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We are Scientists

Von Tatjana Rüegsegger - Scientologen sind die zwei New Yorker, Keith Murray und Chris Cain, sicher­lich nicht. Dass sie einen ande­ren Knacks haben, ist jedoch nicht ganz aus­zu­schlies­sen. Ein Konzert um 10 Uhr Morgens ist für «We are Scientists» etwa so schwer zu geben wie ein gutes Interview ohne Alkohol; das meint zumin­dest Chris Cain. Doch unse­re wis­sen­schaft­li­chen Fragen meis­tert der Chemiker mit Bravour, auch ohne Alkohol; und zum Glück gibt es Wissenschaftler, um schwie­ri­ge Fragen zu beant­wor­ten! Ein Gespräch mit «We are Scientists».

 Chris! Alles ok bei dir?

Ja, ich bin jetzt lang­sam wach. Wir muss­ten heu­te sehr früh auf­ste­hen. Nie mehr ein Gig um 10 Uhr!

 Dafür haben wir jetzt ein paar Fragen an dich, die wir sel­ber nicht beant­wor­ten kön­nen und dar­um dei­ne Hilfe brau­chen.

Es ist mir eine Ehre, euch zu hel­fen.

 Ok, die ers­te Frage lau­tet: Was machst du, wenn du ein vom Aussterben bedroh­tes Tier siehst, das eine bedroh­te Pflanzenart isst?

Wow! Wäre das Tier nicht auch selbst bedroht, wür­dest du es bestra­fen wol­len. Wahrscheinlich wür­de man es zum Tode ver­ur­tei­len. Wenn man das aber durch­füh­ren wür­de, dann wäre es ja auch eine Straftat, da man ein bedroh­tes Tier umge­bracht hat. Hmm. Ich glau­be, man müss­te da ein­fach bei­de Augen zudrü­cken. Zwei unrech­te Sachen erge­ben eine gute. Ich wür­de das Tier gehen las­sen, viel­leicht mit einer Vorwarnung oder einer Gefängnisstrafe, die sei­nen Lebenserwartungen ange­passt ist.

 Wie stellst du dir das genau vor?

Nun, wenn ein Tier im Durchschnitt acht Jahre lebt, dann sind zwei Jahre Haft sehr lang. Das wür­de ich nicht machen. Aber bei einer Schildkröte zum Beispiel, die hun­dert bis zwei­hun­dert Jahre alt wird, da kannst du ihr locker zehn oder zwan­zig Jahre geben.

Gehen wir doch mal zum Menschen über. Wieso keh­ren Leute immer zum Kühlschrank zurück, um nach­zu­schau­en, ob sich nicht was Neues mate­ria­li­siert hat, obwohl vor­hin nichts drin war? Ich glau­be, dass die Menschen fest an einen Kult glau­ben, der besagt, dass sich Nahrung im Kühlschrank befin­det. Auch wenn wir alle, oder die Meisten von uns, ein­kau­fen gehen und so unse­ren eige­nen Kühlschrank fül­len. Wir kön­nen ein­fach nichts dar­an ändern, dass wir uns immer wie­der fra­gen, ob sich nicht eine Tür zu einer ande­ren Dimension öff­net, sobald wir die Kühlschranktür zuge­macht haben. Ihr seid jetzt über­rascht, aber ich kann euch garan­tie­ren, dass euer Unterbewusstsein voll­kom­men mit mir ein­ver­stan­den ist. Ihr fühlt das. Und das ist der Grund, wie­so wir immer wie­der Nachschauen gehen. Wir ver­ste­hen das zwar nicht, weil es kei­nen logi­schen Sinn ergibt. Trotzdem kön­nen wir die­ses Magengefühl, wel­ches uns dar­auf hin­wei­sen möch­te, dass viel­leicht etwas, die Grenze einer ande­ren Dimension über­schrit­ten hat und in unse­rem Kühlschrank gelan­det ist, nicht los­wer­den. Die Nahrungsdimension!

 Während dem Konzert hast du gesagt, du wür­dest Nahrung unter­schrei­ben. Hat das etwas mit die­ser Dimension zu tun?

