen Umhänge für Frauen. Auch hier zeigt sich, dass der Glaube Berge ver­set­zen kann, und dies ist dur­chaus auch geografisch gemeint. Deshalb nützt es Europa nichts mehr, als geseg­neter Wasser­spe­ich­er der Welt dazuste­hen und mit dem europäis­chen Glauben die Welt zu beherrschen. Denn die Alpen schmelzen dahin, und es fragt sich, wie lange das Wass­er hierzu­lande wegen Nitratvergif­tun­gen noch direkt aus dem Hahn getrunk­en wer­den kann. Vor allem, da die Gross­mästereien für Huhn, Rind und Schwein in Deutsch­land und in den Nieder­lan­den die Böden weit­er­hin –hochsub­ven­tion­iert via die EU – vergiftet und verseucht in grässliche Müll­halden ver­wan­deln dür­fen. Ganz abge­se­hen davon, dass hier mil­liar­den­fache Ver­brechen gegen Lebe­we­sen als «courant nor­mal» verkauft wer­den, wird auch die Frage nach der Geografie nie gestellt: Was passiert eigentlich mit Gesellschaften, deren Wass­er, Böden und Tiere sys­tem­a­tisch vergiftet wer­den? Lei­der ver­passt Tim Mar­shall auch diese enorm wichtige Diskus­sion, dafür hat er aber andere inter­es­sante Zusam­men­hänge zu bieten:

«Lage, Lage, Lage. Wenn Sie im Lot­to gewon­nen hät­ten und nach einem Land Auss­chau hal­ten wür­den, das Sie kaufen kön­nten, um dort zu leben, würde Ihnen der Mak­ler als erstes Land die Vere­inigten Staat­en von Ameri­ka zeigen.» So begin­nt Mar­shall sein Kapi­tel über Ameri­ka, und er macht darin deut­lich, dass wir heutzu­tage bess­er auf­passen soll­ten mit Pauschal­isierun­gen und intellek­tuellem Upper-Class-Dünkel gegenüber den USA. Denn die amerikanisch- geseg­nete geografis­che Lage in Kom­bi­na­tion mit riesi­gen Rohstof­fvor­räten wird dem Land auch in Zukun­ft noch Macht und Wohl­stand sich­ern – selb­st wenn seine neolib­erale Wirtschaft­selite grade mit aller Macht ver­sucht, den grösst­möglichen Unsinn anzuricht­en.

Von Indi­en bis Korea, von Lateinameri­ka bis zur Ark­tis – Mar­shall schlägt einen Bogen rund um den Globus und macht eben diesen Globus mit all seinen lokalen geografis­chen Beson­der­heit­en zum Pro­tag­o­nis­ten sein­er Welt­geschichte. Wer also momen­tan ein wenig Abwech­slung von den son­st üblichen sozio-kul­turellen Wel­terk­lärungsmod­ellen hat, dem sei «Die Macht der Geo­gra­phie» wärm­stens emp­fohlen. Denn plöt­zlich wird die Welt wieder gröss­er, der Dschun­gel undurch­dringlich­er, die Berge höher und die Flüsse reis­sender.

 

ISBN 978–3-423–34917-8

 

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Artikel online veröffentlicht: 16. Januar 2018