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Dhaka: Tee trinken im Licht von Petrollämpchen

Von Chris­tine Wan­ner - Im Nor­dan­flug, ungekröpft, set­zen die BesucherIn­nen zur Lan­dung in Dha­ka an, der Haupt­stadt von Banglade­sch. Weit­er süd­wärts, Rich­tung neues Stadtzen­trum, bringt sie die Fahrrad- oder Moped-Rikscha, auch ein Taxi. Heim­lich­es Zen­trum und Herz der Stadt ist aber Old Dha­ka. Es liegt ganz im Süden der Stadt, am Fluss Buri­g­an­ga. Dort hat alles begonnen.

Dhakas Herz im Süden. Auf den ersten Blick wirkt Old Dha­ka wie ein her­abgekommenes Labyrinth. Der zweite Blick sieht verblassende Her­ren­häuser. Ehe­ma­lige Paläste zeu­gen von ein­er grossen Ver­gan­gen­heit, als der Tuch-Han­del flo­ri­erte und das «Land der Ben­galen» mit hauchdün­nen Baum­woll­stof­fen Ver­mö­gen erwirtschaftete, lange bevor die britis­che East India Com­pa­ny mit ihrem Han­del den Wohl­stand für die Region been­dete. Umschlag­platz ist Old Dha­ka bis heute geblieben. Hier erwacht die Stadt noch vor dem ersten Ruf des Muezzin: Über­be­ladene Laster, die durch enge Sträss­chen kriechen, Lastkähne, die bedrohliche Wasser­schiefla­gen auf dem anthraz­it­far­be­nen Buri­g­an­ga ein­nehmen, brin­gen Lebens­mit­tel und Rohstoffe in diesen Stadt­teil. Lager­häuser säu­men das Flus­sufer. Bis acht Uhr wuselt es hier: Flinke Hände laden ab, ein, um, gestikulieren um Preis und Menge. Die Sprache Bangla klingt wie Musik, gele­gentlich aggres­siv. Let­zte Absprachen via Mobil­tele­fon, «acha, tikase; okay, in Ord­nung». Mark­tschreier, Feilsch­er, Män­ner fürs Grobe in Tuni­ka oder Bund­fal­tenho­sen und feingliedrige Klein­händler im Wick­el­tuch Lun­gi, die assortiertes Gemüse auf ihren Fahrrädern zu den Märk­ten oder direkt in die Strassen Dhakas brin­gen, um sie lau­thals anzupreisen: Grüne Chilies, Okraschoten, Riesen­gurken, kirschenähn­liche Gul, Tomat­en, Limo­nen und Betel­blät­ter. Weit­er im Innern des alten Stadt­teils find­et eine kleine Armenis­che Gemeinde Platz mit neugeweis­sel­ter Kirche. Unweit davon haben sich die Hin­dus ein Fleckchen Indi­en im mus­lim­isch dominierten Banglade­sch ein­gerichtet. Es duftet nach Rosen, Jas­min, Sandel­holz und Räuch­er­stäbchen. Doch Old Dha­ka ächzt unter den Men­schen­men­gen, ihrem Abfall und den bunt verzierten Velorikschas, welche die Gäss­chen während Stun­den block­ieren.

