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«Ich glaube fest an die Mündlichkeit der Literatur»

Von Antonio Suárez Varela – Pedro Lenz ist einer der schweiz­weit bekann­tes­ten Mundartdichter. Zurzeit arbei­tet er an einem Romanprojekt mit dem Arbeitstitel «Inland». 2008 erhielt er den Kulturpreis der Stadt Bern. Im Interview mit ensui­te – kul­tur­ma­ga­zin spricht der Berner über die Sprache, die Schweizer Literaturszene, lite­ra­ri­sche Vorbilder, sei­ne Arbeitsweise und sei­nen unge­wöhn­li­chen Werdegang.

ensui­te – kul­tur­ma­ga­zin: Das Jahr 2008 war für dich sehr erfolg­reich. Du bist mit dem Kulturpreis der Stadt Bern aus­ge­zeich­net wor­den und hast als ein­zi­ger Schweizer Autor in Klagenfurt am Wettlesen des Ingeborg‐​Bachmann‐​Preises teil­ge­nom­men. Was waren für dich die Highlights 2008?

Pedro Lenz: Für mich war der Literaturpreis der Stadt Bern schon wich­ti­ger als die Nomination in Österreich, weil mir ein Preis nicht für einen Roman, son­dern für die vie­len Texte ver­lie­hen wor­den ist, die ich geschrie­ben habe. Mein Highlight war das Kurzstück, das ich für das Stadttheater geschrie­ben habe, ein Monolog für eine Frau, die von Heidi Maria Glössner ver­kör­pert wur­de. Das Stadttheater hat ein Autorenprojekt rea­li­siert, für das es drei­zehn Autorinnen und Autoren requi­riert hat, um ein kur­zes Stück von zwan­zig bis dreis­sig Minuten zu schrei­ben. Ich habe einen Monolog auf Mundart geschrie­ben. Zuerst hiess es, dies gin­ge nicht auf Mundart, denn die Texte waren für das Berliner Heft «Theater der Zeit» bestimmt. Ich aber habe dar­auf bestan­den, denn die­ses Stück muss­te auf Mundart sein. Das haben sie schliess­lich akzep­tiert und auch so abge­druckt.

Und wel­che Erinnerungen ver­knüpfst du mit der Einladung an den Ingeborg‐​Bachmann‐​Literaturpreis?

Zuerst war ich über­rascht, dass ich über­haupt ein­ge­la­den wur­de. Sieben Jurymitglieder laden je zwei Autoren ein. Ich wur­de von einem Jurymitglied aus der Schweiz ein­ge­la­den. Ich wuss­te von Autorenkollegen, dass die­se Veranstaltung in ein Abschlachten aus­ar­ten kann. Ich hat­te wegen des Fernsehformats zuerst Bedenken. Ich wuss­te nicht, ob ich mir das antun woll­te. Doch ich dach­te mir, dass ich jetzt alt genug bin, um damit umge­hen zu kön­nen. Ich habe ein Textfragment aus einem Roman ein­ge­ge­ben [Titel: «Inland». A.d.R.], den ich in Klagenfurt las. Der kam aber bei der Jury nicht gut an. Vom Publikum und von Autorenkollegen erhielt ich posi­ti­ve Rückmeldungen, so dass ich trotz­dem glück­lich nach Hause gehen konn­te. Um den Preis konn­te ich lei­der nicht mehr mit­kämp­fen.

Ist die­se Veranstaltung ein Club eli­tä­rer Literaturkritiker, die Literatur aus der Provinz nicht zu schät­zen wis­sen?

Ich schrieb einen sehr münd­li­chen Text und hat­te das Gefühl, dass die Jury nicht bereit war, sich damit ernst­haft aus­ein­an­der zu set­zen. Ich möch­te ihr kei­nen Vorwurf machen. Vermutlich pass­te der Text ein­fach nicht in die­sen Kontext. Doch es ist die Art von Literatur, die ich mache. Ich konn­te mich nicht ver­bie­gen und einen Text extra für Klagenfurt schrei­ben. Es han­del­te sich um einen Monolog einer Figur, die psy­chisch krank ist. Ausgehend von die­sem Text, hät­te man sich mit der Mündlichkeit in der Literatur aus­ein­an­der­set­zen müs­sen, eines mei­ner Hauptthemen. Es geht um die Frage, wie man münd­li­che Sprache in Literatur umset­zen kann, damit es so wirkt, als ob sie noch münd­lich wäre. Dies wur­de in Klagenfurt nicht gou­tiert.

