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laStaempflis Kulturjahr 2018

Dezember: 100 Jahre Frauenwahl&Stimmrecht

Tote mutige Frauen wer­den verehrt, lebende am lieb­sten immer noch ver­bran­nt. Zwar benutzt man heutzu­tage keine Scheit­er­haufen mehr: Es genü­gen ein paar Medi­en-Män­nerrudel mit keifend­en Anti­heldin­nen an ihrer Seite, um die wirk­lich grossen Frauen­fig­uren der Gegen­wart zum Ver­s­tum­men zu brin­gen. Näch­stes Jahr wird meine (von Trolls copy­paste-geprüften) Dis­ser­ta­tion zur “strate­gis­chen Syn­these von Geschlecht in Krieg und Poli­tik” 20 Jahre alt. Eben­so ein Grund zu feiern wie heuer das 100jährige Frauen­stimm- und wahlrecht, das in der Schweiz 2021 halb so alt wer­den wird.

Wohl deshalb wur­den die “Jubiläen”1918 in der Schweiz auss­chliesslich von Män­nern dirigiert, falsch nar­ratiert und sex­is­tisch kuratiert. Die Ausstel­lung “1968” war ein miss­glück­tes Kun­st­spek­takel der spek­takulär ent­poli­tisierten Art. Auch der “Gen­er­al­streik von 1918” spielt im National­mu­se­um die Rolle ein­er Kun­stak­tion, beste­hend aus geilen Plakat­en, beein­druck­enden schwarz-weiss Bildern und lächer­lichen Mil­itärs (die damals nie Anlass zum Lachen boten).

Da war es sehr wohltuend, eine ganz klas­sis­che und infor­ma­tive Ausstel­lung zu 100 Jahre Wahl- und Stimm­recht in Irland zu besuchen. Frauen waren im Mit­telpunkt, die Demokratie damit auch, Mode wurde nicht als Kun­st, son­dern im Zuge des Wan­dels inter­pretiert: Alles ohne Schnörkel, ohne Pathos, doch mit vie­len Ein­blick­en in die Kom­plex­ität von Frauen­hass und Frauen­be­freiung.

Die Ausstel­lung “Women in Pol­i­tics and Pub­lic Life, from 1918 to 2018” ist noch bis 3. Feb­ru­ar 2019 in Dublin Cas­tle zu sehen.

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November: Spitzmaus Mummy in a Coffin and other Treasures

Das Jahr 2018 bot viel Vergnüglich­es – mal abge­se­hen von der Poli­tik. Darunter befand sich die Ausstel­lung von Wes Ander­son im Kun­sthis­torischen Muse­um in Wien. Der Filmemach­er Ander­son verza­ubert die Welt mit wun­der­bar ver­schachtel­ten Assozi­a­tio­nen. Der deutsche TAGESSPIEGEL meinte über “The Grand Budapest Hotel”: “Auf nach Fan­ta­sis­tan!” Dabei sind es nicht ein­fach Fan­tastereien, die Wes Ander­son zu bewegten Bildern macht, son­dern diese untrüglich kluge Kom­bi­na­tion von Spiel, Wirk­lichkeit und neuer Erzäh­lung. Nun durfte er auch ein paar Muse­um­sräume auf Träume set­zen. Das “Fut­ter­al für den Säbel Karls des Grossen” hat darin eben­so Platz wie mein Liebling­sex­ponat, das dem Kura­toren Ander­son zum Titel sein­er 400 Dinge ver­half: Der gepflegte Spitz­maus-Sarg, der von nun an eigentlich in jede Kun­st­samm­lung gehört.

Die Arbeit von Wes Ander­son als Kura­tor ist noch bis am 28. April 2018 zu sehen.

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Oktober: “House of European History”

Aus meinen Brüs­sel­er Tagen pflege ich zauber­hafte Fre­und­schaften, die zu regelmäs­si­gen Besuchen in die europäis­che Haupt­stadt führen, wo ich gle­ichzeit­ig Beruf und Liebe verbinden kann. Die Natur der Vis­iten ist meist poli­tis­ch­er oder pri­vater Natur, weshalb für Ausstel­lun­gen nur wenig Zeit bleibt, was eine Schande ist, denn Brux­elles glänzt mit exzel­len­ten Museen.