Dhakas Hoff­nung in der Stadt­mitte. Darunter lei­den auch die neuen Stadt­teile im geo­graphis­chen Zen­trum. Im Gegen­satz zu Old Dha­ka find­et sich hier noch unver­bauter Platz, was nicht heisst, er sei unbe­wohnt. Jed­er Quadratzen­time­ter wird genutzt. Dha­ka wächst unkon­trol­liert: Him­mel­wärts, Stock­w­erk auf Stock­w­erk, hoch hin­aus in Hochglanz, aber auch nach ganz unten, in die Gosse. Zwis­chen Bah­n­gleisen oder auf den Gehsteigen impro­visierte Zuhause der «float­ing peo­ple». Wie viele Men­schen in Dha­ka wohnen, weiss nie­mand so genau. Schätzungsweise zwölf, vierzehn Mil­lio­nen. Zweimal die Schweiz. Das Zen­trum ist die Hoff­nung und wirkt wie ein Mag­net für alle, die sich eine bessere Zukun­ft wün­schen. In Bangladesh sind das nahezu alle, denn die Hälfte der Bevölkerung muss mit einem Dol­lar pro Tag auskom­men. In ihren Augen wohnt in Dha­ka das Geld: Blitzblanke Einkauf­szen­tren und Szene-Restau­rants sind in die Höhe geschossen, neben dem einen Nobel­ho­tel haben sich mehrere Medi­en­häuser etabliert. Städtisch wirkt das Zen­trum den­noch nicht, denn wenige Schritte nebe­nan star­ren Kühe ins Leere. Frische Wäsche hängt in kahlen Höfen, Ein­stock-Läden bieten alles Wichtige: vom Haarschnitt für den Mann zum frisch geköpften Huhn, von der pre­paid Handy-Karte zum würzig-duf­ten­den «street-food» oder «cha», dem Tee, der immer und über­all verkauft und getrunk­en wird. Kleine Grup­pen von Män­ner schlür­fen ihn, disku­tieren, beobacht­en, was der Tag bringt. Bet­tel­nden Frauen wird hie und da ein Gratis-Tee abgegeben oder ein Blatt des Betel-Baumes, der Mün­der rot färbt, doch den Hunger dämpft. Auf den «wichti­gen Strassen» verkaufen Zeitungsjun­gen, Blu­men­mäd­chen ihre Ware zwis­chen den sich stauen­den Fahrzeu­gen. Mit Extrapreisen und kleinen Geschenken kom­men sie an ihr Ziel. Sie scheinen ständig auf Achse zu sein, bis spät abends, wenn Petrol­läm­pchen am Strassen­rand gemütlich leucht­en, Stände zum Essen und Han­deln ein­laden, das Leben auf den Märk­ten oder nahe beim Uni-Cam­pus noch ein­mal pulsiert. Dhakas Zen­trum ist Dorf­platz und Metro­pole zugle­ich. Die Gegen­sätze sind unauswe­ich­lich, zer­schlis­sene Saris im Strassen­staub, Nadel­streifen im Luxu­swa­gen.

Dhakas Noblesse im Osten. Die protzi­gen Autos gehören etwa den Ben­galis­chen Par­la­men­tari­ern und den BotschaftsvertreterIn­nen, die etwa im Osten von Dha­ka wohnen. In den Quartieren Banani und Gul­san befind­et sich an nahezu jed­er Ecke eine Botschaft, auch die Schweiz ist hier vertreten. Kün­stliche Seen prä­gen den Osten, hohe Sicher­heits­mauern, Sicher­heitsper­son­al und Polizeipräsenz, noch mehr schicke Einkauf­szen­tren mit ver­spiegel­ter Fas­sade, mas­siv höhere Preise. Ab zehn Uhr abends sind die Strassen leerge­fegt, da sich ins­beson­dere die Expa­tri­ates-Gemeinde, die für Diplo­matie oder Hil­f­sor­gan­i­sa­tio­nen in Dha­ka lebt, nicht mehr hin­aus­traut. Nur die nor­wegis­che Botschaf­terin, so wird erzählt, gehe joggen, komme, wer da wolle.

Dhakas Hypothek im West­en. Im West­en franst Dha­ka aus. Wer hier­her kommt, ist am Rand. Geo­graphisch und gesellschaftlich. Holzver­schläge auf Pfählen bieten den Slum­be­wohner­In­nen ein Dach über dem Kopf. Einige von ihnen arbeit­en bei den nahegele­ge­nen Led­er­fab­riken. Abfall­berge tür­men sich zwis­chen den Gebäu­den und der Strasse. Him­mel­stink­end. «Regen­bo­gen­strasse» meinen einige Dhakaer scherzend, wenn aus den Led­er­fab­riken wie­der­mal grosszügig far­biges Wass­er direkt in die kleinen Rinnsale fliesst, die sich – tief­schwarz süd­wärts schlän­geln. Im West­en der Stadt liegt Feucht­land, das in den Mon­sun­monat­en zu Seen wächst und ver­hin­dern, dass Dha­ka geflutet wird. Seit kurzem ver­sprechen sich Immo­bilien­speku­lanten von diesen Aus­gle­ichs­flächen Geld­segen. Stück­weise verkaufen sie Staat­s­land für mehr Wohn­fläche, mehr Prof­it. Gle­ichzeit­ig eine willkommene Investi­tion für Gelder, deren Ursprung nicht ans Licht kom­men wird.

Bild: zVg.
ensuite, Juni 2005

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Artikel online veröffentlicht: 19. Juli 2017