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Kitchen Stories (2003)

Von Guy Huracek – Von Schweden nach Kongo: Es gibt eini­ge Filme, die mir schon nach zwan­zig Sekunden sym­pa­thisch sind. «Kitchen Stories», ein Film aus Norwegen und Schweden, beginnt mit einem kur­zen Einleitungsfilm: Ein Countdown schlägt von sie­ben auf drei. Man sieht zahl­rei­che Wissenschaftler, die pein­lich genau Probanden beim Hantieren mit skur­ri­len Haushaltsgeräten beob­ach­ten. Es läuft Jazz im Hintergrund, eine hek­ti­sche Frauenstimme kom­men­tiert das Geschehen und es wird geraucht. Jeder ein­zel­ne Wissenschaftler ist auf sei­ne Art und Weise cha­rak­te­ris­tisch. Der eine hat eine zusam­men­ge­wach­se­ne Augenbraue, eine ande­re mehr Nase als Gesicht. Nach die­sen zwan­zig Sekunden habe ich mich in den Film «Kitchen Stories» ver­liebt.

Das schwe­di­sche Forschungsinstitut für Heim und Haushalt hat wäh­rend den 50er‐​Jahren in Schweden inten­si­ve Studien über das Verhalten der Hausfrauen in Küchen unter­sucht. Mit den Ergebnissen die­ser Untersuchungen wur­den moder­ne Küchengeräte bes­ser in den Alltag ein­ge­bun­den, unnö­ti­ge Bewegungen ver­kürzt und die Kücheneinrichtungen neu kon­zi­piert. Durch die­sen Erfolg beflü­gelt, beschliesst das Institut, sich auf eine neue Zielgruppe, näm­lich männ­li­che Junggesellen, zu kon­zen­trie­ren. Zu die­sem Zweck wer­den zahl­rei­che Beobachter in ein klei­nes Dorf in Norwegen geschickt. Von einem Hochsitz aus doku­men­tie­ren die Forscher akri­bisch genau jede Bewegung der Freiwilligen in ihren Küchen. Davon bekommt Be‐​obachter Folke den kau­zi­gen, allein­ste­hen­den Isak zuge­teilt. Während die­ser Observierung ist jeg­li­che Konversation unter­sagt. Isak ist von der unge­wohn­ten Situation gar nicht begeis­tert und beginnt, den Beobachter Folke zu necken und zu quä­len. Beispielsweise schal­tet er oft das Licht aus, damit Folke im Dunkeln sei­ne Aufzeichnungen auf Papier krit­zeln muss. Mit einem ner­vi­gen Tropfen eines Wasserhahns, lau­tem Schmatzen und dem Aufhängen von Wäsche nagt Isak an den Nerven von Folke. Zu guter Letzt beginnt das Versuchsobjekt selbst durch ein Loch in der Decke den Beobachter zu beob­ach­ten. Den Wendepunkt die­ser Feindseligkeiten löst eine lee­re Tabakdose aus. Folke hilft Isak, der sicht­lich unter Nikotinmangel lei­det, mit ein wenig Tabak aus. Es ist der Beginn ihrer Freundschaft.

Besonders inter­es­sant sind bei «Kitchen Stories» die fik­tio­na­len Charaktere. Der Regiesseur Bent Hamer, der zugleich auch Drehbuchautor und Produzent war, gab in einem Interview im Filmmagazin «Schnitt» bekannt, dass ein Charakter dann inter­es­sant für ihn sei, wenn er gera­de kein Interesse her­vor­ru­fe. Wenn man sich traue, auf das soge­nannt Uninteressante, Alltägliche, hin­zu­se­hen, gebe es immer viel zu ent­de­cken.

Die Machart des Films ist ruhig und gemüt­lich. Einzelne Einstellungen klin­gen lang­sam aus und es ent­steht eine trä­ge, ent­spann­te Atmosphäre. Wer den Film «Milk» gese­hen hat oder Filme von Jim Jarmusch kennt, kann sich vor­stel­len, von wel­cher Ruhe ich spre­che. Auffallend ist auch die Farbkomposition des Films. In der öden, grau‐​blauen Landschaft ste­chen bei­spiels­wei­se ein roter Traktor und ein rotes Holzpferd ins Auge.

Der Film ist voll­ge­spickt mit unzäh­li­gen schrä­gen und unge­wohnt all­täg­li­chen Details. Unter ande­rem emp­fängt Versuchsobjekt Isak wegen sei­nen Silberzahnfüllungen Radio im Mund. Es wird mehr geraucht als gespro­chen und sehr oft schnäuzt sich jemand die Nase, hus­tet oder kratzt sich irgend­wo. Eine der­ar­ti­ge unge­wohnt all­tags­be­zo­ge­ne und fast schon zu rea­lis­ti­sche Schauspielerei erin­nert mich an den Film «Einer Flog über das Kuckucksnest».

Obwohl der Film als eine hin­reis­sen­de Komödie beschrie­ben wird, lacht Bent Hammer über sol­che Klassifizierungen. Er ver­ste­he, dass Verleiher zu Promotionszwecken Etiketten für Filme fin­den müss­ten. Er habe noch nie eine Komödie gedreht. Für ihn sei Humor der bes­te Weg, eine erns­te Botschaft zu ver­mit­teln. Entscheidend sei aber immer die Art des Humors.

Bent Hamer fand die Inspiration für den Film aus Instruktionsbüchern über glück­li­ches Familienleben aus den 50er‐​Jahren. Das schwe­di­sche Forschungsinstitut (HFI) hat wirk­lich exis­tiert. Zwei ehe­ma­li­ge Mitarbeiterinnen hal­fen dem Regiesseur Bent Hamer mit Hintergrundwissen. Der kur­ze Einleitungsfilm, die ers­ten 20 Sekunden, ist eine Reproduktion eines HFI‐​Filmes. Fiktion ist, dass die Forscher die Leute besuch­ten, denn es wur­den nur Tests in ihren Laboratorien durch­ge­führt. Und sie unter­such­ten auch nie das Küchenverhalten von Single‐​Männern. Dies war die Idee von Bent Hamer.

«Die Tageszeitung» (Taz) beschrieb «Kitchen Stories» als «wun­der­ba­re Wissenschaftskritik der aver­ba­len Art», und die «Frankfurter Rundschau» bezeich­ne­te den Film als «wun­der­voll absur­des Kammerspiel – ohne Worte».

Das schwe­di­sche Forschungsinstitut für Haushalte kam zu einem fas­zi­nie­ren­den Ergebnis: Eine Hausfrau legt in der Küche in einem Jahr eine Strecke zurück, die der zwi­schen Schweden und Kongo ent­spricht.

Foto: zVg.
ensui­te, Mai 2009

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Artikel online veröffentlicht: 15. August 2018