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Schaufeln und hoffen

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Von Peter Schnei­der, bear­beit­et von Son­ja Wenger — Die Aktivis­ten der inter­na­tionalen Brigaden woll­ten Anfang der achtziger Jahre in Nicaragua bei der rev­o­lu­tionären Umgestal­tung der Gesellschaft mithelfen und so die Lebens­be­din­gun­gen der mar­gin­al­isierten Land­bevölkerung verbessern. Ein­er von ihnen reiste 25 Jahre später wieder in das Dorf, mit vie­len Fra­gen im Gepäck.

Wäre ich jemals nach Nicaragua zurück­gekehrt, wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet?

Im Som­mer 1984 ist das noch keine Frage. Wir sind ein Dutzend Schweiz­er und Schweiz­erin­nen – mehrheitlich Stu­den­ten in den Semes­ter­fe­rien – und unter­wegs in ein Dorf in den Bergen des Nord­west­ens von Nicaragua. Dort wollen wir den Bauern tatkräftige Hil­fe beim Häuser­bau leis­ten – und damit unsere Sol­i­dar­ität mit der jun­gen Rev­o­lu­tion und ihrem neuen rev­o­lu­tionären Gesellschaft­sen­twurf zeigen.

Fünf Jahre zuvor hat ein Volk­sauf­s­tand die von den USA gestützte Dik­tatur von Anas­ta­sio Somoza gestürzt. Die siegre­ichen San­din­is­ten streben eine Besser­stel­lung der jahrhun­derte­lang ver­nach­läs­sigten und aus­ge­beuteten Bauern­bevölkerung an.

Die Häuser sollen auf ein­er Waldlich­tung gebaut wer­den, die zum Lat­i­fundi­um eines ver­schulde­ten Kolonisators gehörte, der vor der Rev­o­lu­tion ins Aus­land geflo­hen war. Die christlichen Schweiz­er Hil­f­swerke Heks und Car­i­tas sowie die Hil­f­sor­gan­i­sa­tion des «Bloque» koor­dinieren die Unter­stützung, um den Bauern zu men­schen­würdi­gen Unterkün­ften zu ver­helfen. Für den Haus­bau brin­gen die Ein­heimis­chen das Fach­wis­sen mit, wir Schweiz­er sind ihre Hil­f­skräfte, die Bau­ma­te­ri­alien und Werkzeuge im Gepäck führen: Schaufeln, Pick­el, Zement.

Wir teilen die kar­gen Lebens­be­din­gun­gen der Bauern, schlafen in Hänge­mat­ten und in Schlaf­säck­en auf Holzbret­tern. Wir teilen mit ihnen die tägliche Ration Reis, Bohnen und eine Mais­tor­tilla. Die Katzen­wäsche in den Wassertüm­peln eines Bach­es muss der Hygiene Genüge tun. Es ist ein auf das Ele­mentare reduziertes Leben. Mehr Zivil­i­sa­tion­skram als in unseren Ruck­säck­en unterzubrin­gen ist haben wir nicht dabei.

Die Kom­mu­nika­tion mit den Bauern ist schwierig. Unsere Spanis­chken­nt­nisse sind beschei­den – ihr Dialekt für uns kaum ver­ständlich. Bei der Arbeit behelfen wir uns mit Zeichen­sprache. Anson­sten herrscht meist Stille. Sie schweigen. Wir schweigen. Ein Gefühl der Ver­loren­heit macht mir zu schaf­fen. Es scheint, als sässen wir an gegenüber­liegen­den Ufern eines bre­it­en Flusses, auf dem Jahrhun­derte der Geschichte fliessen, die uns tren­nen. Der damals 48-jährige Bauer Aman­cio muss ähn­lich emp­fun­den haben: «Ich begreife nicht, was uns Anal­pha­beten für euch Akademik­er inter­es­sant machen kön­nte», sagt er.

