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laStaempflis Kulturjahr 2019

Januar: Skifahren eine aussterbende Kulturtechnik

Früher gehörte Ski­fahren zur Schweiz wie die Toblerone nach Bern. Doch die Mat­ter­horn­schog­gi ging zu einem US-Grosskonz­ern, aus der ehe­ma­li­gen Fab­rik wurde das „Tobler-Are­al“ für die Uni. Ski­lager in Schweiz­er Schulen sind auch eine Rar­ität gewor­den, meist fall­en sie dem Rot­s­tift zu Opfer. Heute sind es Kinder mit Migra­tionsh­in­ter­grund, die Ski­fahren nur als Luxu­ss­port ken­nen; in mein­er Jugend waren es die Arbeit­erkid­dies. Ich erin­nere mich noch gut an mein klas­sisch-griechis­ches Gym­na­si­um. Unser Klassen­lehrer fragte im Vor­feld des Ski­lagers von oben herab: „Übri­gens. Es gäbe noch eine Kasse für Min­derbe­mit­telte, die sich die Ferien nicht leis­ten kön­nen. Ist ein­er dieser Sorte in dieser Klasse?“ Selb­stver­ständlich hielt ich meine Hand hoch, denn meine Mut­ter und mein meist arbeit­slos­er Vater kon­nten wed­er Ski­aus­rüs­tung, Skianzüge noch Ski Abos berap­pen. Die Demü­ti­gung ging im Ski­lager über­gangs­los weit­er. Eine Pro­fes­soren­tochter, die nie was aus ihren Best­noten im Kirchen­feld anstellen sollte, erblick­te mich im Migros Ski Anzug und rief süff­isant: „Haha­ha, schaut mal alle her. Die Reg­u­la ist eine Migros-Fahrerin“. Dabei sah ich im Anzug super aus und auf dem Siegerpodest stand ich in der Abfahrt auf dem drit­ten (!) Platz. Dies, obwohl ich mir die fünf Woch­enende vorher sel­ber das Schi­fahren beige­bracht hat­te. Seit­dem weiss ich: Wenn ich will, dann will auch die Welt. Ein Win­ter ohne Berge ist für mich wie ein Tag ohne britis­chen Humor: pos­si­ble but nev­er desired.

Dolomiten in Polaroid­look von laS­taempfli. Jaja­ja, Fotografen, not good. Aber mir egal: Lieber ein Polaroid statt Per­fekt.…

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Februar: Nackt. Die Kunst der Blösse

Der wohlge­formte Hin­tern glänzte über­all: Von München nach Zürich bis zu seinem Ausstel­lung­sort Basel. Das Antiken­mu­se­um Basel und die Samm­lung Lud­wig besuchte ich nicht zulet­zt wegen der über­aus gelun­genen Wer­bung für die Ausstel­lung „Nackt“. Die „Aphrodite Kallipy­gos“, mein Alter-Ego sozusagen, respek­tive „die mit dem schö­nen Hin­tern“, ist über 2100 Jahre alt und war zu Gast in diesem tollen Muse­um, das den Charme ein­er Welt von Gestern per­fekt ver­sprüht. Schade nur, dass das Muse­um viel zuwenig Ver­anstal­tun­gen mit zeit­genös­sis­chen Kul­tur- und Poli­tik­wis­senschaft­lerin­nen offeriert: Was hät­ten wir doch Span­nen­des zu erzählen! Allein über die öster­re­ichis­che „Venus von Wil­len­dorf“ wür­den neun Abende kaum reichen, soviel gäbe es über matri­ar­chale Net­zw­erke und Moder­nität avant la let­tre und jen­seits des Machofeuil­letons zu bericht­en. Die nack­te Göt­tin war zu Beginn der Men­schheit Ver­heis­sung von Frucht­barkeit und Trans­for­ma­tion. Doch schon bei den Schrift­gelehrten in Ägypten bedeutete die Nack­theit Sklaverei. Mit der Schrift kam die Klei­dung und damit fast ewige Hier­ar­chie. Seit­dem wird die Blösse von männlich­er Macht dazu benutzt, Opfer zu kreieren: Opfer des Voyeuris­mus, Opfer der Schut­zlosigkeit, Opfer sex­ueller Gewalt in unzäh­li­gen Bildern. Kün­stler sind lei­der oft erkennbar als willige Voll­streck­er ikono­graphis­ch­er Dom­i­nanz: Von der Lust bis zum Tod.