Deshalb war meine Freude umso gröss­er, endlich eine exk­lu­sive Führung durch das “House of Euro­pean His­to­ry” zu kriegen, in dem Gebäude, das lange Jahre die Krippe für den krabbel­nden EU-Nach­wuchs beherbergte. Die Ausstel­lung zur europäis­chen Geschichte ist ausseror­dentlich klug kuratiert – man bedenke: Europa hat es geschafft, sich auf viel­er­lei Nar­ra­tive so zu eini­gen, dass Demokratie und Men­schen­rechte im Mit­telpunkt ste­hen.  Die “Vor­tex of His­to­ry” ist aus Stahl und Alu­mini­um gebaut und verbindet als “Wortwirbel” höchst ein­drück­lich und kun­stvoll alle Stock­w­erke miteinan­der. Getra­gen wird dies alles von einem Schweiz­er. Adolf Muschg verziert mit einem Zitat den ganzen ober­sten Stock: “Was Europa zusam­men­hält und was es tren­nt, ist das gemein­same Gedächt­nis.”

Das Erstaunen und der Unglaube der Gruppe war gross als ich darauf hin­wies, dass Adolf Muschg und ich densel­ben Pass besässen. Die meis­ten tippten auf Öster­re­ich­er. Doch als Eine, die den Satz “Die Ver­schweizerung Europas” geprägt hat, meinte ich nur trock­en: “Was Europa zusam­men­hält und was es tren­nt, liegt in der Schweiz.” Zudem: Die Europäis­che Bürg­erini­tia­tive, The Euro­pean Cit­i­zen Ini­tia­tive,  wurde auch von ein­er Schweiz­erin erfun­den. Es war die Poli­tolo­gin Reg­u­la Stämpfli, die der Europäis­chen Bürg­erini­tia­tive nicht nur zum Namen, son­dern auch zur Struk­tur der europäis­chen Bürg­er­begehren ver­half. Doch es wer­den mit Bes­timmtheit Schweiz­er Män­ner sein (sie werkeln schon heftig daran), die dafür sor­gen, dass auch in kün­fti­gen Wortwirbeln die Frauen­na­men möglichst unsicht­bar gemacht wer­den.

Das Haus der Europäis­chen Geschichte ist jeden Tag geöffnet und nur am 1. Jan­u­ar, 1. Mai, 1. Novem­ber und am 24.&25.&31. Dezem­ber geschlossen.

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September: The Design Museum London

Wie war ich trau­rig als ich ver­nahm, dass das Design Muse­um in Lon­don seinen Stan­dort wech­seln würde! Statt mit meinen Kindern wie üblich den Besuch der Tow­er-Bridge mit Form und den klas­sis­chen orangen Stühlen im Design­mu­se­um an der Themse zu kon­terkarikieren, war dieses Jahr das mondäne, gen­tri­fizierte Kens­ing­ton ange­sagt. Vier Jahre hat der Umbau des his­torischen Gebäudes gedauert und über 97 Mil­lio­nen Euro gekostet. Schön ist alles gewor­den. Wirk­lich gut gemacht und trotz­dem: Dem ver­wais­ten Muse­um für Gestal­tung in Zürich nicht unähn­lich, fehlt dem neuen Design-Muse­um der Groove von Gestal­tung, die noch nach Handw­erk und nicht nur nach Markt riecht.

Mein “Design­ing Pol­i­tics. The Pol­i­tics of Design” – aus mein­er Zeit des Inter­na­tionalen Forums für Gestal­tung – kam indessen trotz­dem nicht zu kurz. Die Lon­don­er U‑Bahn ist als entschei­dende Etappe in “Form fol­lows Func­tion” eben­so aufge­führt wie Mar­garete Schütte-Lihotzkys grossar­tige “Frank­furter Küche”.  Die gibt es sog­ar in Orig­i­nal-Nach­bau in Lon­don. Grete Schütte-Lihotzky war bis zu ihrem Lebensende eine mutige, engagierte Antifaschistin und Fem­i­nistin. Sie lehnte 1988 das Ehren­ze­ichen für Wis­senschaft und Kun­st durch Bun­de­spräsi­den­ten Wald­heim auf­grund dessen nation­al­sozial­is­tis­ch­er Ver­gan­gen­heit ab. Sie klagte 1995 Jörg Haider nach einem ras­sis­tisch motivierten Bombe­nat­ten­tat öffentlich an. Und sie witzelte anlässlich ihres 100. Geburt­stages: “Ich würde es genossen haben, ein Haus für einen reichen Mann zu entwer­fen.”

