• zurück

Massloser Avantgardist

Von Christian Pauli* – Charlemagne Palestine liess sich nie ein­ord­nen. Jetzt wird der 65‐​Jährige von sei­nem spä­ten Erfolg über­rascht.

Vor dem fran­zö­si­schen Dom in Berlin herrsch­te ein Riesengedränge. Aus ganz Europa waren sie gekom­men, die Jünger der elek­tro­ni­schen Avantgarde, um einem Altmeister der Minimal Music die Ehre zu erwei­sen. Das schwer ange­sag­te Festival «Transmediale» hat­te im Februar 2010 Charlemagne Palestine gleich zwei­mal ins Programm gestellt. Nachdem der New Yorker Organist und Pianist mit einem Spiel das Festival mit dem Glockenspiel im Tiergarten eröff­ne­te, durf­te Palestine in der monu­men­ta­len Kirche am Gendarmenplatz die Hausorgel bespie­len. Palestine, der als Kantor in einer Synagoge in Brooklyn mit der Musik begann, mach­te sich dar­über lus­tig, dass es ein hal­bes Jahrhundert gedau­ert hat­te, bis er einen Hugenotten‐​Tempel bespie­len konn­te.

Palestine über­rascht sie alle, auch sich, könn­te man sagen. Als wir ihn Monate spä­ter frag­ten, ob wir sein Konzert im Berner Münster auf­neh­men dürf­ten, schrieb er zurück: «Vierzig Jahre lan­ge hat­te ich gera­de zwei Vinylalben ver­öf­fent­licht. Und heu­te will plötz­lich die gan­ze Welt eine CD mit mir machen.» Selbstverständlich dürf­ten wir sei­ne Show auf­neh­men, füg­te er noch an.

Zurück nach Berlin. Als ich end­lich im schwe­ren Gewölbe der fran­zö­si­schen Kirche stand und nach dem chao­ti­schen und kon­flikt­rei­chen Gedränge an der Kasse all­mäh­lich die Orientierung wie­der fand, rea­li­sier­te ich, dass die Séance von Charlemagne Palestine bereits begon­nen hat­te. Ein Kind schrie, Leute schwatz­ten, war­te­ten oder lie­fen umher. Seelenruhig lächelnd und mit einem schwe­ren Cognac‐​Schwenker in der Hand, den er mit dem Finger zum Klingen brach­te, spa­zier­te Palestine durch die Reihen. Allmählich war ein fei­ner Ton der Kirchenorgel hör­bar, wel­cher den Grundstein zu einer 70‐​minütigen Performance leg­te, die damit ende­te, dass Palestine sämt­li­che Register der Orgel simul­tan bespiel­te. Ich glaub­te, die Kirche fliegt weg. Einige waren wäh­rend des Konzerts am Boden lie­gend ein­ge­schla­fen. Andere stan­den Schlange um dem Meister zu dan­ken. Vor mir war ein älte­rer Herr aus Palermo, der Palestine die Wangen strei­chel­te, und immer­zu sag­te: «Das war kei­ne Musik, das war Philosophie.» Was als tumult­ar­ti­ger Event begann, ende­te als eines der berau­schends­ten und berüh­rends­ten Konzerte, das ich je erlebt habe.

Brüssel, drei Monate spä­ter: Palestine führt mich in sein gross­räu­mi­ges Atelier etwas aus­ser­halb des Stadtzentrums. Hier hat der New Yorker Künstler, der in Belgien eine Tochter aus gutem Hause gehei­ra­tet hat, sein künst­le­ri­sches Oeuvre gesam­melt, in bes­ter Ordnung, fein säu­ber­lich beschrif­tet. Grosse Holzkisten («Charlemagne Palestine, Black Glacier, 1986»), zahl­rei­che Stellwände behängt mit Unmengen von Stofftieren, ein rie­si­ges Netz gefüllt mit far­bi­gen Bällen, ein 3×3×3 Meter gros­ses Glockenspiel. Einblicke in das fas­zi­nie­ren­de und ver­schro­be­ne Leben eines Künstlers, der stets den Weg am Rand der Gesellschaft gegan­gen ist.

Chaim Moshe Tzadik Palestine kam am 15. August 1945 in Brooklyn in jüdi­scher Nachbarschaft zur Welt. Seine Eltern waren 1913 aus Odessa ein­ge­wan­dert. Nach Jahren als Kirchenmusiker gerät Palestine in den 60er Jahren in den Kreis der Minimalisten um Philip Glass, Terry Riley, Steve Reich und Phill Niblock. Allein, Zugehörigkeit war nie sein Ding. Charlemagne Palestine hat sich sein eige­nes Universum geschaf­fen. «Strumming Music» (1974), gespielt auf einem Bösendorfer Imperial Piano, gilt als sein berühm­tes­tes Werk. In den letz­ten Jahren wird Palestine, der sich für Brüssel statt New York ent­schie­den hat, auf der gan­zen Welt ein­ge­la­den, spielt mit jun­gen Musikern der Elektro‐​Avantgarde (Pansonic) oder eben auf monu­men­ta­len Kirchenorgeln. Palestines künst­le­ri­sche Vision ist mass­los und Grenzen spren­gend: «Unterwegs in gött­li­cher Mission», hat Arte geti­telt. Zugleich ist sei­ne künst­le­ri­sche Praxis sehr klar. Er habe noch nie mit Musikern geprobt, sagt er mir, als er mich in sei­nem klapp­ri­gen Volvo und mit über­setz­ter Geschwindigkeit ins Hotel zurück­fährt. «Meine Musik ist das Gegenteil einer Probe.»

*Christian Pauli ist Co‐​Leiter der Dampfzentrale

www​.dampf​zen​tra​le​.ch

Foto: zVg.
ensui­te, November 2010

FacebooktwitterlinkedinFacebooktwitterlinkedin
Artikel online veröffentlicht: 29. November 2018