Der Text stammt aus dem Eröffnungskapitel dei­nes noch unver­öf­fent­lich­ten Romans «Inland».

Es han­delt sich um eine Figur, die aus ihrer Jugend in der Provinz erzählt. Während sie das tut, macht sie immer wie­der Rückblenden. Ich befas­se mich mit der Idee, wie die Erinnerung funk­tio­niert. Ihr fal­len immer wie­der Erinnerungen ein, die sich wie im Kreis immer wie­der über­schnei­den und am Schluss ein Ganzes bil­den. Es wird qua­si ein gan­zes Leben in klei­nen Episoden erzählt. Erst im Verlauf der Lektüre erfährt man über den eigent­li­chen Antrieb die­ses Erzählens.

Weshalb bevor­zugst du für dei­ne gespro­che­nen Texte so oft die Monologform?

Der Monolog ist eine sehr dank­ba­re Form für Einzellesungen, denn er erlaubt mir, aus der Sicht der jewei­li­gen Figur zu spre­chen. Dies bedingt natür­lich, dass man sich in die­se Figur hin­ein­ver­setzt, doch es wirkt dann sehr unmit­tel­bar in der Mündlichkeit, denn die erzäh­len­de Instanz fällt weg.

Du sprichst in dei­nen Texten vom Alltäglichen, von ganz nor­ma­len Leuten, die ganz nor­ma­len Berufen nach­ge­hen. Trotzdem möch­test du nicht als Arbeiterliterat bezeich­net wer­den. Warum?

Ich möch­te es so aus­drü­cken: Das, was ich mache, ist hoch­ar­ti­fi­zi­ell. Es ist kei­ne Arbeiterliteratur im klas­si­schen Sinn, wie bei­spiels­wei­se der sozia­le Realismus. Die Idee ist die, dass es wir­ken soll, als ob es sich um einen tran­skri­bier­ten Text hand­le. Es gibt Leute, die sagen: «Genau so spricht mein Grossvater». Doch der Prozess, um dort­hin zu gelan­gen, also auf eine hoch­künst­li­che Art Authentizität her­zu­stel­len, ist ein sehr künst­li­cher. Ich mon­tie­re die Sprache regel­recht, rhyth­mi­sie­re sie. Daraus ent­steht so etwas wie eine fal­sche Natürlichkeit.

Wie gehst du vor, wenn du Rhythmus in den gespro­che­nen Text brin­gen willst?

Zuallererst gehe ich davon aus, dass jede Sprache einen Rhythmus besitzt. Ich war 2005 sechs Monate in Schottland. Zuerst ver­stand ich das schot­ti­sche Englisch nicht, obwohl ich Englisch ver­ste­he. Dann merk­te ich, dass es stets eine Frage des Rhythmus ist. Die Schotten haben zwar eine ande­re Betonung, doch das Hauptproblem bestand dar­in, dass sie über eine eige­ne Rhythmik und Sprachmelodie ver­fü­gen. Ich suche die Sprachmelodie in mei­ner Mundart. Dabei ver­fah­re ich intui­tiv. Doch beim Schreiben lese ich jeweils laut vor, um her­aus­zu­fin­den, ob ich die Sprachmelodie hin­krie­ge. Daraus ergibt sich das Tempo meist von selbst, denn ich eli­mi­nie­re alles, wor­über ich beim Lesen stol­pe­re. Ich for­me den Text auch mit den Zeilenumbrüchen so, dass ich immer gleich vier bis fünf Sätze auf­sa­gen kann, bevor ich wie­der Luft holen muss.

Du bist ein künst­le­ri­scher Allrounder. Du bist Kolumnist, Slam‐​Poet, Romancier und Mundartdichter. Wie bringst du all die­se Tätigkeiten unter einen Hut? Hast du bei über 300 Auftritten im Jahr noch Zeit für die Musse?