Die Ausstel­lung war wirk­lich einzi­gar­tig und das „Antiken­mu­se­um Basel und die Samm­lung Lud­wig“ ver­di­enen jede Wer­bung. Und wer weiss: Vielle­icht kom­men die Ver­ant­wortlichen ja wirk­lich noch auf die Idee, die zeit­genös­sis­chen Denkerin­nen zu einem neuen Reigen in die Räume voller göt­tlich­er, antik­er und nack­ter Botin­nen der Inspi­ra­tion zu laden. Ich wäre jeden­falls sofort dabei.

Frucht­barkeits­göt­tin­nen: Gross, bre­it, weib­lich schön.

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März: Sagmeister&Walsh „On Beauty“

Ste­fan Sag­meis­ter traf ich an ein­er Preisver­lei­hung in Köln 2006. Ich unter­richtete damals auf Ein­ladung der grossen Pro­fes­sorin Dr. Uta Bran­des und ihrem eben­so grossen Gefährten Pro­fes­sor Dr. Michael Erl­hoff „Design und Demokratie“. Ste­fan Sag­meis­ter ist ein­er der bekan­ntesten Grafikde­sign­er weltweit. Mit sein­er eige­nen Agen­tur gestal­tete er unver­gle­ich­lich und unvergessene Poster. So auch für uns, d.h. das Inter­na­tionale Forum für Design in Ulm IFG, für welch­es ich von 2005 bis 2013 tätig war bis die Stiftung ihr Geld für die aufwendi­ge Neukonzep­tion von Gebäude und Restau­ra­tion aufwen­den musste.

2012 tat sich der mit­tler­weile 50 jährige Sag­meis­ter mit der 24 Jahre jün­geren Grafikde­signer­in Jes­si­ca Walsh zusam­men; bei­de posierten nackt in ihrem Ate­lier „Sag­meis­ter & Walsh“.„Beauty“ von Sagmeister&Walsh am MAK in Wien war ein ein­drück­lich­es Plä­doy­er für das Schöne, Wahre, Weise und für die poli­tis­che Dringlichkeit ästhetis­ch­er Gestal­tung. Architek­tur, Stadt­pla­nung, Schriftze­ichen wur­den mit allen men­schlichen Sin­nen ver­bun­den.  Faszinierende All­t­ags­beispiele aus Mil­lio­nen­städten wie Sao Paulo man­i­festierten, dass selb­st min­i­male Schön­heits-Inter­ven­tio­nen im öffentlichen Raum die Krim­i­nal­ität­srate vor Ort senken und Gemein­schaft fördern.

Schön­heit ist im gegen­wär­ti­gen Diskurs extrem neg­a­tiv beset­zt bleibt. Nicht zulet­zt weil Schön­heit definiert wird durch alte Machomän­ner, die nicht die Ästhetik, son­dern die pornographisch fix­ierte Schön­heit meist an jugendlich­er Frauen als einzig „schön“ propagieren, um diese auch in allen anderen Bere­ichen regel­recht zu pornografisieren.

Aus „Schön­heit“ by Sagmeister&Walsh in Wien.

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April: “Von der Verrückung der Wirklichkeit”

2019 war mein erfol­gre­ich­stes Öster­re­ich­jahr so far. Mein Buch : “Trump­ism. Ein Phänomen verän­dert die Welt“ eroberte den europäis­chen Alpen­staat mit Glanz und Glo­ria. Ich war auf Tournee in Wien, Inns­bruck, Graz, Linz. Nur Salzburg fehlte in der Liste der Buch­tournee, doch am 9. Jän­ner 2020 war es soweit: Servus TV lud mich zur Experten­runde „türkis-grün“ ein. Der Philosoph Alexan­der Tsch­ernek und der Radiomach­er Manuel Schmale konzip­ierten ein Hör­spiel ent­lang meines „Trump­ism“ in ihrer ORF-Senderei­he „Philoso­phie Pur“ für den öster­re­ichis­chen Nation­alfeiertag vom 26.10.2019. Höher kann eine Sach­buchau­torin wohl nicht steigen, was für eine grosse Anerken­nung ich im Aus­land erfahren durfte!