Das Lon­don­er Design­mu­se­um ist jeden Tag von 10 Uhr bis 18.00 Uhr geöffnet. Die Dauer­ausstel­lung ist gratis.

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August: Das Trojanisches Pferd von Iphofen

Als Auf­takt zu unseren alljährlichen Griechen­land­fe­rien, die ich seit 10 Jahren dazu benutze an meinem unfin­ished Dra­ma weit­erzuschreiben, fuhren wir zum Mark­t­platz in Iphofen, Land­kreis Kitzin­gen, irgend­wo in Bay­ern, Deutsch­land. Alte Cineas­t­en müssen sich meine Kul­tur­reisen je länger je mehr wie “Out of Rosen­heim” vorstellen. Ich muss nur auf­passen, dass ich mit den Jahren nicht auch noch Mar­i­anne Säge­brechts Kör­per­masse annehme. Sechs Meter hoch, vier Ton­nen schw­er und kom­plett aus Holz. Da ste­ht es, das Tro­janis­che Pferd von Iphofen. Es ist Teil der Son­der­ausstel­lung zu “Hein­rich Schlie­mann”, der ja nur auf­grund von Text und Aben­teuer­willen Homer zu archäol­o­gis­chen und nicht nur zu poet­is­chen Ehren ver­half. Die Ilias gehört nach wie vor zu den Weltwun­dern der Lit­er­atur – zeit­genös­sisch am besten nachzuhören bei Raoul Schrott.

Das kleine Knauf-Muse­um zeigte über 150 Exponate der Tro­ja-Grabung von Hein­rich Schlie­mann: Viele Gefässe aus Gold, Sil­ber und ein Grossteil des soge­nan­nten Pri­amos-Schatzes. Die Orig­i­nale liegen im Puschikin-Muse­um in Moskau: Der Zweite Weltkrieg lässt auch bei der Geschichte des Alter­tums grüssen. Allen Unken­rufen der “echt­en” Archäolo­gen zum Trotz (die in Hein­rich Schlie­mann immer noch den Stüm­per ver­muten), zeigt das Muse­um den Homer-Enthu­si­as­ten als ausseror­dentlich gebilde­ten Mann: 14 Sprachen beherrschte der Auto­di­dakt. Diese ver­hin­derten jedoch nicht, dass er seine sen­sa­tionellen Funde zeitweise mit äusserst brachialen Grabungsmeth­o­d­en aus der Poe­sie und dem Mythos ins Licht der realen Türkei beförderte.

Die Ausstel­lung “Hein­rich Schlie­mann in Tro­ja” endete am 2.1..2018. Das Tro­janis­che Pferd von Iphofen wurde von ein­er Soft­ware-Fir­ma für eine fün­f­stel­lige Summe gekauft: Tro­jan­er sind schliesslich schon längst dig­i­tal.

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Juli: Unvollendet: Trumpism. Ein Phänomen verändert die Welt

Der Abga­beter­min war Ende Jan­u­ar 2018. “Mit dieser Art (Kun­st), dass es keine Argu­mente mehr braucht, um zu regieren, stellte Don­ald Trump selb­st Barack Oba­ma in den Schat­ten. Die Klick­rat­en-Fix­a­tion zeigt, wie sehr sich die klas­sis­che Demokratie zur reinen Insze­nierung gewan­delt hat: Experten, Jour­nal­is­ten und Umfra­gen verkaufen Images – nicht zulet­zt von sich selb­st.” Dies schrieb ich Ende Juli, fünf Monate bevor der Schön­schreiber Relotius unter dem Geschrei der Main­stream-Jour­nis als Märch­en­erzäh­ler ent­larvt wurde. Und es galt immer noch drei weit­ere Kapi­tel zu schreiben! Ende August sollte es dann soweit sein. Der Ver­leger ein Engel, der Ver­lag, klein und fein, das Idiom “Mün­ster” ver­traut und das Sach­buch wiederum zehn Jahre zu früh. Doch zur Frank­furter Buchmesse war alles heit­er und fein. “Ide­olo­gie, Sprache, Ref­eren­zen und Emble­men zu gehorchen, die in der jew­eili­gen Gesellschaft für “wahr”, “richtig” und “wichtig” gehal­ten wer­den, ist noch lange kein Debat­tieren. Was die Maschi­nen gewin­nen lässt, sind nicht deren überzeu­gen­deren Argu­mente, son­dern nur Fak­ten und rhetorische Tricks.”