Im Moment kaum. Doch wäh­rend Autorenkollegen den Vormittag oder Abend damit ver­brin­gen, ein Bohèmeleben zu füh­ren, bin ich meist am Arbeiten. So kommt bei mir auto­ma­tisch mehr her­aus am Ende des Tages. Wenn ich täg­lich drei Seiten schrei­be, was nicht sehr viel ist, dann habe ich Ende Jahr tau­send Seiten. Das heisst, dass ich sehr oft am Arbeiten bin. Das Herumreisen zu den Lesungen gehört für mich zur Freizeit. Die frei­en Abende, an denen man nichts macht, ver­mis­se ich gar nicht. Ich hat­te davon schon genug in mei­nem Leben. Das stän­di­ge Schreiben ist für mich zum Lebensinhalt gewor­den.

Führst du also kein Bohèmeleben?

Nein, eigent­lich nicht. Ich genies­se es natür­lich schon inten­siv, wenn ich an einem Ort auf­tre­te. Denn obschon die Lesung viel­leicht bloss eine hal­be Stunde dau­ert, so ver­brin­ge ich letzt­lich trotz­dem vier bis fünf Stunden unter­wegs mit ande­ren Künstlern. Ich bin ja auch in einer Autorengruppe. Mein Bohèmeleben fin­det meist im Zug oder auf der Heimfahrt von einer Lesung statt. Es ist nicht so, dass ich um elf Uhr Vormittags auf­ste­he und dann lang­sam in den Tag hin­ein­schlit­te­re. Normalerweise sit­ze ich recht dis­zi­pli­niert am Morgen um acht oder halb neun an mei­nem Bürotisch und schrei­be.

Ist es aber nicht so, dass man Zeit und Musse
für die Inspiration braucht?

Darauf wur­de ich oft ange­spro­chen. Viele Leute glau­ben, die Inspiration käme vom Nichtstun. Bei mir kommt die Inspiration oft wäh­rend des Schreibens und bei der Auseinandersetzung mit dem Text. Bei einer Kolumne habe ich einen Abgabetermin. Daher wäre es schlecht, wenn ich wegen eines Schreibstaus ein lee­res Blatt abge­ben müss­te.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mit mir etwas geschieht, sobald ich anfan­ge zu schrei­ben. Manchmal muss ich zuerst mit etwas ande­rem begin­nen und mich nicht zu sehr auf die Kolumne fixie­ren. Sobald ich anfan­ge zu schrei­ben, löst das bei mir einen Prozess aus, der mich zu Inspirationen führt.

Du machst sehr vie­le Dinge par­al­lel. Wenn du aus­wäh­len müss­test, wel­che dei­ner Tätigkeiten fin­dest du als Literat am span­nends­ten?

Ich kann das so nicht beant­wor­ten. Alles gehört für mich sehr eng zusam­men. Die Kolumne ist eine Schreibform, die ich seit Jahren pfle­ge, denn es war eine der ers­ten Möglichkeiten, mit Literatur Geld zu ver­die­nen. Und ich spre­che nicht von den Blabla‐​Kolumnen irgend­wel­cher Prominenten, von denen es heut­zu­ta­ge immer mehr gibt. Ich begrei­fe die Kolumne als lite­ra­ri­schen Artikel. Das war für mich sozu­sa­gen eine ers­te Liebe. Mich inter­es­sie­ren aus­ser­dem die Bühnenliteratur, das Theater, das Hörspiel und Radiogeschichten. Ich glau­be sehr fest an die Mündlichkeit in der Literatur. Gerade in einer Zeit, in der immer weni­ger gele­sen wird, ist es wich­tig, die Leute mit mehr Oralität zu errei­chen. Ich habe gemerkt, dass ich mit Mündlichkeit an Leute her­an­kom­me, die mit Literatur nichts am Hut haben. Ich fin­de es inter­es­sant, Literatur zu machen, die sowohl dem lite­ra­risch Interessierten einen neu­en Zugang eröff­net als auch dem lite­ra­risch Unerfahrenen. Es gibt viel Literatur, zu der der Zugang erschwert ist. Ich möch­te einer­seits die Zugangsschwelle mög­lichst tief hal­ten, ande­rer­seits auch Finessen aus­ar­bei­ten, die der Kenner schät­zen kann.

Wie gehst du vor, wenn du einen gespro­che­nen Text fürs Publikum schreibst?

