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Gotthelfs Elsi wird durch Stefanie Grob zum Eusi

Von Eva Mol­let - Das lange Haar von Ste­fanie Grob birgt gewellte Tur­bu­len­zen. Sie ist dreis­sig Jahre alt, und ihr Lächeln ent­blösst eine per­fek­te Zah­n­rei­he. Sie ist klein, was nicht auf­fällt, da sie hohe Schuhe trägt. Sie kürzt ihren Namen mit Ste ab. Ihr Sprechtem­po ist ras­ant, über­haupt nicht Berner­in­nen-Klis­chee­like. Ste sprüht vor Energie und mis­cht in vie­len lit­er­arischen Pro­jek­ten mit.

Die Mundart-Gruppe «Bern ist über­all» erzählt zu Akko­rdeon- und Bassklän­gen kurze Geschicht­en und Sprach­spielerisches, zum Beispiel vom Besuch im Freibad Marzili und dem unlieb­samen Zusam­men­tr­e­f­fen mit Son­ja, die sich mit Ironie nicht ausken­nt. Die CD-Taufe hat kür­zlich am Lit­er­atur­fes­ti­val in Bern stattge­fun­den. Das Foto der Truppe zeigt acht Män­ner und eine Frau: Ste­fanie Grob.

Stes neustes Pro­jekt ist die Drama­tisierung von Jere­mias Got­thelfs «Elsie, die selt­same Magd.» Die Idee dazu stammt von der Regis­seurin Meret Mat­ter. Ste schreibt an ein­er ersten Fas­sung. Das Schreiben ist für Ste kein leis­er Prozess. «Ich rede meine Texte immer laut.» Der momen­tane Stand des Stücks mis­cht chor­mäs­sige Got­thelf-Pas­sagen aus «Elsi» in Stan­dard­sprache mit the­ma­tisch aktu­al­isierten Mundart Dialo­gen. Der Schluss soll zur Per­si­flage wer­den, in der sich der Schweiz­er Herzeige­bauer im eige­nen Land muse­um­sreif ausstellt. Ste ist gerne bei den Proben dabei. «So lerne ich viel über Dra­matik. Span­nend sind u. a. die von den Schaus­pielerIn­nen gestell­ten Fra­gen zu den Fig­uren.» Pre­miere im Schlachthaus Bern: 28. Dezem­ber 2006.

 Vom Jour­nal­is­mus zur Lit­er­atur Der Ort von Stes Kind­heit ist Büm­pliz. Sie hat früh kein anderes Inter­esse als schreiben. Aber wie kann diese Lei­den­schaft zum Beruf gemacht wer­den?

Da gab es ein kurzes «Gymer-Inter­mez­zo». «Ich war auf alles anti eingestellt und hat­te die Büch­er nicht mal aus den Folien gepackt.» Eine Aus­bil­dung musste aber sein. Also absolvierte Ste die WMB. Danach fol­gt Stes Jour­nal­is­mus-Odysee. «Man kön­nte meinen, ich war der Tode­sen­gel für einige Zeitun­gen, bei denen ich arbeit­ete.» Die meis­ten davon sind einge­gan­gen. Berufs­be­glei­t­end macht Ste die jour­nal­is­tis­che Aus­bil­dung am Medi­en­aus­bil­dungszen­trum Luzern. Die Anstel­lung bei einem Kon­sumenten­schutz­magazin in Zürich, wo sie belan­glose Zehnzeil­er schreiben muss, bringt Klarheit: Nie mehr Jour­nal­is­mus! Sie will lit­er­arisch schrieben. Stes Texte, «die damals noch kein Schwein inter­essierten», gibt sie bei Lesun­gen an WG-Fes­ten zum Besten.

Ein wichtiger Schritt ist die Zulas­sung an die Dra­matik­erIn­nen Werk­statt «Dra­men­prozes­sor» in Zürich. Vier Schreibende wer­den jährlich aufgenom­men und sie ver­fassen Texte während eines Jahres im Aus­tausch mit fort­geschrit­teneren Autoren und Autorin­nen. Eine zugewiesene Gruppe von Schaus­pie­len­den set­zt das Geschriebene um. «Du merkst schnell, was auf der Bühne funk­tion­iert und was nicht.» Die Abschlusspräsen­ta­tion bringt die notwendi­ge Öffentlichkeit.

 Uta und der tote Hans Aktuell wird an ver­schiede­nen Orten in der Schweiz Stes Stück «Uta und der tote Hans» gespielt, eine Kopro­duk­tion der for­ma­tion poe:son und dem Bern­er Schlachthaus. Uta find­et einen toten Mann und set­zt ihn in ihrer Woh­nung auf einen Ses­sel. Die Kom­mu­nika­tion ver­läuft zwin­gend ein­seit­ig. Ste ver­ar­beit­et hier eine alte Idee zur Groteske und betont, «ich habe keine schlecht­en Erfahrun­gen mit Män­nern gemacht» wie einige Män­ner denken, nach­dem sie das Stück gese­hen haben.

 Poet­ry Slam: Lit­er­atur für alle Die Teil­nehmer prügeln sich ver­bal. Ste macht mit. Sie stellt sich mit einem Blatt auf die Bühne und will gewin­nen. «Der Poet­ry-Slam ist in der Grun­dan­lage männlich. Ich scheine genü­gend Testos­teron intus zu haben.» Der «Ur-Slam» stammt aus Chica­go nach der Idee von einem Arbeit­er, der sich fragte, warum Lit­er­atur nur etwas für Intellek­tuelle sei, die an einem Tis­chchen sitzend vor­lesen. Die Regeln sind sim­pel: Ohne Hil­f­s­mit­tel, ohne Kostüm, ohne Beat, wer­den eigene Texte zur Bew­er­tung vors Pub­likum gebracht.

 Wo ver­steck­en sich die Autorin­nen? «Es gibt viele Frauen, die schreiben für die Schublade. Sie glauben, nicht gut genug zu sein.» Ste formiert sich mit anderen Autorin­nen zur Gruppe «Almösen», um sich bess­er zu ver­net­zen, sich auszu­tauschen und um kün­st­lerische Inter­ven­tio­nen zu pla­nen gegen das fol­gende Missver­hält­nis: Dem Bern­er Schrift­stellerver­band gehören dop­pelt so viel Män­ner wie Frauen an. Die vergebe­nen Lit­er­atur­preise wer­den im Ver­hält­nis 8:1 an Män­ner vergeben.

Momen­tan geniesst Ste das Stipendi­um der Lydia Eymann Stiftung in Lan­gen­thal. Sie pen­delt für ihre Pro­jek­te zwis­chen Lan­gen­thal, Zürich und Bern. Für zukün­ftige Aktio­nen man­gelt es ihr nicht an Ideen und Ini­tia­tive, dies ist gewiss. Ein Roman? «Der kommt bes­timmt!»

Foto: Ayse Yavas, zVg.
ensuite, Okto­ber 2006

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Artikel online veröffentlicht: 7. August 2017