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Politisch korrekte Fotos?

Von Hans Durrer - «Was wir über unse­re Gesellschaft, ja über die Welt in der wir leben, wis­sen, wis­sen wir durch die Massenmedien» schreibt Niklas Luhmann in «Die Realität der Massenmedien». Und fährt fort: «Andrerseits wis­sen wir so viel über die Massenmedien, dass wir die­sen Quellen nicht trau­en kön­nen. Wir weh­ren uns mit einem Manipulationsverdacht, der aber nicht zu nen­nens­wer­ten Konsequenzen führt, da das den Massenmedien ent­nom­me­ne Wissen sich wie von selbst zu einem selbst­ver­stär­ken­den Gefüge zusam­men­schliesst. Man wird alles Wissen mit dem Vorzeichen des Bezweifelbaren ver­se­hen – und trotz­dem dar­auf bau­en, dar­an anschlies­sen müs­sen.»

Was ich über die im April 2008 in Paris eröff­ne­te Ausstellung «Les Parisiens sous l‘occupation» (Die Pariser wäh­rend der Besatzung) weiss, weiss ich aus dem Internet und da vor allem von den Websites der «International Herald Tribune» und des «Tagesanzeigers». Was weiss ich also? Dass die Ausstellung der 270 Farbfotos von André Zucca, wel­che das Leben in der fran­zö­si­schen Hauptstadt wäh­rend der Besatzung der Nazis wäh­rend des Zweiten Weltkriegs zei­gen, hef­ti­ge Kontroversen aus­ge­löst hat.

Die Tatsache, dass André Zucca die Fotos auf­ge­nom­men hat, als er für die Wehrmachtszeitschrift «Signal» arbei­te­te, sei dabei nicht im Zentrum des Disputs gestan­den, schreibt die «International Herald Tribune», son­dern dass die Fotos gezeigt wur­den, ohne sie in den his­to­ri­schen Kontext zu stel­len. Der «Tagesanzeiger» berich­tet hin­ge­gen, die Debatten sei­en dadurch aus­ge­löst wor­den, dass sich Besucher beschwer­ten, dass in der Ausstellung kein Hinweis auf Zuccas Auftraggeber zu fin­den sei. Wie auch immer – je mehr Websites ich kon­sul­tier­te, des­to unkla­rer wur­de mir, was wirk­lich vor­ge­fal­len – , doch eine Debatte gab’s und sie hat­te zur Folge, dass den Besuchern Informationen aus­ge­hän­digt wur­den, die sie dar­auf hin­wie­sen, dass André Zucca ein unbe­schwer­tes, hei­te­res Paris por­trä­tiert habe. Und wei­ter: Zucca habe sich ent­schie­den, ein Bild von Paris zu zei­gen, dass nicht bezie­hungs­wei­se kaum die Realität der Besatzung und deren tra­gi­sche Seiten zei­ge, also Warteschlangen vor Lebensmittelläden; das Zusammentreiben von Juden; Poster, die Exekutionen bekannt machen.

Man – zuge­ge­ben, ich rede von mir – greift sich an den Kopf. Man muss mir nicht sagen, dass ich ein «unbe­schwer­tes, hei­te­res Paris» vor Augen habe – mei­ne Augen regis­trie­ren das, auch wenn es mir nicht gesagt wird. Ich bin auch durch­aus imstan­de, ohne Anleitung mir Gedanken dar­über zu machen, was der Fotograf nicht foto­gra­fiert hat (wes­halb wür­de ich sonst in eine sol­che Ausstellung gehen?). Und nicht zuletzt ist mir auch ohne Aufklärung klar, dass die­se Bilder unter die Rubrik Propaganda fal­len. Mit andern Worten, ich ver­ste­he die «zu Recht hef­ti­gen Kontroversen», die der «Tagesanzeiger» behaup­tet, so recht eigent­lich über­haupt nicht.

Wir leben damit, dass Militär‐ und Regierungszensoren, Redaktoren und Foto‐​Redaktoren bestim­men, wel­che Fotos wir zu sehen bekom­men. Einigen scheint das jedoch noch nicht genug Zensur. Sie sind der Auffassung, dass Fotos, Bildlegenden, Titel von Foto‐​Büchern und von Foto‐​Ausstellungen, die Welt so zu zei­gen haben, wie sie sie sehen – sie trau­en dem «com­mon sen­se» wenig zu. Womöglich nicht zu Unrecht, denn «com­mon sen­se» ist in der Tat nicht so «com­mon» wie der Ausdruck sug­ge­riert. Doch anzu­neh­men, es gebe ihn über­haupt nicht, scheint denn doch etwas über­trie­ben.