Zuerst ver­su­che ich her­aus­zu­fin­den, wie die Leute im Alltag oder in der Beiz spre­chen. Dabei stel­le ich fest, dass die Leute oft in Schlaufen spre­chen, beson­ders älte­re Menschen. Meist erzäh­len sie von sehr vie­len ver­schie­de­nen Dingen, bevor sie auf den Punkt kom­men. Diese Art des Sprechens ver­su­che ich nach­zu­bil­den. Ein Beispiel: Ich sah ein­mal einen Hauswart, wie er ein Kind mass­re­gel­te. Und wäh­rend er dies tat, fing er plötz­lich damit an, von sei­nen per­sön­li­chen Problemen zu spre­chen. Ich merk­te sofort, dass dies eine gute Ausgangssituation ist. Ich schrieb dann einen Text von einem Mann, der klei­nen Kindern Märchen erzäh­len soll­te. Während des Erzählens aber schweift er von der Prinzessin ab zu einem Rundumschlag gegen den heu­ti­gen Prominentenadel. Plötzlich erin­nert er sich an sei­ne Freundin, die ihn ver­las­sen hat und wie weh ihm das tut. Und das alles erzählt er den Kindern. Die Figur ver­lässt also die ein­ge­schla­ge­ne Erzählebene und fängt plötz­lich an, über per­sön­li­che Dinge zu erzäh­len. Und das ver­leiht der tra­gi­schen Geschichte eine gewis­se
Komik. Für mich ste­hen Humor und Tragik immer sehr nahe bei­ein­an­der. Ich mache nie Humor um der Pointe wil­len, son­dern weil er ein gutes Schmiermittel ist, um Tragisches zu erzäh­len.

Sprechen wir von dei­nen lite­ra­ri­schen Vorbildern. Vermutlich lie­ge ich nicht falsch, wenn die in Spanien zu fin­den sind…

Ich habe lan­ge Spanisch stu­diert, das Studium aber nie abge­schlos­sen. Für mich war die spa­ni­sche oder latein­ame­ri­ka­ni­sche Literatur wie eine ande­re Welt. Ich habe dort auf ver­schie­de­nen Ebenen Vorbilder gefun­den. Sei es zum Beispiel Josep Plà, ein Chronist der Provinz, der all­täg­li­che klei­ne Reisen und Fusswanderungen in Literatur umwan­delt, sei es ein Francisco Umbral, der ein meis­ter­haf­ter Zeitungsschriftsteller war, von dem ich viel übers Kolumnenschreiben gelernt habe, aber auch älte­re Autoren wie César González Ruano, der ein bedeu­ten­der Kolumnist in den 1930er‐ und 1940er‐​Jahren war. Und im Bereich der Romanliteratur war vor allem Juan Marsé wich­tig. Auch in der deutsch­spra­chi­gen Literatur hat­te ich mei­ne Vorbilder: Peter Bichsel zum Beispiel ermög­lich­te mir als noch unge­bil­de­ter Maurer den Zugang zur Literatur. Dann habe ich mich quer durch die lite­ra­ri­sche Landschaft gele­sen. Bei den spa­ni­schen Autoren ist es so, dass ich die näch­te­lang lesen kann, um mich dann am nächs­ten Tag an den Schreibtisch zu set­zen, ohne gleich deren Stil zu kopie­ren, weil ich ja auf Deutsch schrei­be. Das hat sich bewährt.

Deine Sprachentwicklung war eher unge­wöhn­lich. Du hast bis ins Kindesalter im Elternhaus Spanisch gespro­chen, bevor du den Berner Dialekt auf­ge­nom­men hast. Wie ver­lief die­ser Prozess bei dir genau?

