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Die Zeit der Medienkaiser: «Schirrmacher. Ein Porträt»

Von Dr. Regula Stämpfli - Schweizer Medienschaffende sind selbstreferenziell. Wer ausserhalb der Eidgenossenschaft Karriere macht, wird mit ähnlicher Skepsis betrachtet wie James Joyce von den Iren seinerzeit. Der grösste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts wurde in der Schweiz beerdigt - das irische Aus-senministerium verbat seiner Repräsentation ausdrücklich, an der Totenfeier in irgendwelcher Form teilzunehmen. Vorher hatte die irische Regierung das Gesuch der grossen Liebe und Lebensgefährtin von James Joyce, Nora Barnacle, dessen Gebeine doch nach Dublin zu überführen, da er als Schriftsteller von Weltrang Dublin und Irland ein Monument gesetzt habe wie kein anderer, ab. Dass der «Prophet im eigenen Land nichts wert sei», passt auf das kleine Irland ebenso wie auf die noch kleinere Schweiz. Nun ist Michael Angele noch kein Autor von James Joyce’ Rang, trotzdem erstaunt, dass seine vielbeachteten Bücher wie «Der letzte Zeitungsleser» und neu «Schirrmacher. Ein Porträt» noch keine grossen Wellen geschlagen haben. Michael Angele ist 1964 im Kanton Bern geboren und hat im selben Jahr wie ich 1999 seine Dissertation abgeschlossen. Ich habe den stellvertretenden Chefredaktor von «Der Freitag» noch nie persönlich kennengelernt, doch wir sind via soziale Medien miteinander verlinkt. Schon lange schätze ich Angeles Schreibe und freute mich enorm auf sein Projekt «Schirrmacher» – das angesichts der schillernden Persönlichkeit des früh verstorbenen Machtmenschen, Intellektuellen und Herausgebers der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung FAZ» ein sehr mutiges ist. Deutsche Medienschaffende sind nämlich auch selbstreferenziell, und die Journalisten – meist Männer – mögen es gar nicht, wenn einer unberechenbar, getrieben, unabhängig, sprunghaft, charmant, mit dem richtigen Riecher für Bestseller-Themen mindestens einen Kopf grösser ist als alle anderen. Frank Schirrmacher war nach Hannah Arendt ein klassischer Paria, ein Underdog, der sein Leben auch darauf verwendete, nie mehr einer zu sein. Sein früher Tod versöhnte all seine Gegner, Neider und von ihm Ausgegrenzten. Das plötzliche Ableben liess die gesamte Medien-Entourage verstummen. Michael Angele durchbricht dieses Schweigen mit einem sehr mitreissend geschriebenen, ausgezeichneten Porträt. Angele führt uns nicht nur in das Leben von «Karlsson», der Figur von Astrid Lindgren, die bestens zu Frank Schirrmacher passt, ein, sondern in die Männer- und Medienclubs der 1980er-Jahre bis heute. Er tut dies voller Mitmenschlichkeit gegenüber Schirrmacher und die deutsche Medienmacht betreffend äusserst präzise. «Er konnte dir das Gefühl geben, in diesem Moment der wichtigste Mensch auf Erden zu sein» (Michael Angele) – die klassische Eigenschaft eines Aufsteigers. Die Herren dieser Welt müssen niemanden kennen aus-ser sich selbst. Die Diener indessen wissen über jedes Detail ihrer Obrigkeiten Bescheid – schliesslich müssen sie für alle Fälle gewappnet sein. Deshalb sagt man Männern oft nach, dass sie Frauen nicht kennen oder gar verstehen würden. Sie müssen es schlicht nicht, denn es ist Aufgabe des zweiten Geschlechts (Simone de Beauvoir; «zweites Geschlecht ist präziser als «das andere Geschlecht», Anm. R. S.), durch Information den schlechteren gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Stand wettzumachen. Wenn Didier Eribon über seine Kindheit in Reims schreibt, dann hätte sich Frank Schirrmacher in vielen habituellen Anpassungsleistungen, die viel Verleugnung des eigenen Ichs bedeuten, sicher wiedererkannt, dies aber nie geschrieben.

