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Was Sie schon immer über Virgina Woolf wissen wollten aber Freud nicht zu fragen wagten.

Von Roja Nikzad – eine höchst iro­ni­sche Séance mit dem Geist von Virginia Woolf: Sonntag Abend – Chorgasse 5 in der lau­schi­gen Umgebung um den Neumarkt. In einer ver­träum­ten, unschein­ba­ren Gasse, die mir als ewi­ge Stadtzüricherin noch nie auf­ge­fal­len war. In einer Nebenspielstätte des Neumarkt Theaters, die sich mei­ner Kenntnis total ent­zo­gen hat­te. Da fand ich mich also wie­der: Vor einer Tür, die mit einer gol­de­nen Weihnachtsboa deko­riert war und in einen Raum führ­te, der an alter­na­tiv gemüt­li­cher Schrulligkeit nicht zu über­tref­fen ist. Ein klei­nes Wohnzimmer mit her­un­ter­ge­kom­me­nen Billig‐​Perserteppichen – eine Kombination aus Omis Zimmer und der Brockenstube um die Ecke – in dem das Publikum auf alten Beizenstühlen oder abge­wetz­ten, samt­be­zo­ge­nen Sesseln zu einer Séance mit dem Geist von Virginia Woolf ein­ge­la­den war. Klein, gemüt­lich und mit viel Ironie nahm sich dann auch gleich der Anfang des Stückes aus. Nikolaus Benda ali­as der Geist der Virginia Woolf und Daniel Lerch, Psychoanalytiker wel­cher Art auch immer, luden mit viel Selbstironie und herr­lich erfri­schend unprä­ten­tiö­ser Gelassenheit zu die­sem Abend ein.

«Bunga Bunga» – dies war der Leitspruch des Abends. Nicht jenes «Bunga Bunga», das Berlusconi zu sei­nen Gespielinnen im Hotelzimmer gesagt haben soll, son­dern jenes, wel­ches als Imitation der abes­si­ni­schen Sprache galt, im Jahrhundertstreich von Virginia Woolf und ihrem Bruder 1910, als sie sich als Abgesandte des abes­si­ni­schen Königs bei der bri­ti­schen Kriegsmarine aus­ga­ben.

«Bunga Bunga» auch das Stichwort, mit dem der «Psychoanalytiker» den Geist von Virginia Woolf anlo­cken woll­te, sodass die­ser sich in Nikolas Benda, der als Schauspieler «see­len­los» sei, mani­fes­tie­ren konn­te. Das Publikum wur­de auf­ge­for­dert in jenes «Bunga Bunga» mit­ein­zu­stim­men, als Motivation gab es Bier oder Wein.

Als sich dann Benda end­lich «bequem­te», den Geist von Woolf anzu­neh­men, und zwar über ein Porträt von Woolf und Nicole Kidman, die ihren Oscar nur wegen der ange­kleb­ten Nase erhielt, was Benda ver­an­lass­te sich eine Plastiknase anzu­le­gen – dazu Perücke und ein Kleid – wur­de der Zweck des Abends klar. Zwar wur­den Passagen aus «Ein eige­nes Zimmer» und «Das Mal an der Wand» von Woolf rezi­tiert, jedoch wur­de bald ersicht­lich, dass der Psychoanalytiker eher dahin­ge­hend Interesse zeig­te her­aus­zu­fin­den, wer Angst hät­te vor Virginia Woolf – nach dem gleich­na­mi­gen Stück «Who’s afraid of Virginia Woolf» – anleh­nend an die Neumarkttheater Produktion «Are you still afraid of Virginia Woolf», wel­che am 25.11. Première fei­er­te.

