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Ostschweizerische Voralpenidylle auf Spanisch

Von Anto­nio Suárez Varela - Eine Spuren­suche und Nach­be­tra­ch­tung zum spanis­chen Film «Un Fran­co, 14 pese­tas», der in der Ostschweiz spielt.

Inzwis­chen ist fast ein Jahr ver­gan­gen — im Filmgeschäft beina­he schon eine halbe Ewigkeit — seit der Schweiz­er Pre­miere des spanis­chen Films «Un Fran­co, 14 pese­tas». Der Filmti­tel ist eine Anspielung auf den Wech­selkurs des Frankens um 1960 ein­er­seits, und ander­er­seits wegen der Majuskel auf den spanis­chen Mil­itärdik­ta­tor. Der von Mario Pedraza pro­duzierte Kino lm macht die Gas­tar­beit­er-Ein­wan­derung in die Schweiz in den frühen sechziger Jahren zum The­ma. Dem Haupt­darsteller Car­los Igle­sias aus Madrid, ehe­dem in Spanien vor allem bekan­nt gewor­den durch zahlre­iche TV-Pro­duk­tio­nen, unter anderem in der Rolle des San­cho Pansa in ein­er Qui­jote-Ver­fil­mung, gelingt mit seinem Regiede­büt ein wirk­lichkeit­snah insze­niertes und ein­fühlsam erzähltes Sit­tengemälde des Ein­wan­der­erm­i­lieus in der Schweiz des Nachkriegs­booms. Der mehrfach prämierte und gän­zlich mit spanis­chen Geldern finanzierte Film ist bere­its auf eini­gen Film­fes­ti­vals gezeigt wor­den, let­ztes Jahr auch «auss­er Konkur­renz» auf der Piaz­za Grande in Locarno.

Der Film­plot, der im Wesentlichen die Geschichte von Igle­sias’ Vater wiedergibt, ist rasch erzählt: Die zwei befre­un­de­ten Werkar­beit­er aus Madrid, Martín (Car­los Igle­sias) und Mar­cos (Javier Gutiér­rez), ver­di­enen in Spanien zu wenig, um eine bürg­er­liche Exis­tenz aufzubauen. Sie entschei­den sich, in die Schweiz auszuwan­dern, wo qual­i­fizierte Arbeit­er Man­gel­ware sind. Sie find­en eine Anstel­lung als Fräs­er in der Fir­ma Büh­ler im sankt-gal­lis­chen Uzwil. Dort angekom­men, ver­suchen sie sich im frem­den Land zurechtzufind­en und knüpfen erste Beziehun­gen. Fernab von Zuhause begin­nen die bei­den Immi­granten das Jungge­sel­len­leben zu geniessen und gehen Lieb­schaften ein mit der Gasthof­be­treiberin Han­na (Isabel Blan­co) beziehungsweise mit deren Kell­ner­in (Isabelle Stof­fel). Doch die uner­wartete Ankun­ft von Pilar (Nieve de Med­i­na), der Ehe­frau von Martín, bere­it­et den Liebeleien ein jäh­es Ende. Nach sechs ent­behrungsre­ichen, aber glück­lichen Jahren in der Ostschweiz entschei­det sich der Pro­tag­o­nist nach dem Tod des Vaters nach Spanien zurück­zukehren, um in die Eigen­tumswoh­nung in ein­er neuen Madrid­er Über­bau­ung einzuziehen, während sein Kumpane Mar­cos in der Schweiz bleibt. Zu dessen eigen­em Erstaunen gestal­tet sich für Martín die Rück­kehr nach Spanien weitaus schwieriger als die Auswan­derung.

Die Kinorezensen­ten krei­de­ten dem Film «über­triebene San­ft­mütigkeit» und ein «Zuviel an Nos­tal­gie» an. Ausser­dem wurde moniert, dass die Schweiz in einem zu «pos­i­tiv­en» Licht dargestellt würde. Dieser Kri­tik gilt es anhand ein­er Orts­besich­ti­gung auf den Grund zu gehen, um gle­ichzeit­ig ein Puz­zleteil der Fremd­wahrnehmung der Schweiz in den Blick zu nehmen.