Meine Mutter ist Spanierin und mein Vater sprach sehr gut Spanisch. Deshalb spra­chen wir zu Hause immer Spanisch. Die deut­sche Mundart habe ich erwor­ben, als ich von zu Hause aus­zog. Während den ers­ten vier Jahren sprach ich nur Spanisch, und als ich dann anfing, draus­sen zu spie­len, kam immer mehr das Deutsche dazu. Als ich in die Schule kam, konn­te ich bereits Deutsch. Ab sie­ben oder acht Jahren fing ich an, Deutsch mit den Geschwistern zu spre­chen. Doch mit mei­ner Mutter sprach ich wei­ter­hin Spanisch. Mit der Zeit aber wur­de das Deutsche immer wich­ti­ger. Ich erin­ne­re mich, als unser Vater uns gan­ze Abende lang Wilhelm Busch vor­las, damit wir das Hochdeutsche lern­ten, bevor wir in die Schule kamen. Ich brauch­te das Spanische dann nur noch, um mit mei­ner Mutter zu kom­mu­ni­zie­ren. Mit sech­zehn Jahren fing ich eine Lehre an und arbei­te­te sie­ben Jahre lang auf dem Bau. Erst dann rück­te das Spanische wie­der in den Vordergrund, denn damals arbei­te­ten noch recht vie­le Spanier auf Baustellen. Später natür­lich dann auch wie­der wäh­rend des Studiums. Meine jet­zi­ge Muttersprache, das Schweizerdeutsche, ist eigent­lich eine Zweitsprache. Deshalb habe ich wahr­schein­lich auch einen ande­ren Blick dar­auf. Ich kann mich noch sehr gut an mei­ne Kindheit in Langenthal erin­nern, als es noch weni­ge Ausländer gab. Ich schäm­te mich manch­mal für mei­ne Mutter, wenn sie in der Metzgerei sie­ben­mal sagen muss­te, was sie woll­te, bis der Metzger sie ver­stand. Das Gefühl des Fremdseins hat mir einen sehr wachen Blick auf die Sprache gege­ben. Ich habe dadurch ver­mut­lich auch etwas über­kom­pen­siert, indem ich zei­gen woll­te, dass ich ein noch bes­se­rer Berner sein konn­te, um im Kanton Bern akzep­tiert zu wer­den.

Und wie ver­lief die Entwicklung beim Verfassen von Texten?

Beim Schreiben war es anders. Ich woll­te eigent­lich nie auf Mundart schrei­ben. Ich emp­fand sie nie als Literatursprache. Ich bin von Guy Krneta und Beat Sterchi qua­si dazu ver­lei­tet wor­den. Ich habe erst im Nachhinein gemerkt, wel­che Freiheiten sie einem gibt. Ich hat­te von der Mundartliteratur lan­ge Zeit ein fal­sches Bild. Ich ver­band sie näm­lich mit dem Heimattümlichen oder der unsäg­li­chen Erinnerungsliteratur mit ihrer Aussage, dass frü­her immer alles bes­ser war. Damit woll­te ich nichts zu tun haben. In Schottland aber habe ich gemerkt, dass Mundart auch etwas Avantgardistisches sein kann und nicht unbe­dingt etwas Bewahrendes sein muss.

Hast du das Gefühl, dass die Dialektliteratur in der Schweiz stief­müt­ter­lich behan­delt wird?

Ich glau­be, dass ein Wandel im Gang ist. Ich habe Dialektologieseminare an der Uni belegt und mich inten­siv mit Mundart befasst. Ich bin ein Verfechter der unrei­nen Sprache. Ich bin ein Antibewahrer, weil ich davon über­zeugt bin, dass die Sprache ein leben­di­ger Organismus ist, der sich wan­delt. Wenn man die Sprache muse­al bewah­ren will, dann stirbt sie. Ich begeg­ne in mei­nen Kreisen oft soge­nann­ten Sprachhygienikern und Sprachpolizisten. Das lässt mich kalt. Es bringt mich zum Lachen. Für mich ist Mundart der Sprachstand der Praxis. Wenn die jun­gen Leute von heu­te «Sorry» statt «Excüse» sagen, dann ist «Sorry» ein Mundartwort, so wie einst «Excüse» eins gewor­den ist. Ich neh­me das auf, was umgangs­sprach­lich gilt und arbei­te damit. Das ist für mich etwas sehr Freies. Eine gros­se Freiheit ist es, etwas zu gebrau­chen, ohne es gleich zu bewer­ten. Ich hal­te nichts davon, im alten Berndeutschwörterbuch von Von Greyerz einen schö­nen alten Ausdruck zu suchen, um einen Text blu­mi­ger zu machen.

Wie war das, als du damit ange­fan­gen hast, auf Mundart zu schrei­ben? Es gibt ja kei­ne akzep­tier­te Orthographie. War das ein Problem?