Frank Schirrmacher war ein Kind aus beengten, kleinbürgerlichen Verhältnissen, mit grosser Intelligenz gesegnet, und er war das, was man gemeinhin «streetwise» nennt. Solche Kinder, geboren von 1960–1976, wurden wie keine Generation vor oder nach ihnen schulisch gefördert. Viele stiegen via Intelligenz und Bildung in ganz andere Klassen auf. Wer aber wirklich dazugehören will, muss sich den Habitus der Herrschenden so sehr aneignen, dass diese angesichts der perfekten Imitation von sich selber, ihrer Klasse, ihrer Umgangsformen entzückt sind. Um den Herausgeber der FAZ davon zu überzeugen, dass nur er, Schirrmacher, Nachfolger des grossen Reich-Ranicki im Feuilleton werden könne, liess Schirrmacher Joachim Fest ein Manuskript seiner Rede an der Society of Fellows der Uni Harvard zukommen. Es bleibt ungeklärt, ob Schirrmacher diese Rede überhaupt je gehalten hat. Doch die geschickte Fest-Schmeichelei ebnete ihm den Weg in den Medien-Olymp. Mit 34 Jahren wurde er der jüngste FAZ-Herausgeber aller Zeiten.

«Über Schirrmacher schreiben heisst, ein Schelmenstück schreiben. Es ist das Stück, in dem er sich selbst sah.» (Michael Angele) Frank Schirrmacher wollte um jeden Preis dazugehören. Er wurde der einflussreichste Medienmann seiner Generation. Schirrmacher hatte den Instinkt für den richtigen Moment, den idealen Zeitpunkt, «the gut instinct», dieses vorausschauende Bauchgefühl, ohne dieses Aufsteigerkinder keine Chance haben. Den Preis, den sie dafür zahlen müssen, ist allzu oft der der eigenen Integrität. Männlichen Aufsteigern scheint dies weniger auszumachen als weiblichen. Diese stolpern, stürzen oder steigen meist selber von den Karriereleitern runter, da sie erkennen, dass sie dieses Spiel – egal welches Pokerface – nie beherrschen werden. Deshalb gibt es bis heute keine weiblichen Schirrmacher. Schaffen es Frauen an die Spitze der Macht, stehen immer Männer (als Liebhaber, Vater, verstorbener oder lebender Partner) Pate. Einer Frau würde eine umstrittene Dissertation, eine möglicherweise erfundene Rede in Harvard, der Verrat an ehemaligen Weggefährten und Mentoren kaum verziehen. Einem sehr sympathischen, grosszügigen, spannenden, verzaubernden, vielbelesenen «kindlichen Kaiser» (Michael Angele) schon.

«Nichts Schlechtes über die Toten [schreiben] (Anm. R. S.) heisst in Wahrheit: nichts Schlechtes über die Überlebenden [sagen] (Anm. R. S.).» Dies meinte Frank Schirrmacher in seinem Nachruf auf den von ihm bewunderten Regisseur Bernd Eichinger. Michael Angele ist mit seinem Porträt zu Frank Schirrmacher ein Sittengemälde der deutschen Medien-Männer-Macht geglückt; gut geschrieben, spannend, amüsant, lehrreich, quellenstark und erschütternd. «Schirrmacher» lässt einen aber auch jeden Tag aufs Neue die digitale Revolution begrüssen. Denn: Die Tage der Medienkönige, Wort-Autokraten und Männerclubs sind gezählt.

ISBN 978-3-8412-1509-3
Michael Angele: Schirrmacher. Ein Porträt. Aufbau-Verlag Mai 2018

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Artikel online veröffentlicht: 27. August 2018 – aktualisiert am 10. September 2018