Kino im Postkarten­for­mat Der im Toggen­burg und Appen­zeller Hin­ter­land gedrehte Film evoziert mit seinen Bildern in der Tat eine idyl­lis­che Land­schaft im Postkarten­for­mat. Darauf ange­sprochen, ent­geg­net der Kam­era­mann Tre­nas, dass man die Kam­era in die Luft schmeis­sen und anschliessend das kom­plette Auf­nah­me­ma­te­r­i­al vor­be­halt­los hätte ver­wen­den kön­nen. Und Igle­sias fügt hinzu, dass man dort sog­ar einen Rit­ter­ro­man hätte ver­fil­men kön­nen.

Die Geschichte ereignet sich in Uzwil, obwohl dort nur wenige Szenen gedreht wur­den, unter anderem jene in der Apart­ment­woh­nung von Martín, in der Igle­sias übri­gens als Kind tat­säch­lich gewohnt hat­te. Die meis­ten Szenen aber spie­len zwis­chen Schwell­brunn im Ausser­rhoder Ober­land, wo der Gasthof «Har­monie» ste­ht, und Schö­nen­grund am oberen Ende des Neck­er­tals auf der Kan­ton­s­gren­ze zwis­chen Sankt Gallen und Appen­zell, Sitz der Fir­ma Krüsi Maschi­nen­bau AG. Auch in der Gemeinde Unter­wass­er und Umge­bung im Ober­toggen­burg wurde gedreht. Sie ist Schau­platz divers­er Neben­hand­lun­gen, unter anderem der Ladendieb­stahl, die Schul­haus-, die Abschied­sund die Nud­is­ten­szene.

Schau­platz Schwell­brunn (AR) All diese Ortschaften wur­den in den Monat­en vor dem Dreh im Juni und Juli 2005 rekog­nosziert. Dabei ging die Film­crew sehr prag­ma­tisch vor. Meist in Begleitung des Pro­duzen­ten Pedraza und der Darstel­lerin Blan­co besuchte der Regis­seur Igle­sias die in Frage kom­menden Orte und Räum­lichkeit­en einige Wochen vor Drehbe­ginn.

Thomas Bleiken, der Geschäfts­führer und Erbeigen­tümer des Gasthofs «Har­monie» erin­nert sich an zwei Vorbesich­ti­gun­gen. Damals sagte er noch zu sein­er Mut­ter: «Weisst Du, die kom­men dann eh nicht!» Erst als die gesamte Crew mit zwei voll­be­lade­nen Last­wa­gen ein­traf, glaubte er es dann wirk­lich. Dann ging alles «ratz­fatz»: Bilder wur­den abge­hängt, neue aufge­hängt, Vorhänge ges­tutzt und Platz geschafft für die tech­nis­che Aus­rüs­tung und die Req­ui­siten. «In mein­er Woh­nung mal­ten sie eine Türe an, im Hotelz­im­mer schnit­ten sie den Vorhang ein­fach mit dem Mess­er ab, anstatt ihn fach­män­nisch aus der Schiene zu ent­fer­nen. Dann bestand ich darauf, dass die Näherin­nen den Vorhang wieder annäht­en. Die wer­den das, glaube ich, nie wieder machen!», erzählt der Ness­lauer Bürg­er Bleiken mit einem Lächeln.

Umstel­lung auf Sies­ta-Zeit Die 1500 Ein­wohn­er zäh­lende Gemeinde Schwell­brunn, die höch­st­gele­gene im Appen­zell, ein Luftkurort, zieht nach wie vor Wan­der­er an, da sie nahe am Jakob­sweg liegt. Im Dorf war man anfänglich recht mis­strauisch. «Prob­lema­tisch war», schildert Bleiken, «dass die Strasse meist für kurze Zeit ges­per­rt wer­den musste, meist um die Mit­tag­sund Abendzeit, als es am meis­ten Verkehr hat­te. Dann gab es Aut­o­fahrer, die während des Film­drehs hupten.» «Im Dorf gab es schon ein paar Nei­der, die dacht­en, dass ich nun reich gewor­den bin», ergänzt Bleiken. Sein Umsatz habe sich wegen des Films nicht erhöht. Hie und da hät­ten Spanier aus dem Raum Sankt Gallen und Herisau eine Stip­pvis­ite gemacht, um sich die Lokalitäten ein­mal von nah anzuschauen.