Wann Quoten, Hitlis­ten und Klicks über den Wert von Infor­ma­tion entschei­den, kann in Trump­ism. Ein Phänomen verän­dert die Welt nachge­le­sen und ver­standen wer­den. In jed­er Buch­hand­lung erhältlich: 2019 auch in franzö­sisch und englisch.

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Juni: refaire le monde

Die Aussen­po­si­tion verbinden Gian­ni Mot­ti, mich und viele der hier Lesenden. EX-POSITION füllte das Helmhaus in Zürich: Vom 18. Mai bis 17. Juni. Die Welt neu machen, wie würde sich dies wohl anfühlen, wie würde uns die Welt anschauen und wir in sie hinein?

Gian­ni Mot­ti fer­tigte aus dem abge­saugten Kör­per­fett von Sil­vio Berlus­coni ein Stück Seife an – für mich ein wun­der­bares Zeit­doku­ment für die herrschende Biopoli­tik und meine Arbeit am Pro­jekt “Men­schen essen”. Die Ausstel­lung im Helmhaus hätte bessere Gespräche, Polit­philoso­phie-Podi­en und Medi­en­spek­takel ver­di­ent. Die NZZ titelte: “Enfant ter­ri­ble Gian­ni Mot­ti geht im Helmhaus aufs Ganze”: Doch die grosse Auseinan­der­set­zung fehlte lei­der. Welch gross­er Unter­schied zu 2008 als Mot­ti kurz­er­hand ein Minarett auf das Dach des örtlichen Kun­sthaus­es set­zte! Leser­briefe, ein zutief­st erboster Stadt­präsi­dent und Medi­en­berichte waren die Folge. 2006 set­zte die Schweiz­erin Fleur Stoeck­lin auch Minarette in Düs­sel­dorf hin: “Aggres­sion” nan­nte sie ihre Instal­la­tion. Die Minarette hat­ten die Form von Raketen und über­lebten den Protest­sturm nur wenige Tage.

Im Helmhaus dominierten Zäune und Pflaster­steine – uneben, so dass jedes freie sich bewe­gen mas­siv eingeschränkt wurde. Mot­ti durfte im Helmhaus die Welt nicht neu machen, doch seine Kun­st ganz anders und stiller, deshalb nicht weniger ein­drück­lich “refaire”.

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Mai: Swissmaid und Macht Liebe!

Frauen – die ungeschriebene Geschichte. Margrit v. Zinggel­er ist seit 1999 Pro­fes­sorin für Ger­man­is­tik an der Uni­ver­sität von Michi­gan. Sie ist Autorin mehrerer Stan­dard­w­erke und stellte im Mai 2018, auf Ein­ladung von Patrizia Mor­di­ni, Syn­di­com, ihr bemerkenswertes Buch “Swiss Maid. The Untold Sto­ry of Women ´s Con­tri­bu­tions to Switzer­land ´s Suc­cess” in Bern vor. Es wurde ein klein­er, fein­er, kluger Abend mit der SP-Stän­derätin Ani­ta Fetz und Margrit v. Zinggel­er unter der Gespräch­sleitung von mir. Das Wort­spiel Swiss Made und Swiss Maid ist beab­sichtigt, da phonetisch der Unter­schied mar­gin­al ist. Swiss made kommt einem Label gle­ich und ste­ht für hohe Pro­duk­tqual­ität, Swiss Maid ste­ht für die Schweiz­er Magd. Zinggel­er zeigt ein­mal mehr, wie entschei­dend die klas­sis­chen Bürg­er­rechte für Frauen sind: “Den Frauen in der Schweiz wurde 1971 endlich nicht nur die Zunge, son­dern auch die Fed­er gelöst.”

Zinggel­er belegt in ihrem Buch, wie hin­ter­hältig das Wirtschaftswun­der Schweiz auf rein männliche Eigen­schaften und Qual­itäten reduziert würde: Dabei waren es vor­wiegend die Frauen und ihre Kinder in der Tex­tilin­dus­trie, die dem Land eine Pro­toin­dus­tri­al­isierung ermöglichte: Swiss made halt.