Ach, das war ein­fach nur ein ehr­li­ches Angebot von mir. Keith und ich sind ein­fach ziem­lich gut dar­in, Essen zu unter­schrei­ben. Es ist ein Talent, mit einem «Sharpee» (Anm.d.Red.: Stift) alles Mögliche zu unter­schrei­ben. Ich wür­de sogar so weit gehen und uns Experten nen­nen. (denkt kurz nach) Vielleicht nicht so gut wie Bono, aber wir sind ihm sehr nahe. Ich kann fast alles unter­schrei­ben. Inklusive Schnitzel! Da kann ich eine tol­le, fei­ne Unterschrift drauf machen. Amateure, die machen so was wie T‐​Shirts, das machen alle. Also, eigent­lich nicht, das ist näm­lich auch sehr schwie­rig, auf Shirts eine schö­ne Unterschrift hin­zu­krie­gen. Das ist so Talent‐​Level 1.

 Was ist dein nächs­tes Ziel?

Nach Nahrung? Ich will Fell signie­ren kön­nen, dass man die Signatur auch sehen und lesen kann. Katzen und Hunde signie­ren, das wäre toll. Natürlich alles mit einem «Sharpee». Ich könn­te ja auch was mit Ketchup schrei­ben, aber das wischt sich zu schnell ab.

Wenn ein Atheist vor dem Gericht steht, muss er auch auf die Bibel schwö­ren?

Das weiss ich nicht. Ich glau­be man schwört gar nicht mehr auf die Bibel. Vielleicht in der Schweiz?

Nein, in der Schweiz schwört man nicht und wenn, dann nur frü­her auf die Bundesverfassung. Muss man in Amerika nicht mehr schwö­ren?

Ich glau­be sie machen’s nicht mehr, aber vor cir­ca fünf­zehn Jahren muss­ten sie das noch. Und ich glau­be, das müs­sen Atheisten auch. Aber ich neh­me an, dass man da sicher was machen könn­te und dann ein­fach auf Nichts schwört. Ich bin mir sicher, man­che Leute haben das so gemacht. Es geht ja dar­um, dass du nicht lügst, weil du sonst in die Hölle kommst. Obwohl, gibt es in der Bibel irgend­ei­nen Paragraphen, der besagt, wenn du auf die Bibel schwörst und dann lügst, du in die Hölle kommst? Ich glau­be nicht. Das wäre so die Bestrafung, die wir Menschen uns sel­ber zufü­gen. Ja. Genau. Mhm.

 Wenn wir gera­de von Hölle spre­chen: Wenn du in der Hölle bist und jeman­den zur Hölle schi­cken willst, wohin schickst du ihn?

Wenn man schon dort unten schmort?… Vielleicht etwas wie: «Stick around, Asshole» (in etwa «bleib hier»)

 Wieso tra­gen alle Superhelden ihre Unterwäsche über ihren Kostümen?

Die tra­gen ihre Unterwäsche nicht nur aus­sen, son­dern auch innen. Sie tra­gen ein­fach dop­pelt so viel Wäsche. Das liegt aber dar­an, dass sie min­des­tens zwei­mal soviel Abfallstoffe pro­du­zie­ren. Darum brau­chen sie einen dop­pel­ten Schutz.

 Wir haben noch ande­re Fragen für dich. Diese musst du der Farbe nach aus­su­chen.

Rot, rot, rot, rot ist immer gut.

 Warst du jemals schon am Vormittag betrun­ken?

Ja, das war ich, aber nicht, weil ich am Morgen schon so viel getrun­ken hat­te, son­dern ein­fach, weil ich so spät in der Nacht noch auf war. Ich bin noch nie mor­gens um neun auf­ge­wacht und dach­te mir, ich könn­te jetzt was trin­ken. (kur­ze Pause) Eigentlich ist das eine Lüge. Als ich im College war, hat­te ich mich für einen Chemiekurs ein­ge­schrie­ben, was ich spä­ter sehr bereu­te. Dieser Kurs begann halb acht Uhr mor­gens und ich fing an, eine Flasche Pfefferminzschnaps mit­zu­neh­men. Das war klas­se, ich sass in der hin­ters­ten Reihe und nipp­te an mei­nem Pfefferminzschnaps. Ich kann mich nicht dar­an erin­nern, wirk­lich sturz­be­sof­fen gewe­sen zu sein, aber es stieg mir schon ein wenig zu Kopf. Auf jeden Fall wur­de die­ser Chemiekurs, dadurch viel inter­es­san­ter. Ich muss aber hin­zu­fü­gen, dass es das ein­zi­ge Fach ist, in wel­chem ich so was je gemacht habe. Ich will näm­lich nicht als jun­ger Alkoholiker gese­hen wer­den. Jetzt bin ich Alkoholiker, ja. Aber nicht damals. (Nimmt einen Schluck sei­ner Cola, die wir getes­tet haben: Kein Alkohol drin!)

