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EDITORIAL Nr. 81

Von Lukas Vogel­sang — Wun­schkul­tur: Wie noch nie ste­hen die Ver­hält­nisse auf dem Kopf: Wir wollen über­all erre­ich­bar sein, besitzen jede Kom­mu­nika­tion­s­mas­chine und haben uns nichts mitzuteilen. Wir haben TVs mit mehr Pro­gram­men, als wir in ein­er Woche sehen kön­nen, und es läuft nichts, was man nicht ver­passen kann. Unsere Fahrräder sind so teuer wie Occa­sion-Autos und wer ins Spi­tal muss, will ein Einzelz­im­mer mit Aus­blick — die Gesund­heit­skosten sind in den Wolken. Wer krank wird, kriegt eine „Auf-Knopf­druck-gesund-Tablette“. Essen, ja, über­all und schnell – Alko­hol ist fast immer dabei, beim Wass­er sind wir wäh­lerisch. Kino, The­ater, Konz­erte müssen unter­hal­ten, Haupt­sache lustig, und das Pub­likum trinkt Bier und spricht selb­st mehr, als jene auf der Bühne. Büch­er ja, aber bitte ein­fache Geschicht­en und bitte mit weniger Buch­staben. Bezahlen müssen wir nicht, es läuft über Kred­it, und ver­di­enen tun wir für zwei Gross­fam­i­lien – wir haben trotz­dem kein Geld. Exper­i­mente sind gefragt und Mut wird belohnt, aber nur wenn’s funk­tion­iert. Alles gelingt – was nicht gelingt, gibt es nicht, und wir vergessen ganz schnell. Wir ler­nen nicht mehr aus Fehlern, son­dern schluck­en Rital­in. Wir wollen heute Arbeit für alle – egal ob mit oder ohne Lohn. Harm­los: Das Qual­ität­sniveau wird tiefer ange­set­zt, und Haupt­sache, es bleibt poli­tisch sexy.

Die Welt hat sich uns angepasst, nicht der Men­sch der Welt. Dies ler­nen wir den näch­sten Gen­er­a­tio­nen. Das ist unsere Kul­tur.

Aktuell ist die Film­branche Schweiz aufge­bracht, weil das Kul­tur­fördergeld nicht mehr so fliesst, wie das seine Gewohn­heit hat­te und gewün­scht wird. Es sind neue Regeln aufgestellt wor­den und das passt der Branche ver­ständlicher­weise nicht. Dem BAK (Bun­de­samt für Kul­tur) wird vorge­wor­fen, dass Geld mit zu vie­len Vit­a­mi­nen zu verteilen. Wer Geld erhält, lächelt vit­a­m­in­re­ich­er, die anderen liegen unter dem Tisch. Sich­er, Kri­tik an einem Verteil­sys­tem von Fördergeldern ist immer berechtigt, denn wenn alles «sauber» läuft, erledigt sich das The­ma von selb­st (nette Illu­sion, oder?). Das ist keine Entschuldigung für die fehlende Selb­stkri­tik der Film­schaf­fend­en: Vielle­icht sollte mal etwas an den Drehbüch­ern gedreht wer­den und es täte ganz gut, zu über­legen, was ein guter Film sein kön­nte (Dra­maturgie, Kam­era, Psy­cholo­gie, Bewe­gung, Musik, …). Zur Erin­nerung: Die Dog­ma-Filme, welche Lars von Tri­er mit Fre­un­den ini­ti­iert haben, arbeit­eten teil­weise mit Pro­duk­tions­bud­gets von 45 000 Franken und spiel­ten Mil­lio­nen ein. Das kön­nten wir Schweiz­erIn­nen doch auch. Nur läuft es hier umgekehrt: Ein paar Mil­lio­nen Pro­duk­tions­franken brin­gen mal ganze 45 000 Per­so­n­en ins Kino (und das wäre dann bere­its ein Top­film).

Wie noch nie ste­hen die Ver­hält­nisse auf dem Kopf. Ein Chaos aus Wün­schen und Real­itäten. Das ist der Zus­tand, wenn eine Gesellschaft die Fix­punk­te, Ori­en­tierungssys­teme und Wertvorstel­lun­gen ver­liert. Es gibt keine Richtlin­ien mehr, gut oder falsch sind aufgelöst. Die offizielle Kirche schläft – dabei wäre das ihre beste Zeit. Sie haben das Feld den Freikirchen über­lassen. Wild­wuchs. Es ist aus­geglaubt und die ICH AG übern­immt das Wis­sen. Das ist philosophisch gese­hen sich­er ein inter­es­san­ter Zus­tand, doch erin­nert es an Moses, das gold­ene Kalb — und im gle­ichen Atemzug erhal­ten die Selb­st­mord-Ter­ror­is­ten ihre Berech­ti­gung. Wir ste­hen kurz davor: Der Turm zu Babel wird wieder zusam­men­brechen und wir wer­den uns ein­mal mehr neu ori­en­tieren müssen. Das ist alles. Die Geschichte begin­nt von vorne. Keine Sorge, nie­mand wird sich darum küm­mern – auss­er WIR tun es.

Ganz was anderes: Unser neues Kleid kommt sehr gut an. Das Feed­back hat als einzig neg­a­tive Mel­dung tat­säch­lich «zu viele Buch­staben» her­vorge­bracht. Es sei zu dicht. Einen ähn­lichen Satz habe ich mal in ein­er Mozartver­fil­mung gehört: «Zu viele Noten.» Jemand meinte noch, wir sähen jet­zt aus wie ein bil­liger Groschen­ro­man. Aber wir haben über­raschend viele pos­i­tive Noten erhal­ten. Das sehen wir auch in den unzäh­li­gen neuen Anfra­gen, Bewer­bun­gen und «Wie-komme-ich-ins-ensuite-Fra­gen». Oh, fast hätte ich es vergessen: Nur kosten darf‘s natür­lich nichts.

Foto: zVg.
ensuite, Sep­tem­ber 2009

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Artikel online veröffentlicht: 10. September 2018