“Eine Rev­o­lu­tion ist im Gange, die von vie­len Intellek­tuellen viel zu wenig auf den Punkt gebracht wird. Es ist eine Rev­o­lu­tion, bei der es darum geht, uns die Welt und die Wirk­lichkeit, so wie wir sie ken­nen, aus der Real­ität zu rech­nen.“

Diese Sätze waren auch meine Beglei­t­erin­nen bei mein­er Han­nah Arendt Vor­lesung an der Uni­ver­sität St. Gallen. Über 140 Per­so­n­en fan­den sich über Wochen hin­weg im Hör­saal für jew­eils zwei Stun­den „Vita Acti­va: Mit Han­nah Arendt durch den All­t­ag“ ein. Ich redete frei, war im Flow und ärg­erte mich nur später, dass ich meine streng eingeübten und druck­reifen Vor­lesun­gen­blöcke nicht aufgenom­men habe. Meine Par­force-Leis­tung hat­te indessen Vorteile: Die Zuhören­den blieben gefes­selt, in messer­schar­fer Aufmerk­samkeit mit­denk­end.

Hier ein paar Zück­erchen: „Falsch erzählt, ist die Demokratie schnell gekreuzigt“, „Im poli­tis­chen Diskurs regiert Nihilis­mus bei gle­ichzeit­ig ver­gold­e­ten Innen­leben“, „Kreuz­dumme Biopoli­tik, kom­biniert mit finanzpoli­tis­chen Dystopi­en, gefordert von Self­ie-Ele­men­tarteilchen mit Smart­phones.“ „Das Leben als Kred­itkarte behin­dert die Ausübung der Demokratie.“ „Die Streuwaffe Sex­is­mus im glob­al ver­bre­it­eten Frauen­hass wird gerne via Hyper­link mark­t­tauglich gemacht.“ „Die Kom­bi­na­tion alte Män­ner-Medi­en-Seilschaften und junge New­com­erin­nen ist als Info­tain­ment-Com­bi kaum zu schla­gen.“ „Trump­ism ist ein Sys­tem von Selb­st­be­zo­gen­heit, Datengläu­bigkeit und medi­aler Insze­nierung.“ „Der Begriff ´Styleguide´für Brand­ing-Strate­gien von Staat­en stammt aus der Pornoin­dus­trie.“ „Cor­po­rate Design gehört zu TRUMPISMUS wie der Senf zur Wurst.“„Demokratien garantieren öffentlichen Zugang zu Bil­dung und sind nicht dazu da, mit Steuergeldern Lis­ten­plätze auf dem fik­tiv­en Shang­hai-Rat­ing zu vergeben.“ (Copy­right Reg­u­la Stämpfli, da einige Schweiz­er Män­ner dazu neigen, mich ständig zu bestehlen… Insid­er­gruss)

Lesung in der „DenkBar“ St. Gallen als Auf­takt zur Vor­lesung „Poli­tis­che Philoso­phie“. Dieses Jahr war sie zu „Vita Acti­va: Mit Han­nah Arendt durch den All­t­ag.“

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Mai: Alles neu macht MARY QUANT

Es war ein Son­ntag. Seit mein­er Erziehung­shaft im Gym­na­si­um Kirchen­feld in Bern, als ich dachte, ich hätte meine unbändi­ge Gier an Wis­sen, Kul­tur und Welt für immer ver­loren, ist für mich jed­er Muse­ums­be­such ein Segen und unbeschreib­lich­es Glück. Wüssten doch all die Museen, durch die ich mit klopfend­en Herzen, offe­nen Augen und dem schön­sten Lächeln in meinem Gesicht, wie über­lebenswahr sie mir sind!

Das V&A Muse­um gehört zu den besten Kun­st- und Design­museen der Welt und: der Besuch ist gratis. Die Son­der­ausstel­lun­gen wie DIOR oder MARY QUANT, die ich bei­de gese­hen habe, kosten, es gibt lange Warteschlangen, doch die nor­male Samm­lung gehört der Öffentlichkeit. Alle dür­fen im Park, einger­ahmt in den ein­fach­sten Gold, Grün, Blau und Rot, Kaf­fee und Garten geniessen. Zauber­haft.