Der Gasthof, dessen Bausub­stanz ins 17. Jahrhun­dert zurück­re­icht, wurde prak­tisch gratis zur Ver­fü­gung gestellt, betont Bleiken. Für Über­nach­tun­gen, Essen und andere Zusatzkosten kam man natür­lich auf. Vier Wochen lang musste Bleiken sein Schlafz­im­mer räu­men und auf ein­er Mil­itär­ma­tratze schlafen. In der ersten Woche musste er noch ohne die Hil­fe sein­er Schwest­er Gabi Brun­ner auskom­men, und bekam ob der vie­len Arbeit, die an el, prompt ein Magengeschwür. Mit dem Einzug der Film­crew wurde der Tagesablauf völ­lig umgekrem­pelt und die spanis­chen Lebens­ge­wohn­heit­en ein­schliesslich Sies­ta einge­führt. Das Hotel musste geschlossen wer­den. «Zu Mit­tag assen sie so zwis­chen drei und vier Uhr nach­mit­tags und das Aben­dessen wurde erst zwis­chen zehn und zwölf Uhr nachts serviert!» Entschädigt wur­den Thomas Bleiken und seine Schwest­er mit ein­er Sta­tis­ten­szene. Nach der Erstauf­führung in Madrid im Mai 2006 und der Begrüs­sung durch Igle­sias am Ende des Abspanns habe er ein «paar Wass­er gebrüelet», so gerührt sei er gewe­sen, erzählt Bleiken.

Schau­platz Schö­nen­grund (AR/SG) In ein­er bäuer­lich geprägten Land­schaft gestal­tete sich die Suche nach einem geeigneten Indus­triegelände für die Fab­rik­szenen als schwierig. Schliesslich wurde man dank eines Tipps des Hotel­wirts Roland Hof­stet­ter aus Unter­wass­er in Schö­nen­grund fündig, wo die Fir­ma Krüsi, Her­stel­lerin von Werkzeug­maschi­nen für die Holzbear­beitung, seit 1961 ihren Sitz hat. Die Fir­ma hat erst kür­zlich den KMU-Inno­va­tion­spreis der FDP gewon­nen und liefert mit einem Expor­tan­teil von 92 Prozent vor allem ins Baltikum, in die Mon­golei, nach Kasach­stan und Nor­dameri­ka. Führend in der Her­stel­lung von Kreuzkreis­sä­gen, beliefert das Klei­n­un­ternehmen unter anderem das Wal­lis und das Tirol mit Holzkeilen für den Chalet­bau. Für den Film kon­nte die heute prak­tisch noch gle­ich ausse­hende mech­a­nis­che Werk­statt mit ihren fast vierzigjähri­gen tschechis­chen Fräser­maschi­nen benutzt wer­den. Der ganze Dreh dauerte etwa einein­halb Wochen, während die Pro­duk­tion nor­mal weit­er­lief. 

«Schnee» mit­ten im Juli Das Fab­rikare­al in Schö­nen­grund liegt bei­d­seits des Ufers des Teufen­bachs, der die 500-See­lenge­meinde in einen appen­zel­lis­chen und sankt-gal­lis­chen Teil tren­nt. Die alten Ziegel­baut­en waren wie geschaf­fen für den Regis­seur aus Madrid. Zum High­light des Drehs gehörte das Schneemachen, wie der Geschäfts­führer Urs Iseli und dessen Schwiegervater und Fir­menin­hab­er Fritz Krüsi bericht­en. Mit­ten im Som­mer wur­den Teile der Gassen und der Häuser­fas­saden mit einem Zel­lu­lose-Wass­er-Gemisch beschneit, das nur schw­er wieder wegzukriegen war.

Als sich im Dorf herumge­sprochen hat­te, dass ein Film gedreht würde, sprach sich dies wie ein Lauf­feuer herum. Auf ein­mal standen bis zu hun­dert Schaulustige da, um den Drehort zu inspizieren, erin­nert sich Iseli, der selb­st in eine kleine Neben­rolle mit Dia­log schlüpfen durfte. Die Sta­tis­ten, meist Fab­rikar­beit­er, wur­den pauschal mit sechzig Franken pro Auftritt vergütet. Der Fir­menchef Krüsi durfte sog­ar sich selb­st spie­len, als er am Zahlt­ag den Arbeit­ern im Film das Geld aus­bezahlte. Valentin Büch­ler, der inzwis­chen seit fast vierzig Jahren in der Fir­ma arbeit­et, meint, dass der Film die Real­ität der sechziger Jahre recht gut getrof­fen hätte. Auch Iseli find­et, dass es ein «glat­ter Film» gewor­den sei.