Es ging also dar­um, vom Geist der Woolf zu erfah­ren, wes­halb Edward Albee 1962, mehr als 20 Jahre nach Woolfs Tod, die­ses Stück geschrie­ben hat­te; oder anders aus­ge­drückt: Die gan­zen Recherchearbeiten, die Lerch als Dramaturgieassistent für die Vorbereitung der Produktion gesam­melt hat­te und die kei­ne Verwendung fan­den, irgend­wie zu ver­wer­ten – dar­aus fol­gend der Titel der Reihe, Heldenreste.

Woolf, die das Albee Stück «Who’s afraid of Virginia Woolf» nicht kann­te, wur­de in das Stück ein­ge­führt und wir Zuschauer beglei­te­ten sie dabei. Zusammen mit Virginia Woolf erfuh­ren wir, woher Albee die Inspiration für sein Stück bezog. Wir wur­den an den Gag des Titels erin­nert, indem uns das Disney Klassikerfilmchen gezeigt wur­de, in dem die drei Schweinchen «Who’s afraid of the big bad wolf» sin­gen.

Auch zu den Fragen Woolfs betref­fend des Fortgangs des Feminismus wur­de eini­ges gelie­fert. So war Woolf sehr fas­zi­niert von den moderns­ten Fortschritten in der Forschung bezüg­lich ein­ge­schlecht­li­cher Fortpflanzung der Frau und dem gleich­zei­ti­gen Ende der männ­li­chen Existenz. Männer wür­den in ca. 10 Jahren als red­un­dan­tes Sexspielzeug mit Seele ver­stan­den wer­den kön­nen oder als exo­ti­sche Tiere. Quasi als Kunstobjekte könn­ten sie wei­ter­be­stehen, wäh­rend die Frau für Produktion und Reproduktion zustän­dig sein wür­de. Woolfs «Antwort» dar­auf wur­de aus «Das Mal an der Wand» zitiert. Die Frauen haben die Welt bevöl­kert (indem sie so vie­le Kinder wie mög­lich geba­ren), die Männer haben die Welt zivi­li­siert. Und da die Frauen nun lesen kön­nen, also Bildung genos­sen haben, sei es ein Imperativ, so vie­le Fragen wie mög­lich zu stel­len. Dies war dann auch der Showdown. Es wur­de der Stell-Fragen!-Verein begrün­det und Mitgliedsanträge im Publikum ver­teilt, dazu der Vereinssong «Blowing in the Wind» in Karaokeversion ein­ge­spielt.

Alles in Allem war es wirk­lich eine hei­te­re Stunde am Sonntag Abend. Inhaltlich könn­te man sicher mehr inter­es­san­te Informationen lie­fern, jedoch war das Ganze so herz­haft unernst und char­mant, dass man dies ger­ne ver­zeiht. Ein Bierchen hat man auch noch trin­ken kön­nen und ist dabei sehr gut unter­hal­ten gewe­sen.

Allen gros­sen Fans von Woolf, nicht aber von Spassmacherei, wür­de ich die­se Heldenreste nicht emp­feh­len. Vielleicht wür­de sich sogar Woolf im Grabe dre­hen, hät­te sie Benda mit Nase und Perücke gese­hen, wie er affek­tiert rau­chend auf der Analytikercouch lie­gend die «Who’s afraid of Virginia Woolf» Simpsons‐​Episode anschaut.

Die Idee für das Konzept ist im Grunde bril­li­ant. Erstens die­nen die Heldenreste als Einführung in ein Stück, das gera­de auf dem Spielplan steht. Zweitens fun­giert die Stunde als Werbegefäss für das Hauptstück. Und drit­tens ist die gan­ze Recherchearbeit des Dramaturgieassistenten nicht für die Katz.

Ich zumin­dest bin hin­rei­chend moti­viert wor­den, um mir «Still afraid of Virginia Woolf» im Januar auf der Hauptbühne anzu­se­hen. Deshalb: Mission accom­plished und der Spassfaktor hat gestimmt.

Foto: zVg.
ensui­te, Januar 2011

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Artikel online veröffentlicht: 21. Dezember 2018