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Inne- und Aushalten: Burnout Teil 4

Von Ursu­la Lüthi — In den drei ver­gan­genen Heften wur­den ein­er­seits all­ge­meine Gedanken, Def­i­n­i­tio­nen und Umfelder, in denen es Burnout geben kann, dargestellt. In diesem Beitrag wird das Empfind­en von Men­schen und Arbeit­en beleuchtet. Ein let­zter Bericht im näch­sten Heft dieser kurzen Serie zum Phänomen Burnout wird sich mit auf­blühen­den Aus­sicht­en befassen. Wo immer die eigene kör­per­liche, seel­is­che und geistige Gesund­heit ste­ht, jed­er kann seine Aus­ge­wogen­heit und das damit ver­bun­dene Glück­sempfind­en beziehungsweise die Zufrieden­heit mit sich sel­ber mit bestem Gewis­sen und Empfind­en sel­ber gestal­ten oder erobern. Etwas Mut zur Verän­derung, wenn es nicht mehr gut geht oder schon lange nicht mehr geht, und ein Bestreben nach dem Wohl­sein und der Freude sind die Rat­ge­ber in dieser Sache. Diese Bestreben ste­hen jedem eigens zur Ver­fü­gung und lassen sich bestens nutzen.

Ehrliche Zufrieden­heit aushal­ten Burnout-Forsch­er meinen: «Es ist wed­er möglich, Burnout sich­er zu diag­nos­tizieren, noch, einem Men­schen, der sich aus­ge­bran­nt fühlt, zu beweisen, dass er kein Burnout(-Syndrom) hat». Die Studie von Hillert und Mar­witz hal­ten fest: «Es ist schlicht Energie­man­gel infolge von vor­ange­gan­gener Über­stra­pazierung. Die Bat­te­rien der Betrof­fe­nen sind leer.» Burnout hat keine deut­lichen Anfänge oder Enden. Es schle­icht sich über unter­schiedlichen Energie­ver­brauch ein und lässt sich durch indi­vidu­elle Aufar­beitung eindäm­men. In welch­er Hin­sicht Rück­stände bleiben, so lässt sich höch­stens sagen, dass der Betrof­fene sich mit seinen Gren­zen und Kräften seinen Möglichkeit­en und Freuden bess­er ken­nen­lernt. Aron­son, Pines und Dit­sa fassen zusam­men und schreiben ein­füh­lend: «Dieses ausseror­dentlich schmer­zliche und quälende Erleb­nis ist durch geeignete Gegen­mass­nah­men zu bewälti­gen. Es kann den Weg zu klar­eren Ein­sicht­en in das Selb­st weisen, das Ein­füh­lungsver­mö­gen ander­er Men­schen gegenüber ver­fein­ern und wichtige Lebensverän­derun­gen, Wach­s­tum und Entwick­lung ein­leit­en. Men­schen, die das Aus­bren­nen erlebt und über­wun­den haben, find­en fast aus­nahm­s­los zu all­ge­mein besseren, anre­gen­deren und weniger einen­gen­den Lebens­be­din­gun­gen.» Mit dem Zurück­gewin­nen der Kon­trolle über die real­is­tis­chen Leis­tungsmöglichkeit­en sowie den eige­nen Bedürfnis­sen und Wün­schen, kann dem Aus­bren­nen ent­ge­gengewirkt wer­den und Kraftquellen wieder belebt wer­den. Dies erfordert jedoch ein Bewusst­wer­den der eige­nen Bedürfnisse und Wün­sche und eine ern­stzunehmende Zeitspanne der Reserveschaf­fung für eigene Kräfte; das heisst, der Men­sch muss sich sel­ber wieder lieb wer­den und Leis­tung für sein Wohlbefind­en erbrin­gen ler­nen. Das Nein-Sagen gegenüber näch­sten Per­so­n­en ist oft­mals beizuziehen, Pausen machen darf nicht mit scho­nungslosem Freizeit­stress aus­ge­füllt sein und es gilt zu akzep­tieren, dass auch die Stärk­sten irgend­wann ein­mal ihre Ressourcen ver­braucht haben und dies keine Unmen­schlichkeit an sich ist, son­dern zum Zyk­lus von Leis­tung und Wertschätzung im Zusam­men­leben mit Arbeit, Fam­i­lie und Fre­un­den jedem wider­fahren kann — so berat­en Litzcke und Schuh. Das Aus­bren­nen «hält uns nicht den Spiegel vor, son­dern bietet Hil­fen zur Bewäl­ti­gung der beschriebe­nen Zustände. Das Aus­bren­nen kann man mei­den. Wo es einge­set­zt hat, kann man den Prozess brem­sen und rück­gängig machen», schreiben Aron­son, Pines und Dit­sa. Es bedarf in gewis­sem Sinne ein­er Trauer­phase, um sich von alten, ver­fahre­nen Mustern von Beruf und Leben zu ver­ab­schieden und sich neuer Leben­squal­ität und Leis­tung bewusst zu wer­den. Aron­son, Pines und Dit­sa rat­en weit­er: «Wir empfehlen allen Leuten, nicht immer zu wieder­holen, was sie gut kön­nen, son­dern ihr Leben und ihren Beruf durch Abwech­slung und neue Her­aus­forderung vielfältiger zu gestal­ten. Wenn man mit neuen Ideen, Fer­tigkeit­en und Annäherungsver­suchen exper­i­men­tiert, kann man sich selb­st auch ein­mal ges­tat­ten, nicht ganz per­fekt zu sein»; und: «Um Erfolg zu einem pos­i­tiv­en Lebensereig­nis zu machen, muss man ler­nen, erfol­gre­ich voll­brachte Leis­tun­gen in Ruhe zu geniessen und dieses Erleb­nis zu einem Teil des Selb­st zu ver­ar­beit­en, ehe man sich auf­macht, um neuen Her­aus­forderun­gen zu begegnen»,so Aron­son, Pines und Dit­sa. (Alle Quel­len­ref­eren­zen sind aus gestal­ter­ischen Grün­den unter­lassen.)

