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EDITORIAL Nr. 83

Von Lukas Vogel­sang — Annie Lei­bovitz, die «reich­ste» Fotografin der Welt, ist pleite und ver­liert im schlimm­sten Fall die Rechte an all ihren Bildern – von jenen aus der Ver­gan­gen­heit, aber auch von jenen der Zukun­ft. Michael Comte, eben­falls beg­nade­ter Star­fo­tograf aus der Schweiz, hat einen Teil sein­er Bil­drechte eben­falls wegen des Geldes bere­its abgegeben und ist nicht wirk­lich glück­lich darüber. Bei­den Star­fo­tografen wird «Man­gel an Boden­haf­tung in ihrem Lebensstil» vorge­wor­fen. Michael Jack­son hat­te über bei­de Ohren die gle­ichen finanziellen Sor­gen – jet­zt mit seinem Tod wen­det sich das Blatt auf mak­abere Weise. Steve Hack­ett, Gitar­rist der Band Gen­e­sis aus den Anfän­gen (Seite 29), erzählte, dass sog­ar nach dem drit­ten Album der britis­chen Erfol­gs­band eine neun­monatige Tour rund eine halbe Mil­lion Schulden mit sich brachte – übri­gens war auch Peter Gabriel, Front-Urgestein und Sänger von Gen­e­sis, in den 80ern ein­mal so pleite, dass ein Bene­fizkonz­ert ver­anstal­tet wer­den musste. Es rei­hen sich Beispiele und Geschicht­en von erfol­g­los erfol­gre­ichen Kün­st­lerIn­nen und Kul­turschaf­fend­en. Geld und Kun­st scheint eine schwierige Mis­chung zu sein. Und Otto-Nor­malver­brauch­er beklagt sich über Man­ager­löhne und Banken­pleit­en.

Das ver­wöh­nte Pub­likum sieht dies alles nicht. Glanz und Glam­our sind, was wir von den Stars haben wollen, nicht das Ver­sagen – dies gibt es nicht. Wer nicht auf Platz eins ste­ht, hat ver­loren – bei Mil­liar­den von Zweit- und Drittplazierten ist das ein Prob­lem. Und gar nicht toleriert wird, wenn ein Kün­stler oder eine Kün­st­lerin vom Pub­likum etwas fordert. So gab Kei­th Jar­rett in Zürich sein­er Wut Aus­druck, weil einige Men­schen aus dem Pub­likum das Gefühl hat­ten, trotz Ver­bot mit der Kam­era fil­men zu müssen. Auf eini­gen Inter­net­seit­en kon­nte anschliessend gele­sen wer­den, dass Jar­rett arro­gant sei, seine Musik total über­be­w­ertet, sein Gestöhne auf der Bühne nerve, und über­haupt, «was dem eigentlich ein­falle…» Dass Jar­rett ohne Netz und Bal­ance­hil­fe mit dem Pub­likum den inten­sivsten kün­st­lerischen Moment zu Teilen ver­sucht, den Moment des absoluten Seins, der «göt­tlichen» Per­fek­tion, wird von diesen selb­ster­nan­nten Kri­tik­erIn­nen über­hört (Seite 38). Sie wür­den am lieb­sten einem Maler erk­lären, wo dieser nach ihrem Gus­to den Pin­sel­strich anset­zen muss, um danach vor Fre­undIn­nen und Nach­barIn­nen die Heroes zu verkör­pern, welche Kun­st ver­standen haben. Kun­st auf Knopf­druck, gefäl­lig, angepasst. Für Pres­tige, Ruhm und Glam­our geben wir unser let­ztes Geld – für das Exper­i­ment, für den Ver­such, für die Entwick­lung nicht. Und schon gar nicht lassen wir uns durch kün­st­lerisches Schaf­fen bewe­gen oder begin­nen zu reflek­tieren.

Unser west­lich­es Kul­tur- und Kun­stver­ständ­nis ist Luxus. Ein überdi­men­sion­ales Spiegel­bild ohne Betra­ch­terIn­nen. Wenn das Schweiz­er Fernse­hen «Die grossen Schweiz­er Hits» zele­bri­eren will, so gewin­nt nicht die Kun­st, son­dern Bier und die Bratwurst – was sehr viel über das kul­turelle Niveau der ZuschauerIn­nen ver­rät. Kun­st find­et ohne dieses Pub­likum statt. Und das Gute daran: Zum Glück find­et sie ohne dieses Pub­likum statt. Es wäre son­st gle­ich einem Spiegel im Spiegel, ein­er Rück­kop­plung im Kopfhör­er, einem Aquarell im Dauer­re­gen.

Nur das Prob­lem mit dem Geld lässt sich dadurch nicht lösen. Ein­er­seits arbeit­en die Kun­stschaf­fend­en wie die let­zten Lem­minge über Jahre hin­weg — doch den Lohn kassieren oft­mals andere. Und wenn dann Geld kommt, ist der Umgang damit ein Prob­lem. Denken Sie, liebe LeserIn­nen, daran, wenn Sie die näch­ste CD in die Musikan­lage steck­en oder ein Buch in die Hand nehmen. Kul­turelles und kün­st­lerisches Schaf­fen ist immer ein «Miteinan­der Teilen» – das Pub­likum, also wir, sind immer ein unent­behrlich­er Teil davon, ein Spiegel.

ensuite, Novem­ber 2009

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Artikel online veröffentlicht: 16. September 2018