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EDITORIAL Nr. 82

Von Lukas Vogel­sang — Gen­er­a­tio­nen wech­seln, Hand in Hand, von ein­er unbe­merkt in die andere, taschendiebisch, ohne etwas zu sagen, ohne sich zu ver­ab­schieden – weg. Was «zu unser­er Zeit» noch üblich war, ist nicht mehr, unver­ständliche Blicke dafür hin zu uns und umgekehrt. Neues ist da. Neue Gesichter mit neuen Ideen. Neue Ansicht­en.

Das Gen­er­a­tio­nen­spiel dreht unaufhör­lich im Ham­ster­rad — und dies tück­isch: Wenn man dem «Alten» nach­trauert, gilt man als kon­ser­v­a­tiv rück­ständig, wenn man sich dem «Neuen» ver­schreibt als verzweifelt jungbe­müht und tra­di­tion­s­los. Entwed­er repräsen­tiert man Bewe­gung oder aber Still­stand. Man gehört dazu oder nicht, und wenn man nicht dazuge­hört, gehört man zu den anderen, wo man sich nicht einord­nen wollte. Man ist sel­ber kul­turelles Elitegut oder gehört zu den Möchte­gern-Lang­wei­lerIn­nen. Kul­tur macht wirr – und das Gen­er­a­tio­nen­spiel hil­ft uns dabei nicht weit­er.

Ich kann mich noch erin­nern, selb­st irgend­wo als Kleinkün­stler tätig, wie wir über Kun­st und die Welt disku­tierten und für die Proben eines The­ater­stücks fast gestor­ben wären. In mod­ri­gen Proberäu­men unter härtesten Bedin­gun­gen fol­gten wir ein­er untol­er­an­ten Kun­st. Diese war noch Welt und nicht Selb­st­darstel­lung – wir arbeit­eten an unser­er Exis­tenz. Innigkeit, Inten­sität, Denken und Per­fek­tion waren die Voraus­set­zun­gen. Die Kun­st wurde neu erfun­den, immer wieder. Heute suche ich dieses Fieber. Die Schweine­grippe ist es nicht. Die Visio­nen sind rar gewor­den, Ziele wer­den nicht mehr so kon­se­quent weit­er­ver­fol­gt und die Diskus­sio­nen um Kun­st gehören nicht mehr in den All­t­ag. Dazwis­chen liegen vielle­icht 13 Jahre. Die Zeit des Auf­bruchs ist schon lange abgek­lun­gen und was jet­zt noch spielt, spielt um des Spie­lens willen, nicht aber für ein höheres Ziel. Es scheint, dass der men­schliche Geist müde gewor­den ist. Wir lassen uns noch tra­gen im Enter­tain­ment, dem Satz «We love to enter­tain you!» ver­trauen wir uns an. Still­stand.

Was mich bewegt ist die unver­ständliche Sprache der «Jugend». Das gehört wohl zu meinem Alterung­sprozess – obwohl ich noch nicht Moos ange­set­zt habe. Tröstlich, dass ich selb­st meine Worte, die ich vor Jahren zu Papi­er brachte, kaum wieder­erken­nen kann. Haupt­säch­lich ver­ste­he ich da nur die Gedanken nicht mehr – wohl aber den Sinn. Was ich aber in der Redak­tion von viel jün­geren Men­schen zu lesen bekomme, ist oft­mals weit weg von Geist, Kör­p­er, Seele — und Sinn… Nur leere, wort­ge­füllte Hüllen.

Vor eini­gen Wochen über­legte ich, wann ich das Wort «Rev­o­lu­tion» zum let­zten Mal gehört habe. Ein Mitschreiber brachte dieses Unwort mit meinem let­zten Edi­to­r­i­al in Verbindung. Rev­o­lu­tion? Kein junger Men­sch denkt noch an Rev­o­lu­tion. Wenn etwas nicht passt, so wird blind zer­stört, ohne poli­tis­che oder gesellschaft­skri­tis­che Auseinan­der­set­zung – oder man gibt auf und passt sich an. Mit Bier­flaschen parkierte Autos zu beschädi­gen oder einen Feuer­lösch­er von ein­er Brücke zu wer­fen ist wed­er Aus­druck von Rev­o­lu­tion noch ver­birgt sich dahin­ter ein intel­li­gen­ter Gedanke­nansatz. Es ist einzig das Ergeb­nis von dem, was wir «Vor­bilder» erzieherisch erre­icht haben: Die ältere Gen­er­a­tion lebt ihre Träume und hat die näch­ste Gen­er­a­tion in der Real­ität zurück­ge­lassen. Ich bin froh, dass wir «Erwach­se­nen», wie in dieser Krise, zwis­chen­durch scheit­ern.

ensuite, Okto­ber 2009

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Artikel online veröffentlicht: 10. September 2018