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Was kann, soll und will zeitgenössisches Theater?

Von Fabienne Naegelli – «agent pro­vo­ca­teurs: ein Agentenstück» oder: Die Schaffenskrise in der Kunst – Sue und Nick sind ein jun­ges Paar. Sie ist Trendscout oder Agentin, reist des­halb stän­dig in der Welt her­um, schluckt Tabletten und wird gespielt von Sima. Er ist Akademiker oder auch Dichter, jeden­falls ein Intellektueller, schreibt zu Hause an einer Arbeit für die Uni, ist ihrer Meinung nach allei­ne, da er kei­ne Freunde hat, und wird dar­ge­stellt von Steffen. Dann gibt es noch Ben, gespielt von Ralph. Das ist der neue Mitbewohner der bei­den. Er ist schwul oder bise­xu­ell, stellt fest, dass das jun­ge Paar kaum Sex hat, ver­führt Nick oder lässt sich von Nick ver­füh­ren, um so eine kon­flikt­haf­te Beziehungskonstellation oder eine Klimax aus­zu­lö­sen, die Sue als sie mal wie­der zu Hause ist nicht will, und die folg­lich, wie könn­te es anders sein, in einer Katastrophe endet. Damit ergibt sich die per­fek­te komö­di­en­haf­te Beziehungstragödie à la Hollywood. Doch soll das Theater im 21. Jahrhundert Hollywood‐​Geschichten erzäh­len? «Lichtwechsel!», ruft der Alte, und nein, meint der Hübsche, dafür sei ja der Film da. Theater ist schliess­lich situa­tiv, ein Zusammentreffen von Zuschauern und Darstellenden, ein unwie­der­hol­ba­res, flüch­ti­ges Ereignis. Was aber kann oder soll zeit­ge­nös­si­sches Theater eigent­lich noch sein, wol­len, kön­nen oder sol­len, wenn es denn zeit­ge­nös­sisch sein kön­nen will oder soll? Kann es poli­tisch sein? Ist es post­dra­ma­tisch? Auf jeden Fall soll es per­for­ma­tiv sein und somit als Prozess ver­stan­den wer­den, und die Liebe muss natür­lich auch dar­in vor­kom­men. Doch was ist Liebe?

Bei jedem Versuch Theater zu machen sind die Blonde, der Hübsche und der Dicke – die Protagonisten des Stücks – mit sol­chen «Was ist Theater?»-Fragen kon­fron­tiert, und mit jedem neu­en Ansatz stellt sich für sie das Problem, ob dies Kunst sei, was sie da auf der Bühne machen, erneut. Zu all den Schwierigkeiten mischt sich dann auch noch der Alte mit sei­nen kri­ti­schen Bemerkungen und Ratschlägen ein. Er insze­niert und irri­tiert die jun­gen Agenten. Diese sprin­gen zwi­schen den ver­schie­de­nen Diskursebenen umher. Sie pro­bie­ren, hin­ter­fra­gen, ver­wer­fen, ver­su­chen erneut und kom­men dabei manch­mal vom Weg ab oder ver­lie­ren das Wesentliche aus den Augen. So wird das Handeln der Agenten selbst zur Geschichte, und die Zuschauer, die eigent­lich noch gar nicht da sein soll­ten, woh­nen heim­lich einem für sie nor­ma­ler­wei­se ver­bor­ge­nen Prozess bei.

«agents pro­vo­ca­teurs | Ein Agentenstück» ist Michael E. Grabers Erstlingsbühnenwerk. Vor drei Jahren habe er ange­fan­gen, dar­an zu schrei­ben, erzähl­te er damals nach einem Workshop zum Thema «Schreiben für die Bühne». Und spä­ter dann in sei­nem Studium der Theaterwissenschaft habe ihn die Frage, was Theater heu­te eigent­lich sei und leis­ten soll respek­ti­ve kann, immer wie­der beschäf­tigt. Neben sei­ner schrift­stel­le­ri­schen Tätigkeit, diver­sen Regieassistenzen und sei­nem Studium war Graber auch als Schauspieler für die Unterhaltungsproduktion «Dinnerkrimi» tätig. Mit sei­nem Stück «agents pro­vo­ca­teurs | Ein Agentenstück», wel­ches von Sprach‐ und Wortspielen, dem cho­ri­schen Zergliedern von Sätzen und den sze­ni­schen Versuchen der Protagonisten lebt, leis­tet er einen viel­schich­ti­gen, erfrischend‐​lustigen Beitrag zur ver­zwick­ten Debatte über zeit­ge­nös­si­sches Theater und die Inhaltslosigkeit von Kunst.

Foto: zVg.
ensui­te, Februar 2010

 

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Artikel online veröffentlicht: 4. October 2018