Eine offi­zi­ell aner­kann­te Orthographie gibt es zwar nicht, doch es gibt eini­ge Päpste, die eine bestimm­te Schreibweise vor­schla­gen. Genau aus die­sem Grund habe ich zu Beginn auch nicht mund­art­lich publi­ziert. Mittlerweile bin ich in die­ser Hinsicht locke­rer gewor­den. Ich habe für mich eine Schreibweise gefun­den, die in sich auf­geht. Ausserdem habe ich einen guten Lektor. Es gibt tau­send Theorien zu Mundartschreibweisen, doch ich bin da ziem­lich prag­ma­tisch.

Ich möch­te wie­der auf dei­ne schweizerisch‐​spanischen Wurzeln zurück­kom­men. Die Identität ist ja immer ein Konstrukt. Wie hast du dir dei­ne Identität auf­ge­baut? Als was siehst du dich?

Einerseits sehe ich mich schon als Weltbürger, doch mei­ne Freunde sagen mir, dass es kaum einen schwei­ze­ri­sche­ren Schweizer gäbe als ich. Ich habe mei­ne Identität durch Überkompensation auf­ge­baut.

Wie meinst du das?

Das heisst zum Beispiel, noch pünkt­li­cher zu sein als ein Schweizer, noch bes­ser rasiert zu erschei­nen… Ich habe die Schweizer Klischees ver­in­ner­licht. Ich kom­me zufäl­lig aus Langenthal, und ohne Patriot sein zu wol­len, prägt einen das. Diese Prägung möch­te ich weder abwa­schen noch ver­leug­nen. Ich glau­be, dass man sich nur dort ver­wur­zeln kann, wo man her­kommt. Ausgehend von die­ser Erkenntnis kann man offen durch die Welt gehen. Häufig sagt man mir nach, dass ich ein Provinzautor sei. Das mag stim­men. Doch alle Autoren, die ich schät­ze, sind oder waren erst ein­mal loka­le Autoren. Die guten Autoren der Weltliteratur, mei­net­we­gen William Faulkner oder auch Juan Marsé, schrei­ben meist nur über eine bestimm­te Region. Für mich ist Weltliteratur nicht, wenn ein Autor sei­ne Figuren durch die Welt rei­sen lässt.

Du hast sie­ben Jahre lang als Maurer auf Baustellen gear­bei­tet. Dein Werdegang zum Literaten war ziem­lich unge­wöhn­lich. Wann kam bei dir eigent­lich der Drang zum Schreiben auf?

Es war in der Tat ein Impetus. Ich zog mit neun­zehn Jahren als jun­ger Maurer nach Zürich. Ich wohn­te allei­ne und kann­te nie­man­den. Nach neun Stunden Arbeit auf dem Bau kehr­te ich nach Hause zurück, koch­te etwas für mich und setz­te mich an eine alte Schreibmaschine, die ich von mei­nem Vater bekom­men hat­te. Ich muss dazu sagen, dass ich aus einem bil­dungs­bür­ger­li­chen Elternhaus stam­me, wie man land­läu­fig zu sagen pflegt. Zu Hause wur­de gele­sen. Ich stam­me also nicht aus einem Arbeitermilieu und war auch nicht der ers­te in der Familie, der mit dem Lesen anfing. Die Arbeit als Maurer war wie eine Flucht in eine eige­ne Welt. Es war ein gesuch­ter Entscheid. In Zürich ver­spür­te ich den Drang zum Schreiben, merk­te aber auch bald, dass mei­ne Möglichkeiten begrenzt waren. Das hat mich spä­ter dazu bewo­gen, die Matura nach­zu­ho­len. Ich hat­te das Gefühl, dass mir Grundwissen fehl­te.

Seit meh­re­ren Jahren schon bist du ein schweiz­weit bekann­ter Autor. Du bist durch zahl­lo­se Kleintheater getin­gelt. Die Leute erken­nen dich auf der Strasse. Wie gehst du mit dei­ner Bekanntheit um?