Hoff­nung im Gepäck Weshalb Nicaragua? Ich hat­te damals nicht ein­fach irgend­wo in Lateinameri­ka irgendwelche Entwick­lungsar­beit leis­ten wollen. Nicaragua hinge­gen war ein poli­tis­ches Beken­nt­nis. Ich verknüpfte es mit der Hoff­nung, dass dank der erfol­gre­ichen Rev­o­lu­tion etwas Neues und vor allem Dauer­haftes entste­hen kön­nte. Und dass die Entwick­lung­shil­fe hier mehr sein würde als Augen­wis­cherei.

Entsprechend stolz war unsere Gruppe deshalb darauf, von den Ein­heimis­chen als «Inter­na­tion­al­is­ten» beze­ich­net zu wer­den – in Anlehnung an jene Frei­willi­gen, die während des spanis­chen Bürg­erkriegs in den dreis­siger Jahren aus aller Welt nach Spanien geströmt waren, um das Land gegen den Faschis­mus von Gen­er­al Fran­co zu vertei­di­gen.

Natür­lich lock­te auch das Aben­teuer, obwohl dies nie­mand von uns zugegeben hätte. Wir woll­ten mit Aben­teuergeschicht­en heimkehren. Die Bauern waren die Pro­jek­tions­fläche unser­er Rev­o­lu­tion­sphan­tasien. Wobei diese pri­vat­en Motive dur­chaus Hand in Hand mit den poli­tis­chen Inter­essen der san­din­is­tis­chen Rev­o­lu­tions­führer gin­gen.

Denn Nicaragua stand in den achtziger Jahren völ­lig isoliert im inter­na­tionalen Ram­p­en­licht. Nach Somozas Sturz 1979 befürchteten die USA – zuvor Somozas wichtig­ster Ver­bün­de­ter – einen Rohstof­fliefer­an­ten und Absatz­markt zu ver­lieren, doch vor allem, dass die erfol­gre­iche Rev­o­lu­tion in Zen­tralameri­ka Schule machen kön­nte.

Deshalb rekru­tierten die USA Somozas geflo­hene Folterknechte in die kon­ter­rev­o­lu­tionäre Söld­nertruppe der Con­tras und ver­sorgten sie mit Geld und Waf­fen. Die Mil­itär­logik der Con­tras war denkbar sim­pel. Mit einem kräftezehren­den Bürg­erkrieg ver­sucht­en sie alles zu zer­stören, was die Rev­o­lu­tion auf­baute – Gesund­heit­szen­tren, Schulen, Land­wirtschafts-Koop­er­a­tiv­en – und töteten jene, die für die neuen Ide­ale unter­wegs waren: Ärzte, Kranken­schwest­ern, Lehrer und poli­tis­che Aktivis­ten.

Vor diesem Hin­ter­grund war unser Arbeit­sein­satz nicht unge­fährlich, wen­ngle­ich wir uns als Schweiz­er neu­tral und damit unver­wund­bar fühlten. Wir hat­ten tat­säch­lich Glück. Kurz nach unser­er Rück­kehr in der Schweiz erre­ichte uns die schock­ierende Nachricht, dass «unsere» Koop­er­a­tive von den Con­tras über­fall­en wor­den war: Sechs Men­schen wur­den dabei ermordet und das Schul­haus sowie die gesamte Bohnen­ernte niederge­bran­nt.

Wir Inter­na­tion­al­is­ten tre­f­fen uns in Zürich, organ­isieren Sol­i­dar­ität­skundge­bun­gen und Mah­nwachen, sam­meln Geld. Einzelne kehrten im darauf­fol­gen­den Som­mer nach Nicaragua zurück, um das Schul­haus wieder aufzubauen. 1990 wählte eine vom Bürg­erkrieg erschöpfte Bevölkerung die San­din­is­ten ab. «Die Men­schen waren weise genug, für ein Ende dieses Krieges zu stim­men», sagt der Bauer Eduar­do. «Es war die einzige Möglichkeit, Frieden zu schaf­fen.»

