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Play it again, Ben

Von Ruth Kofmel - Der Mann sieht glück­lich aus. Er ste­ht hin­ter dem Plat­ten­spiel­er und senkt die Nadel. Ein kleines Grüp­pchen Men­schen ste­ht davor, ges­pan­nt, still. Die Musik begin­nt, er kommt hin­ter dem DJ-Pult her­vor und ver­schwindet in der Küche. Fra­gende Blicke im Pub­likum. Es ist dies die Plat­ten­taufe von Ben­fays Werk «Replay Life». Eine Plat­ten­taufe ohne Konz­ert, eine Taufen an der ein­fach diese Plat­te gespielt wird. Eine ungewöhn­liche, aber kon­se­quente Idee.

Ben­jamin Fay, mit dem Kün­stler­na­men Ben­fay, hat bis zu diesem Album ein beachtlich­es Stück Weg zurück­gelegt. Ange­fan­gen habe es mit den Free-Jazz-Plat­ten seines Vaters. Daher die Lust auf Musik. Nun kön­nte man denken, ein­er würde also an die Jazz-Schule gehen, was er auch tat — aber nur, um nach kurz­er Zeit ans Kon­ser­va­to­ri­um in Bern zu wech­seln. Dort studierte er Kon­tra­bass. Klas­sis­che Musik und klas­sis­che Kom­po­si­tion von Free Jazz dürfte dort eher wenig zu spüren gewe­sen sein. Eine lehrre­iche aber auch schwierige Zeit, eine Zeit, in der auch Zweifel und Mis­ser­folge dazu gehörten. Ben­fay löste sich nach seinem Studi­um von der klas­sis­chen Musik und entsch­ied sich, auf die Elek­tron­ik zu set­zen. Ein Ansatz, der ihn schon während sein­er Stu­dien­zeit faszinierte: Das Bear­beit­en und Verän­dern von Klän­gen und die darin liegen­den Möglichkeit­en. Er beschreibt diese Auseinan­der­set­zung als eine zweite Lehre, eine Aus­bil­dung im Selb­st­studi­um. Auch der Jazz nahm wieder mehr Platz ein, ob als Hochzeitsmusikant auf­spie­lend oder als Ini­tia­tor und Res­i­dent-DJ der Serie «Future Sounds of Jazz» im Dach­stock.
In der Elek­tron­ik arbeit­ete Ben­fay als Solo-Kün­stler vor allem mit ger­aden Beats. House, Min­i­mal und Exper­i­men­tal sind Beze­ich­nun­gen, die seinen früheren Alben zuge­ord­net wer­den. In der Zusam­me­nar­beit mit Kün­stlern wie Baze, Eiko, Hei­di Hap­py, Jan Gale­ga, Kut­ti MC, Pheek und Sophie Hunger war Ben­fay musikalisch aber viel bre­it­er aus­gerichtet und in manchen dieser Pro­jek­te liess er seine Affinität zu abstrak­ten Hiphop-Beats bere­its anklin­gen.

Mit sein­er Plat­te «Replay Life» hat Ben­fay den Dance­floor als Solo-Kün­stler nun defin­i­tiv ver­lassen und er will auch nicht dahin zurück. Eine bewusste und auch selb­stkri­tis­che Entschei­dung, ein Schritt in Rich­tung sein­er per­sön­lichen Musik. In dem Sinne ist diese Plat­te auch zu ver­ste­hen. Replay life, das Leben noch ein­mal abspie­len. Zurückschauen und die Erleb­nisse in Lied­form brin­gen, in der Wieder­hol­ung einen Neuan­fang find­en. Die Suche sei nicht zu Ende, aber die grosse Zufrieden­heit des Kün­stlers mit diesem Werk lässt doch darauf schliessen, dass hier ein­er angekom­men ist. Wie er an der Plat­ten­taufe sagte: «Ich habe wed­er nach links noch nach rechts geschaut, das ist meine Musik». Und auf diesem Weg will Ben­fay auch bleiben. Eine zweite Plat­te ist geplant und soll noch dieses Jahr bei Ever­e­strecords her­auskom­men.

Ein span­nen­der Werde­gang. Ein Musik­er, der nicht müde wird zu suchen und Entschei­dun­gen aus der Reflex­ion des Ver­gan­genen zu fällen. Diese Grun­didee über Altes zu Neuem zu gelan­gen zeigt sich auch darin, eine Schallplat­te her­auszugeben. Ben­fay nutzte schon sehr früh die Möglichkeit­en der dig­i­tal­en Welt. Seine Solo­pro­jek­te veröf­fentlichte er zu einem grossen Teil auf dem dig­i­tal­en Label Thin­ner, als DJ arbeit­ete er mit dem Com­put­er und entsprechen­der Soft­ware. Wie kommt er dazu, aus­gerech­net eine Schallplat­te pressen zu lassen, in ein­er Zeit, wo physis­che Musik­träger tot­ge­sagt wer­den? «Ich bin ganz sich­er, dass das Vinyl wieder einen Auf­schwung erlebt, es gibt jet­zt schon in der Migros zum Son­derange­bot Plat­ten­spiel­er zu kaufen.» Und er bringt das Beispiel eines roman­tis­chen Tre­f­fens und dem Unter­schied zwis­chen dem Aufle­gen ein­er Schallplat­te und dem Abspie­len ein­er MP3-Datei. Auch ein Musik­er­leb­nis in der eige­nen Stube kann mehr als nur einen Sinn ansprechen. Ein physis­ch­er Ton­träger ver­spricht ein anderes Erleben, ein bewussteres, weg von der reinen Kon­suma­tion und der ständi­gen Über­flu­tung mit Klän­gen und Musik in unserem All­t­ag.

Vielle­icht lässt sich ger­ade diese Idee der Reduk­tion beson­ders schön auf «Replay Life» hören. Es ist eine sub­tile Musik, repet­i­tiv, ruhig, mehr dem Klang als den Rhyth­men verpflichtet. Musik, die mit kleinen Gesten daherkommt und immer wieder durch akku­rate Schrägheit­en über­rascht.

Bild: zVg.
ensuite, April 2009

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Artikel online veröffentlicht: 12. August 2018