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EDITORIAL Nr. 122: Anforderungen

Von Lukas Vogel­sang — Der Druck auf die Kul­tur­förderungsstellen wächst. Seit Jahren ver­lan­gen Kri­tik­er, Insti­tu­tio­nen, Ver­bände, Kün­st­lerIn­nen und schlussendlich auch die Poli­tik, dass trans­par­ente Kul­tur- und Förderungskonzepte vor­liegen. Unter «trans­par­ent» wären Papiere gemeint, die nicht auf über 140 Seit­en ver­suchen «Kul­tur» zu erk­lären. Ein Konzept ist wesentlich grif­figer, kom­pak­ter und kürz­er for­muliert.

Die Anforderun­gen sind in den let­zten Jahren gewach­sen, aber die Amtsstellen hinken den Anforderun­gen hin­ten nach. Es ist unver­ständlich, dass die betrof­fe­nen Förder­stellen nicht von selb­st offen­siv han­deln. Es muss Druck aus­geübt wer­den, damit etwas geschieht. Und es ist auf­fal­l­end: Die Kul­tursekre­tari­ate von Bern und Zürich waren noch nie so schweigsam wie im let­zten Jahr. Auf Nach­frage ist immer alles in bester Ord­nung: Unfehlbare machen keine Fehler. Die Kul­turämter haben sich damit sel­ber ins Kreuzfeuer der Kri­tik gestellt und wer­den von Monat zu Monat unglaub­würdi­ger. Allem Anschein nach mögen sie das.

Selb­stver­ständlich ste­ht über jed­er Abteilung ein Chef, zum Beispiel ein Regierungsrat, ein Gemein­der­at oder eine Stadt­präsi­dentin oder ein Stadt­präsi­dent. In einem falsch ver­stande­nen Führungs- und Machtkonzept wirken Autoritäten nur von oben nach unten – und es wird nicht gehört, was von unten nach oben kommt.  Nicht alle Führungskräfte ver­ste­hen diese Zusam­men­hänge. Und so fol­gen Schlagzeilen, Stel­lenauss­chrei­bun­gen und viele knor­rige Erk­lärun­gen. Auch das scheinen diese Amtsin­hab­erIn­nen zu mögen.

Natür­lich wur­den diese Chef-Posi­tio­nen durch Wahlen erko­ren. In der Kausal­itäten­kette hat die Gesellschaft also diese Konzept­losigkeit und Unfähigkeit selb­st ver­schuldet. Das ist zwar eine banale und blöde Antwort, aber zumin­d­est the­o­retisch ist sie kor­rekt. Es wider­spiegelt ziem­lich deut­lich ein Stück unser­er Schweiz­er Kul­tur.

Ander­srum ste­ht es uns eben ger­ade deswe­gen zu, Forderun­gen zu stellen. Wir dür­fen fordern, weil wir dieses Sys­tem sel­ber gebaut haben. All diese Angestell­ten im öffentlichen Dienst sind genau genom­men unsere Angestell­ten, die für die Gesellschaft Funk­tio­nen innehaben und Arbeit­en erledi­gen. Und damit wen­det sich die Wahrnehmung der poli­tisch undurch­dring­baren Wand, löst sich unsere gefühlte Macht­losigkeit auf: Wir dür­fen an unsere Gesellschaft Forderun­gen stellen. Wir dür­fen an uns sel­ber Forderun­gen stellen. Und gemein­sam kön­nen wir ver­suchen, diesen Ansprüchen gerecht zu wer­den. Das heisst: nicht abwim­meln, son­dern annehmen, ler­nen, weit­erkom­men.

Das klingt alles so schreck­lich banal. Wenn wir jedoch die Real­ität beobacht­en, staunen wir. Im Jahr 2013 sind wir noch lange nicht in ein­er Nor­mal­ität ange­langt. In Bern ist das Chaos so gross wie noch nie: Die Abteilung Kul­turelles ver­liert nach den Bern­er Tanz­ta­gen jet­zt auch noch das Lit­er­atur­fes­ti­val, und die grösste Tanzkom­pag­nie ÖFF ÖFF ste­ht vor dem aus. Haupt­säch­lich dreht sich alles um Pan­nen in der Kul­tur­förderung. Dafür hat eine einzelne Tänz­erin durch poli­tis­che Wirren in drei Jahren über 930‘000 Franken Sub­ven­tion erhal­ten. Beim Kan­ton ist die Abteilung Kul­tur in nur vier Jahren im Know-how aus­ge­höhlt wor­den und jet­zt gar führungs­los. Die Stadt Zürich ist nicht viel bess­er dran. Dort ver­suchte die Abteilung Kul­tur offiziell im Bud­get 2013 ein Pro­jekt zu ver­steck­en, welch­es eigentlich ein Jahr zuvor bere­its vom Gemein­der­at abge­blasen wor­den war. Ein­fach mal pro­bieren, dass jemand aus der Poli­tik Fra­gen stellt ist eh kaum anzunehmen.

Forderun­gen sind also berechtigt – die Trans­parenz in der Kul­tur ist alles andere als gut, und es ist auch nichts in bester Ord­nung. Wir haben jet­zt ein neues Jahr und kön­nen vieles bess­er machen. Der erste Schritt des Erken­nens ste­ht jet­zt an.

ensuite, Feb­ru­ar 2013

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Artikel online veröffentlicht: 16. Juli 2019