Die Wächter der poli­ti­schen Korrektheit schei­nen sich neu­er­dings die Fotografie vor­ge­nom­men zu haben. Nicht, dass man den Fotografen (Frauen sind mit­ge­meint) in unse­ren ach so auf­ge­klär­ten Zeiten sagen wür­de, was sie auf­neh­men dür­fen und was nicht – sie dür­fen foto­gra eren, was sie wol­len. Doch mit­re­den wol­len die neu­en Zensoren dar­über, wie das Fotogra erte prä­sen­tiert wird. So hat der Historiker Jean‐​Pierre Azéma, der über Zucca geschrie­ben hat, «Le Monde» gesagt, man hät­te die Ausstellung bes­ser «Einige Pariser unter der Besatzung» und nicht «Die Pariser unter der Besatzung» nen­nen sol­len. Ähnlich lässt sich auch der in Berlin leben­de Fotograf Akinbode Akinbiyi über Sebastião Salgados präch­ti­gen Fotoband «Africa» (Taschen, Köln 2007) ver­neh­men: «Mein Haupteinwand gegen die­ses Buch besteht dar­in, wie der Fotograf Salgado den Namen Afrika ver­ein­nahmt hat. Der Titel impli­ziert, es wäre ein Buch über Afrika. Aber für mich ist das ein sehr begrenz­ter Blick. Und total alt­mo­disch. Salgado zeigt nur länd­li­che Gebiete, Hunger, Elend, Krieg, Flüchtlinge. Es ist eine sehr eng­stir­ni­ge Sicht auf Afrika. Man kann das machen, aber man darf es nicht gene­ra­li­sie­rend ‹Afrika› nen­nen, mei­net­we­gen ‹Elendes Afrika› oder ‹Mein armes Afrika›». Man kann ja so recht eigent­lich nur inner­lich auf­stöh­nen ob sol­cher Pseudo‐​Differenziertheit.

Glauben die­se Männer ernst­haft, irgend­wer bedür­fe solch hane­bü­che­ner poli­tisch kor­rek­ter Belehrung? Wir besu­chen Foto‐​Ausstellungen aus ganz ver­schie­de­nen Gründen – um unse­re Sicht der Dinge bestä­tigt zu krie­gen, aus Nostalgie, um Orte und Gegenstände wie­der zu erken­nen, um Neues zu ler­nen etc. – , doch wir gehen nicht ins Museum oder schau­en uns Fotobände ohne jeg­li­ches Vorwissen an. Mit andern Worten: Sich vor­zu­stel­len, dass jemand in die Pariser Ausstellung von Zuccas Bildern geht und her­nach die­se mit dem Eindruck ver­lässt, die deut­sche Besetzung von 1940 bis 1944 sei eine auf­ge­stell­te, fröh­li­che Sache gewe­sen – das ist schlicht absurd. Sollten Besucher jedoch mit dem Eindruck raus­kom­men, dass die Besetzung nicht nur aus Warteschlangen vor Lebensmittelläden; dem Zusammentreiben von Juden; und von Postern, die Exekutionen bekannt machen, bestand, dann wäre das eine gute Sache, nicht zuletzt, weil die Besatzung in der Tat auch bedeu­te­te, was vie­le Bilder von Zucca zei­gen. Denn – auch wenn wir sel­ten davon hören – die­je­ni­gen, die nicht aktiv im Kriegsgeschehen ste­hen, schle­cken auch in Kriegszeiten gele­gent­lich Glacé, pro­me­nie­ren, sit­zen in Cafés und fah­ren in die Ferien.

Weiter bemän­gelt der «Tagesanzeiger»: «Geradezu fahr­läs­sig sorg­los hat Jean Baronnet die Ausstellung kura­tiert. Sie ist nicht the­ma­tisch geord­net, son­dern lädt zu einem unbe­küm­mer­ten Spaziergang durch die ver­schie­de­nen Stadtteile ein. Als nost­al­gi­sche Ausschmückung sind neben den Fotos zeit­ge­nös­si­sche Film‐ und Theaterplakate sowie Zigarettenreklamen dra­piert. Mühelos hät­te man auf Texttafeln einen auch poli­ti­schen Kontext schaf­fen kön­nen, aber nicht ein­mal ein Exemplar des ‹Signal› ist aus­ge­stellt.»

Sicher, das hät­te man kön­nen. Doch wenn nun Monsieur Baronnet für ein­mal einen andern als den poli­ti­schen Kontext her­vor­he­ben woll­te? Darf er das etwa nicht? Nein, darf er nicht, wenn man denn das Beispiel der Pariser Ausstellung zum Massstab nimmt.

Man soll­te das nicht tun. Man soll­te sich sol­che Bevormundung ver­bie­ten. Auch weil Kontext, es muss betont wer­den, kon­stru­iert, gemacht, fabri­ziert ist. Weshalb wir denn, wenn wir das Argument hören, Fotos müss­ten im Kontext gese­hen wer­den (ich bestrei­te das nicht), fra­gen müs­sen: In wes­sen Kontext? Und: Verdient es die­ser Kontext eigent­lich, respek­tiert zu wer­den?

Bild: André Zucca
ensui­te, Juni 2008

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Artikel online veröffentlicht: 11. November 2017