Vor­bild und Inspi­ra­tion Als Pri­vat­per­son kehre ich 25 Jahre später wieder in das Dorf zurück. Ich will die Men­schen noch ein­mal tre­f­fen – und her­aus­find­en, wie sie damals die Präsenz von uns Inter­na­tion­al­is­ten erlebt haben.

Der Emp­fang ist unter­schiedlich. Dies­mal erwarten uns keine Kinder. Flo­renti­na, die uns damals verpflegt hat­te, ist inzwis­chen 61 Jahre alt. Sie freut sich, zeigt sich aber gle­ichzeit­ig ent­täuscht und fragt vor­wurfsvoll: «Wir haben uns in all den Jahren, da wir nichts mehr von euch gehört haben, gefragt, was aus euch gewor­den ist. Ob ihr noch lebt, ob ihr gestor­ben seid?» Sie kon­fron­tiert mich mit meinem Gewis­sen. Ja, denke ich, sie hat Recht. Wo bin ich in all den Jahren geblieben? Weshalb hielt ich nicht wenig­stens Briefkon­takt? Dass auch wir Inter­na­tion­al­is­ten nach unserem Ein­satz untere­inan­der wenig Kon­takt pflegten, ist für Flo­renti­na erst recht unver­ständlich.

Ich habe viele Fra­gen mit im Gepäck. Was werde ich vor Ort antr­e­f­fen? Existiert die Koop­er­a­tive noch? Haben die Bauern ihr Land ver­loren? Sind sie aus ihren Hüt­ten ver­jagt wor­den? Wer lebt von ihnen noch? Und vor allem: Wie sehen die Dorf­be­wohn­er unser Engage­ment im Rück­blick?

Flo­renti­na stim­men meine Fra­gen milde. Sie erin­nert sich an die dama­li­gen Wohn­ver­hält­nisse. Ein halbes Dutzend Fam­i­lien lebte unter dem einen Dach des Gebäudes vom Gutsver­wal­ter. «Wir hat­ten die Häuser drin­gend nötig», sagt sie. Und ihr Schwa­ger, der heute 73-jährige Aman­cio, fügt hinzu: «Vor eur­er Ankun­ft hat­ten wir noch nicht ein­mal eine Schaufel!»

Beson­deren Ein­druck muss unsere Fähigkeit zur Organ­i­sa­tion hin­ter­lassen haben. Roger, damals ein 15-jähriger Jugendlich­er: «Für uns Junge, die wir nie gel­ernt hat­ten, uns zu organ­isieren, gaben die gut organ­isierten Inter­na­tion­al­is­ten Anstoss, es ihnen gle­ich zu tun». Viele für uns Europäer selb­stver­ständliche Dinge hat­ten für die Bauern Vor­bild­funk­tion: «Wir haben viel in Sachen Hygiene gel­ernt», sagt Eduar­do. «Ganz beson­ders beein­druck­te uns, dass ihr nach jedem Essen die Zähne geputzt habt.»

Und nicht nur vom 72-jähri­gen Marceli­no höre ich: «Wir wer­den euch nie vergessen, dass ihr uns in jenen schwieri­gen Jahren beige­s­tanden habt, dass ihr den Mut hat­tet, mit­ten im Krieg zu uns zu kom­men». Flo­renti­na pflichtet ihm bei: «Mir gab eure Anwe­sen­heit ein Gefühl der Hoff­nung. Es war Sol­i­dar­ität in einem Augen­blick, in dem wir sie drin­gend nötig hat­ten.»

