• zurück

EDITORIAL Nr. 86 – Die Frage nach Moral

Von Lukas Vogelsang – Das Jahr 2010 wird ein Moral‐​Jahr. Zu lan­ge haben wir uns in unse­ren Gesellschaften davor gedrückt, «Moral» im Alltag zu dis­ku­tie­ren und den Wert wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Wir haben zwar Computer, mobi­le Telefone, funk­fern­ge­steu­er­te Babywächter, hyper­in­tel­li­gen­te Kochtöpfe, öko­lo­gi­sche und nicht­öko­lo­gi­sche Fortbewegungsmittel, bio­lo­gi­sches und anti­ani­ma­li­sches Essen … Aber kei­ne Moral mehr. Die Religionen strei­ten, und deren Götter ver­kün­den alles ande­re als Frieden und Freiheit – ohne Ausnahme. Die Schulen set­zen auf «Multiple Choice» – auch in der Erziehung – und die Eltern, statt die Kinder, fül­len die­se Fragebogen aus. BankerInnen und PolitikerInnen sind ver­filzt oder tun und las­sen, wie ihnen beliebt. Die SVP freut’s, weil sie Moral als sol­ches noch nie ver­stan­den hat und sie die hai­ti­schen Flüchtlinge jetzt lie­ber in den Trümmern lie­gen lies­se – auf jeden Fall nut­zen sie die nächs­te Gelegenheit, um dar­aus eine Volksabstimmung zu machen, wäh­rend die Linken noch dar­über dis­ku­tie­ren, wer jetzt Kaffee kochen soll. Die Medien wie­der­um hau­en jeden in die Pfanne und ver­sal­zen die Gesellschaft damit. Fragen oder hin­ter­fra­gen tut nie­mand mehr.

Durch einen Zufall bin ich gleich zwei­mal inner­halb einer Woche über ein paar Freunde und dadurch über Herbert Distel und damit über ein gan­zes Universum gestol­pert. 1973 druck­te die Nationale Zeitung (wur­de zur Basler Zeitung) jede Woche eine Kunstseite (press‐​art). Auf einer sol­chen Zeitungsgrafik, die von Herbert Distel stammt, stand: «Haben Sie sich schon ein­mal die Frage gestellt?»

Gerhard Johann Lischka schrieb dazu im Begleittext: «Dieser Satz ent­hält erst dann Bedeutung, wenn eine gesell­schaft­li­che Situation so beschaf­fen ist, dass Fragen eben nicht mehr gestellt wer­den, das heisst eine Situation, in der Antworten über­all uns über­fal­len und die Zeit zur Frage erstirbt.» Heute ist eine sol­che Kunstaktion schon gar kei­ne Kunst mehr – heu­te ist sie nack­te Notwenigkeit.

Zum fünf­ten Mal wünscht die SVP oder die kar­rie­re­eif­ri­ge Jungmannschaft davon, im Herbst die Reitschule in Bern zu einem Schwimmbad umzu­stür­zen. Zum fünf­ten Mal wer­den sie es nicht schaf­fen und sich selbst der Lächerlichkeit preis­ge­ben. Gerade die Reitschule ist trotz vor­an­schrei­ten­der Zeit noch eine der weni­gen Kulturinstitutionen in der Schweiz, die sich über gesell­schaft­li­che Themen öffent­lich und laut Gedanken macht. Wir wol­len die Moral aber nicht in einem geplan­ten, über­flüs­si­gen Hallenbad ersäu­fen las­sen, son­dern müs­sen die­se dis­ku­tie­ren. Nicht nur, aber spä­tes­tens seit der Minarett‐​Initiative haben wir SchweizerInnen ver­stan­den, dass unse­re Dialogsbereitschaft zu wün­schen übrig lässt – vor allem stel­len wir die fal­schen Fragen. Genau dar­um geht’s in die­sem Jahr.

Und wo die Moral sitzt, ist auch unscheid­bar Kultur zuhau­se. Wo über Moral dis­ku­tiert wird, ist auch die Kultur einer Veränderung aus­ge­setzt. Während in Bern über die Reitschule und über die Funktion des neu­en PROGR dis­ku­tiert wird, sucht sich Zürich ab Mitte Jahr durch den neu­en Kultursekretär sei­ne Definition. Im März wird die schwei­ze­ri­sche Kulturelite am «Forum Kultur und Ökonomie 2010» über das Thema «Kunst macht glück­lich – Über Rechtfertigungsstrategien für Kulturförderung» tagen. Es passt alles zusam­men, aber eine Moral müs­sen wir erst noch fin­den.

ensui­te, Februar 2010

FacebooktwitterlinkedinFacebooktwitterlinkedin
Artikel online veröffentlicht: 7. Oktober 2018