In mein­er Kind­heit waren Museen Tem­pel für Reiche. Selb­st im Gym­na­si­um wurde streng darauf geachtet, dass nur Auser­wählte der Alt­griechen Kun­st kom­men­tieren oder, bewahre, sel­ber ver­suchen durften. Doch seit dem ersten Tag mein­er Befreiung an der Uni­ver­sität gehört ein monatlich­er, meist ein wöchentlich­er Besuch ein­er Ausstel­lung zu meinem Leben. „Mer­ci Pierre Bour­dieu!“ kann ich da nur rufen. Denn es war nicht zulet­zt sein Werk: „Wie die Kul­tur zum Bauern kommt“, die mich befre­it hat. „Stre­it­bar“ wurde Bour­dieu ständig in der Presse beschimpft, dabei hat­te er – wie ver­traut dies doch klingt – noch gar nicht richtig zu stre­it­en begonnen.

MARY QUANT, das Bild stammt aus der gle­ich­nami­gen Ausstel­lung, war mir – im Unter­schied zu DIOR im sel­ben Haus – zu wenig poli­tisch, his­torisch, erk­lärend, son­dern sehr ober­fläch­lich Upper-Class goes Streetwear-Slang. Minirock, Regen­män­tel und Bubikra­gen erscheinen im Rück­blick weniger rebel­lisch als dies die Presse gern her­vorhebt. Mary Quant war trotz­dem die Vor­re­i­t­erin demokratis­ch­er Design­er­stücke: Sie liess alle, die woll­ten, ihre Schnittmuster ver­wen­den. Der Sno­bis­mus sei aus der Mode gekom­men, erk­lärte Mary Quant: „In unserem Laden rangeln sich Her­zogin­nen mit Büromäd­chen um das­selbe Kleid“.

Mary Quant im V&A 2019

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Juni: Welt aus, OBS an

Das Glück zu leben geht im Juni weit­er: Laut Rolling Stone Mag­a­zin find­et „Das beste kleine Open Air Fes­ti­val der Welt“ jedes Jahr um Pfin­g­sten in Beverun­gen, in der Nähe von Kas­sel, Deutsch­land, statt. Das „Orange Blos­som Spe­cial“, Abkürzung OBS, ist das Musik­ereig­nis des Glit­ter­house-Ton­träger­la­bels. Drei Tage Konz­erte auf dem höch­sten Niveau, mit den zauber­haftesten Men­schen, die frau im grossen Kan­ton im Nor­den find­en kann. Drei Tage wird durchge­tanzt, es gibt ver­führerisches Essen, tolle Buden mit nach­halti­gen, ökol­o­gis­chen Pro­duk­ten und das OBS sam­melt Tausende von Euros für einen guten Zweck: Let­ztes Jahr war es für Sea-Watch, die Seenothil­fe für Flüchtlinge. Und es gibt: Musik, Musik, Musik, Musik, Musik, Musik…

Das OBS ist friedlich, verbindet Unbekan­nte und Pop­stars, Inde­pen­dents und grosse Namen. OBS-Neulinge machen meist riesige Kar­ri­eren, so Annen­MayKan­tere­it, die 2014 noch auf der Pausen­bühne spiel­ten und mit­tler­weile die grossen Are­nen füllen.

Aus ein­er völ­lig anderen Welt kom­mend, habe ich durchs OBS Musik ken­nen­gel­ernt, die viel zuwenig in den Radios gespielt und in den Pod­casts besprochen wird. Das OBS ist wie eine zarte, blonde, sen­ti­men­tale Fee und hart­gekochter, männlich-macho-hex­en­der Witch­er gle­ichzeit­ig: Es geht von einem Rausch zum näch­sten: Super-Rem­bert Stiewe, sein Team und Dynamo-Win­drad-Geist Lutz Mast­mey­er sind die schön­sten, genial­sten, inno­v­a­tivsten, engagiertesten „alten weis­sen Män­ner“, die sämtliche Boomer-Beschimp­fun­gen als stink­ende Fürze fehlgeleit­eter Hash­tag-Tus­sis und Möchte­gern-Mack­ers ver­dampfen lassen. Seit es das OBS gibt, weiss ich, dass Pfin­g­sten wahrhaftig ist. Ein Wun­der: Eines, das mein Leben für immer verän­dert hat.