Der 40-jährige Roger, der seit zehn Jahren als Hote­langestell­ter in der Prov­inzhaupt­stadt Leòn arbeit­et und im Dorf eine Musik­gruppe gegrün­det hat, ver­weist auf einen anderen Aspekt: «Von euch lern­ten wir zu arbeit­en, ohne daraus per­sön­lichen Gewinn zu ziehen. Ihr wart uns ein Vor­bild, weil ihr geholfen habt Häuser zu bauen, obwohl ihr zu Hause ein Dach über dem Kopf hat­tet.» Doch für ihn war der Aus­tausch gegen­seit­ig. «Es war für uns eine gute Erfahrung zu sehen, dass auch wir euch etwas zu geben hat­ten, näm­lich unsere Musik, unsere Sprache, unsere Kul­tur.»

Noch etwas Über­raschen­des erwäh­nt Roger: «Ich habe erst dank euch Inter­na­tion­al­is­ten real­isiert, dass ausser­halb unseres Tales eine Welt existierte, von der wir Bauern bish­er nichts geah­nt hat­ten.» Während wir Schweiz­er den «Wert» unser­er Präsenz in erster Lin­ie an der Anzahl Häuser massen, die wir auf­bauen kon­nten, scheinen die Dorf­be­wohn­er gän­zlich andere Werte geschätzt zu haben. Ohne es zu ahnen, haben wir vie­len zu ein­er neuen Welt­sicht ver­holfen. Diese Erfahrung mag sie später inspiri­ert haben, in ihrem Dorf eine Spanis­chschule für Aus­län­der zu eröff­nen. Mit dem Geld, das so erwirtschaftet wer­den konn-te, haben inzwis­chen viele Dorf­be­wohn­ern zu einem beschei­de­nen Wohl­stand gefun­den.

Geschenke von gestern War die Kom­mu­nika­tion vor 25 Jahren noch eine Her­aus­forderung, so gab es dies­mal keine Prob­leme. Die Schulleitung fordert von den Dorf­be­wohn­ern, mit den Stu­den­ten nicht Dialekt, son­dern ein gepflegtes Spanisch zu sprechen – ein Umstand, der mir für meine Inter­views sehr ent­ge­genkommt.

Neben Fra­gen habe ich auch Geschenke mit­ge­bracht: Seifen, Näh­nadeln, Zahn­bürsten, Toi­let­ten­pa­pi­er, Kugelschreiber, let­zteres das A und O des aufgek­lärten Touris­ten. Ich übergebe sie Aman­cio zur gerecht­en Verteilung. Als er die Sachen aus­packt, überkommt mich ein Schamge­fühl. Ich real­isiere, dass meine Geschenke sich nicht an die Gegen­wart, son­dern an ein Gestern richt­en, das nicht mehr existiert. Die Men­schen im Dorf müssen sich heute den Hin­tern nicht wie früher mit entkörn­ten Maiskol­ben putzen. In den Häusern ste­hen Näh­maschi­nen. Seife ist im Dor­fladen bil­lig zu kaufen. Und auch Zahn­bürsten sind längst keine Man­gel­ware mehr.

Vielle­icht liegt mein Faux­pas daran, dass ich in den ver­gan­genen Jahren im Abbild mein­er Nicaraguafo­tos gefan­gen gelebt habe – Fotos, auf denen die Zeit still stand. Aus­gerech­net diese Fotos lösen dann aber bei den Dorf­be­wohn­ern Begeis­terung aus und wer­den so zum eigentlichen Geschenk. Bauer Lencho fasst es in Worte: «Das Beson­dere an den Bilder ist, dass sie nicht bloss unsere Gesichter zeigen, son­dern auch wie damals unser täglich­es Leben aus­sah.» Beson­dere Freude bere­it­et ihm ein Bild des Ochsen Capuil­lo, der den Men­schen im Dorf damals so wichtig war, dass sie ihn nicht zum Met­zger bracht­en. «Wir haben ihn eines natür­lichen Todes ster­ben lassen, denn er hat sein­erzeit unsere toten Mär­tyr­er zum Fried­hof gezo­gen.»

