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#FBM18 — Kalte «Sach-Romane»: «Ida» und «Nichts, was uns passiert»

Von Dr. Regula Staempfli - Das im Rowohlt Verlag erschienene Werk von Katharina Adler "Ida" wurde im deutschen Feuilleton hymnisch besprochen und landete sogar auf der Shortlist für den ZDF-"Aspekte"-Literaturpreis. Mit diesem Preis wurde vor vielen Jahren auch die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ausgezeichnet. Gewonnen hat dieses Jahr jedoch das "MeToo"-Werk von Bettina Wilpert aus dem "Verbrecher-Verlag" (der heisst wirklich so). "Nichts, was uns passiert" ähnelt im Duktus "Ida". Beide Autorinnen scheinen dieselbe Schreibwerkstatt durchlaufen haben; die Werke sind didaktisch aufgebaut, die Sprache bürokratisch, minutiös, so sachlich, dass es zwischen den Seiten staubt. Bei beiden Werken bleibt unklar, ob es sich um Literatur, Reportage, Biografie, Gerichtsfall oder was auch immer handelt. Dies wäre an sich nicht schlimm. Doch beide Werke behaupten "Roman", wo keiner ist. Die Romane sind eigentlich Sachbücher, doch dafür wiederum zu wenig der Wahrheitssuche verpflichtet.

Beide Romane strahlen eine Kälte aus, die angesichts der besprochenen Themen und Personen erschüttert. "Ida" war die berühmteste Patientin von Sigmund Freud, die sich weiterer Therapien der "Talking Cure" verweigert hat, "Nichts, was uns passiert" erzählt von einem One-Night-Stand/Vergewaltigung und der darauffolgenden Zerstörung von beiden Menschen. Die Distanz der Autorinnen zu ihrem Text lässt einem regelrecht frösteln. Es fehlt überall an Empathie, ein positives und aufklärerisches Menschenbild glänzt durch zynische Abwesenheit. Wenn "Ida" und "Nichts, was uns passiert" wirklich Romane wären, geschenkt, doch eben: Die "Romane" instrumentalisieren wahre Begegnungen und Personen, die sie auch "wahr" nennen. Es ist als ob "Nachrede" und "Du sollst falsch Zeugnis ablegen wider Deine Nächste" im Zeitalter der rasenden Gegenwart zum prägenden Stilmittel einer ganzen Generation geworden ist.

Katharina Adler ist die Urenkelin von Ida Adler, die bei Sigmund Freud als "Fall Dora" auf der Couch regelrecht verkauft wurde. Die Urenkelin macht aus ihrer Uroma durchwegs eine unsympathische, nörgelnde und langweilige Person. War das wirklich nötig? Weshalb eine reale Person derart unangenehm zu fiktionalisieren? Aus PR-Gründen, weil sich ein Roman über die Uroma besser verkauft als eine erfundene Frauenfigur? Und weshalb fiel dies keinem Rezensenten auf? Egal. Bettina Wilpert lässt in ihrem Buch die beteiligten Personen nur in indirekter Rede zu Wort kommen. Die Botschaft strotzt von jeder Seite: Menschen ist nicht zu trauen und Sprache ist Gewalt. Dies mag gendergerecht sein, politisch konstruiert dies jedoch Fiktionen, die autoritäre Herrschaften regelrecht legitimieren. Denn wenn niemand mehr an der Wahrheit interessiert ist, da es ja eh keine gibt, können auch institutionelle Regeln zugunsten einer jeweils besseren Erzählung preisgegeben werden.

"Ida" und "Nichts, was uns passiert" sind prämierte Debüts von jüngeren Schriftstellerinnen, die dem analogen und digitalen Mainstream gefallen. Dies, weil die Autorinnen weder literarisch anspruchsvoll noch inhaltlich mitreissend erzählen, doch "aktuell", "jung" sind und politische Narrative stützen, die ins gegebene Framing passen. Die wirklich anspruchsvollen Themen wie sexuelle Gewalt oder Missbrauch durch Psychoanalyse werden dermassen unengagiert abgehakt als handle es sich nicht um Menschen, sondern um soziologische Kategorien. Wenn dies die neue Post-MeToo-literarische Vorlage für weitere Romane dieser Art sein soll, dann droht allen Frauen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein noch grösserer Stimm- und Sprechverlust und ein gewaltiger, gewaltsamer Backlash. Die Erde mag sich erwärmen, Kultur, Kunst und Narrative sind aber eiskalt geworden.

Hier zwei Textpassagen:

"Die Person sprach weiter: Sie habe selbst ähnliche Erfahrungen gemacht, Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, und Jonas würde sie triggern. Schweigen. Jemand fragte: Triggern? Was ist das? Jonas löst Erinnerungen an traumatische Erfahrungen in ihr aus, antwortete die Person. Jemand forderte: Jonas müsse Hausverbot bekommen. Dieser Ort ist ein Schutzraum, sagte eine andere Person aufgebracht. Vergewaltiger haben hier nichts zu suchen."
Bettina Wilpert, "Nichts was uns passiert", Berlin 2018 (Bild links)

"Ida hatte das Gefühl, mit ihnen allen zu einem Organismus zu verwachsen, erleichtert, nicht an die Deutschen ausgeliefert worden zu sein, verärgert über das Hin und Her; bangend, ob die Franzosen und die Niederländer auch rasch zu einer Einigung kämen."
Katharina Adler „Ida“, Roman, Hamburg 2018.

 

 

 

 

 

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Artikel online veröffentlicht: 13. Oktober 2018