Plakat OBS 2019

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Juli/ August 2019: Titaninnen und Olympierinnen

Philosophen ver­fassen gerne „Must-Reads“ zum Angeben. Der Habi­tus von denk­enden Män­nern bleibt unge­brochen schief, vor allem mit wach­senden Jahreszahlen. Philosophin­nen gibt es wenige wahrhaftige. Wer schon, auss­er mir, legt es sich mit ganzen Fachrich­tun­gen punk­to Denken, Weltan­schau­ung, Logik, Weltver­lust so wort­mächtig und öffentlich an? Richtig. Im deutschsprachi­gen Raum gehöre ich zu grossen Aus­nah­men meines Geschlechts. Wohl deshalb wurde ich noch nie zur „Stern­stunde Philoso­phie“ SRF ein­ge­laden, was in fün­fzig Jahren dann mit Büch­ern wie „Eine Frau kommt zu früh“ bedauert wer­den kann. Der Feuil­leton in Deutsch­land, Öster­re­ich und in der Schweiz, der auch im Hash­tag #dich­ter­dran in den Kakao gezo­gen wurde, ist der­art sex­is­tisch, dass es einem auch 2020 kotzü­bel wird. Die Män­ner, von jung bis alt, rüh­men sich ihrer Fortschrit­tlichkeit und schmück­en sich mit jun­gen Frauen, „neuen“ Tal­en­ten und bedi­enen damit ein Muster, das so alt ist wie staatliche Kul­tur­förderung. Igitt. Nur so ist erk­lär­bar, dass aus­gerech­net ein Peter Hand­ke den Nobel­preis für Lit­er­atur gekriegt hat. Peter Hand­ke? Are you jok­ing? Mar­lene Streeruwitz hinge­gen wäre die einzige und richtige Wahl gewe­sen, hätte es denn wieder ein deutschsprachiges Tal­ent sein müssen. Vielle­icht noch Ruth Klüger. Doch: Deutsche Frauen­ge­nies wer­den seit Jahrhun­derten zu Lebzeit­en beschimpft, ver­drängt und schliesslich vergessen. Da tröstet selb­st Elfriede Jelinek nicht, die eh nie trösten, son­dern nur poet­isieren will.

„Auch die Frau ist das für Frauen andere Geschlecht.“

„Die Frau ist als Stän­der für Stän­der oder frei nach Hegel: Die Frau ist für andere Frauen das andere Geschlecht“ laS­taempfli über den Som­mer 2019 als sie von mehr als nur einem Feuil­leton­is­ten und deren weib­lichen Ver­bün­de­ten ganz hin­ter­hältig ange­gan­gen wurde…

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September 2019: Graz

 „Graz ist eine Schön­heit“ twit­terte ich begeis­tert nach mein­er Lesung im Welthaus Graz. Damit meinte ich nicht nur die „Grande Ville“, son­dern auch all die engagierten, wun­der­baren Men­schen, die ich in der Kul­turhaupt­stadt Europa des Jahres 2003 ken­nen­ler­nen durfte. Die Lan­deshaupt­stadt glänzte gold­en bei mein­er Ankun­ft im Sep­tem­ber 2019: „Auf­steiern“, das grösste Volk­skul­tur­fest Öster­re­ichs war im vollen Gange. Zwar sind mir in Tra­cht steck­ende tanzende Men­schen­massen mit deutsch­er Zunge auf­grund mein­er Herkun­ft und Sozial­i­sa­tion meist sehr sus­pekt – ich war aus diesem Grunde auch nur ein­mal am Rande am Münch­n­er Okto­ber­fest und trust me, das hat mir gere­icht. Doch in Graz wurde ich von der Fröh­lichkeit von all den schö­nen jun­gen Men­schen angesteckt. Lustige Grup­pen forderten mich ständig zum Mit­tanzen und Mit­trinken auf. Die ganze Stadt war nicht ein­fach besof­fen, son­dern vor allem gut drauf. Auf dem Schloss­berg sass ich dann im schön­sten Restau­rant im Aben­drot und hätte fast zu weinen begonnen: Nie waren Herb­st­far­ben inten­siv­er und schön­er als von diesem lauschi­gen Plätzchen, seufz. Die Graz­er Alt­stadt und das Schloss Eggen­berg gehören mit Fug und Recht zum UNESCO-Weltkul­turerbe. Ermöglicht hat mein Besuch das schon erwäh­nte Welthaus von Graz, das sich gegen alle Ungerechtigkeit­en ein­set­zt, zur Diözese Graz-Seck­au gehört und von engagierten, ganz tollen Frauen und Män­nern geleit­et wird. Sofort nach meinen drei Tagen in Graz meldete ich mich bei der Uni­ver­sität Graz, ohne lei­der bis heute eine Antwort gekriegt zu haben. Doch abwarten, denn: Jede Stadt braucht eigentlich eine Han­nah Arendt-Dozentin.…

Das Steirische Wap­pen von Graz: Es ist ein sil­bern­er Pan­ther, der aus dem Rachen Flam­men her­vorstösst. Der Pan­ther als Wap­pen­tier der Steier­mark ist seit 1160 ver­bürgt. Ein ziem­lich ungewöhn­lich­es, ein­drück­lich­es und vor allem uraltes Sta­tussym­bol Europas.

