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Literarische Fragmente 5: Seit jeher unterwegs

Von Konrad Pauli – Nichts hat­te er sich für die­sen Morgen vor­ge­nom­men. Solchen Luxus konn­te er sich heu­te leis­ten. Also stieg er in die Strassenbahn, mal sehen, wohin sie dich fährt, sag­te er sich. Natürlich wuss­te er genau, wel­che Linie er fuhr, aber in Ermangelung eige­ner äus­se­rer Bewegtheit war’s reiz­voll, sich der Strassenbahnfahrt zu über­las­sen. Er wuss­te, dass nicht mit jeder Station das Sensationelle wuchs, dass also an der Endstation sehr wohl die Ernüchterung neben oder in ihm Platz näh­me. Darauf gefasst, erwar­te­te er nichts. Wenn er nichts erwar­te­te, ehr­lich, nicht gewis­ser­mas­sen als Trick, glich das Nichteingetretene zuwei­len dem Ereignis, wenn nicht dem Abenteuer. Zumindest ver­moch­te er so ab und zu die selbst­ver­schul­de­te Enttäuschung bra­vou­rös zu ver­scheu­chen. Doch dies­mal geschah uner­war­tet das Ausserordentliche. Er hielt sich nahe bei der Tür an der Stange fest, weil er die Kurven kann­te, die einen leicht in Schräglage und aus dem Gleichgewicht brin­gen konn­ten. An der nächs­ten Station stieg eine über alle Massen hüb­sche jun­ge Frau ein, blieb, weil die Fahrgäste dicht stan­den, neben ihm ste­hen, fing aber gleich mit einer Bekannten leb­haft an zu plau­dern. Ihr blon­des, schul­ter­lan­ges Haar bezau­ber­te ihn, aber nicht, weil es blond und schul­ter­lang war. Bezaubernd war die Person, die es trug. Also. Er spür­te und genoss ihre Nähe – die nächs­te Station kam früh genug, und die Trennung war das Sicherste der Welt. So unter­wegs war er atem­zuglang ganz bei sich, auch wenn er in kei­ner Weise ver­strickt war in die­se ande­re Person, die­ses ande­re Leben. Er lieb­te etwas, das weder auf ihn noch auf die­se schö­ne Frau fixiert war – er lieb­te das Leben. Ein paar Haltestellen lang? Nun kam doch die Kurve. Die jun­ge Frau, selbst­ver­ges­sen im Gespräch mit ihrer Freundin, ver­lor das Gleichgewicht, hielt sich, einem Reflex gehor­chend, an ihm fest. Er gab ihr Halt, ret­te­te sie vor einem Sturz, der womög­lich – so bas­tel­te er ver­gnügt am Drama – ins Spital hät­te füh­ren kön­nen. Die jun­ge Frau lach­te ihn an und ent­schul­dig­te sich in allen Tönen und Farben des Liebreizes. Dabei hat­te er nichts ande­res bei­getra­gen als sei­ne Standfestigkeit. Die aber zahl­te sich nun aus. Bitte ent­schul­di­gen Sie, musi­zier­te die Frau mit betö­ren­dem Blick und betö­ren­der Stimme – aber, es war grad so hilf­reich, mich an Ihnen fest­zu­hal­ten. Nur zu, sag­te der so in will­kom­me­ner Weise bedräng­te Mann, nur zu, ich habe fes­ten Stand. (Dabei wackel­ten und vibrier­ten schon alle sei­ne Sinne). Die Frau ent­schul­dig­te sich noch­mals; es war ihr ganz und gar nicht recht, ihn so sehr in Anspruch genom­men zu haben. Also raff­te er sich zu einer Kühnheit son­der­glei­chen auf, zu einer Bemerkung, die solch gemein­sa­mes Unterwegssein in alle Ewigkeit hät­te ver­län­gern mögen: «Ich freue mich schon auf die nächs­te Kurve!»

Foto: zVg.
ensui­te, April 2010

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Artikel online veröffentlicht: 18. Oktober 2018