Schau­platz Unter­wass­er (SG) In der Schwingerund Skisprung­hochburg Unter­wass­er befind­et sich das Hotel Ster­nen, wo der grösste Teil des 47-köp­gen Film­sets unterge­bracht war. Roland Hof­stet­ter, Hote­lier und Besitzer des Ster­nen, erin­nert sich, dass Igle­sias bei Inter­ne­trecherchen auf den Namen sein­er spanis­chen Frau Jose­fa Rodríguez gestossen sei, ein Umstand, der für die Hotel­wahl offen­bar entschei­dend war. Hof­stet­ter stieg während den Drehar­beit­en zum unbezahlten Man­ag­er des Regis­seurs auf, dem er dank seines weitläu­fi­gen Beziehungsnet­zes in der Region half, die meis­ten Schau­plätze aus­find­ig zu machen: «Die Fab­rik in Schö­nen­grund habe ich gefun­den! Die Fir­ma Büh­ler in Uzwil wollte ja nicht mit­machen und im Toggen­burg gibt’s ja keine Indus­trie, da gibt’s nur Bauern, Land­wirtschaft und Touris­mus.» Auch die Schau­plätze im Schul­haus und im Laden im Nach­barort Alt Sankt Johann sowie am See von Schö­nen­bo­den in der Gemeinde Wild­haus für die Nud­is­ten­szene hat er ver­mit­telt.

«Als die Spanier auf ein­mal da waren», so Hof­stet­ter, «herrschte zuweilen das nack­te Chaos.» «Es ist ein­fach so bei den Film­leuten. Sie kom­men auf den Platz und dann muss es sofort los­ge­hen. Unsere Flex­i­bil­ität wurde auf die Probe gestellt. Sie sagten uns, sie woll­ten um acht zu Abend essen und kamen dann erst um zehn. Wir waren gefordert.» Ein Hon­o­rar für die vie­len aufge­wandten Stun­den hätte er nicht bekom­men, doch er habe es gerne gemacht, fügt Hof­stet­ter mildernd bei. «Aber eigentlich hät­ten sie einen Man­ag­er wie mich gebraucht.» Sog­ar den Kon­takt zu den Region­al­bah­nen für die Zugszene hätte er hergestellt. Trotz­dem habe er «einen tollen Umsatz gemacht», denn damals war der Som­mer noch nicht so ein­träglich wie heute. Die Region zwis­chen dem Alp­steinge­birge und den sieben Churrsten lebt vor allem vom Win­ter­touris­mus.

Hof­stet­ter ist ein weit­gereis­ter Hote­lier, der schon seit Jahren in der Branche tätig ist. Den Ster­nen hat­te er vor fünf Jahren gepachtet und let­ztes Jahr schliesslich gekauft. Gebür­tig aus dem Aar­gau ist er inzwis­chen im Toggen­burg fest verwach­sen. Heuer verze­ich­nete er in seinem Betrieb einen Reko­rd­som­mer. Auch bei ihm seien einige Spanier zu Besuch gewe­sen, doch die meis­ten Gäste seien Schweiz­er, Deutsche, Englän­der oder Hol­län­der.

«Ich bin stolz, ein Schweiz­er zu sein» Der Hote­lier spielt im Film eine Neben­rolle in voller Mil­itär­mon­tur und seine Frau Jose­fa in zwei oder drei Szenen die ital­ienis­che Fre­undin der Haupt­darstel­lerin. Auf die Frage, ob die Fam­i­lie sein­er Frau Fran­co-Spanien tat­säch­lich so erlebt hat­te wie im Film dargestellt, ent­geg­net Hof­stet­ter: «Genau so war es. Sie gin­gen wirk­lich fort wegen Fran­co und der wirtschaftlichen Sit­u­a­tion im Land.» Sie seien aus Exis­ten­z­grün­den in die Schweiz aus­ge­wan­dert. Ihr Vater starb sehr früh, die Mut­ter reiste mit eini­gen Töchtern zurück nach Spanien, doch Jose­fa blieb hier, wo sie eine KV-Lehre in ein­er Bank machte.