 Mit wel­chem Song ver­bin­dest du die Erinnerung an ein Mädchen, wel­ches du geküsst hast oder küs­sen woll­test?

Ich weiss noch, als ich in der High School war, da gab’s so ein Mädchen, von der ich voll beses­sen war. Sie war lei­der nicht von mir beses­sen aber von dem U2‐​Album «The Joshua Tree». Damals hat­te das Album für mich wirk­lich eine wich­ti­ge Bedeutung, weil ich sie unbe­dingt küs­sen woll­te. Das ist wahr­schein­lich die bes­te Antwort, die ich geben kann.

 U2? Du hast schon vor­her Bono erwähnt; bist du jetzt von U2 beses­sen?

Wir wer­den spä­ter mehr über Bono hören. Sind die gel­ben Fragen auch so gut wie die roten und weis­sen?

 Was ist die schlech­tes­te Entschuldigung die du je gebraucht hast?

Also, heu­te… Es ist zwar nicht die schlech­tes­te, aber eine ziem­lich neue und auch schlech­te Entschuldigung, was ich rea­li­sier­te, sobald ich sie aus­ge­spro­chen hat­te. Am Anfang der Show haben wir alle ein wenig her­um­ge­blö­delt und na ja, es war eine frü­he Show. Gegen Ende war’s dann bes­ser. Nun, wir haben uns Sachen an den Kopf geschmis­sen und uns dann gegen­sei­tig für die­se ent­schul­digt. Dann habe ich gesagt, dass ich so her­um­blö­del­te, weil ich nicht betrun­ken sei. Da habe ich rea­li­siert, dass es ziem­lich pathe­tisch ist, wenn ich betrun­ken sein muss… auch wenn’s wahr­schein­lich wahr ist. Man ist dar­an gewohnt am Abend Gigs zu haben und da ist es nor­mal, wenn du eini­ge Drinks hat­test. Aber nicht so früh am Morgen.

Gibt es eigent­lich ein Motto, wel­ches dich durch dein Leben beglei­tet?

Was sind das für schwie­ri­ge Fragen… ähm…

Denkst du dir jetzt gera­de was aus?

Ach, dabei habe ich mei­nen «Geschichten-Erzählen»-Blick abge­stellt… Mottos, Mottos, Mottos… (ver­zwei­felt) Ich glau­be, ich habe gar kein Motto. Eins zu haben bedeu­tet, sich selbst ein­zu­schrän­ken. Ein Motto wäre auch ein Zitat einer Person, wel­che dich beein­druckt hat. Wisst ihr was, ich war nie von Irgendwas beein­druckt, was eine Person gesagt hat. 

Vielleicht etwas, das du gesagt hast?

Das ist schon ein­fa­cher. Schauen wir mal. Wo gibt’s gute Zitate… (lan­ge Pause) Da gab’s so einen Satz, den ich kürz­lich in einer Zeitung auf­ge­schnappt habe und dau­ernd her­um­er­zäh­len muss­te… Gott, ich kann mich nicht mehr erin­nern… (regt sich dar­über auf) Seht ihr, sogar die Interviews sind scheis­se ohne Alkohol. Ein Songtext, zu wel­chem ich immer wie­der zurück­keh­re, ist der Text von Def Leppards herz­ze­rei­sen­dem «Love bites». Du soll­test mal rein­hö­ren. Es ist sehr instruk­tiv. Eine ziem­lich dunk­le Sicht auf Liebe und Beziehungen, aber es ist ziem­lich… töd­lich zutref­fend.

Bild: Tatjana Rüegsegger
ensui­te, August 2008

 

 

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Artikel online veröffentlicht: 17. November 2017