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Ein Trüffelschwein am Röstigraben

Von Jasmin Amsler – Zum Schluss der Serie «Das andere Kino» wirft ensuite – kulturmagazin einen Blick über die Grenzen der Hauptstadt hinaus: Auch hier hat der alternative Film seinen Platz; und dazu muss man nicht mal weit gehen. In Biel widmet sich das Filmpodium dem Film in all seinen Facetten und vermittelt zwischen den beiden Sprachkulturen.

Dass Biel zu seinem Filmpodium kam, ist zuerst einmal einem Zyklus lesbisch-​schwuler Filme zu verdanken, der im Frühjahr 1985 durchgeführt wurde. Unterstützt von einer Delegation der städtischen Kulturabteilung war die Filmreihe Erfolg und Skandal gleichzeitig. «Die Presse berichtete eifrig über die Veranstaltung, die Kirche startete eine Petition gegen uns und beim Gemeinderat gingen Morddrohungen ein», erinnert sich Claude Rossi, damalige Mitinitiantin und heutige Geschäftsführerin des Filmpodiums. Einen wichtigen Beitrag zur Entstehung dieses Kinos hat auch die Bieler Filmgilde geleistet. Im Vorstand des Vereins war unter anderen Gymnasiallehrer und Filmemacher Beat Borter. Sein Ziel, «andere Filme anders zu zeigen», war das gleiche wie bei allen Pio-​nieren des unabhängigen Kinos: Filme, meist aus Ländern, die bisher nicht gerade für ihr Filmschaffen bekannt waren, sollten tiefgehend und umfassend behandelt und in einen Kontext gestellt werden. Im Herbst 1985 veranstalteten einzelne Vorstandsmitglieder der Filmgilde darum den Zyklus «Film Bienne» und veranschaulichten durch Werke von Bieler Filmemachern die Reichhaltigkeit des städtischen Filmschaffens. Mit diesem und dem erwähnten lesbisch-​schwulen Filmzyklus wurde der städtischen Kulturabteilung das Bedürfnis nach einem Kino, das auch Reprisen und Kinoklassiker zeigt, endgültig bewusst. Das Filmpodium Biel war geboren.

Damit besass Biel von 1986 an, ähnlich wie schon andere Schweizer Städte, sein eigenes Kommunalkino. Anfangs stand eine Vorführung pro Woche auf dem Programm. Für die 35mm-​Filme mietete sich der Verein «Filmpodium Biel» im Kino Apollo ein, die 16mm-​Filme kamen im Théâtre de Poche auf die Leinwand. Erst 1993 erhielt das Filmpodium dank Unterstützung aus dem Lotteriefonds, Eigenleistungen und Spenden eigene Räumlichkeiten im Centre Pasquart. In einem Nebengebäude des ehemaligen Spitals ist das Kino heute noch beheimatet.

Das Filmpodium zeigt die Filme stets in thematischen Zyklen oder jährlichen Festivals. Ein Highlight ist jeweils im Sommer das Openair, von dessen Atmosphäre Rossi schwärmt. Eine nach Hawaii ausgewanderte Bielerin habe sich, wenn sie sich an ihre alte Heimat erinnerte, stets an das Openair auf der lauschigen Terrasse des Filmpodiums zurückgesehnt. Gelegentlich laufen unter der Rubrik «News» neue Filme, die das kommerzielle Kino nicht ins Programm aufgenommen hat. Immer wieder fragen Institutionen wie Museen oder Vereine für eine Zusammenarbeit an. So gab es etwa eine Filmreihe zu psychischen Krankheiten, die zusammen mit dem Psychiatriezentrum Biel auf die Beine gestellt wurde.

Das Filmpodium sieht sich als Pionier in Sachen Film. «Uns ist es gelungen, ein Publikum für Filme zu schaffen, die in kommerziellen Kinos vorher so nicht gezeigt wurden – darauf bin ich stolz», sagt Borter, langjähriger Präsident des Filmpodiums. Filme aus Drittweltländern seien heute zum Teil auch in kommerziellen Kinos zu sehen, weil eben das andere Kino das Publikum dafür sensibilisieren konnte. Die Rolle als Wegbereiter für Neues bleibt dem unabhängigen Kino dabei wohl noch einige Zeit erhalten. «Es gibt immer wieder Filmformen, wie zum Beispiel den Dokumentarfilm, für die wir das Publikum neu begeistern können.» Damit fängt das Filmpodium schon beim jungen Publikum an. Zweimal jährlich werden im Rahmen von «Ecole & Cinéma» alle interessierten Bieler Schüler der Sekundarstufe in die Welt des Kinos eingeführt. Rund 900 Schülerinnen und Schüler nehmen so jährlich im Filmpodium Platz.

Rossi schätzt die Unabhängigkeit, die es ihrem Kino ermöglicht, spontan auf das aktuelle Geschehen zu reagieren und einen Zyklus auch kurzfristig zu programmieren. «Der Nachteil ist aber, dass wir als Reprisenkino einen Film erst bekommen, wenn er im herkömmlichen Kino nicht gezeigt wird. Die kommerziellen Spielstätten haben bei den Verleihern stets Vorrang», erklärt die Geschäftsführerin. Wie alle anderen unabhängigen Kinos ist auch das Filmpodium darum auf die Zusammenarbeit mit ähnlichen Lichtspielhäusern angewiesen, die bei Cinélibre, dem Dachverband unabhängiger Schweizer Kinos, zusammengeschlossen sind. Innerhalb des Vereins hat sich die Praxis etabliert, bei einem Filmimport die anderen Kinos des Vereins zu informieren. «Um die Einfuhrkosten aufteilen zu können, werden die Filmkopien wenn möglich an andere Kinos weitergereicht.» Leider klappt das nicht immer. So verkommt die Suche nach Filmen für das Programm jeweils zu einer veritablen Trüffeljagd. Eine Herausforderung ist nebenher auch die Bieler Zweisprachigkeit. Filme müssen stets deutsch wie auch französisch untertitelt sein und es gilt zu berücksichtigen, dass sowohl die deutsch- wie auch die französischsprachige
Kultur filmisch gleich vertreten ist.

Das vielseitige Engagement des Filmpodiums blieb dabei nicht unbemerkt. Im Jahr 2005 wurde das Kino für seine kulturellen Verdienste mit dem Kulturpreis der Stadt Biel ausgezeichnet. Wie lange wird es aber ein kommunales Kino wie das Filmpodium angesichts von Giganten wie dem Multiplex im Berner Westside noch geben? «Vielleicht sind wir plötzlich etwas Exotisches», sinniert Rossi. Vorerst strömen die Zuschauer auch in die kleinen Kinos. «Damit aber die Besucher weiterhin kommen, muss man immer mehr tun», gibt sie zu, «ich hoffe trotzdem, dass es uns noch lange geben wird.»

Info: www​.pasquart​.ch

Foto: Alison Pouliot
ensuite, Februar 2009

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Artikel online veröffentlicht: 3. August 2018