Auf den Film ange­sprochen, meint Hof­stet­ter: «Der Film ist wirk­lich super. Er ist amüsant, lustig und trau­rig zugle­ich. Er stellt die Zeit so dar, wie sie damals wirk­lich war, obzwar die Schweiz schon sehr pos­i­tiv dargestellt wird. Car­los ist ja ein Fan der Schweiz. Ob es aber immer so pos­i­tiv war, weiss ich nicht. Damals vielle­icht schon, als die Ital­iener und Spanier in die Schweiz kamen. Heute hat sich viel geän­dert. In den Sechzigern war man auf die Gas­tar­beit­er angewiesen. Man hat­te damals keine Angst vor aus­ländis­chen Gästen. Das Volk war schon gast­fre­undlich­er zu den Aus­län­dern, die hier­her kamen, um zu arbeit­en.»

Zum The­ma Fremd­wahrnehmung der Schweiz fügt Hof­stet­ter an: «Car­los stellt die Schweiz wirk­lich nur in einem pos­i­tiv­en Licht dar, meine Frau hat es zum Teil auch anders erlebt. Aber im Ver­gle­ich zu heute war man schon offen­er und her­zlich­er. Der Schweiz­er ist sowieso nie jemand, der gle­ich alle mit offe­nen Armen empfängt. Er ist mit den tra­di­tionellen Werten ver­bun­den. Ich bin stolz, ein Schweiz­er zu sein. Ich möchte nichts anderes sein, mir gefällt es hier. Ich kann die Schweiz als Touris­tik­er mit Herz und Seele verkaufen, denn ich habe tagein tagaus mit aus­ländis­chen Gästen zu tun. Die ungestresste und lockere Art der Spanier gefällt mir zwar auch, doch wenn ich ein Jodler­lied höre, dann bekomme ich Hüh­n­er­haut. Ich gehe zwar gerne nach Spanien zu den Schwiegerel­tern, doch kehre ich gerne wieder heim.»

«Das Leben in der Schweiz hat uns die Augen geöffnet» Die Pro­duk­tion des Films kam mit einem rel­a­tiv beschei­de­nen Bud­get von 2,5 Mil­lio­nen Euro aus. Das Drehbuch und die Geschichte stam­men von Igle­sias, der jedoch nicht nur die Erin­nerun­gen seines Vaters mitein­be­zog, son­dern auch die Mei­n­ung von ins­ge­samt 58 Per­so­n­en ein­holte, darunter sowohl von Schweiz­ern als auch von ital­ienis­chen und spanis­chen Ein­wan­der­ern. Igle­sias erin­nert sich, dass bei seinen Inter­views neun­zig Prozent der Befragten erzählten, dass ihr erster Ein­druck nach der Ankun­ft in der Schweiz war, in einem grossen Garten angekom­men zu sein. Um das Drehbuch zu schreiben, brauchte Igle­sias vier Jahre. Dessen Verkauf jedoch ent­pup­pte sich als recht schwierig, denn es gab auf der einen Seite Leute, die sehen woll­ten, wie schlecht die Schweiz­er die Immi­granten behan­del­ten, und auf der anderen solche, die sehen woll­ten, wie die Gen­dar­men der Guardia Civ­il die Arbeit­er schlu­gen. «Weil ich mich weigerte, diesen Wün­schen nachzugeben, musste ich von einem Pro­duzen­ten zum näch­sten gehen, bis ich jeman­den fand, der an meine Geschichte glaubte», erzählt Igle­sias.