Die Leute sind sehr dis­kret. Es pas­siert sehr sel­ten, dass mich jemand auf der Strasse anspricht und dann weg­läuft. Dies ist ziem­lich unan­ge­nehm. Wenn mir jemand am Zürcher Bahnhof hin­ter­her­läuft und mei­nen Namen ruft und ich mich dann umdre­he, mei­ne ich im ers­ten Moment, dass es jemand sein muss, der mich kennt. Ich sage dann, ja, ich bin Pedro Lenz und erwar­te dann ein Gespräch. Dann sagen sie mir: «Aha, ich hab’s mir gedacht!» Und dann gehen sie wei­ter. Das ist immer noch eigen­ar­tig für mich, denn für mei­ne Freunde und die Leute aus mei­nem Umfeld bin ich hof­fent­lich immer noch der­sel­be geblie­ben. Was sich auch geän­dert hat, ist, dass ich nicht mehr alles sel­ber machen kann, was oft schwer ver­ständ­lich ist. Wenn ein Freund mich fragt, ob ich an sei­ner Hochzeit lese, sage ich ihm, dass er sich an mei­ne Agentin wen­den soll, weil ich mei­ne Agenda nicht mehr sel­ber füh­re. Das wirkt auf die Leute manch­mal etwas arro­gant, doch es ist nicht anders mach­bar.

Jetzt wo du ein bekann­ter Autor bist und den «Kuchen» qua­si von innen kennst, wie nimmst du den Literaturbetrieb in der Schweiz all­ge­mein wahr?

Im Unterschied zu den 1970er‐ oder 1980er‐​Jahren gibt es heu­te kei­ne Übergötter mehr. Es gibt in der Schweiz zwar nach wie vor gros­se bekann­te Schriftsteller, doch sie schüch­tern die jun­gen Autoren nicht mehr ein. Es ist ein sehr leben­di­ger Betrieb. Ich tau­sche mich sowohl mit jun­gen als auch mit älte­ren Autoren aus. Was mich anfangs über­rasch­te, ist, dass die Kollegialität unter den Autoren sehr gross ist, und nicht wie ich ursprüng­lich befürch­tet hat­te, ein Haufen von Egoisten, die sich unter­ein­an­der kon­kur­ren­zie­ren. Zurzeit emp­fin­de ich die Schweizer Literaturszene als sehr span­nend. Es gibt die paar gros­sen Namen, die alle ken­nen, doch dahin­ter gibt es ein brei­tes Mittelfeld.

Drei Abschlussfragen: Welche Projekte ver­folgst du zur­zeit, wel­che wer­den dich in der unmit­tel­ba­ren Zukunft noch beschäf­ti­gen und was wür­de dich noch rei­zen, was du bis­her noch nicht gemacht hast?

Zurzeit arbei­te ich an mei­nem Roman «Inland». Daneben schrei­be ich wei­ter­hin mei­ne Kolumnen und Mundartmonologe für die Lesungen. Dieses Jahr möch­te ich auch ein neu­es Projekt gemein­sam mit mei­nem Pianisten vom Duo «Hohe Stirnen» [Patrik Neuhaus. A.d.R.] rea­li­sie­ren. Mittelfristig wür­de es mich rei­zen, ein abend­fül­len­des Theaterstück zu schrei­ben. Theater ist eine sehr dank­ba­re Disziplin. Ich habe zwar schon für diver­se Projekte geschrie­ben, aber noch nicht das defi­ni­ti­ve Theaterstück, das für den Druck bestimmt sein könn­te.

Pedro Lenz wur­de 1965 in Langenthal gebo­ren. 1981 fing er mit der Maurerlehre an und arbei­te­te anschlies­send wäh­rend sie­ben Jahren auf dem Bau. 1995 schloss er die Matura ab. Später stu­dier­te er meh­re­re Semester lang Hispanistik und Germanistik an der Universität Bern. Pedro Lenz schreibt regel­mäs­sig Kolumnen für die «WOZ», den «Bund» und das «Langenthaler Tagblatt». Gemeinsam mit Patrik Neuhaus bil­det er das Duo «Hohe Stirnen» und ist Teil der Spoken‐​Word‐​Gruppe «Bern ist über­all». Ausserdem schreibt er Theaterstücke und Hörspiele und pro­du­ziert Radiobeiträge für Radio DRS. Pedro Lenz ist mehr­fach aus­ge­zeich­net wor­den. 2008 erhielt er den Kulturpreis der Stadt Bern. Er lebt und arbei­tet in Bern.

Bild: zVg.
ensui­te, Januar 2009

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Artikel online veröffentlicht: 24. Juli 2018