Der Ein­satz der Schweiz­er Frauen wird bis heute von allen Seit­en run­terge­spielt, abgew­ertet, ver­schwiegen oder mit Absicht gegen noch lebende Frauen ver­dreht (“Frauen­be­we­gung als weisse Elitev­er­anstal­tung” wie dies die Gen­derthe­o­retisieren­den gerne raus­posaunen). Das Buch von Margrit V. Zinggel­er ist das beste Gegen­mit­tel zu der­art irren, ahis­torischen und ent­poli­tisierten Posi­tio­nen.

Es kommt noch etwas hinzu: Unter den Gästen befand sich der The­ater­ma­ch­er, Schaus­piel­er und Come­di­an Diego Valsec­chi. Er konzip­ierte mit seinem Büh­nen­part­ner Pas­cal Nater ein zauber­haftes Stück: Macht Liebe! Soviel Klugheit, Witz, Charme, Welt- und Frauengeschichte kom­men sel­ten zusam­men, was zeigt: Kul­tur ist immer dort wahr, wo man sie gar nicht wirk­lich ver­mutet. An einem span­nen­den Abend zur Frauengeschichte im Hotel Bern im schö­nen Monat Mai 2018.

Das Pro­gramm “Macht Liebe”  ist am 12.1.2019 in Rog­g­wil, am 1.3. 2019 in Aarau, am 15.3.2019 in Lan­gen­thal und an vie­len anderen Ter­mi­nen in der ganzen Schweiz (alle The­ater: Unbe­d­ingt buchen! Ein besseres poli­tis­ches Pro­gramm mit Witz, Charme und Kön­nen gibt es momen­tan nicht) auf Tour.

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April: Bauhaus in Tel Aviv

Israel darf man unter Intellek­tuellen wed­er in der Schweiz noch in Deutsch­land mit Namen nen­nen. Wenn ich von meinen Reisen in dieses Land berichte, werde ich beschimpft und muss mir dann stun­den­langes Gezeter über das “Apartheitssytem” anhören von Leuten, die ihren Anti­ras­sis­mus gerne mit dem Wohlwollen gegenüber der Bur­ka zum Aus­druck brin­gen. Sage ich hinge­gen: “Tel Aviv” begin­nen die Gesichter zu leucht­en, die Schwulen schwär­men von den genial­sten Clubs, die Les­ben von den schön­sten Men­schen und die Cisir­gend­was vom besten Food der Welt. Gestal­ter zaubern die Weisse Stadt als Bauhaus-Sym­bol her­vor, ohne zu wis­sen, dass es in Israel wegen den von der Linken so verehrten “net­ten” Raketen­wer­fern next door kaum Denkmalschutz und staatlich­es Geld gegen den Ver­fall der alten Bauhaus-Stadt gibt. Tel Aviv ist die mod­ern­ste, urbanste und welt­freieste Stadt auf der ganzen Welt – sie sieht je nach Kriegs- und Wirtschaft­slage auch entsprechend so aus. Wer wis­sen will, was Zukun­ft ist, ist in Tel Aviv mit allem gut bedi­ent: Sowohl im pos­i­tiv­en wie auch im neg­a­tiv­en. Zeige ich die Sky­line von Tel Aviv schreien alle “Man­hat­ten” und ich antworte nur mit “Shalom”.

Das Bauhaus-Cen­ter in Tel Aviv wird übri­gens von einem Schweiz­er geleit­et. Es liegt in der besten Kauf­s­trasse von Tel Aviv, offeriert die zauber­haftesten Good­ies zum Nach­hause­brin­gen und ist von ein­er der­art befreien­den Beschei­den­heit, dass man die engen Trep­pen ständig rauf- und run­ter­tanzen möchte.

Das Bauhaus Cen­ter in Tel Aviv ist Shop und Muse­um zugle­ich und zu nor­malen Öff­nungszeit­en “besuch­bar”.