Sig­nale von Innen emp­fan­gen Im Buch «Das psy­cho­so­ma­tis­che Lexikon, das schon beim Lesen hil­ft: Mein Kör­p­er — Barom­e­ter der Seele» von Jacques Mar­tel (Psy­chother­a­peut) find­et sich fol­gende Sprache zum Burnout-Syn­drom oder zur Erschöp­fung: Ein Burnout-Syn­drom äussert sich im All­ge­meinen, wenn ich einen Kampf um ein bes­timmtes Ide­al erfol­g­los aufgegeben habe. Die in die Umset­zung dieses Ideals investierte Zeit und Energie sind so gross, dass ich erschöpft und krank gewor­den bin. Es han­delt sich um eine tiefe innere Leere, weil ich eine Sit­u­a­tion ablehne, in der ich eine wirk­liche, konkrete und dauer­hafte Verän­derung sehen möchte, beispiel­sweise an meinem Arbeit­splatz, in mein­er Fam­i­lie oder mein­er Part­ner­schaft. Ich bin Per­fek­tion­ist und opfere mich auf, ich will meine Ide­ale erre­ichen. Vielle­icht ist es auch ein Teil mein­er selb­st, den ich nicht akzep­tiere. Ich füh­le mich so, als ob ich gegen die ganze Men­schheit kämpfen müsste, da es mir so scheint, als ob sie meinen Erwartun­gen und tiefen Überzeu­gun­gen nicht entspricht. Warum weit­er­ma­chen? Ich gebe auf, es wird mir zu viel. Es han­delt sich um eine Art Zwang, denn ich will das Sys­tem mit neuzeitlicheren Meth­o­d­en um jeden Preis ändern. Wenn ich den Ein­druck habe, dass ich die Welt ret­ten muss, dann muss ich sofort meine Ein­stel­lung über­prüfen. Ein Burnout-Syn­drom ist auch eine Art Flucht. Ich sollte mich fra­gen: Wovor will ich durch mein exzes­sives Arbeit­en flücht­en? Habe ich Angst, mit mir alleine zu sein? Brauche ich einen Vor­wand, um nicht mit einem Lebenspart­ner zusam­men zu sein, den ich nicht mehr ertrage? Was will ich beweisen, während ich gle­ichzeit­ig vor der Angst vor Mis­ser­folg flüchte? Die Symp­tome eines Burnout-Syn­droms sind ziem­lich deut­lich: geistige und kör­per­liche Erschöp­fung, nach­lassende Lebensen­ergie, unzusam­men­hän­gende Gedanken! Zuerst kommt die Erschöp­fung und dann die Ruhe und Erhol­ung, damit ich meine Energien wieder aufladen kann. Vor allem muss ich aufhören zu glauben, dass ich es allen recht machen muss! Das ist eine Ide­alvorstel­lung und die Wirk­lichkeit liegt darin zu wis­sen, dass ich für das, was ich zu tun habe, mein Bestes gebe und mich voll­ständig ein­bringe. So finde ich wieder Gelassen­heit, inneren Frieden und wirk­liche Liebe in meinem Han­deln. In der Kurz­form schreibt Mar­tel zur Bedeu­tung des Burnout-Syn­droms: «Das Burnout-Syn­drom ste­ht oft im Zusam­men­hang mit der Flucht vor ein­er starken Gemüts­be­we­gung, die bei der Arbeit oder anderen Beschäf­ti­gun­gen auftritt.»

ensuite, Dezem­ber 2009

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Artikel online veröffentlicht: 28. September 2018