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Oktober 2019: Babylon Berlin

Die „Innoc­ra­cy“ des Pro­gres­siv­en Zen­trums, die „Dig­italkon­ferenz zur Demokratie“, führte mich auf Ein­ladung von Milo Tes­se­laar nach Berlin.

Eine wirk­lich über­schätzte Stadt.

Der Feuil­leton­ist der Zwis­chenkriegszeit, Joseph Roth, meinte ein­mal, dass Berlin voller „Hungern­den Bil­lionäre“ sei. Was wie ein zynis­ches Para­dox klingt, macht angesichts des glob­alen Berlin-Zeit­geist Sinn. Berlin ist nur im Kreuzberg ertrag­bar. Dort hört man auch nicht ständig Schweiz­erdeutsch. Wie zu Joseph Roths Zeit­en kla­gen sog­ar die Toten­gräber über man­gel­nden Lohn während sich die von den Medi­en sex­is­tisch beschimpften „Lat­te Macchiato“-Mütter tat­säch­lich über die Stadt her­ma­chen als wären alle Strassen auss­chliesslich für ihre Kinder­wä­gen geteert. Berlin ist ein Edel­men­schen-Dorf, das sich mit Vielfalt schmückt und im Kleingeist erstickt: Ich sage es ja. Viel zuviele Schweiz­er, nein, viel zuviele Zürcher in Berlin. Die meinen, sie seien der Kle­in­stadt entron­nen, dabei sind sie nur auf dem Fes­t­land der Hip­ster gelandet. Die Blasiertheit aller Schuld­ver­mu­tung gegenüber dem, der es wagt, die lächer­liche Berlin-Geil­heit zu kri­tisieren, ist unge­brochen. Ganz übel ist Tom Tyk­w­ers „Baby­lon“. Ein Mach­w­erk, das alle Frauen zu Nut­ten, die „Roar­ing Twen­ties“ als Orgien verk­lärt und die Nazis in ihren schick­en Kostü­men und Uni­for­men ero­tisch auflädt. Übri­gens eine typ­is­che Berlin-Sto­ry: Volk­er Kutsch­er hat geniale Krim­is geschrieben und Tom Tyk­w­er verk­itscht sie ins Boden­lose. Tja. Berlin. Dieser Stadt gelingt es, selb­st aus Kirschblüten Katzen­k­los zu machen.

Lud­wig Wind­stoss­er, Fotografie der Nachkriegsmod­erne. Im Muse­um für Fotografie. Der Stuttgarter Fotograf gehörte zu den führen­den Indus­triefo­tografen West­deutsch­lands. Ganz ein­drück­liche klare Bilder, die das Lebens­ge­fühl in Berlin vor Augen führen. Lud­wig Wind­stoss­er hat mich an den Tod meines guten Fre­un­des und Indus­triefo­tografen Josef Rieg­ger in diesem Jahr erin­nert. Er und ich sind auf immer ver­bun­den in unserem Werk: Frauen ohne Maske. Über Frauen und ihre Berufe – aus dem Jahr 2010. Wie schön es doch wäre, die Schweiz würde in nicht allzu fern­er Zukun­ft auch dem Schweiz­er Indus­triefo­tografen Rieg­ger eine Ausstel­lung gewähren… doch: Propheten gel­ten sel­ten etwas im eige­nen Land.

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November 2019: Kreativität. Macht. Realität.

 Welche Beziehung beste­ht zwis­chen Design und der Real­ität?

Inwiefern bee­in­flussen Gestal­ter gesellschaftliche und soziale Zustände und haben dabei Macht?

Welch­er Reiz beste­ht in der Kreation alter­na­tiv­er Real­itäten?

Und welche Ver­ant­wor­tung ergibt sich daraus?

Um diese Fra­gen und dreht sich das 12. Forum Medi­en­de­sign, denn: Design spielt eine große Rolle im gesellschaft­spoli­tis­chen Kon­text und ist ein weitre­ichen­des Instru­ment.

