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EDITORIAL Nr. 66/​67 Bern

Von Lukas Vogelsang - Die Vorfreude ist – so sagt man – die schöns­te Freude. Dann wäre also die EM 08 bereits gelau­fen – so rich­tig dar­auf gefreut hat sich in mei­nem Umfeld nie­mand. Die UEFA und die SVP haben dafür gesorgt, dass uns die Feststimmung im Hals erstick­te. Mit Sport und Politik hat Fussball in die­sen Stadien – oder eben Arenen nichts mehr zu tun. Die Spieler und BürgerInnen wer­den zu blö­den Marionetten degra­diert und jeder Stammtischgröhler spielt sowie­so bes­ser und weiss, wie die Welt zu regie­ren ist.

Das ist unse­re Kultur gewor­den. Wir haben kei­ne Wertschätzung und kei­nen Sinn mehr für ein gemein­sa­mes Miteinander. Fussball spie­le man mit dem Herzen, nicht mit den Füssen… So steht es an den Plakatwänden geschrie­ben. Wir müs­sen uns die­sen Satz bereits ein­re­den las­sen, denn in unse­rer Realität haben wir längst ver­ges­sen, wor­um es eigent­lich geht. Die Zeit, wo das Spiel als volks­ver­bin­den­des, gesell­schaft­li­ches Element galt, ist vor­bei. Jetzt dreht sich alles um Fanzonen, Bier, Dresscodes und wer, wo, wie­viel schwei­nisch kas­sie­ren darf.

Diese Herzlosigkeit und die­ser Individualisierungswahn stim­men mich trau­rig. Vielleicht bin ich zu sen­ti­men­tal, aber ohne Herz fin­de ich die Welt ein­fach leb­los. Die UBS macht mit dem Baron von Münchhausen Geschäfte und zieht sich kri­mi­nell an den eige­nen Haaren aus dem Verlustsumpf – und wir glau­ben, dass es funk­tio­niert, weil wir ohne Herz zuse­hen. Wir BürgerInnen sind die­se Fussballspieler gewor­den, die­se Marionetten, die von allen Seiten ver­höhnt wer­den. Ohne Stolz, ohne Würde reagie­ren wir auf dem Spielfeld. Das Spiel ist ver­lo­ren, bevor wir spie­len, weil wir gar nicht gewin­nen wol­len, ja, wir wol­len nicht mal spie­len. Und so macht jeder mit uns, was er will.

Aufwachen! Noch ist die Europameisterschaft vor uns. Noch ist der letz­te Ball nicht im Netz gelan­det. Noch haben wir Zeit, uns sel­ber eine dank­ba­re­re Rolle als die des «gol­de­nen Esels, der Goldtaler wirft» zuzu­schrei­ben. Und das ist, was wir brau­chen: Mut und Kraft und vor allem den Glauben dar­an, dass Fussball mit Herz (und Kultur) gespielt wird. Eine schö­ne EM.

ensui­te, Juni 2008

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Artikel online veröffentlicht: 13. Oktober 2017