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Stabat Mater Dolorosa

Von Hannes LiechtiVertonungen der Leidensgeschichte Marias durch­zie­hen die abend­län­di­sche Musikgeschichte vom Spätmittelalter bis ins 21. Jahrhundert.

Die reli­giö­se Bedeutung der Passionszeit und des Osterfestes scheint heu­te mehr und mehr aus dem Bewusstsein vie­ler zu ver­schwin­den. Im all­jähr­li­chen Konzertkalender mani­fes­tiert sich die­se aber unge­bro­chen. Zu reich ist das Vermächtnis an musi­ka­li­schen Werken zur Passionszeit: Die Passionen von Johann Sebastian Bach bil­den dabei nur die berühm­tes­ten Beispiele. Ebenso zen­tral sind Vertonungen des Stabat Maters, der Leidensgeschichte Marias.

Unter wel­chen Umständen der Text des Stabat Maters ent­stand, ist genau­so unge­klärt wie des­sen Urheberschaft. Es wird ange­nom­men, dass der Text im 13. Jahrhundert in Frankreich oder Italien ent­stan­den ist. Häufig wer­den die Franziskanermönche Jacopone da Todi und Johannes Bonaventura als Autoren genannt. Das Gedicht basiert auf dem Bericht des Evangelisten Johannes über Maria und ihre Leiden bei der Kreuzigung ihres Sohnes Jesus Christus. Mit der Einführung des Festes der «Sieben Schmerzen der Heiligen Jungfrau Maria» wur­de die 20‐​strophige Sequenz 1727 end­gül­tig ins Messbuch auf­ge­nom­men.

Einen der frü­hes­ten Vertonungsversuche des mit­tel­al­ter­li­chen Gedichts unter­nahm Josquin Desprez. Er setz­te die Worte des Stabat Maters um 1480 über einen welt­li­chen Cantus Firmus. Auf die­ser Melodie eines Chansons, wel­ches mit der reli­giö­sen Textvorlage rein gar nichts gemein hat, baut die fünf­stim­mi­ge Mottete auf. Durch fal­len­de Melodik und Textdeklamation setz­te Josquin die Thematik der Trauer um. Innerhalb des Josquinschen Œuvres nimmt das Stabat Mater einen zen­tra­len Platz ein: Jürgen Blume geht in sei­nem Standardwerk «Geschichte der mehr­stim­mi­gen Stabat‐​mater‐​Vertonungen» davon aus, dass das Werk wahr­schein­lich Josquins Ansehen als gros­ser Komponist aus­lös­te.

Die bis heu­te berühm­tes­te Vertonung stammt von Giovanni Battista Pergolesi. Das in des­sen Todesjahr 1736 kom­po­nier­te Stabat Mater war das meist gedruck­te Werk des 18. Jahrhunderts. Durch Quart‐ und Nonenvorhalte und Sekunddissonanzen ver­mit­telt bereits der Eingangssatz ein Gefühl von Schmerz. Langsam vor­an­schrei­ten­de Bässe ver­deut­li­chen die Unerbittlichkeit des Leidensweges, Kontraste und schril­le, hohe Töne den Aufschrei stil­len Schmerzes.

Angesichts sei­nes nahen­den Todes – Pergolesi starb mit 26 Jahren – soll er das Stück in Hast zu Ende gebracht haben. Dies mag eine Legende sein. Tatsache ist aber, dass die Wirkung des Stücks immens war: «Wieviel tau­send Tränen hat die­ses Stück nicht schon füh­len­den Herzen ent­lockt», schreibt Christian Friedrich Daniel Schubart 1784. Zahlreiche Komponisten haben Pergolesis Stabat Mater bear­bei­tet oder neu tex­tiert. So auch Bach, durch des­sen Parodie das Stück gar Eingang in den evan­ge­li­schen Gottesdienst fand.

Anders als Josquin und Pergolesi hat Antonín Dvorák mit sei­nem Stabat Mater eine nicht lit­ur­gi­sche Komposition geschaf­fen. Das Werk ist die ein­drück­li­che Auseinandersetzung mit dem Tod sei­ner drei Kinder Josefa, Ružena und Otakar. Dvorák erkann­te in der Leidensgeschichte Jesu und in den Mitleiden Marias sein eige­nes Schicksal.

Die über 90 Minuten lan­ge Komposition ist eine der umfang­reichs­ten Stabat Mater‐​Vertonungen über­haupt und besticht gera­de auch durch sei­ne gewal­ti­ge Besetzung. Mit ein­präg­sa­mer Motivik, die aus der Quelle der sla­wi­schen Volksmusik schöpft und durch die Verwandtschaft die­ser Motive unter­ein­an­der, spannt Dvorák einen roten Faden, der den Zuhörer fes­selt. Dur‐​Moll‐​Kontraste wer­fen die­sen zwi­schen der Empfindung tie­fen Schmerzes und der Bewunderung der Gottesmutter hin und her. Der ers­te Satz erin­nert stark an Pergolesi: Langsam, aus der Ferne erklin­gen die Worte des Stabat Maters und stei­gern sich mit einem Ausdruck uner­bitt­li­chen Schmerzes. Dvorák greift das Einleitungsmotiv im ful­mi­nan­ten und im Ausdruck weit­aus zuver­sicht­li­che­ren Schlusssatz wie­der auf, um das Stück so musi­ka­lisch und geis­tig ein­zu­klam­mern (sie­he Konzerthinweis).

Bis heu­te haben sich durch die Jahrhunderte zahl­rei­che gros­se Komponisten an einer eige­nen Version ver­sucht. Haydn bezeich­ne­te sein Stabat Mater als «Lieblingswerk». Wagner bear­bei­te­te das Stabat Mater Palestrinas im roman­ti­schen Stil für grös­se­re Chöre. Lasso, Vivaldi, Liszt, Verdi, Penderecki, Pärt. Die Aufzählung der ins­ge­samt über 400 Stabat Mater‐​Vertonungen lässt sich bis ins 21. Jahrhundert fort­set­zen. Die Faszination, die von die­sem alten mit­tel­al­ter­li­chen Text eines Franziskanermönchs aus­geht, ist bis heu­te nicht erlo­schen. Und es gibt kei­ne pas­sen­de­re Gelegenheit als die Passionszeit, um sich damit aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Antonín Dvorák – Stabat Mater
Frauen‐ und Töchterchor, Meiringen
Männerchor Sängerbund, Meiringen
Projektchor Canterini, Hindelbank
Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz
Eva Herzig, Sopran | Alexandra Busch, Alt
Jan‐​Martin Mächler, Tenor | René Perler, Bass
Leitung: Andreas Meier, Bern

Foto: zVg.
ensui­te, April 2010

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Artikel online veröffentlicht: 24. Oktober 2018