Lenchos Worte lösen in mir eine Erin­nerung aus, die ich lange vergessen hat­te: Vor 25 Jahren hat­te ich Porträt­fo­tos mein­er Fam­i­lie mitgenom­men, doch die Fotos wur­den von den Bauern acht­los von einem schwieli­gen Hand­paar zum näch­sten gere­icht. Als ich nach­fragte, weshalb die Bilder keinen Anklang fan­den, sagte man mir: «Man sieht ja nicht dein Haus. Wo ist dein Bett? Wo ist dein Hauss­chwein? Habt ihr denn keinen Ochsenkar­ren?»

Später, als ich eigene Auf­nah­men von den Bauern machen wollte, zwan­gen sie mich, mit der Kam­era auf Dis­tanz zu gehen, denn alle Fam­i­lien­ange­höri­gen mussten mit aufs Bild, genau­so wie die Hütte, das Maulti­er und das Hauss­chwein, die Hüh­n­er und Truthähne. Den Bauern war wichtig, ihr ganzes soziales Umfeld und ihren gesamten Besitz auf den Bildern wiederzufind­en.

Nach­haltig erfol­gre­ich? Von der Lich­tung, in die wir damals die Häuser baut­en, ist nichts geblieben. Sie ist heute über­baut. Die lokale Bevölkerung hat sich ver­fünf­facht. Im Dorf leben 125 Men­schen. Der Lebens­stan­dard ist sicht­bar gestiegen. Alle haben ein Dach über dem Kopf. Die Mehrzahl wohnt in Back­stein­baut­en oder Adobe­häusern, einige Fam­i­lien noch in Holzhüt­ten. Alle Haushalte haben Zugang zu sauberem Trinkwass­er. Knapp zwar während der Trocken­zeit, aber aus­re­ichend. Solarzellen auf Haus­däch­ern sor­gen für Strom. Über­all ragen Fernse­hanten­nen in die Höhe.

Das Dorf ist bess­er als je zuvor in der Lage, von den selb­st hergestell­ten Lebens­mit­teln zu leben. Die Erwach­se­nen sind in Marken­klei­dern unter­wegs. Auch die Kinder sind gut gek­lei­det und spie­len mit Bar­bi­epup­pen. Viele besitzen bil­lige Fahrräder aus Chi­na, etliche Motor­räder, und das Dorf ver­fügt über einen Klein­laster. Ein Gesund­heit­sposten wird ger­ade aufge­baut, in dem ein­mal pro Woche ein Arzt und eine Kranken­schwest­er präsent sein sollen. Im Dor­fzen­trum ste­hen zwei Schul­häuser. Hil­f­sor­gan­i­sa­tio­nen wür­den diese Entwick­lung wohl als eine «nach­haltige» beze­ich­nen.

Die Bil­dung hat auch die Frauen erre­icht. Drei von vier Lehrper­so­n­en an den Schulen sind Frauen. Sie gehören zur ersten Gen­er­a­tion, die dank der san­din­is­tis­chen Schul­re­form gratis studieren kon­nte. Dank der Spanisch-Schule für Aus­län­der kon­nten zudem Arbeits-plätze geschaf­fen und damit die Abwan­derung aus dem Dorf gestoppt wer­den. Ger­adezu über­schwänglich beze­ich­nen die Bewohn­er ihr Dorf als ein Vorzeige­mod­ell für alle lateinamerikanis­chen Dör­fer, beson­ders hin­sichtlich der Organ­i­sa­tion, Arbeits­for­men und Men­schlichkeit.