Der Madri­lene legt mit «Un Fran­co, 14 pese­tas» einen Spiel lm vor, dessen kine­matografis­che Idyl­lisierung der Schweiz allen­thal­ben auf Kri­tik gestossen ist. Doch der Debütcineast ver­wahrt sich gegen solche Vor­würfe, indem er ent­geg­net, dass sich die Geschichte fast auss­chliesslich im Milieu dieser Ein­wan­der­er bewegt, deren Kon­tak­te zur Schweiz­er Gesellschaft sich auf das Notwendig­ste beschränk­ten. Ausser­dem han­dle es sich um einen Autoren- und keinen Doku­men­tarfilm. Er habe nur beschrieben, wie er es erlebt hat­te als Kind, vertei­digt sich Igle­sias, und fügt hinzu: «Wer es anders erlebt hat, der soll seine Geschichte in einem anderen Film zeigen.»

Seit dem achtzehn­ten Leben­s­jahr hat Igle­sias jedes Jahr die Schweiz besucht. Er möchte für sich und seine Fam­i­lie in der Ostschweiz ein Ferien­haus kaufen. Die Schweiz habe ihn zu der Per­son gemacht, die er heute ist. Er ver­danke ihr viel, wie er in Inter­views beteuert. «Die Schweiz gefällt mir. Es gefällt mir, dass hier die Dinge funk­tion­ieren. Es gefällt mir, beim Spazieren durch den Wald keine Plas­tik­flaschen auf dem Boden zu sehen. Prak­tisch alles gefällt mir hier, was ich in meinem Land nicht habe.» In der Schweiz hät­ten sie ihn in der Schule nie geohrfeigt. Ganz anders im frankistis­chen Spanien, wo man ihm die Gram­matik mit Schlä­gen beibrachte. Nicht zulet­zt deshalb fühlte er sich nach der Rück­kehr als Zwölfjähriger in seinem eige­nen Land fremd.

Schweiz als fortschrit­tlich­er Wohlfahrtsstaat

Der Film kann als Lehrstück und Ermah­nung zugle­ich aufge­fasst wer­den, da er dem (jun­gen) Pub­likum in Erin­nerung rufen möchte, dass Spanien auch ein­mal ein Auswan­derungs­land war und heute seinen Ein­wan­der­ern oft nicht diesel­ben Annehm­lichkeit­en zugeste­ht.

Die Schweiz der sechziger Jahre war im Ver­gle­ich zum rück­ständi­gen Spanien der Fran­codik­tatur sehr fortschrit­tlich: Die Arbeits­be­din­gun­gen waren die gle­ichen sowohl für die Ein­heimis­chen wie für die Frem­den, und die Sozialleis­tun­gen waren über­durch­schnit­tlich für die Nor­mord­nung eines mod­er­nen Wohlfahrtsstaates; in den Badez­im­mern gab es Warmwass­er und Toi­let­ten­pa­pi­er, in der Schule war die sex­uelle Aufk­lärung Pflicht­fach, in den öffentlichen Bädern gab es Zonen für Nud­is­ten und in den Diskotheken forderten die Frauen die Män­ner zum Tanz auf und nicht umgekehrt. All diese Dinge mussten für die dama­lige spanis­che Arbeit­erk­lasse ein undenkbar­er, ja unerr­e­ich­bar­er Luxus gewe­sen sein. So anachro­nis­tisch der Ver­gle­ich heute erscheinen mag und so sehr der Film auch auf das spanis­che Pub­likum aus­gerichtet ist, er hat doch auch ein Stück Schweiz­er Zeit­geschichte auf Zel­lu­loid geban­nt.

Wie ein Kurzbe­such bestätigt, sieht die Region um den Sän­tis tat­säch­lich so aus wie im Film. Die saftig und gle­ich­mäs­sig geschore­nen, von den Bauern liebevoll gehegten Wei­de- und Grashänge, wo Kühe friedlich ihr Gras zum x-ten Mal wiederkäuen, sehen im Toggen­burg und Appen­zell vielle­icht noch grün­er und lieblich­er aus als ander­norts im «Hei­di­land». Wer schon ein­mal in der Region war, der kann dem Film beim besten Willen keine Schön­fär­berei vor­w­er­fen.

Gasthof Har­monie in Schwell­brunn:
www.harmonie.schwellbrunn.ch

Fir­ma Krüsi AG in Schö­nen­grund:
www.kruesi-ag.ch

Hotel Ster­nen in Unter­wass­er:
www.sternen.biz

Bild: zVg.
ensuite, Okto­ber 2007

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Artikel online veröffentlicht: 19. August 2017 – aktualisiert am 4. September 2017