Sechs Größen der inter­na­tionalen Kreativbranche hiel­ten bril­lante Vorträge, geniale Round­ta­bles, ein­drück­lich­ste Präsen­ta­tio­nen.

An all dem durfte ich mal als Gast und nicht als Ref­er­entin teil­nehmen. Und ich bin soo dankbar und werbe hier­mit für die näch­ste Kon­ferenz 2021 „Forum Medi­en­de­sign“. Unbe­d­ingt anmelden und auf Face­book­seite, Vimeo und auf mein­er Home­page kön­nt Ihr die wichtig­sten Beiträge nach­schauen.

Moni­ka Han­fland hielt einen sehr behut­samen, ein­drucksvollen Vor­trag über Men­schen, die mit men­schenähn­lichen Pup­pen zusam­men­leben. Sie schreibt: „In Zeit­en der Dig­i­tal­isierung, Social Media und der Suche nach Per­fek­tion, konzen­tri­ert sich das Pro­jekt auf die Frage, ob Real­Doll Liebe­spup­pen den men­schlichen Part­ner erset­zen kön­nten. (…) Der Kon­trast von tech­nis­chen Prozessen und ethis­chen Gren­zen zeigt die Explo­siv­ität des The­mas (…) Wer­den wir eine neue Art von Beziehun­gen entwick­eln, denen wir uns nicht mehr bemühen müssen?“ Wie gerne würde ich mit der klu­gen jun­gen Künstlerin/Designerin/Fotografin eine Ausstel­lung machen. Ich war im Vor­feld des Vor­trages so skep­tisch und bin hel­lauf begeis­tert.

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Dezember: Wien/Uganda

Louise Deininger ist eine der beein­druck­en­sten, klüg­sten und schön­sten Men­schen, die ich je ken­nen­ler­nen durfte. Eine Kün­st­lerin, based in Wien, die sich mit der „DNA des Krieges“ beschäftigt. Uner­müdlich arbeit­et sie mit inspiri­eren­den Men­schen, jun­gen, alten, vielfälti­gen Kreativ­en in Gulu, Nor­dugan­da, um Kun­st und Kul­tur zum Heilung­sprozess in ein­er Region zu ver­wan­deln, die unzäh­lige Leben bedro­ht, wo sie doch zum DASEIN gefeiert wer­den soll­ten. Louise Deininger durch­bricht mit GYCO ACADEMY den Teufel­skreis von ökonomis­ch­er Abhängigkeit und kul­turellem Abstieg durch fehlen­des Selb­stver­trauen, Trau­ma­ta und Zukun­ft­slosigkeit. „Build­ing an empow­ered youth for a more sus­tain­able, pos­i­tive and peace­ful soci­ety.“

Ich habe das grösste Glück auf Erden, GYCO zu unter­stützen und Louise Deininger meine Fre­undin zu nen­nen. Helft alle mit bei der GYCO ACADEMY . Da habe ich zum ersten Mal – nach sehr langer Zeit, wieder Zukun­ft gese­hen.

https://www.gyco.eu/about-us.php

Dezem­bertr­e­f­fen mit Louise Deininger (Mitte, links von mir), Doris Kit­tler, Sharon (rechts von mir) und Lia­ma Irene für GYCO. Nicht von den Män­nern im Hin­ter­grund ablenken lassen.

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WIDMUNG KULTURJAHR laStaempfli für FRANZ SCHUBERT

 „Das Glück kann man nicht suchen. Man muss von ihm gefun­den wer­den.“ 2019 war Wien, ganz Öster­re­ich, ein Glück ohne Ende. Es geht 2020 weit­er. Dies habe ich vor allem einem grossen Mann zu ver­danken. Franz Schu­bert. Char­mant, gutausse­hend, witzig, ein­drucksvoll, best Sto­ry­teller, gnaden­los genial ver­net­zt. „MEIN“ Franz Schu­bert, Sax­o­phon­ist, Kun­st­förder­er, Medi­en­magi­er und intellek­tueller Über­flieger: Ihm sei mein Kul­tur­jahr 2019 gewid­met.

MILLE FOIS MERCI!

Mein Kul­tur­jahr 2019 für Franz Schu­bert. Den grossen. Genau DER Franz Schu­bert. DER näm­lich lebt und uns alle ein Leucht­en schenkt. Besuch: Café Korb. Bild von Face­book­page von Franz Schu­bert.

 

 

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Artikel online veröffentlicht: 28. Januar 2020