Entschei­dend beige­tra­gen zu dieser pos­i­tiv­en Entwick­lung im Dorf hat wohl, dass das früher weit ver­bre­it­ete Alko­hol­prob­lem über­wun­den wer­den kon­nte. Aman­cio hat­te bere­its vor 25 Jahren gesagt, «der Alko­hol ist der grösste Feind und eine enorme Belas­tung für unsere Koop­er­a­tive». Die betrunk­e­nen Män­ner hät­ten ihre Frauen und Kinder geschla­gen. Auch ich erin­nere mich, wie wir nachts in unseren Hänge­mat­ten die verzweifel­ten Schreie der geschla­ge­nen Frauen hörten, wenn ihre betrunk­e­nen Ehemän­ner heimkehrten. Kein­er wagte es, ihnen die Flasche aus der Hand zu schla­gen, denn die Säufer waren bewaffnet und ballerten in alle Him­mel­srich­tun­gen, wenn sie grölend ver­sucht­en, die Sterne vom Him­mel zu schiessen.

Eine Gen­er­a­tion später ist Alko­hol kein Prob­lem mehr. Die Alko­ho­lik­er sind weg gezo­gen oder haben sich inzwis­chen zu Tode getrunk­en. Die Jun­gen suchen heute keine Zuflucht im Alko­hol; das Dorf bietet ihnen reale Zukun­ftsper­spek­tiv­en.

Kon­sum bedro­ht Iden­tität Es gibt jedoch auch kri­tis­che Punk­te. So beobachtet der 43-jährige Bauer Nestor, der auch Direk­tor des Dorfthe­aters ist, skep­tisch die wach­sende Über­frem­dung. Denn unüberse­hbar sind heute die vie­len einge­heirateten Aus­län­der, die hier für Haus­bau, Fruchtkul­turen oder Schafzucht Boden erwer­ben.

Eine andere Tat­sache ist die Heirat­spoli­tik viel­er Nicaraguan­er, deren Kinder Europäer oder US-Amerikan­er heirat­en und fortziehen. Mit ein­er solchen Heirat haben sie finanziell aus­ge­sorgt. Bei Aman­cio sind fünf sein­er sechs Kinder mit Aus­län­dern liiert. Und drei der vier Kinder von Flo­renti­na leben heute in Europa. Es han­delt sich hier­bei um eine neue Form der Altersvor­sorge, denn die finanziell gut gestell­ten Kinder sollen dere­inst ihre Eltern unter­stützen.

Nestors Fam­i­lie par­tizip­iert nicht an und prof­i­tiert nicht von dieser Prax­is. «Hier leben viele Fremde und es wer­den ständig mehr. Entsprechend wird sich hier auch viel verän­dern in den näch­sten Jahren», sagt Nestor. «Ich fürchte um unsere Iden­tität».

Eines hält Nestor den Aus­län­dern allerd­ings zugute. Dank ihnen habe ökol­o­gis­ches Gedankengut im Dorf Fuss fassen kön­nen. So ver­füge eine Mehrzahl der Häuser heute über Wasser­tanks, die das Regen­wass­er spe­icherten. Neue Häuser wür­den im erd­beben­sicheren und kli­maverträglichen Adobestil gebaut. Die Abfälle wer­den gesam­melt und zen­tral entsorgt.

Die Anwe­sen­heit viel­er Aus­län­der birgt für viele Dorf­be­wohn­er noch eine weit­ere Gefahr, der sich selb­st der sechzehn­jährige Sekun­darschüler Djan­go bewusst ist: Er befürchtet, «dass wir alle dem Kap­i­tal­is­mus ver­fall­en.» Die Jun­gen wür­den genau reg­istri­eren, welche Kon­sumgüter wie etwa Marken­klei­der oder tech­nis­che Geräte die Frem­den besitzen wür­den.

«Die Kinder sind der Gefahr des Kap­i­tal­is­mus beson­ders aus­geliefert. Er greift sie mit Com­put­ern und mit Fernse­hen an und deformiert sie zu reinen Kon­sumenten», sagt Djan­go. Und sein Onkel, der 35-jährige Oskar, stimmt ihm vor­be­halt­los zu: «Der Kon­sum ist ein gross­es Prob­lem. Ich sehe das beson­ders bei mein­er Arbeit, dem Ein­sam­meln des Abfall­es. Noch vor weni­gen Jahren war das nicht mehr als ein Sack Abfall pro Fam­i­lie. Heute ist es ein ganz­er Ochsenkar­ren voll!» Und heute wür­den auch Dinge wegge­wor­fen, die oft noch in gutem Zus­tand seien und mit wenig Aufwand zu flick­en wären. Doch die Frauen hät­ten inzwis­chen keine Zeit mehr, die Dinge zu repari­eren.

