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EDITORIAL Nr. 85

Von Lukas Vogelsang – Am 9. September steht in einer Weisung der Kulturabteilung an den Zürcher Gemeinderat (GR Nr. 2009/​393) «3.7. Bessere Vermittlung des kul­tu­rel­len Angebots: Die Nachfrage nach kul­tu­rel­len Gütern und damit die Auslastung des bestehen­den Angebots soll gestei­gert wer­den, indem die Information über das Kulturangebot ent­schei­dend ver­bes­sert wird. Denn nach wie vor wird das viel­fäl­ti­ge kul­tu­rel­le Angebot kaum in sei­ner Gesamtheit wahr­ge­nom­men. Zudem lässt sich nur müh­sam ein Überblick ver­schaf­fen.

Die Nachfrage nach kul­tu­rel­len Gütern sowie die Verbesserung der Wahrnehmung Zürichs als Kulturdestination könn­te durch die Schaffung eines über Werbung und wei­te­re pri­va­te Zuwendungen finan­zier­ten umfas­sen­den Veranstaltungsführers erhöht wer­den. Dieser müss­te den gros­sen Zürcher Tageszeitungen bei­gelegt wer­den und auch an Kiosken und öffent­li­chen Verkaufsstellen täg­lich erhält­lich sein. Parallel zur Printversion müss­te der Veranstaltungsführer auch online ver­füg­bar sein. Ein ent­spre­chen­des Projekt wird auf Initiative der Kulturabteilung gegen­wär­tig in pri­va­ten Kreisen erar­bei­tet.»

Das klingt eigent­lich ganz ver­nünf­tig, schliess­lich haben am 22. Juni 2009 eine Handvoll enga­gier­te und gela­de­ne Gäste im Theater Neumarkt in Zürich debat­tiert und «Handlungsbedarf» in der Kulturberichterstattung ange­kün­digt. Es ist auch bekannt, dass der Züri‐​Tipp lei­det – zu wenig Werbeeinnahmen las­sen bei Tamedias Profitcenterdenken Fragen auf­kom­men. Etwas frag­wür­di­ger aller­dings ist, war­um ensui­te in die­sem Zusammenhang kein Thema ist. Seit zwei Jahren beackern wir Zürich und des­sen Kulturabteilung – man kennt uns alle­mal.

Kurz nach die­sem Neumarkt‐​Treffen habe ich mich des­we­gen mit Dr. Jean Pierre Hoby, Kultursekretär von Zürich, getrof­fen. Ich hat­te ihn infor­miert, wie es in Bern läuft, und dass man viel­leicht in Zürich nicht die glei­chen Fehler machen soll­te. Er bestä­tig­te die­se Beobachtungen, und man woll­te sich auf dem Laufenden hal­ten. Seither ist Herr Dr. Hoby ein Geist gewor­den und mischelt irgend­was, ohne die Beteiligten zu infor­mie­ren. Ein paar Wochen spä­ter hat er aber «sein» Projekt dem ZH‐​Stadtrat erklärt. Fakt ist, was für den Stadtrat gut klingt, kann nicht funk­tio­nie­ren: 1. Ist der Werbemarkt für Kultur zu klein, um so ein Unternehmen finan­zie­ren zu kön­nen. 2. Baut die Stadt Zürich ein Konkurrenzunternehmen zu bestehen­den pri­va­ten Medien auf. 3. Wird dadurch der Züri‐​Tipp unnö­tig gefähr­det, schluss­end­lich ein­ge­stellt und durch die städ­ti­sche Publikation ersetzt – die Tamedia ver­dient noch Geld dar­an und reibt sich die Hände. Die Verlierer sind auf jeden Fall die Steuerzahler‐​Innen, Kulturinstitutionen und die Kulturschaffenden. Das wis­sen wir aus Erfahrung.

Ende August habe ich für ensui­te ein Förderungsgesuch ein­ge­reicht, da wir – wegen Zürich – Geld auf­trei­ben müs­sen. Es geht dabei um eine finan­zi­el­le Beteiligung von 30 000 Franken. Am 30. Oktober habe ich per Mail bei Herrn Hoby nach­ge­fragt – weil auf unse­re dop­pel­te Gesuchseingabe kei­ne schrift­li­che noch münd­li­che Bestätigung folg­te – ob er die Unterlagen eigent­lich erhal­ten habe. Sein Sekretariat ent­schul­dig­te sich gleich­tags und mein­te: «Er wird ihr Gesuch an der nächs­ten Mitarbeitersitzung mit den Ressortleitungen bespre­chen und sich anschlies­send bei Ihnen mel­den.» Am 17. Dezember mel­de­te ich mich noch ein­mal bei Herrn Dr. Hoby und for­der­te eine Antwort. Das lobens­wer­te Sekretariat ant­wor­te­te wie­der­um umge­hend: «Ich konn­te vor­her Herrn Hoby noch­mals nach dem Stand der Dinge fra­gen. Er wird Ihnen so rasch wie mög­lich eine schrift­li­che Begründung zur Ablehnung zukom­men las­sen. Die Stadt hat ein ande­res Projekt auf­ge­gleist und kann sich nicht an wei­te­ren Projekten betei­li­gen. Aber Herr Hoby wird Ihnen dazu genaue­re Auskunft geben.» Es wie­der­holt sich alles. Bis heu­te habe ich nichts gehört. Doch Herr Dr. Hoby wird im April 2010 in den Ruhestand gehen. Hoffen wir also, dass die Zürcher‐​Machtkultur nach fast 27 Jahren ein ers­tes Ende nimmt. ensui­te wird sich die­sem Thema im Jahr 2010 ganz spe­zi­ell anneh­men.

ensui­te, Januar 2010

 

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Artikel online veröffentlicht: 27. September 2018