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März: Der Scharfrichter von Mosbach

Der Beruf des Schar­frichters etablierte sich im deutschsprachi­gen Raum unge­fähr im 13. Jahrhun­dert und lässt sich mit der Folter als prozes­suales Beweis­mit­tel in Zusam­men­hang brin­gen. So bru­tal dies auch alles klin­gen mag: Vie­len His­torik­ern gilt die Ein­führung des Henkers, der Folter und der grausamen Bewe­is­führung als Beginn des europäis­chen Rechtsstaates. Nur Bar­baren, Meuter­er, Geset­zes­lose – die IS-Idioten lassen grüssen  — richt­en nach Lust und Laune hin. Hier­ar­chien, staatliche Autoritäten und auf Legit­i­ma­tion aus­gerichtete Herrsch­er brauchen irgen­deine Art von Bewe­is­führung: die reicht eben von der Folter bis in die Neuzeit zum Water­board­ing. Alles andere als lustige The­men. Der Beruf des Schar­frichters war eine Tätigkeit am Rande der mit­te­lal­ter­lichen Stän­dege­sellschaft. Der einzige Vorteil bestand in rel­a­tiv­er materieller Sicher­heit. Meist waren die Schar­frichter auch Wundärzte, da sie auf­grund ihrer Folter- und Kop­fabtätigkeit über präzise anatomis­che Ken­nt­nisse ver­fügten. Wie nah Folter und Ärzteberuf einan­der ein­mal waren und angesichts der ille­galen Organtrans­fers, der Pfuscherei bei Kreb­smedika­menten oder auch der Abtrei­bungsin­dus­trie von weib­lichen Föten immer noch sind, wird gerne ver­drängt.

Das Foto wurde im März in Mos­bach am Neckar, wo ich regelmäs­sig zu Besuch bin, aufgenom­men. Eine ehe­mals blühende Stadt, der die Banal­ität der kap­i­tal­is­tis­chen Gier­wirtschaft in den let­zten Jahren lei­der arg zuge­set­zt hat.

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Februar: Basel. Fondation Beyeler. Ohne Worte.

Basel. Tingue­ly Muse­um. Zitat.

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Januar: Kiki Smith

Das Münch­n­er Haus der Kun­st kommt aus den Schlagzeilen nicht mehr her­aus. Lei­der nicht wegen der Kun­st, son­dern wegen Kor­rup­tion, Fehlman­age­ment, Sci­en­tol­ogy und Bäu­men, die unter keinen Umstän­den gefällt wer­den soll­ten. All dies war im Jan­u­ar 2018 noch nicht bekan­nt. So kon­nten die Bün­zli-Bay­ern die weit­sichtige und weltläu­fige Ausstel­lung der grossar­ti­gen Kiki Smith bewun­dern. Well, es waren wie üblich vor allem die Touris­ten, die kamen, da Kun­st in Bay­ern wie in Zürich oft nur noch Medi­en- und kaum Besuch­sereig­nis ist.

Lilith war dem Tal­mud zufolge die erste Frau von Adam. Sie war ihm völ­lig gle­ich­berechtigt, was diesem nicht passte. Als Adam sie gefügig machen wollte, ver­weigerte sie sich und flog ein­fach davon. Wären alle Frauen Lilith, #MeToo wäre ein Hash­tag geblieben. Doch lei­der ging die Geschichte unglück­lich weit­er… bis Kiki Smith kam. Sie lässt das wilde Weib leben, sie zeigt die Frau ver­let­ztlich, sie nimmt der unbe­fleck­ten Heili­gen die Mythol­o­gisierung, sie macht all das, was heutzu­tage die jun­gen Frauen, die sich am lieb­sten sel­ber verkaufen statt in Sol­i­dar­ität mit fet­ter Weib­lichkeit zu leben, bis auf ihre mageren Knochen erschreckt. Kiki Smith erzählt von Natur und Kul­tur, ein aufgeris­sener Bauch eines Wolfes gebiert die Frau. 1995 vergiftete eine Pes­tizid­wolke in New Jer­sey unzäh­lige Vögel: Kiki Smith set­zte ihnen ein Denkmal. Ach: Möchte doch die Welt mit Kiki Smith ver­schmelzen! Sie wäre ein ehrlicher­er und lebenswert­er­er Ort.

Bild: siehe links (Gross­bild)

Die Bilder sind alle von Reg­u­la Stämpfli und unter­liegen dem Copy­right von Reg­u­la Stämpfli.

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Artikel online veröffentlicht: 3. Januar 2019 – aktualisiert am 4. Februar 2019