Der 35-jährige Mau­r­er und Kün­stler Javier beze­ich­net den Kon­sum als «das Ver­schwinden der Kul­tur». So viele schöne und reich­haltige Dinge seien ver­schwun­den oder hät­ten sich verän­dert. «Nehmen wir die nicaraguanis­che Küche. Früher war sie vielfältig und reich. Aber heute gibt es nur noch Junk­food, Hal­b­gares voller Kon­servierungsmit­tel.» Oder die vie­len wun­der­baren Frucht­säfte, die es früher gegeben habe. «Heute wer­den sie alle von Coca Cola aus dem Markt gedrängt.»

Weg­bere­it­er des Kap­i­tal­is­mus? Am Dor­fein­gang erin­nert eine Met­alltafel an das Engage­ment der Schweiz­er Hil­f­swerke Heks, Car­i­tas und des Bloque. Wer nach einem gelun­genen Beispiel nach­haltiger Entwick­lung sucht, wird hier fündig. Es fällt schw­er zu sagen, welchen Anteil an diesem Erfolg den Hil­f­swerken, und welch­er der san­din­is­tis­chen Rev­o­lu­tion zufällt. Eine wichtige Basis dafür war sich­er die san­din­is­tis­che Lan­dreform und Alpha­betisierungs-kam­pagne. Die Hil­f­swerke haben ihrer­seits das Selb­st­be­wusst­sein der Men­schen gestärkt und die Mit­tel zur Selb­sthil­fe bere­it gestellt. Die einen sprachen von Sol­i­dar­ität, die anderen von Näch­sten­liebe.

Den­noch werde ich auch nach 25 Jahren einige grundle­gende Zweifel nicht los. Die Entwick­lung, die die Lebenssi­t­u­a­tion der Bauern so verbessert hat, wurde von aussen an sie herange­tra­gen. Hät­ten die Bauern densel­ben Weg beschrit­ten, hät­ten sie denn eine Wahl, respek­tive die Vor­raus­set­zun­gen für eine Wahl gehabt? Mit anderen Worten: Ist unser Engage­ment von damals nur pos­i­tiv zu werten? Oder sind wir Inter­na­tion­al­is­ten, die wir bei der rev­o­lu­tionären Umgestal­tung der Gesellschaft mithelfen woll­ten, nicht vielmehr zu den Weg­bere­it­ern des Kap­i­tal­is­mus in eben dieser Gesellschaft gewor­den?

Nicht alle Begeg­nun­gen bei meinem zweit­en Besuch im Dorf sind erfreulich. Zu viel hat sich verän­dert. So löste das Dorf Anfang der 90er Jahre die rev­o­lu­tionäre Koop­er­a­tive auf, mit fatal­en Fol­gen für die Dor­fge­mein­schaft. Heute ist das Land wieder in Pri­vatbe­sitz, und wie vor der Rev­o­lu­tion tren­nen Stachel­drahtzäune Felder und Haus­grund­stücke. Mit Glass­plit­tern gespick­te Mauern und all­ge­gen­wär­tige Sicher­heitss­chlöss­er bewachen das beschei­dene Eigen­tum. Bei vie­len ste­hen heute finanzielle Inter­essen im Vorder­grund. Mir bleibt die eine Frage: Ist der Abgrund zwis­chen jenen, die viel haben und jenen, die wenig haben, je zu über­winden?

Ich beschliesse, nicht nach Nicaragua zurück­zukehren.

Foto: zVg.
ensuite, Juni/Juli 2012