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EDITORIAL Nr. 93: «Relevanz»

Von Lukas Vogel­sang — Die neuen Kul­turverträge wer­den zur Zeit aus­ge­han­delt. Kun­st­mu­se­um, Bernisches His­torisches Muse­um, Zen­trum Paul Klee und, vor allem, das neue «Musik-The­ater Bern» sollen durch 81 Agglom­er­a­tions­ge­mein­den, Stadt und Kan­ton Bern mit rund 55,8 Mil­lio­nen Franken sub­ven­tion­iert wer­den. Vor kurz­er Zeit wurde durch die Presse ver­bre­it­et, dass die Freilichtthe­ater die Stadtthe­ater besucher­mäs­sig über­run­den. In diesem Sep­tem­ber ver­sucht die SVP die Bern­er Reitschule zum fün­ften Mal zu verkaufen, und greift damit das lokale Gewerbe frontal an: Das Kul­turhaus soll einem Kom­merztem­pel weichen, was unweiger­lich fatale Fol­gen für das Innen­stadt-Gewerbe hätte. Verkehrte Welt.

Das Wort «Rel­e­vanz» turnt seit Monat­en in meinem Kopf. Alle diese ver­schiede­nen Sichtweisen, all diese ver­schiede­nen Mei­n­un­gen basieren immer wieder auf rel­e­van­ten Konzepten, Dat­en, Ide­olo­gien und Geschicht­en, die nicht für alle ersichtlich und begreif­bar sind. Doch was ist denn wirk­lich rel­e­vant? Und für wen?

In den oben genan­nten Beispie­len wäre die Schlussfol­gerung nahe­liegend, dass die städtis­chen The­ater sich mehr dem Pro­gramm der Freilicht­büh­nen anpassen soll­ten, damit die Kassen stim­men. Das Auf­begehren viel­er Kul­turschaf­fend­er, dass diese grossen Kul­turin­sti­tu­tio­nen zu viel Geld ver­prassen, ist auch ver­ständlich, wenn man nach effek­tiv­en Spuren in der Geschichte zu suchen begin­nt. Viele kleine Insti­tu­tio­nen und die vie­len Men­schen aus der «Freien Szene» haben mehr für die kul­turelle Arten­vielfalt und die Aufmerk­samkeit darauf getan. Oder täuscht das? Gibt es Stu­di­en, die das Gegen­teil bele­gen?

Dies ist kein Appell an die Poli­tik, Geld einzus­paren. Vor allem die SVP muss ich auch ent­täuschen: Durch das Eins­paren in kul­turellen Belan­gen ver­lieren wir unsere Geschichte – das habe ich im August-Edi­to­r­i­al bere­its erläutert. Und mit dem Ver­lust unser­er Geschichte, ver­lieren wir auch unsere Tra­di­tion und das nationale Kul­turgut. Die grossen, teuren Kul­turhäuser ste­hen aber genau für diese Geschichte und für Tra­di­tion – somit müsste die SVP alles dran set­zen, dass diese erhal­ten bleiben. Mehr noch: Die Reitschule ist eines der markan­testen kul­turellen Zeitzeug­nisse der Bern­er Geschichte der let­zten 30 Jahre. An ihr lassen sich mehr Zeit­geist­be­we­gun­gen able­sen, als im Parteibuch der SVP. Sie hat vie­len Men­schen mehr «Heimat­ge­fühl» und per­sön­liche Iden­tität ver­mit­telt, als es je ein Bild von Anker im Kun­st­mu­se­um ver­mit­teln kann. Dass dies poli­tisch nicht immer eine all­ge­me­ingültige Mei­n­ung darstellt, ist kor­rekt und hat den Dia­log und diese Iden­titäts­find­ung erst möglich gemacht. Und das ist doch rel­e­vant!

Kom­merzielle Erfolge oder Absicht­en sind – so haben wir dies deut­lich in den let­zten 2 Jahren miter­leben dür­fen – nicht rel­e­vant. Geld ist ein unsta­bil­er Wert. Er fällt und steigt unberechen­bar – und wird iro­nis­cher­weise ger­ade durch moralis­che Werte, wie Ver­trauen, Kul­tur und Tra­di­tion gestützt. Das sind rel­e­vante Werte. Wie kön­nen wir diese also sicht­bar machen? Es wird rel­e­vant, dass wir Kul­tur und Kun­st für die Poli­tik, aber auch für uns per­sön­lich, frisch definieren. Erst dann wer­den wir uns als Gesellschaft wieder ernst nehmen. Deswe­gen: Die Reitschule bleibt – das Kun­st­mu­se­um, das Bernische His­torische Muse­um, das Zen­trum Paul Klee, und vor allem das neue «Musik-The­ater Bern» auch.

Foto: zVg.
ensuite, Sep­tem­ber 2010

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Artikel online veröffentlicht: 14. November 2018