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EDITORIAL Nr. 62 Zürich

Von Lukas Vogel­sang - Ich bin ziem­lich ange­fressen von der Stadt Zürich. Soviel «Stadt» ist für einen Bern­er beein­druck­end. Die vie­len Zen­tren und Stile brin­gen Abwech­slung und dieses «weltliche» in den All­t­ag, welch­es wir in Bern im Ver­gle­ich dazu ein nettes Dör­fli ver­mis­sen. Es gibt aber zwei Fak­toren, die mich bei jedem Züri-Besuch über­raschen: Zum einen ist es ein über­mäs­sig wirk­endes Rotlicht-Mil­lieu, ander­er­seits der sehr gehäs­sige Ton im Kul­tur­all­t­ag. Keine Ahnung, ob es da einen Zusamen­hang gibt — aber auf­fall­en tut bei­des.

Die Pros­ti­tu­ierten-Szene scheint in fast jed­er Strasse präsent — auf jeden Fall oft dort, wo sich die Kun­st­ga­le­rien befind­en. Ist das ein Zeichen von Urban­ität? Auf jeden Fall bin ich in kein­er Stadt vorher von Vertreterin­nen dieser Zun­ft so oft ange­hal­ten wor­den. Und es ist sehr ver­ständlich — auch wenn ihre Sprache es nicht ist — worum es geht. Ich stelle mir dann jew­eils die Frage, ob schein­bar alle Züri-Män­ner fremdge­hen und ob das «da drüben» eine Selb­stver­ständlichkeit ist? Doch sowas kann wohl nur einem prü­den Bern­er auf­fall­en, denn im Gegen­satz dazu wirkt Klein­bern von einem anderen Plan­eten.

Der kul­turelle Umgangston wirkt hinge­gen wie das Gegen­stück zum Geflirte des Milieus. Im Mit­telpunkt ste­ht die nicht enden wol­lende Debat­te um und im Schaus­piel­haus. Herr Hart­mann wird in Worten seinem Namen gerecht und in den Bericht­en führen allen Parteien einen kom­mu­nika­tiv­en Schlachtzug. Schuld und Unschuld scheinen die kul­turelle Umgangssprache zu beherrschen. Es fällt auch bei anderen Insti­tu­tio­nen auf: Entwed­er man kom­mu­niziert mit dem Schw­ert und ver­sucht sich durchzuset­zen, auch wenn nichts wirk­lich zu bekämpfen ist, oder aber man schweigt sich aus und sucht die Hin­tertüre. Dazwis­chen gibt es kaum eine Dialog­bere­itschaft. Und wenn, dann redet man über Wirtschaftlichkeit und Zahlen, Fak­ten eben, greif­bar und real. Mir fehlen in der kul­turellen Sprache von Züri die Fan­tasie und das Visionäre. So fall­en die Kri­tiken in den Medi­en oft «him­mel­hoch­jauchzend oder zu Tode betrübt» aus — also supergut oder grot­ten­schlecht. Das irri­tiert und fasziniert gle­ichzeit­ig. Und in diesem Sinne erscheint das Rotlicht-Mil­lieu in Zürich mit der Kul­turszene ziem­lich ver­wandt: «entwed­er oder» — nimm mich oder lass es bleiben. Haupt­sache die Illu­sion ist per­fekt.

ensuite, Feb­ru­ar 2008

 

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Artikel online veröffentlicht: 20. Oktober 2017